Jürgen KuczynskiAscheIn Luxemburg gibt es keine Krematorien. Deshalb benutzen Luxemburger die Krematorien in Metz und Strasbourg. Von dort wird die Asche wieder zurückgeführt. Jedoch wird an der Luxemburger Grenze eine Wertzuwachssteuer auf die Asche erhoben. Frage: Ist diese berechtigt? Kann man behaupten, daß die Asche einen Wertzuwachs gegenüber der Leiche darstellt? Vom Standpunkt der Politischen Ökonomie aus, ja. Denn: Zweifellos fand sowohl auf dem Transport als auch im Krematorium eine Übertragung von c (fixem Kapital), zum Beispiel durch Abnutzung der Eisenbahn wie auch der Krematoriumseinrichtungen, statt. Noch viel größer wohl war die Übertragung von, wie Marx es nennt, lebendiger Arbeit auf die Leiche, insbesondere während ihres Transformationsprozesses. Wenn man also davon ausgeht, daß in der letzten Zeit allgemein im Welthandel die protektionistischen Tendenzen zugenommen haben, und wenn man sich darüber klar ist, daß innerhalb der EWG die Handelskonkurrenz wesentlich intensiver geworden ist, und daß das ganz besonders für den Agrarsektor gilt, und wenn man sich historisch überlegt, daß der Prozeß der Chemisierung der Landwirtschaft schon in der Antike Verwendung von Asche miteinschloß, dann wird einem diese Wertzuwachssteuer an der Luxemburger Grenze vom ökonomischen Standpunkt aus durchaus verständlich sein. Vom moralisch-politischen Standpunkt aus betrachtet, ist Luxemburg aber eine Feste des westeuropäischen Monopolkapitals. Zahlreiche große Monopole haben dort, zum Teil aus steuerlichen Gründen, ihren Sitz. Bedenkt man nun, daß Werktätige die Kosten einer Verbrennung in so großer Entfernung wie Metz oder Strasbourg gar nicht aufbringen können, dann ist ganz offenbar, daß nur auf die Asche von Monopolisten und ihnen Nahestehenden eine Wertzuwachssteuer erhoben wird. Also ist die Frage: Sind Monopolisten, vom moralisch-politischen Standpunkt aus untersucht, als Asche wertvoller als im normalen Leichenzustand? Zweifellos nimmt ein Monopolist als Asche weniger Raum ein als im normalen Totenzustand. Aber darin ein moralisch-politisches Kriterium zu sehen, erscheint mir kleinbürgerlich. Auch wenn der ganze Systemzusammenhang noch nicht bis ins letzte durchdacht ist, kann man doch, vor allem unter Berücksichtigung der polit-ökonomischen Erwägungen sagen: Die luxemburgische Wertzuwachssteuer auf Krematoriumsprodukte scheint in der gegenwärtigen historischen Situation vollauf gerechtfertigt. Nun handelt es sich im Vorangehenden nur um eine Untersuchung der Berechtigung
der Wertzuwachssteuer auf Asche von der Quelle her. Wie ich aber schon
1927 in meinem Buch über den Staatshaushalt nachgewiesen habe, kommt
es bei einer Steuer nicht nur auf die Quelle, sondern auch auf die Verwendung
an. Unter diesem Gesichtspunkt muß es sehr zweifelhaft sein, ob diese
Steuer in einem monopolkapitalistischen Staat irgendwie gerechtfertigt
werden kann. Es sei denn, man verwandelt sie in eine Zwecksteuer in dem
Sinne, daß ihre Erträge für eine bestimmte allgemein nützliche
Sache Verwendung finden. Man könnte sich zum Beispiel vorstellen,
daß Kinderkrippen dafür eingerichtet werden und so aus der Asche
der Monopolisten zwar kein Phönix, wohl aber Kinderkrippen sich ergeben.
In diesem Fall wäre auch die Frage nach der moralisch-politischen
Berechtigung der Wertzuwachssteuer auf Asche auf das glücklichste
gelöst.
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