User bleiben Loser
Zwar machen die privaten Konkurrenten der Telekom derzeit nur mit mehr
oder weniger originellen Werbegags auf sich aufmerksam - Otelo will beispielsweise
Berliner und Berlinerinnen umsonst telefonieren lassen, wenn diese minütliche
Reklame über sich ergehen lassen -, sie haben aber dennoch erste Erfolge
zu verbuchen. Prinzip: andere für sich arbeiten lassen. Bundespostminister
Wolfgang Bötsch sprang jüngst in die Bresche und forderte die
Telekom auf, ihre Leitungen für die Konkurrenten zu öffnen. Die
Telekom spielte auf Zeit und legte kein Angebot - zu welchem Preis sie
die Leitungen zu vermieten bereit ist - vor. Dazu wurde sie nun vom Verwaltungsgericht
Köln verpflichtet. Ein Glück für die Telekom, daß
es noch das Oberverwaltungsgericht in Münster gibt, bei dem sie nun
Beschwerde einlegt. Ihr Vorteil: Die Telekom hat - wer mag das nicht bestätigen
- unendlich viel Zeit, während die Konkurrenz überhaupt erst
einmal ins Geschäft kommen muß. Den PrivatkundInnen kann das
- die User bleiben Loser - egal sein: Sie werden so oder so abgezockt -
ob von Telekom, Mannesmann Arcor, Otelo oder Viag Interkom. Gute Konzerne
gibt es halt ebensowenig wie schlechte - nur Konzerne.
Straße gebaut, Arschtritt gekriegt
Wochenlang haben sie gestreikt - die Berliner Bauarbeiter. Und obwohl immer
mehr Bauunternehmer ihrem Verband den Rücken kehrten und Haustarifverträge,
die an den bundesweiten Tarif angelehnt sind, abgeschlossen haben, weigert
sich die Fachgemeinschaft Bau, einen Flächentarifvertrag zu unterschreiben.
Sprecher Norbert Nickel läßt die IG Bau am ausgestreckten Arm
verhungern: "Wir haben ein wesentliches tarifpolitisches Ziel erreicht,
nämlich die Entscheidung über die Höhe der Lohnkosten in
die Betriebe zurückzuverlagern." Im Klartext: Wer nicht verzichtet,
fliegt raus. Während nun noch 200 wackere Berliner Bauarbeiter für
den Flächentarif im Streik stehen, haben 18 polnische jetzt den ihren
beendet, mit dem sie seit zwei Monaten ausstehende Löhne einfordern
wollten. Grund: Die Berliner Bauverwaltung ließ Polizei zur Räumung
der besetzten Autobahn-Baustelle auffahren. Schließlich sei sie als
Auftraggeberin nicht dafür verantwortlich, daß irgendwelche
polnischen Subunternehmer pleite machen, sondern dafür, daß
"keine Unruhe auf der Baustelle entsteht". Fazit: Straße gebaut,
Arschtritt gekriegt. Davon kann sogar die Fachgemeinschaft Bau noch lernen:
von wegen weniger Lohn für die Malocher - ohne geht's doch auch!
Keine Ruhe im Vorruhestand
VW sorgt nicht nur für eine Blech-, sondern auch für eine Prozeßlawine.
Rund 960 Vorruheständler haben ihre frühere Firma verklagt. Grund:
VW will nicht, wie zunächst mündlich zugesichert, die Rentenverluste
der ehemaligen Beschäftigten ausgleichen. Nun erlebt der Wirtschaftswunderjahrgang
1941 sein blaues VW-Wunder. Mit 55 in Vorruhestand, mit 60 in Rente - fein
gedacht hatten sich das die Wolfsburger Auto- und Häuschenbauer. Aber
die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Zwar hatte VW sich schon mit dem Ausgleich
der Rentenabschläge bis zu zehn Prozent abgefunden, um die Beschäftigten
vorzeitig aus den Werkhallen zu drängen - eine spätere Änderung
des Rentengesetzes sieht nun allerdings Abschläge bis zu 18 Prozent
vor. Dafür will VW aber nicht blechen. Und damit die Arbeitsgerichte
am Standort Deutschland viel zu tun haben, will der Konzern jeden Fall
einzeln abhandeln, ein Musterprozeß wurde abgelehnt.
Post übernimmt McPaper
"Ich hätte gern einen Radiergummi, einen Kugelschreiber, einen Aktenordner
und ein Giro-Konto." Wer sich's leisten kann, soll künftig alles auf
einmal bekommen, denn bei McPaper geht die Post ab. Demnächst sollen
die PostkundInnen die verteuerten Briefmarken auch in den 330 Schreibwarenfilialen
der Herlitz-Tochter McPaper erstehen können. Die Interessen sind klar:
Herlitz will die Einzelhandelskette abstoßen und sich auf das Kerngeschäft
konzentrieren, die Post will die Kette übernehmen, um in lukrativen
Lagen präsent zu sein und mehr Umsatz pro Verkaufsfläche zu erzielen.
Daß dabei einige überflüssige ehemalige Postämter
dichtmachen, liegt in der Natur der Sache. Entlassen werden soll aber niemand,
obwohl Postangestellte nicht in die neuen Filialen wechseln werden, beteuert
die Post. Die Betroffenen würden in anderen Bereichen eingesetzt.
Einen Kostenvorteil dürfte die Post AG wohl dennoch aus dem Geschäft
ziehen: Schließlich sind die Tariflöhne im Einzelhandel wesentlich
geringer als bei der Post.
Freiheit für die Gene
Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln. Nachdem
Bundeswirtschaftsminister Günther Rexrodt medienwirksam ganz beachtliche
genmanipulierte Erdäpfel aus dem Boden gezogen hatte, haben sich nun
führende Chemie- und Pharma-Konzerne zu einem neuen Lobbyverband in
Frankfurt/ Main zusammengeschlossen, der alle Gebiete der Bio- und Gentechnologie
umfaßt. Die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) verspricht
nicht nur noch größere Kartoffeln, sondern wie erwartet auch
das Blaue vom Himmel: Bis zur Jahrtausendwende könnten in der Branche
rund 70 000 neue Arbeitsplätze entstehen, wenn endlich auf breiter
Fläche gentechnisch veränderte Organismen freigesetzt werden
können. Mögest du, oh DIB, dir damit noch ein wenig Zeit lassen,
damit grünalternative und autonome Kleinbauern, die landauf landab
deine Versuchsfelder besetzen, jäten und pflügen, nicht noch
mehr Sonderschichten - von wegen mangelnde Arbeitsmoral am Standort Deutschland
- schieben müssen. Vertraue, DIB, Marxscher Weisheit: Die Entwicklung
der Produktivkräfte läßt sich nicht aufhalten! Schließlich
dürften, DIB, deine Öko-Feinde auch nicht mit dem Pferdekarren
auf deine Ländereien gekommen sein!
Vorwärts zur 42-Stunden-Woche!
Unbezahlte Überstunden drohen auch den 1 700 Beschäftigten der
Siemens Nixdorf Informationssysteme (SNI). Siemens plant, den Bereich auszugliedern
und damit tarifvertragliche Schutzregelungen über den Haufen zu schmeißen.
"Fünf Stunden zusätzliche Arbeit ohne Bezahlung und die Flucht
aus dem Tarifvertrag sind mit uns nicht zu machen", bläst der Leiter
der IG-Metall-Tarifabteilung jetzt die Wangen auf. Siemens kontert: Die
Mehrheit der Beschäftigten habe den Konzernplänen und einzelvertraglichen
Regelungen zugestimmt. IGM-Chef Klaus Zwickel muß sich wohl um eine
Ziffer geirrt haben: Vorwärts zur 42-Stunden-Woche! Ohne Lohnausgleich,
versteht sich.
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Die Nachrichten wurden von Richard Rother zusammengestellt.
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