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Wenn Dax und Dow 
sich Gute Nacht sagen 

Der Aufwärtstrend der Aktienkurse ist gestoppt, ein stetiges Auf und Ab bestimmt die Szenerie 

Die Finanzmärkte reagieren nervös. Alles fing an jenem 15. August an, ein grauer Freitag, an dem ein Mini-Crash den Dow Jones um 247 auf den Stand von 7 694 Punkten fallen ließ, mit einem Verlust von 3,11 Prozent. Auch der Dax sank auf seinen vorläufigen Tiefstpunkt von 4 080 Zählern. Dann die Erholung: Der Dax schnellte auf den Wert von 4 300 Punkten, der Dow Jones ging auf die Höchstmarke von 8 200 Punkten zu. Dem rasanten Aufstieg folgte der plötzliche Fall. Am letzten Wochenende purzelten die Kurse in den USA wieder klar unter die 8 000-Marke, und der Dax sank gen 4 000 Punkte. 

Angefangen hat die Unsicherheit in den USA mit den neuesten Veröffentlichungen enttäuschender Unternehmensdaten und der Erwartung zurückbleibender Konsumwerte, gepaart mit Nervosität, daß die Zinssätze nach der Sitzung der US-Notenbank steigen könnten. Insbesonders die unzufriedenen Anleger der sonst so gewinnbringenden Großindustrie-Aktien bekamen weiche Knie und verkauften vorsorglich das eine oder andere Anteilspaket. Doch im Gegensatz zu dem Crash von 1987, bei dem der Dow um mehr als ein Fünftel absackte, kam es nur zu einer Umschichtung der von Experten so beliebten Portefeuilles. Dabei ging das flüssig gemachte Kapital in den US-Renten- und Anleihenmarkt, wo die Anleger von den erwarteten Zinserhöhungen profitieren zu können hofften. Eine schnelle Erholung folgte. Alles wieder im Lot, meinten die Experten. Eine notwendige Konsolidierung auf dem Aktienmarkt, die potentiell überbewerteten Finanzwerten seien lediglich gestutzt worden, hieß es. 

Am vergangenen Wochenende ging es wieder abwärts. Hintergrund sind die gestiegenen Importpreise in den USA, die wiederum die Inflationsängste schürten und Leitzinserhöhungen der US-Bundesbank vermuten ließen. Zinserhöhungen sind Gift für die Börsen, sie erschweren die Investitionen der Konzerne und lassen den alternativen Anleihen- und Terminmarkt lukrativer erscheinen. Wieder flatterten die Nerven an der Wall Street, und die Kurse sowohl auf dem Aktien- wie auf dem Rentenmarkt rutschten erneut in den Keller, der Dollar sank um vier Pfennige auf 1,81 Mark. In den Sog der Wall Street gerieten erneut die westeuropäischen Börsen. 

Bedeutet das hochsommerliche Auf und Ab nun eine Trendwende auf den Aktienmärkten? Ja und nein. Sicherlich müssen sich die Anleger von einem rasanten Anstieg der Notierungen auf den internationalen Finanzmärkten verabschieden. Es gibt aber keinen Grund, auf einen großen Absturz der Geld- und Kapitalmärkte zu spekulieren - solange sich an der grundsätzlichen Situation nichts ändert. Und die ist schon jetzt geprägt von einem schwachen Euro und einem starken Dollar. Schon seit einiger Zeit flüchtet ein Teil des europäischen Anlage-Kapitals aus dem potentiellen Euro-Raum. Vor allem Aktien, Anleihen und Devisen in den USA versprechen steigende Gewinne. Dieser Run trieb den Dollar auf seine derzeitige Höhe. Eine Grundtendenz, die bis zur Euro-Einführung bestehen bleiben dürfte. 

Eine merkliche Schwächung der US-Währung kann nicht im Interesse der amerikanischen Notenbank sein. Schließlich sprechen einige Gründe für einen harten Dollar: Erstens ist die US-Wirtschaft hauptsächlich importorientiert. Eine schwache Währung würde einen Preisanstieg der ausländischen Waren bewirken und so die Inflation anheizen. Zweitens leiden die USA unter ihrem chronischen Handelsbilanzdefizit, das heißt in den USA wird mehr konsumiert als produziert. Ein starker Dollar zieht die globalen Kapitalimporte an und stärkt damit die positive Leistungsbilanz, in die auch Devisentransfers einbezogen werden. Drittens ist Washington einer der größten Schuldner der Welt. 

Bei einem hohen Wechselkurs schmelzen die US-Staatsschulden, die in der jeweiligen Landeswährung wie Yen oder Pfund ausgezahlt werden, wie Eis unter der kalifornischen Sonne. Und schließlich werden viertens einige fernöstliche Konkurrenten mit einem harten Dollar in die Knie gezwungen. Deren Notenbanken haben bereits ihre letzten finanziellen Mittel ausgeschöpft, um die eigene Währung gegenüber dem Dollar zu stützen - genutzt hat das bislang wenig, die Kurse rutschten in den Keller. Als Folge müssen jetzt etwa in Indonesien viel mehr Rupiah aufgebracht werden, um ein und dieselbe Dollarschuld zu begleichen, was insgesamt die Konjunktur belastet. 

Die US-Bundesbank wird dann an der Zinsschraube drehen, um so die eigene Währung zu stärken, wenn das durch steigende Kurse an der Wall Street nicht ohnehin geschieht. Das wiederum verbessert die Export-Aussichten der europäischen Konzerne. Auf mittlere Sicht werden sich die Kurse hier also wieder erholen, ein Einpendeln des Dax um die 4 200-Marke ist dann wieder denkbar. Allzu hoch werden die wackligen Dotierungen aber nicht mehr steigen. Und das liegt neben den Zinsängsten an einem weiteren Problem: dem überkauften Aktienmarkt. Viele Anleger zweifeln, ob die Kursgewinne mit den zukünftigen Ergebnissen der Konzerne im Einklang stehen. Zum Beispiel fielen jüngst die Kurse der Daimler-Benz- und VW-Aktien, weil mit besseren Konzernergebnissen für das erste Halbjahr 1997 gerechnet wurde, die Fundamentaldaten der Unternehmen die hochgesteckten Erwartungen jedoch nicht erfüllten. Spekulativ überbewertete Blasen hatten sich gebildet - wie schon bei der Telekom- und der Pro-Sieben-Aktie. Nach stetigem Aufwärts werden nun große Kursschwankungen zum Alltag auf den nervösen Finanzmärkten gehören. 

  •  Kay Vogelgesang

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