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Die globale Zockerei
Ein Börsencrash würde nicht nur die Spekulanten treffen, sondern auch das Produktivkapital Für das notorische Kurzzeitgedächtnis von marktsozialisierten Wesen (und dazu gehören längst auch linke bzw. ex-linke Theoretiker) mag sich die Möglichkeiten eines globalen Finanz-Krachs phantastisch anhören, weil sie an die absolute Krise erst glauben, wenn sie selber aus der Mülltonne fressen oder unter Artilleriebeschuß liegen; und, Verdrängungskünstler, die sie sind, wahrscheinlich nicht einmal dann. Wo bricht denn hier etwas zusammen?, so fragen sie mehr oder weniger milde lächelnd. Nun haben wir es zwar tatsächlich mit historischen Prozessen zu tun; allerdings sind es im historischen Sinne eher kurze Prozesse, auch wenn sie dem markt- und politikförmigen Bewußtsein vorerst noch lang erscheinen mögen. War der sibirische Sommer des fordistischen Nachkriegsbooms schon kurz, so wird die darauffolgende Ära des entkoppelten Kasinokapitalismus noch kürzer sein.
Rückblick auf Marx Seit der Mitte der achtziger Jahre ist die Scheinakkumulation in einen rein spekulativen Boom übergegangen, der in den neunziger Jahren auf hohem Niveau verharrt, obwohl sich das Platzen der Blase schon mehrfach angedeutet hat. Welche Folgen hätte es, wenn die globale Blase platzt? Naive Gemüter glauben: gar keine oder nur geringe; und einige führen dabei sogar Marx ins Feld, der in der Tat geschrieben hatte: "Soweit die Entwertung oder Wertsteigerung dieser Papiere unabhängig ist von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, das sie repräsentieren, ist der Reichtum einer Nation gerade so groß vor wie nach der Entwertung oder Wertsteigerung." ("Kapital" Bd. 3, Seite 486). Das gilt aber natürlich nur, soweit das "fiktive Kapital" sich ausschließlich im Finanz- und Kreditüberbau bewegt ohne Rückkoppelung auf die reale Reproduktion. Schon Marx machte deshalb gewisse Einschränkungen: "Soweit ihre Entwertung nicht wirklichen Stillstand der Produktion und des Verkehrs auf Eisenbahnen und Kanälen, oder Aufgeben von angefangenen Unternehmungen ausdrückte, oder Wegwerfen von Kapital in positiv wertlosen Unternehmungen, wurde die Nation um keinen Heller ärmer durch das Zerplatzen dieser Seifenblasen von nominellem Geldkapital." (a. a. O.). Wie reich aber "die Nation" wirklich ist, ob sie sich "reich gerechnet" und Produktion wie Einkommen scheinfinanziert hat, oder ob sich der Krach wirklich bloß im Finanzolymp abspielt und lediglich "die Spekulanten" arm macht - das eben ist die Frage. Schon zur Zeit von Marx ging es bei Entwertungsschocks des "fiktiven Kapitals" keineswegs ohne mehr oder minder schwere Blessuren der industriellen Produktion ab; etwa beim Gründerzeitkrach der Eisenbahnspekulation in den siebziger Jahren des 19. Jahrhundert, dem eine fast zwanzigjährige Stagnationsperiode folgte. Sicherlich war aber die Bewegung des "fiktiven Kapitals" unter den Bedingungen des letzten Jahrhunderts, als der Kapitalismus erstens bloß ein gesellschaftliches Segment und zweitens seine Reproduktion noch viel weniger vom Kreditsystem abhängig war, tatsächlich relativ beschränkt sowohl von ihrem Volumen her als auch in der Rückwirkung auf die reale Produktion. Die heutige Situation dagegen hätte sich wohl selbst Marx nicht vorstellen können. Denn nach dem Ende der fordistischen Expansion hat sich ja das Verhältnis geradezu umgekehrt: Die reale Reproduktion ist zum Anhängsel einer riesigen Blase des des "fiktiven Kapitals" in seinen diversen Erscheinungsformen und Aggregatzuständen geworden, statt diese Blase ihrerseits als bloße Emanation aus sich hervorzutreiben.
Die Gefahr der Rückkopplung Wie aber stellt sich dieser Sachverhalt genauer dar? Staatskredit und spekulatives Geldkapital sind auf vielfache Weise miteinander verwoben, so daß ein Entwertungsschock des Finanzüberbaus in der einen oder anderen Weise auch die Staatspapiere mit sich reißen bzw. die Refinanzierungsfähigkeit des Staates zerstören würde. Insofern muß sich in diesem Fall die Subventionierung ganzer Sektoren von Industrie und Landwirtschaft, die heute schon in vielen Ländern der ehemaligen Dritten Welt zusammengebrochen ist, auch in den anderen Ländern auflösen; in Rußland, Indien und China ebenso wie in den OECD-Ländern selbst. Diese global immer noch erhebliche Subventionsmasse ist ja de facto von der Logik des Marktes her nichts anderes als "Wegwerfen von Kapital in positiv wertlosen Unternehmungen"; und es versteht sich von selbst, daß dieser Faktor heute ein ganz anderes Gewicht hat als zur Zeit von Marx, wo er in der Tat eher vernachlässigenswert bzw. auf einen relativ geringen Teil der privaten Investitionen beschränkt war. Inzwischen übersteigt allerdings das private Spekulationskapital in seinen phantasievollen derivativen Kreationen den Staatskredit bei weitem; was nur ein Ausdruck dafür ist, daß seit Beginn des Kasinokapitalismus erstens eine immer größere Masse des nicht mehr real reinvestierbaren fordistischen Geldkapitals in den Finanzüberbau geströmt ist ("Überakkumulation" seit den siebziger Jahren) und zweitens dort in seiner Scheinakkumulation inzwischen eine beispiellose Masse fiktiver Werte aufgehäuft hat, die verbucht und als reale Geldvermögen behandelt werden. Es ist ganz sicher, daß ein gewisser Teil dieser fiktiven kommerziellen Gelder entweder direkt oder durch Beleihen (was die Blase natürlich noch weiter aufbläht) als scheinbar reale Nachfrage in die Reproduktion zurückkehrt. Es werden damit also Produktionsprozesse angeheizt, die gar keine substantielle Grundlage haben und bei einem Entwertungskrach zum Stillstand kommen müssen. Auch dieser Faktor ist sicher um vieles bedeutender als zur Zeit von Marx.
Peanuts - oder mehr? Wie stellt sich nun die Verschiebung vom industriellen Real- zum spekulativen Kasinokapitalismus auf der Ebene der Bilanzen dar? Die Antwort muß lauten: Dadurch, daß sich das Gewicht bei den Gewinnen und Guthaben von Einkommen, die aus der industriellen Realakkumulation abgeleitet sind (G-W-G') zu Einkommen verlagert, die aus dem spekulatien Finanzüberbau stammen. Mit anderen Worten: Nicht mehr die reale Produktion und deren Erfolg auf dem Markt ist der entscheidende Faktor, sondern eine clevere Finanzabteilung, die eine marode Bilanz in die schwarzen Zahlen zocken kann. Oder andersherum: Die Behauptung von Marktanteilen gelingt ganz oder teilweise nur noch durch Zufuhr von spekulativen Gewinnen. Natürlich verhält es sich nicht in jedem Einzelfall so; entscheidend aber ist, welches Gewicht gesamtgesellschaftlich das "fiktive Kapital" an der Bilanzierung hat. Diese Guthaben müssen weder als investive noch als konsumtive Realnachfrage erscheinen und können trotzdem einen erheblichen Teil der realen Reproduktion dadurch tragen, daß sie Unternehmen, Produktion und Beschäftigung über Wasser halten, indem sie nur die Bilanz "schwärzen". Würde das "fiktive Kapital" im großen Maßstab entwertet, dann hätte dies den schnellen Bankrott einer ungeahnt großen Zahl von scheinbar kerngesunden Firmen zur Folge. Daß es sich dabei nicht um bloße Vermutungen handelt, zeigen die Skandale, Großbankrotte und plötzlich notwendigen Rettungsaktionen der letzten Jahre, an denen die Spitze eines Eisbergs sichtbar wird. Ob es sich um den Fall der Frankfurter Metallgesellschaft, um die Milliardenpleite des Baulöwen Schneider oder um den Bankrott der Londoner Traditionsbank Barings handelt: Stets gab es einen scheinbar unvermittelten Übergang von guten Bilanzen zur Insolvenz, weil die Finanzabteilung sich verspekuliert hatte, sei es im Bereich von Immobilien Devisen Termingeschäften oder sonstigen derivativen Spekulationsformen. Die Banken sind zum Zentrum nicht mehr so sehr des reellen kapitalistischen Kreditgeschäfts, sondern der globalen Zockerei geworden; und es klingt durchaus glaubhaft, wenn der geflüchtete Ex-Unternehmerstar Jürgen Schneider die Deutsche Bank beschuldigt, das unseriöse Abheben seiner Geschäfte nach Leibeskräften und durchaus bewußt gefördert zu haben. Symptomatisch ist auch der Fall Barings. Am 4. Februar 1995 wurde die Bank in einem schmeichelhaften Report der FAZ als extrafeine Adresse und als "eine der stärksten in Asien" gerühmt, mit 54 Prozent Gewinn in 1994. Und ihr Chef Peter Baring wurde mit den Worten zitiert: "Wir müssen nicht jede Modeerscheinung mitmachen. Wir können langfristig denken." Wahrhaftig ein Fall für die linksradikalen Gesundbeter des Kapitalismus, um zu zeigen, wie gut "das Kapital" dasteht. Nicht einmal eine Woche später war Barings bankrott, zu Tode gezockt durch einen 29jährigen Broker in Singapur, der sich an der Tokioter Börse vergaloppiert hatte. So etwas wäre bei einem nach seinen eigenen Kriterien reellen Kapitalismus, in dem das Bankensystem wirklich in erster Linie die Finanzierung realer marktfähiger Produktion vermittelt, gar nicht möglich gewesen. Bei den bisher betrachteten Aggregierungen des "fiktiven Kapitals" und ihrer Rückkoppelung auf die reale Reproduktion handelt es sich im wesentlichen um einen allgemeinen Zustand der globalen "strukturellen Uberakkumulation", der mehr oder weniger ausgeprägt in allen Volkswirtschaften bis hin zu den Zusammenbruchsökonomien eine kasinokapitalistische Struktur ohne realkapitalistische Tragfähigkeit auf dem Boden des jeweiligen nationalen Geldes hervorgetrieben hat. Solange die absurde globale Liquiditätsschöpfung des "fiktiven Kapitals" noch weiter (und heute hemmungsloser denn je) expandiert, können die Entwertungskatastrophen auf signifikante Einzelfälle beschränkt bleiben, die sich erst bei der unvermeidlichen Kontraktion verallgemeinern werden. Daß die Größenordnung bereits irrsinnig geworden ist, läßt sich an den Schätzungen der Finanzanalytiker ablesen, die allein für die neuen derivaten Spekulationsformen ein Volumen zwischen 10 und 50 Billionen Dollar annehmen. Die Schwankungen erklären sich daraus, daß niemand mehr einen Überblick besitzt und das Herausnehmen der institutionellen Sicherungen auch die statistische Kontrolle ausgehebelt hat. Jedenfalls ist es klar, daß bei solchen Größenordnungen die "lumpigen" 1,8 Billionen Dollar der Dritte-Welt-Verschuldung fast schon wieder als vernachlässigenswerte Größe erscheinen. Nur aus dieser Hybris einer maßlos gewordenen und realwirtschaftlich ungedeckten Liquiditätsschöpfung konnten die diversen Schuldenkrisen als angeblich entschärft erklärt werden: "Entschärft" durch maßlose Anhäufung neuen Explosivstoffes (von den sozialen Folgen der weiterschwelenden Schuldenkrisen spricht ohnehin kaum noch jemand).
Eine ausführliche Studie des Autors zu diesem Thema findet sich in der Zeitschrift Krisis, Nr. 16/17
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