Neonazis - Stiefbrüder
der Linken?
Was hat Kay Diesner von der Linken gelernt? Über Militanz und Habitus,
Nationalrevolutionäre und Naturmystik streiten die Jungle World-Redakteure
Ivo Bozic, Jürgen Elsässer und Wolf-Dieter Vogel sowie der Antifa-Experte
Andreas Fahs
Elsässer: Im März hat der Nazi-Terrorist Kay Diesner
einen PDS-Buchhändler in Berlin-Marzahn niedergeschossen und wenig
später einen Polizisten getötet, einen anderen schwer verletzt.
In der Jungle World wurde in der Berichterstattung zum kürzlich eröffneten
Prozeß gegen Diesner nahelegt, er habe als verlängerter Arm
von Ex-General Jörg Schönbohm gehandelt, des Berliner CDU-Innensenators.
Offenkundig ist das aber falsch: Diesner selbst hat vor Gericht nicht Schönbohm,
sondern die RAF und die IRA als seine Vorbilder benannt. Wie denen gehe
es auch ihm um den Kampf gegen den "faschistischen-imperialistischen Staat".
Müssen wir unsere Einschätzung revidieren?
Vogel: Die vermeintlich linken Phrasen waren nur die eine Hälfte
seiner diffusen Argumentation. Ansonsten hat Diesner typische Nazi-Positionen
vertreten - etwa die Hetze gegen Türken und Bosnier, die Marzahn vermüllen.
Elsässer: Das ist ja das Interessante: Wie diese beiden
Argumentationsstränge, einer von links und einer von rechts, in seinem
Kopf zusammengehen.
Fahs: Diesner bezieht sich nicht in erster Linie auf die Inhalte,
sondern auf die Formen der RAF. Die Professionalität und Präzision,
mit der die RAF etwa beim Herrhausen-Attentat die tödliche Bombe an
einen lasergesteuerten Auslöser koppelte - das imponiert auch dem
"Arischen Werwolf" Diesner.
Bozic: Wir haben ihn als Schönbohms verlängerten Arm
bezeichnet, weil Schönbohm die PDS wegen der Verhinderung eines Nazi-Aufmarsches
in Berlin-Hellersdorf scharf attackiert hat. Das sahen die Nazis genauso.
Zur selben Zeit gab es die Morddrohungen gegen die Berliner PDS-Chefin
- und dann ist Diesner losmarschiert und hat geballert. Das war richtig,
diesen Zusammenhang aufzuzeigen.
Außerdem: Diesner sieht sich selbst als Einzelkämpfer -
das ist nicht vergleichbar mit dem Konzept der RAF, einem Agieren im geschlossenen
Kollektiv.
Vogel: Ich gehe davon aus, daß Diesners positiver Bezug
auf die RAF in erster Linie einem extremen Subjektivismus geschuldet ist.
Auch in der radikalen Linken, nicht nur in der bewaffneten, kursiert immer
wieder dieses "Wir", die Guten, im Kampf gegen "die", die Bösen. Man
denke an die Position "Mensch oder Schwein". Diesner hat den Schußwechsel
mit den Polizisten als "Kampf Mann gegen Mann" geschildert. Das erinnert
fatal an manche Punks, die Kapuzenpullis mit dem Aufdruck "Schieß
doch, Bulle!" tragen.
Elsässer: Es stimmt nicht, daß Diesner sich nicht
auf die Inhalte der RAF beziehen konnte. Die RAF hat hauptsächlich
als nationale Befreiungsfront agiert, nicht als soziale, ihre spektakulärsten
Aktionen richteten sich gegen die US-Armee, die Nato und ihre Repräsentanten.
Das ist kompatibel mit dem Ziel der Rechten, die sogenannten "Besatzer"
loszuwerden.
Fahs: Ohne daß ich jetzt zentrale Fehler der RAF beschönigen
wollte, bleibt doch Fakt, daß ihre spektakulärsten Aktionen
dem deutschen Großkapitalisten und Kriegsverbrecher Schleyer plus
noch einigen anderen ähnlichen Kalibers gegolten haben.
Bozic: Interessant ist vielleicht, daß Diesner im Lübecker
Knast einen neuen Freund gefunden hat, und zwar Michael Steinau, der der
Mitgliedschaft in den Antiimperialistischen Zellen (AIZ) verdächtigt
wird. Die AIZ bezog sich anfangs unter anderem auf die RAF, hat aber dann
immer radikaler ein islamistisch-fundamentalistisches Weltbild vertreten.
Mit Diesner trifft er sich regelmäßig beim Hofgang. "Wir liegen
gar nicht so weit auseinander", hat Steinau in einem Brief geschrieben.
Elsässer: Also noch einer, in dessen Kopf sich rinks und
lechts vermischt hat.
Bozic: Aber die AIZ ist nicht repräsentativ für die
radikale Linke und wird von ihr schon immer scharf kritisiert.
Vogel: Zweifellos sind beide nicht repräsentativ. Doch es
geht eben um die Auswirkungen von linken Diskursen. Ich erinnere daran,
daß Diesner an einer Kreuzberger 1. Mai-Demonstration teilgenommen
und vor Gericht begründet hat: "Ich teile gewisse Denkanstöße
mit diesen Leuten."
Fahs: Diesner hat für die Nazi-Szene die Kreuzberger Linke
ausspioniert, und das könnte auch ein Motiv für seine Teilnahme
an dieser Demonstration gewesen sein. Weiterhin wissen wir nicht, ob er
wegen Angriffen gegen die Polizei verhaftet wurde, oder ob er einfach in
eine Massenfestnahme kam.
Bozic: Es kann natürlich Zufall sein, aber ich möchte
feststellen, daß Diesner nicht an einer 1. Mai-Demonstration der
undogmatischen, autonomen Linken teilgenommen hat, sondern an einer, die
von stalinistisch-maoistischen Gruppen veranstaltet wurde. Da paßte
er mit seinem Gut-Böse-Weltbild auch besser hin. Die undogmatische
Linke hat ja dieses platte Zwei-Klassen-Denken gerade durchbrochen.
Fahs: Gegen die Stalinisten kann man alles mögliche Schlechte
sagen, aber den Diesner sollte man ihnen nicht auch noch anhängen.
Vogel: Es geht doch nicht um eine Schuldzuweisung im Ping-Pong-Stil:
Ätsch, die Stalinisten waren's, wir Antiautoritären haben damit
nichts zu tun. Denn es gibt leider auch argumentative Versatzstücke,
die Diesner von der undogmatischen Linken übernommen hat, und zwar
die ökologistischen. Diesner sprach im Prozeß vom "Holocaust,
den der BRD-Staat am deutschen Volk betreibt" - und nannte als Beispiele
Castor-Transporte und Gentechnik, vor allem freilich, daß "die kulturelle
Identität der weißen Rasse ausgelöscht wird".
Bozic: Diese Form von Ökologismus hat mit der radikalen
Linken aber nichts zu tun, höchstens mit der alternativ-grünen
Aussteigerbewegung.
Elsässer: Bei den von Diesner genannten Castor-Aktionen
waren Autonome und Ökolinke dick dabei.
Fahs: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, aber sei's drum:
Müssen die Linken zukünftig trotzig Regenschauer erkennen, sobald
ein Fascho strahlenden Sonnenschein vermeldet? Bitte keine Anti-Reflexe.
Nur weil die Rechten jetzt gegen die Castor-Transporte sind, heißt
das noch lange nicht, daß die Linken dafür sein müßten.
Vogel: Das esoterische Naturbild der Ökobewegung findet
sich bei Rechten und Linken gleichermaßen: Die Natur wird immer noch
häufig per se zum positiv besetzten Wert, der Technik steht man prinzipiell
negativ gegenüber. Ein anti-modernistisches Weltbild, das die Entwicklungen
der Produktivkräfte nicht mehr auf ihren Nutzen untersucht, sondern
pauschal beargwöhnt - das hat die Linke in der Ökobewegung toleriert
oder selbst propagiert, obwohl es der Perspektive eines Lebens jenseits
des Zwanges zur Arbeit widerspricht.
Elsässer: Noch einmal zu den psychsozialen Paralellen der
linken und rechten Kämpfer. Norbert Elias macht in seinen "Studien
über die Deutschen" darauf aufmerksam, daß die Habitusentwicklung
der Deutschen nicht mit der in zivilisierten Nationen Schritt hielt. In
den westlichen Nationen bildeten sich im Zuge der Entstehung der bürgerlichen
Gesellschaft Formen einer unblutigen Streitkultur heraus, während
man sich in Deutschland bis zum Ende des letzten Jahrhunderts schlug. Das
Idealbild in England ist der Gentleman, das heißt: der sanfte Mann.
In Deutschland hatte der Burschenschaftler mit dem Schmiß ein vergleichbares
Renommée.
Müßten Linke aus dieser Rückständigkeit Deutschlands
nicht die Konsequenz ziehen, Militanz nur sehr vorsichtig einzusetzen,
um die Unzivilisiertheit nicht auch noch zu befördern? Anders gesagt:
Wenn Scheiben klirren, habe ich immer ein ungutes Gefühl - es erinnert
mich an die Reichskristallnacht.
Bozic: Oje! Bei der Revolution möchte ich bitte nicht mit
dir an derselben Barrikade eingeteilt werden. Also, ich sehe das anders:
Die Linke in der BRD geht beim Einsatz von Gewalt sehr behutsam vor. Spätestens
nach der Ermordung des US-Soldaten Pimenthal durch die RAF Mitte der achtziger
Jahre gab es eine breite und selbstkritische Diskussion.
Vogel: Die Rückständigkeit zeigt sich doch genau andersrum:
In Frankreich etwa werden die Leute bei Kämpfen sehr viel schneller
und selbstverständlicher militant als hierzulande. Die Zurückhaltung,
das Betont-Gewaltfreie erscheint mir eher als ein deutsches Spezifikum.
Elsässer: Die Frage ist, ob das Dogmatisch-Gewaltfreie und
das Autoritär-Militärische in Deutschland nicht zusammenhängen,
so daß sich periodisch der masochistische Untertan in den sadistischen
Krieger verwandelt. In zivilisierten Gesellschaften hingegen ist die Unterordnung
unter den Staat lockerer, und ebenso ist die Militanz weniger diszipliniert.
Man sieht es schon am Namen: In Deutschland nannte man sich großkotzig
Rote ARMEE Fraktion, darunter machte man's nicht, in Italien nannte man
sich bescheidener Rote Brigaden. Und außer den Brigaden gab es noch
ein paar tausend Arbeiter, die sich militant und zum Teil bewaffnet gegen
ihre Bosse zur Wehr setzten. Das nenne ich Zivilcourage auf proletarische
Art.
Bozic: Die italienische Linke in allen Ehren - aber der jetzt
von dir skizzierte Widerspruch Malocher contra Bosse, der relativ einfach
per Knieschuß zu lösen ist - das ist genau das dualistische
Weltbild, das auch Leute wie Diesner im Kopf haben. Von diesen Vereinfachungen
- Mensch oder Schwein, Gut oder Böse - müssen wir wegkommen.
Elsässer: Pardon, einige Dinge sind sehr einfach, und Marx
hat sie auch schön zugespitzt: Hauptwiderspruch ist Arbeiter contra
Kapitalist. Diese richtige Vereinfachung ist leider post Marx verdreht
worden, plötzlich hieß es Partei contra Staat beziehungsweise
Nation contra Imperialismus. Aber die Wut der Arbeiter ist emanzipatorischÖ
Fahs: ... solange sie nicht nur die Personifizierungen ihres
Elends angreifen, sondern auch die dahinterstehenden Verhältnisse
zum Tanzen bringen.Das schafft linker Antikapitalismus leider nur selten,
der Antikapitalismus von rechts schafft es nie. Genausowenig wie sich der
Antikapitalismus der Faschos gegen deutsche Unternehmer - das sind nämlich
Volksgenossen - richtet. Statt dessen aber um so mehr gegen das internationale
Finanzkapital - und von da zum internationalen Finanzjudentum ist es nicht
weit.
Bozic: Dein Hauptwiderspruch ist doch sonst die Nation. Und jetzt
machst du wieder den Marxisten und verteidigst den deutschen Arbeiter als
revolutionäres Subjekt?
Elsässer: Weil der Staatsbürger oder Nationalbürger
die versteinerte Form des sozialen Subjekts ist. Die muß als erstes
gesprengt oder wenigstens mürbe gemacht werden, deswegen antinational.
Aber wenn, wie in Italien, proletarische Subjektivität noch nicht
völlig versteinert ist und sich regt, ist das doch klasse.
Bozic: Die post-fordistischen Arbeitsverhältnisse lassen
eine genaue Bestimmung von Ausbeuter und Ausgebeutetem immer weniger zu.
In vielen selbstverwalteten Kleinbetrieben - wie etwa bei der Jungle World
- beuten sich die Unternehmer selber aus. Man muß doch mal einsehen,
daß sich da seit Marx etwas verändert hat.
Elsässer: Die italienischen Arbeiter wehrten sich gegen
die Vorarbeiter und Meister, die sie hetzten und antrieben, und gegen die
Chefs, die sie auf die Straße setzten.
Vogel: Vielleicht muß man zwei Stoßrichtungen des
proletarischen Protests unterscheiden: Der eine richtet sich gegen Schinderei
und Plackerei, letztlich gegen die Arbeit überhaupt - wie beispielsweise
im Operaismo der siebziger Jahren in Italien vertreten. Der andere fordert
"Arbeit her!", fußt auf dem protestantischen Arbeitsethos und einem
entsprechenden patriarchalen Männerbild, wie es im Held der Arbeit
zum Ausdruck kam. Und findet man das einigende Band zwischen Deutscher
Arbeitsfront und DGB Ö
Bozic: ... sowie zwischen Diesner und der traditionellen Linke.
Die undogmatische Linke, die Spontis und Autonomen, haben das protestantische
Arbeitsethos nie verteidigt, sondern immer dem "dolce far niente" gefrönt.
Elsässer: Oder dem gesunden Landleben in Gorleben.
Bozic: Man kann es drehen und wenden wie man will: Die einfachen
Weltbilder sind falsch. Es gibt nicht "Wir" und "Die". Die Linken, also
wir - wir sind Teil des Problems. |