McJobber schlagen zurückUS-Gewerkschafter erstreiken sich Achtungserfolg gegen den Dienstleistungskonzern UPSDouglas Couplands Generation X ist älter geworden: Die McJobber steigen nicht mehr aus - sie schlagen zurück. Während die einen im Mutterland der Dienstleistungsgesellschaft zum Colt greifen, bewaffnen sich die anderen mit Megaphon und Transparenten, Streikposten bildend. Während aber die Banküberfälle der vier sympathischen schwarzen Putzfrauen in "Set it off" nur ein cineastischer California Dream bleiben, haben die US-Gewerkschaften real Punkte gemacht - gegen einen der großen Dienstleistungskonzerne schlechthin. Nach zweiwöchigem Streik muß United Parcel Service (UPS) in den USA 10 000 Vollzeit-Stellen schaffen; überdies darf der Paketdienst nicht aus der gemeinsamen Pensionskasse aussteigen und die Beschäftigten mit geringen Betriebsrenten abspeisen. Zwar werden die meisten Forderungen der Transportarbeiter-Gewerkschaft erst in fünf Jahren erfüllt sein, Teamsters-Chef Ron Carey ist dennoch zufrieden: "Das ist ein historischer Wendepunkt für die Arbeiter in diesem Land." Das wiegt umso mehr, als daß die Streikenden lediglich eine Unterstützung von 55 Dollar pro Woche erhielten, finanziert durch Kredite des Gewerkschaftsdachverbandes AFL/CIO an die Teamsters. In der Tat ist es den fast in die Bedeutungslosigkeit abgesunkenen US-Gewerkschaften gelungen, nicht nur einen Achtungserfolg zu landen, sondern auch teilweise die Interessen jener zu vertreten, die rechtlos für einen Hungerlohn schuften müssen. Bei UPS arbeiten schließlich knapp 60 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit - mit einem seit 1982 unveränderten Lohn von acht Dollar pro Stunde, während die Vollzeitler fast 20 Dollar bekommen. Seit 1993 hat UPS rund 46 000 neue Stellen geschaffen, davon jedoch über vier Fünftel Teilzeitjobs mit hoher Fluktuation in den Verteilerzentren. Viele Teilzeitkräfte kratzen sich ihre 30- oder 40-Stundenwoche aus vierstündigen Schichten zusammen. Nun soll der Teilzeit-Lohn innerhalb der nächsten zwei Jahre auf 15 Dollar angehoben werden. Von gleichem Lohn für gleiche Arbeit kann also nicht die Rede sein, und auch 10 000 neue Vollzeit-Jobs sind angesichts von über 300 000 UPS-Beschäftigten nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Daß so eine relativ gut bezahlte Vollzeit-Stelle nicht das kapitalistische Paradies auf Erden ist, dafür sorgen schon die UPS-Manager: Die Auslieferungszeiten der Fahrer seien mit der Stoppuhr ausgeklügelt, und "die Beschäftigten in den Verteilungszentren schuften wie die Galeerensklaven gegen die Uhr und gegen die ständigen Aufforderungen über Lautsprecher, noch schneller zu sortieren", berichtet das gewiß nicht gewerkschaftsnahe Handelsblatt. Seit UPS die Gewichtsgrenze pro Sendung auf 68 Kilogramm verdoppelte, sei die Häufigkeit von Betriebsunfällen gestiegen. Mittlerweile liege sie über dem Branchendurchschnitt. Der Achtungserfolg der Teamsters kam nicht von ungefähr. Immerhin hat UPS nach der Zerschlagung der US-Post rund 80 Prozent der Paketdienst-Marktanteile erobert, war also extrem anfällig gegenüber Arbeitskampfmaßnahmen. Und die hatten es in sich: Der Paketdienst, der täglich rund zwölf Millionen Pakete befördert und über 1,4 Millionen Privat- und GeschäftskundInnen bedient, konnte nur noch ein Zehntel seines Services aufrechterhalten. Der Konzern schätzt den Einnahme-Ausfall während des Streiks auf etwa 650 Millionen Dollar. Weltweit hatte UPS im vergangenen Jahr 22,6 Millarden Dollar Umsatz und 1,5 Milliarden Gewinn erwirtschaftet. Damit sich der (Image-)Schaden für den Konzern nicht noch weiter vergrößerte, hatte sich auch Präsident Bill Clinton persönlich in die Auseinandersetzungen eingemischt und seine Arbeitsministerin Alexis Hermann, die bei den Gewerkschaften unbeliebt ist, in die Verhandlungen geschleust. Hermann allerdings drängte - entgegen den Forderungen aus der Wirtschaft, die eine präsidiale Arbeitsorder erwarteten - auf einen Kompromiß. Clintons Vorgänger waren da weniger zimperlich und haben nicht wenig zur Zerschlagung der Unions beigetragen: 1978 hatten die Gewerkschaften den letzten großen Bergarbeiterstreik nach einer Intervention Jimmy Carters verloren, und Ronald Reagans Reagonomics bedeuteten 1981 für streikende Fluglotsen die Entlassung. Daß der Achtungserfolg der streikenden US-Beschäftigten nicht auch über den Atlantik nach Deutschland schwappt, dafür will der Vorsitzende des Gesamtbetriebrates von UPS Deutschland, Thomas Wilde, sorgen. Während die ÖTV und die Internationale Transportarbeitergewerkschaft ihre Solidarität mit den US-Beschäftigten bekundete, öffentliche Aktionen durchführte und auch in Deutschland "den Druck erhöhen" will, stellt sich der Betriebsratsboß demonstrativ hinter die Geschäftsleitung. Nicht nur in den USA gehe es den Gewerkschaften lediglich um eine "gezielte Profilierungsstrategie", auch in Deutschland gehe die tarifpolitische Einmischung der ÖTV an den betrieblichen Realitäten vorbei. Deswegen dürften auch nicht die Forderungen der US-Gewerkschaften auf UPS Deutschland, mit 15 000 Beschäftigten die größte Sektion außerhalb der USA, übertragen werden. Auch hier arbeiten etwa 60 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit. Wilde: Ein moderner Dienstleistungsbetrieb wie UPS sei mit starren Arbeitszeitregelungen nicht wirtschaftlich zu führen. Der Betriebsablauf bringe es mit sich, daß insbesondere im Paketumschlag - "gesagt, getan" - in den Morgen- und Abendstunden Spitzenbelastungen von Teilzeitkräften abgefedert werden müßten. Eine Umwandlung solcher Stellen in Vollzeit-Jobs sei wegen der Leerlaufzeiten nicht wirtschaftlich, argumentiert Wilde wie sein eigener Chef. Im übrigen könnten sich die ÖTV-Aktionen "nicht auf eine Mehrheit der UPS-Betriebsräte und Belegschaft stützen". Diese Haltung bestätigte jüngst ein UPS-Fahrer gegenüber Jungle World. Ihm persönlich mache es nichts aus, je nach Tour zwei oder drei unbezahlte Überstunden täglich zu machen, um sein Pensum zu erfüllen. Die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland liege außerdem an "der Unflexibilität der meisten Arbeitnehmer", erklärte der junge Mann in seiner braunen Uniform. Eine Meinung, die sich sich wohl erst ändern dürfte, wenn angebliche "Bandits" nicht rührigen Achtziger-Jahre-Krautrock auf der Klampfe zupfen, sondern mit der Knarre in der Hand die fetten Beats der Neunziger zelebrieren: bum, bum, bum.
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