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Die Lufthansa will ihre eigene T-Aktie
Endlich eine echte Volksaktie: Lufthansa-Anteile sollen für fünf Milliarden Mark verkauft werden - aber nur an deutsche Anleger Am 29. September ist L-Aktien-Tag. Nach der Privatisierung der Telekom AG werden nun auch die 37,5 Prozent Anteilsvermögen des Bundes an der deutschen Lufthansa AG an die Börse gebracht. Ganze fünf Milliarden Mark sollen dadurch in Waigels Kassen fließen. Bis zum 10. Oktober können sowohl die privaten Interessenten wie auch die institutionellen Anleger das eine oder andere Aktienpaket bei der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erwerben. Zwei Tage später folgt dann die Neubewertung des gesamten Aktienvolumens zu Marktpreisen. Geplant ist wie schon bei der T-Aktie eine Volksaktien-Emission, also die gezielte Erstausgabe an Kleinanleger. Fünf Prozent Rabatt und 50 Pfennig je Aktie kriegt jeder private Anleger, der bis zum 10. Oktober ein Aktienpaket ersteht. Darüber hinaus sollen frühzeitige Privat-Order bevorzugt behandelt werden. Um die Aktie auch wirklich unters Volk zu bringen, setzt man in den Promotion-Abteilungen wahrscheinlich wieder auf den Boris-Becker-Effekt. Der gewann 1986 bekanntlich das Tennis-Turnier in Wimbledon, und mit ihm gewann auch sein Hauptsponsor Puma. Der Sportartikelhersteller war erst kurze Zeit auf dem Aktienmarkt und schon stieg Boris auf. Jeder, der wie Boris nun zu den Gewinnern gehören wollte, kaufte sich das Pumazeug oder eben die Puma-Aktie. Die stieg schließlich von 310 auf märchenhafte 1 480 Mark. Dieser Effekt kam ebenso bei der Telekom-Aktie zum Tragen. Prominente aus Politik, Gesellschaft und Sport waren sich allesamt nicht zu schade, dem potentiellen privaten Käufer zu erklären, daß man mit der T-Aktie nur gewinnen könne, und kurzfristig stieg sie dann auch in schwindlige Kurshöhen auf. Dann kam Flushing Meadow. Boris ging fürchterlich ein, Puma verlor seine Zähne, und die Aktie fiel ins bodenlose. Der T-Aktie erging es nicht viel anders, trotzdem zehrt sie immer noch von dem Nimbus, eine Gewinneranlage auf dem Finanzmarkt zu sein. Und eine solche soll natürlich auch die Lufthansa-Aktie werden. Wenn Aktien im großen Stil verkauft werden, dann verdienen zuerst die beteiligten Kreditinstitute. Die KfW läßt die Lufthansa-Anteile von einem Konsortium aus 32 meist kleineren deutschen Banken vermarkten. Diesem Konsortium unter der Ferderführung der Dresdner Bank obliegt auch die Aufgabe, eine Besonderheit des Lufthansa-Deals zu kontrollieren: Mindestens 50 Prozent der gesamten Anteile an Lufthansa müssen nämlich, so legt es das internationale Luftverkehrsabkommen der Bundesregierung fest, in deutscher Hand bleiben. Dies soll nun durch die Ausgabe von Namensaktien unter Nachweis der Nationalität sichergestellt werden. Die bisher gehandelten Aktien von Lufthansa mit ihrem momentanen Kurs um die 37 Mark kann man in jedem Fall nicht als Überflieger bezeichnen. In der Jahresbilanz lag sie auch schon mal bei 19,70 Mark. Dabei geht es dem Konzern besser als noch vor einem Jahr erwartet. Im aktuellen Halbjahresergebnis konnte das Unternehmen sogar eine Verdreifachung des Vorsteuergewinns auf 397 Millionen Mark vermelden - trotz der Absatzeinbrüche im Binnenflugverkehr. Insgesamt kann die Gesellschaft einen Umsatz von rund 2,1 Milliarden Mark und eine weltweite Mitarbeiterzahl von 58 000 Beschäftigten ausweisen. Daß es der Lufthansa AG trotz der Liberalisierung des europäischen Luftraums im Jahr 1993 immer besser geht, liegt an einer Mischung verschiedener Faktoren. Dazu gehören die Verteidigung alter Monopolrechte auf Flughäfen, strategische Allianzen mit meist kleineren Fluggesellschaften und eine harte Haltung gegenüber den Arbeitnehmervertretungen. Beispielweise sah der größte Konkurrent, die deutsche British Airways, ziemlich blaß aus, als die EU-Kommission im Frühjahr den Streit um die begehrten Start- und Landerechte auf den deutschen Flughäfen zugunsten der Monopolstellung von Lufthansa entschied. Andere Gesellschaften dürfen den Flugverkehr aber nicht aufnehmen, solange die Lufthansa ihre Startrechte nicht freigibt. Auch das Franchise-System Team Lufthansa, nichts anderes als ein Pool für Charterverkehr-Allianzen, war ein großer Erfolg. Die kleinen Gesellschaften wie Augsburg Airways, Contact Air und Cimber Air fliegen schon seit einiger Zeit im Zeichen des Kranichs. Nebenher wollte die Lufthansa-Tochter Condor mit dem Tourismusveranstalter Neckermann (NUR) fusionieren. Mit der Holding C&N Touristic entstünde dabei der größte deutsche Reisekonzern - Umsatz: mehr als 6,8 Milliarden Mark. Noch wird die Fusion jedoch vom Kartellamt blockiert. Auch für die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG) ist die Lufthansa ein schwerer Brocken. Ein besonderer Streitpunkt war die geplante Ausgliederung und Übertragung verschiedener Englandrouten an die Londoner Linie British Midland, eine Mehrheitsbeteiligung des Lufthansa-Partners SAS. DAG und die Mehrheit der Beschäftigten fürchteten den Verlust Tausender Arbeitsplätze. Doch zum großen Streik kam es nicht. In letzter Minute konnten sich DAG, Vorstand und Betriebsrat auf einen Konsens einigen: Teilvergabe der Englanddienste im Franchise-System an andere Fluggesellschaften ohne werksbedingte Kündigungen. Mit erheblichen Rationalisierungsprogrammen möchte Lufthansa nicht zuletzt den Aktionären zeigen, daß auch dieser Konzern das Rüstzeug hat, um sich als Global player im internationalen Luft- und Kapitalraum zu behaupten. Daß sich dabei der Bund als bisheriger Mehrheitseigner einseitig auf die Angebotsseite schlug, verwundert nicht. Immerhin winken bei dem Verkauf der Anteile einer florierenden Lufthansa fette Erlöse für das Finanzministerium, die auf mindestens fünf Milliarden Mark geschätzt werden. Und wenn alles gut läuft, ist sogar wie bei der Telekom-Privatisierung die eine oder andere Mark mehr drin. Die Gerüchte über eine neue Steuerlücke von ca. zehn Milliarden Mark lassen die zusätzlichen Einnahmen durch den Verkauf des bundeseigenen Tafelsilbers für Waigel wichtiger denn je erscheinen. Doch mit den Erlösen aus dem Verkauf der Anteile der Lufthansa AG und mit der Ausschüttung der Überschüsse der Bundesbank im Zuge der Neubewertung der Goldreserven 1998 ist jedoch erstmal Schluß mit dem staatlichen Verkaufsrausch. Die großen Einnahmeposten sind nämlich längst weg. Verscherbelt wurden nicht nur die Telekom AG, sondern beispielweise auch die staatlichen Rohölreserven, die alten volkseigenen Acker- und Forstflächen der DDR, die Bundesanteile der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft sowie einiges Kleinvieh: Raststätten, Tankstellen usw. Ein besonderer Coup gelang dem Finanzminister mit der Veräußerung der Schuldenlast der Bundesanstalt für Arbeit von fast zwei Milliarden Mark an die deutsche Ausgleichsbank. Das Silber ist weg, was bleiben, sind die Finanzlöcher. Von den fünf Milliarden Mark sind 2,1 Milliarden Mark für den Nachtragshaushalt für 1996 und 1,5 Milliarden Mark für den laufenden Nachtrag verplant. Doch der Nachtrag für 1997 wird voraussichtlich ein weit größeres Volumen erhalten. Diskutiert wird nun über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Kann Waigel aber wirklich mit einer Überflieger-Aktie Lufthansa rechnen? Jedenfalls nicht wie beim Modell Telekom. Die profitierte nicht nur von der Volksaktien-Emission und einer starken Publicity, sondern auch vom allgemeinen Boom auf dem deutschen Aktienmarkt. Mittlerweile ist in Frankfurt jedoch etwas die Luft raus. Dem Dax gelang es nach den Mini-Crashs der letzten Wochen nicht, deutlich die 4 100-Marke zu überschreiten. Eine solch verhaltene Stimmung auf dem Finanzmarkt läßt keinen großen Run auf die Lufthansa-Aktien erwarten. Doch das ist vielleicht auch nicht das Schlechteste, denn wer nicht hoch steigt, kann eben auch nicht tief fallen. Die Überbewertung nach dem Run auf alle Finanzpapiere, wie bei der Telekom-Aktie geschehen, bedeutet nur, daß eine Aktie über dem geschätzten Konzernwert gehandelt wird. Spekulanten warten dann nur auf den vermeidlichen Kurshochpunkt, um Aktien abzustoßen und dadurch den Kurs wieder fallen zu lassen. Dies schreckt aber die von den Konzernen so begehrten langfristigen Anleger ab. Also wird es wahrscheinlich keinen Blitzstart für die Lufthansa-Aktie mit Kurs auf schnelles Geld geben. Warten wir also lieber auf den gemächlichen Abflug einer einmotorigen Cessna in Richtung langfristige Kapitalanlage. Starten im Zeichen des Kranichs - allerdings nur für deutsche Passagiere.
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