Banker aller Länder,
vereinigt euch!
Finanzfusionen konzentrieren das Geldgewerbe weltweit. Von Hermannus
Pfeiffer
Es nieselt. Der Demonstrationszug biegt um eine stürmische Ecke.
Mehrere hundert Menschen marschieren am Ufer der Außenalster entlang
zur Konzernzentrale. Vorneweg wehen die weißen und roten Fahnen der
Gewerkschaft. Ein scheinbar altbekanntes Bild, und doch ist dies keine
traditionelle Demonstration: So flattern die Gewerkschaftsbanner über
einem Volvo 740 GLE, und die hier um ihre Arbeitsplätze kämpfen,
sind keine knorrigen Hafenarbeiter oder die Bierbrauer von Bavaria. Dezente
Anzüge und manches Designerkleid dominieren unter teuren Mänteln.
Heute fürchtet nicht mehr allein die alte Arbeiterklasse um ihre Jobs,
an diesem Frühlingstag sind es Versicherungsangestellte, Abteilungsleiter
und Managerinnen, die den Unbilden des Hamburger Schmuddelwetters trotzen:
1 000 Arbeitsplätze seien in der traditionsreichen Volksfürsorge
gefährdet, behauptet die Gewerkschaft HBV. Der drittgrößte
deutsche Lebensversicherer und ehemalige Gewerkschaftskonzern verliere
seine Eigenständigkeit. Der bisherige Mehrheitsaktionär, die
AMB Aachener und Münchener Beteiligungs-AG, will die Vofü in
seinen eigenen Assekuranz-Konzern vollständig integrieren. Solche
Finanzfusionen - Versicherung mit Versicherung, Bank mit Bank oder Bank
mit Versicherung - boomen in den
G-10-Staaten.
"Alle reden von Konzentration und Globalisierung; wir ziehen die Konsequenzen!"
Mit diesen starken Worten hatte Edgar Jannott im Juli die geplante Fusion
der Victoria-Versicherungsgruppe mit der Hamburg-Mannheimer angekündigt.
Jannott gilt als designierter Chef der entstehenden ERGO-Holding, unter
deren Fittiche sich die beiden Versicherer zukünftig in Düsseldorf
versammeln werden. Damit entsteht im November der zweitgrößte
Versicherungskonzern in Deutschland - mit Kapitalanlagen von mehr als 100
Milliarden Mark. "Die jeweiligen Gesellschaften werden weiterhin mit ihren
eingeführten Namen und Produkten am Markt auftreten", versichert ein
Sprecher. Die eigentlichen Veränderungen finden hinter den Kulissen
statt: Die neue ERGO-Holding entsteht unter dem breiten Dach der Münchner
Rückversicherung, die Mehrheitsaktionärin sein wird.
Eine Woche nach der ERGO-Meldung folgte der Zusammenschluß von
Gothaer und der Berlin-Kölnischen unter dem neuen Firmenschild "Parion",
man wird auf Rang acht der deutschen Assekuranz-Hitliste landen. Vorstandsvorsitzender
Wolfgang Peiner: "Wir haben sonst gegen die großen Kapitalgesellschaften
keine dauerhafte Wettbewerbschance!" Derweil schließen sich nicht
nur in Deutschland die Versicherer zusammen: So meldet die Europäische
Kommission in ihrem "Wettbewerbsbericht" seit 1987 Jahr für Jahr jeweils
zwischen 50 und 100 große Assekuranz-Fusionen. Allerdings verläuft
die Zentralisierung nicht geradlinig: So folgte dem Höhepunkt an Fusionen
in Westeuropa 1989/90 eine "rückläufige Entwicklung", schreibt
die Europäische Kommission.
Aber immer noch existieren in Deutschland über vierhundert Versicherer.
Doch die meisten Gesellschaften müssen sich mit einem Nischendasein
begnügen. Tatsächlich wird der Markt von vier Großgruppen
dominiert. Der auch in Europa führende Branchenriese Allianz vereint
ohnehin auf sich und seine Tochterfirmen einen inländischen Marktanteil
von rund einem Viertel. Ähnlich schwergewichtig kommt die Münchener-Rück-Gruppe
daher. Als Versicherer der Versicherer ist die Rückversicherung weltweit
die Nummer eins und mit ERGO nun die deutsche Nummer zwei im ertragsstarken
Privatgeschäft. Die beiden Giganten Allianz und Münchner Rück
sind zudem über Kreuz miteinander verflochten. Damit aber nicht genug,
bestehen obendrein kapitalmäßige und personelle Bande auch zu
den Nummern drei und vier der Branche, der AMB und der Deutsche-Bank-Versicherungsgruppe
(mit Deutscher Herold, Gerling, Nürnberger). Die Deutsche Bank wiederum
ist insbesondere mit der Allianz eng verflochten und hält zehn Prozent
des Kapitals von Allianz sowie der Münchener Rück.
"Wir wollen als ERGO die Chancen des sich schnell wandelnden Versicherungsmarktes
nutzen", so Jannott. Die Öffnung des europäischen Binnenmarktes
im Sommer 1994 hätte den Wettbewerb verstärkt. Ausländer
könnten seitdem ihre Policen ungehindert auf dem vorher geschlossenen
deutschen Markt verkaufen. Tatsächlich ist der Marktanteil ausländischer
Versicherer aber eher noch gesunken, kann der Verbandsstatistik entnommen
werden. Die Ausländer - gleiches gilt für die Bankwirtschaft
- scheitern am überlebenswichtigen Aufbau eines relevanten Vertriebsnetzes.
Solches ist fast nur noch über den Kauf eines schon etablierten Konzerns
möglich! Trotz erfolgloser Ausländer hat sich der Wettbewerbsdruck
jedoch erhöht: Schuld ist der Mangel an kaufkräftiger Nachfrage
in Deutschland! So wuchs der früher stürmisch expandierende Versicherungsmarkt
im Jahre 1996 noch gerade mal um drei Prozent.
Henner Schierenbeck wurde als Lehrbuchautor bekannt. Wirklich bekannt
jedoch wurde er erst durch seine Kritik an den Effizienzmängeln deutscher
Banken: Ihre grandiosen Profite seien zu klein! Mit dieser These gewappnet,
erregte Professor Schierenbeck in Zeiten immer neuer Rekordgewinne der
Finanzbranche notgedrungen Aufsehen. Und er hat recht: Im internationalen
Vergleich sind die Profitraten der hiesigen Großbanken eher mau.
Mit einer Eigenkapitalrendite von 17,1 Prozent liegt selbst die Deutsche
Bank nur im globalen Mittelfeld. Noch: "Bis zur Jahrhundertwende will die
Deutsche Bank ihre Zielvorgaben einer Eigenkapitalrendite vor Steuern von
25 Prozent erreichen", sagte Hilmar Kopper auf der Hauptversammlung. Dabei
soll der Aufkauf anderer Kreditinstitute helfen, kann vermutet werden.
Dies gilt insbesondere in Länder wie Deutschland oder der Schweiz,
die als overbanked gelten: Es arbeiten zu viele Niederlassungen im Verhältnis
zur Zahl der Einwohner. Die Zunahme elektronischer Finanzdienstleistungen,
wie das Home-Banking, wird das Filialsterben zusätzlich begünstigen.
Auch so verschwanden seit 1990 schon mehr als 1 000 Institute, meist kleinere
Sparkassen und Genossenschaftsbanken, vom deutschen Markt.
In dieses Szenario fällt die angekündigte Fusion von Berliner
Bankgesellschaft und Norddeutscher Landesbank sowie die angestrebte Verschmelzung
der beiden bayerischen Geldgiganten, von Hypo- und Vereinsbank zum viertgrößten
"Weltinstitut" (Wirtschaftswoche) - das zudem eng an die Allianz-Versicherung
angelehnt sein wird. Allerdings darf nicht mit schnellen Geschäftserfolgen
gerechnet werden, denn viele Fusionen und Übernahmen leiden unter
den verschiedensten Reibungsverlusten. Und doch werden allgemein weitere
Fusionen im europäischen Bankgewerbe erwartet.
Die Allianz-Versicherung ist neben ihren bayerischen Engagements obendrein
an der Dresdner Bank beteiligt und damit als Finanzzentrum der einzige
heimische Gegenspieler zur Deutschen Bank. Möglicherweise aber, so
die Einschätzung einiger Experten, heißt die europaweite Losung
beider, traditionell eng liierten Häuser aber auch: "Getrennt marschieren,
vereint schlagen!" Diesen informellen Weg verließen im August die
Crédit Suisse (früher: Schweizerische Kreditanstalt SKA) und
die Winterthur-Versicherung, die in Deutschland mit der DBV präsent
ist und mit der Commerzbank kooperiert. Beide Schweizer gehören in
ihren Branchen zu den europäischen Top ten.
In Japan wird die 1996 angelaufene Fusionswelle getragen von der wirtschaftlichen
Schwäche seiner Großbanken: Die aufgeblähten Bilanzen verdeckten
jahrzehntelang die reale Ertragsschwäche. Dabei entstand aus Tokyo
und Mitsubishi Bank eine neue Nummer eins. In den USA wird erst die Vollendung
der Reform des Finanzrechts - im Kern geht es um die Einführung des
deutschen Universalbank-Systems (das Trennbank-System der USA "trennt"
u. a. Kredit- und Investmentbanken voneinander ab) - eine landesweite Fusionswelle
auslösen. Auch so schlossen sich im vergangenen Jahr die Chase Manhattan
und die Chemical Bank sowie Wells Fargo und First Interstate zu den größten
amerikanischen Finanzgruppen zusammen.
Allem Wettbewerbsgerede zum Trotz basiert die jetzige weltweite Fusionswelle
- ganz klassisch - auf einer Weiterentwicklung der Produktivkräfte!
Im gewissen Sinne werden die konkreten Produktionsverhältnisse der
technischen Entwicklung angepaßt. Die elektronische Datenverarbeitung
und die rund-um-Ausstattung der Finanzdienstleister mit Computern - plus
die noch in der Frühphase befindliche Umsetzung darauf ausgerichteter
arbeitsorganisatorischer Modelle - schufen erst die Möglichkeit zu
den modischen Großfusionen: Die betriebliche Verarbeitung der Massenkundschaft
ist nun so weit gediehen, daß aus zwei Filialen anderthalb oder auch
nur eine werden können oder die Zusammenlegung und Zentralisierung
mehrerer EDV-Abteilungen oder -Zentren ist jetzt technisch sinnvoll möglich.
Somit wird das machbar, was bislang nur als Anspruch galt: Synergie-Effekte.
Der Fordismus der Industrie-Ära erreicht die moderne Dienstleistungswelt.
Der Beitrag basiert auf einem Kapitel aus seinem neuen Buch "Der Kapitalismus
frißt seine Kinder - Über den Standort Deutschland, seine Gegner
und seine glorreiche Zukunft". Es erscheint im September im PapyRossa Verlag,
Köln |