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Arschkalt und nichts zum Anziehen

Was steht mir? Und was ist dran an Schotten- oder Camilla-Look, Purismus und Flohmarkt-Style? Elke Wittich hat sich die neuen Winter-Kollektionen angesehen und ist ratlos

Sich der Mode zu verschließen, bedeutet immer, unangenehme Überraschungen zu erleben. Dann kann es sein, daß man wie im Frühjahr dieses Jahres ratlos im Geschäft steht, denn alles, was man anziehen kann, ist in Grün. In einem besonders unangenehmen Grün, das verschärfend auch noch in der Kombination mit Orange vorkommt, absolut scheußlich ist und insgesamt dazu führt, daß man ein halbes Jahr lang nichts Neues zum Anziehen kaufen kann.

Deswegen ist es wichtig, sich mit Mode zu beschäftigen, und das geht am besten, indem man sich die Kreationen der bekannten Modehäuser ansieht. Dabei erklären die führenden Couturiers niemals ganz eindeutig, was man denn im nächsten Halbjahr zu tragen hat, sondern geben nur verschiedene Anregungen. Denn Mode wird nicht immer in Paris gemacht; der heute noch aktuelle Jogginganzug-Look wurde beispielsweise weder in einem der Modehäuser noch in seiner späteren Hochburg, Berlin-Neukölln (dort derzeit als Partnerlook en vogue, "Er" in Dunkelviolett, "Sie" in Hell-Lila, beide mit pinkfarbenen Seitennähten) erfunden. Und "Drei Engel für Charly", die Siebziger-Fernsehserie schlechthin, wird zugeschrieben, die Sweatshirt-, T-Shirt-, Joggingmode eingeführt zu haben. Nur ein einziges Mal wurde übrigens von der ehernen Regel "acht Kostümwechsel pro Folge" abgewichen: als Farrah-Fawcett-usw. 1979 noch einmal in einer Gastrolle erschien - sie durfte sich zwölfmal umkleiden.

Einer der Trends, auf den sich das internationale Modeschöpfertum für diesen Herbst verständigte, ist der Schotten- oder Camilla-Look. Hier handelt es sich jedoch um weit mehr als nur bloße Karos. Moschinos Vision von der Frau als Topfhut-Trägerin etwa wird eindrucksvoll ergänzt durch eine rostbraune Karojacke über einem anmutig dunkelbraun-beige gerasterten Pulli. Chanel hingegen gelang mit seinem Modell gleichzeitig auch die modische Untermauerung des am letzten Wochenende in der Volksabstimmung so eindrucksvoll bewiesenen Selbstbestimmungswillens der Schotten: Die eigentlich graue Strickjacke, beinahe englisch in ihrer strengen Traditionalität, wird durch knallrote Borten abgerundet, Borten, die in diesem Zusammenhang wirken wie ein Schrei nach Freiheit. Die Karostrickhose in Braun, Gelb, Orange dient gleichzeitig als Zeichen für den schottischen Wunsch nach Loslösung von England - die britischen Nationalfarben Blau, Weiß, Rot sind dort nicht vertreten.

Castelbajac hingegen steht dem schottischen Streben nach Autonomie ungleich skeptischer gegenüber als das Pariser Traditionshaus. Sein Karodecken-Mantel mit Seitenfransen wird über einem englisch-schlichten schwarzen Anzug getragen - ein Appell, trotz aller Gegensätzlichkeiten auch weiterhin ein harmonisches Ganzes zu bilden? Wohl mehr als das, denn eine typisch französische Baskenmütze rundet das Ensemble ab, ein eindringlicher Verweis auf die Französische Revolution und die unzähligen Opfer, die Freiheitsstreben eben auch kosten kann.

Der nächste Trend, der Purismus ("Dekoration ist eher die Ausnahme, wenn überhaupt, dann findet sie lediglich an den Halsabschlüssen statt", Burda), ist auch direktes Resultat der neuen Bescheidenheit. Es gilt, sich in rasant verändernden Zeiten auf das Wesentliche zu beschränken, und hier macht es ausgerechnet die Mode den Politikern vor: "Nicht der äußere Schein führt bei diesem Stil Regie, die inneren Werte kommen zum Tragen" (Burda).

Mode existiert nämlich nicht losgelöst von der Gesellschaft, sondern reflektiert sie, hält ihr den Spiegel vor und kommentiert sie. Und kann sogar Trends vorwegnehmen: Droht Inflation, dann werden die Röcke länger, geht es der Wirtschaft gut, dann werden sie kürzer, lautet ein wirtschaftlicher Kerngrundsatz.

Den festen Glauben an Wirtschaftswachstum zeigt in diesem Jahr allerdings nur Calvin Klein, dessen Rocksäume knapp oberhalb des Knies enden. Seinen Optimismus zeigt er aber auch anhand weiterer Kleinigkeiten: Sein börsengraues Strickensemble besteht aus einem Glattwollrock und einem gestrickten Rollkragenpullover. Und dieser Pullover birgt gleichzeitig Kleins eindringliche Botschaft: Er beginnt mit einem schmalen rechts-links gestrickten Bündchen, für das nicht allzuviel Material verplempert wurde, denn es galt das Ganze im Auge zu behalten, das zunächst schlauchartig-ausweglos gearbeitet wurde, bevor es in einem opulenten rechts-links gefertigten Kragen endet, der Hoffnung verheißt - ein klares Ziel vor Augen haben, sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten, zusammenarbeiten und dann wird es gelingen.

Leider hat nur Calvin Klein eine solche aufrüttelnde Botschaft. Nino Cerutti, mit unentschlossenen Rocklängen unterhalb des Knies, etwa pflegte mit einer schlichten Rock-Pulli-Kombination seinen Glauben an die Depression, Montana gar zog seine Modelle in Erwartung einer neuen ökonomischen Eiszeit besonders warm an: Montanas Vision vom kommenden Winter ist ein zeitloser, bodenlanger Stehkragen-Mantel mit Kapuze, vorausblickend aus dauerhaften Materialien gefertigt, denn "wer jetzt keine warmen Socken kauft, wird sich lange keine mehr leisten können" (Rilke).

Zu den allergrößten Pessimisten innerhalb der Branche gehört jedoch auf den ersten Blick Jil Sander. Ihr safegraues Strickmodell läßt von Anfang an nichts Gutes ahnen, zu dunkel ist die Farbe, zu pessimistisch der Schnitt, und dann zeigt sich beim Pullover auch noch die Sandersche Depression - es gibt keine Ärmel, keinen Schutz also, nackt und wehrlos ist der Mensch ausgeliefert, höheren Mächten, die ihn zum willenlosen Spielball machen, und dazu trägt das Modell braune, flache Trümmerfrauentreter. Ein Hinweis auf die drohende braune Gefahr? Oder ein Zeichen an der Wand, das vor Verlust und Kummer warnen soll? Erst ein bißchen später wird die Absicht dann jedoch klar, denn die Schuhe sind nicht völlig düster-schmucklos, sondern haben kleine Riemchen und laufen vorne spitz zu. Und sollen Mut machen, Mut zum Verzicht auf Überflüssiges, um später, nachdem alle Widerstände so überwunden wurden, wieder Kraft für die Verzierungen zu haben.

Ganz anders hingegen die Asienmode. Sie setzt weniger auf Tagesaktualität, sondern auf Bleibendes: Das schwarz-rote Ensemble von Dolce & Gabbana erklärt so die Welt zum Schauplatz des immerwährenden Kampfes zwischen Gut und Böse. D & G lassen ihn zunächst düster beginnen, ein weißer Seidenunterrock wird erdrückt von einem schwarzen BH und schwarzen Strümpfen, aber dann ist es ein rotes Häkelkleid mit Rosenmuster, das schließlich über die beiden Widersacher gestreift wird, und das verkündet eine optimistische Botschaft: Es ist das Rot, das die Oberhand gewinnt, die Farbe der Liebe, "denn es ist die Liebe, die stärker ist als der Tod" (Oscar Wilde, "Das Gespenst von Canterville").

Dior erinnert mit seiner Kreation an die Geschehnisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Ein strenges schwarzes Oberteil, umrahmt von Perlen, die nicht nur kostbare Kleinode, sondern auch ein Sinnbild für Tränen sind, will an die Toten von damals erinnern. Aber das ist Dior nicht genug: Denn der zum Ensemble gehörende matschgoldgelbe Hosenanzug stellt auch dem Westen unangenehme Fragen.

Ungaro hingegen zeigt Asien als den mystischen Kontinent, das Prinzip Ying und Yang verkörpernd. Sein Hosenanzug ist weiblich, während der dazugehörige wadenlange Mantel männlich ist, ein Spiel mit den Geschlechtern, ein Spiel mit den Bedeutungen, ein Spiel mit Fragen. Ungaros Antwort ist die Ruhe, die Meditation, versinnbildlicht durch die Farbwahl, ein sattes Schwarz, das Nichts, das gleichermaßen Fragen stellt wie Antworten gibt, und ein Rot, das im Besitz jahrtausendealter Weisheiten ist - goldene Paspellierungen erinnern hingegen an das Goldene Kalb, daran, daß es in der langen Menschheitsgeschichte immer wieder Irrungen und Wirrungen gegeben hat, die jedoch am Siegeszug der Wahrheit letztlich nichts geändert haben.

Die wohl stärkste Botschaft ist den Modemachern jedoch mit dem "Flohmarkt-Romantik" betitelten Bekenntnis zur multikulturellen Gesellschaft gelungen. Christian Lacroix zeigt eindringlich, wie schwarze Brüsseler Spitzen und elegante französische Seidenstrümpfe, ein chinesisch-gelber Body und ein Aborigines-Halstuch zu einer der politischsten Kreationen der Saison verschmelzen. Denn es ist die revolutionär-rote Armbinde, die den saturierten Bürger aufrütteln sowie an alte Ideale erinnern will und an Volksweisen wie diese: "Ich trage eine Fahne, und diese Fahne ist rot, es ist die Arbeiterfahne, die Männer trugen durch die Not. Die Fahne ist niemals gefallen, so oft auch der Träger fiel ..."

Die internationale Solidarität wird auch von Missoni beschworen, in dessen schlicht gewebtem bodenlangen Kleid alle auf dieser Erde gebräuchlichen Hautfarben gezeigt werden - eine deutliche Botschaft: Nur wir alle zusammen ergeben ein Ganzes. Die ebenfalls verarbeiteten Erdtöne künden überdies eindringlich von der Verantwortung, die wir gemeinsam übernehmen müssen, um allen Kindern Zukunft geben zu können.

So ist es auch nur konsequent, daß die große Idee vom friedlichen Zusammenleben aller Völker auch in der nächsten Saison modisch eine große Rolle spielen wird. Im Sommer wird so weiterhin bunt gemixt, afrikanische und asiatische Muster, wie Laura Biagottis Schmetterlingsverzierungen oder Dries van Notens multikulturelles Hosenrock-Anzug-Ensemble. Auch Lacroix setzt weiterhin auf seine Botschaft vom diesjährigen Herbst, die rote Armbinde jedoch fehlt. Resignation? Nein, der große Visionär glaubt fest daran, daß dieses revolutionäre Accessoire schon im Sommer nicht mehr benötigt werden wird.

Und neben dieser Gewißheit gibt es noch ein weiteres Indiz dafür, daß das kommende Modejahr ein großartiges werden wird: Das scheußliche Grün vom Frühjahr spielt in den Planungen aller Couturiers keine Rolle.


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