Revolution der SittenDer vielleicht größte Erfolg der EZLN: Die Zersetzung der patriarchalen Strukturen in den indigenen GemeindenAm 1. Januar 1994 besetzten notdürftig bewaffnete chiapanekische Indigene, die bis dahin als billige Arbeitskräfte für die Haziendabesitzer gedient hatten, mehrere Dörfer und Städte des Bundesstaates, um "Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie" und den Sturz des Partido Revolucionaria Institucional (PRI) zu fordern, der Partei, die seit mehr als 70 Jahren in Mexiko an der Macht ist. Daß in den Reihen der Aufständischen auch Frauen in Erscheinung traten, zeigte, daß das Bild der Vergangenheit Risse bekommen hatte. Auch die ehemals unterwürfigen Dienstbotinnen und die barfüßigen, mit Kindern und Hunger beladenen ambulanten Verkäuferinnen hatten sich bewaffnet, um "unser Wort zu sagen, damit sie uns zuhören". Auf diese Weise begann ein revolutionärer Prozeß, der heute, drei Jahre nach seinem bewaffneten Ausbruch, in den Gemeinschaften von Chiapas weiter voranschreitet. Der Raum, der für die indigene Frau "geöffnet" wurde, ist vielleicht einer der größten revolutionären Erfolge der symbol- und bedeutungshaltigen EZLN gewesen. Und selbst wenn es nur durch den plötzlichen Ausbruch am 1. Januar 1994 gewesen wäre, als sie, denen die Gewohnheit vorschreibt, daß sie von ihrem Vater für ein paar Flaschen Schnaps oder eine Kuh verkauft werden, sie, die Indias, die, wenn sie vergewaltigt worden sind, den von der Verpflichtung zur Brautgabe freigestellten Vergewaltiger heiraten müssen, sie, die Mißhandelten, die Vergessenen unter den Vergessenen, die zum Schweigen und zum Schmerz Verurteilten, "Ya basta!" riefen. Und zwar ihr eigenes "Ya basta!" Die "auténticos coletos" - die weißen Einwohner von San Crist-bal - versicherten an diesem 1. Januar, daß die Guerilleros und Guerilleras Ausländer wären, da es unmöglich sei, daß "ihre kleinen Indianerinnen" - die Benutzung des Possessivpronomens und der Verkleinerungsform spricht für sich selbst -, die doch sonst immer so untertänig gewesen wären, an der Besetzung der Stadt teilgenommen hätten. Nach und nach mußten sie allerdings diese Tatsache akzeptieren. Die symbolische Bedeutung der Tatsache, daß Frauen an der Spitze der Guerilla in Erscheinung traten, stellte von Anfang an einen Bruch mit einer unabänderlich scheinenden Vergangenheit der Halbsklaverei und vollkommenen Unterwerfung des weiblichen Geschlechts dar. Schon am Anfang, als der Guerillakern kaum zehn Personen umfaßte, stießen junge Frauen hinzu, um sich bewaffnet ausbilden zu lassen. 1984 die damals sechzehnjährige Ana Mar'a, einige Jahre später Maribel und andere. Alle diese jungen Frauen waren damit beauftragt, in den Dörfern zu zeigen, daß "die Frau das auch kann". Und viel Frauen ließen sich davon anregen und schlossen sich der Guerilla an. In der EZLN lernten die Muchachas als erstes spanisch sprechen, lesen und schreiben. Danach gaben sie ihr erworbenes Wissen in den Gemeinschaften weiter. Maribel, "Hauptfrau" der Aufständischenarmee, erzählt: "Wir mußten die Compa-eras zusammenbringen, und wir erklärten ihnen: ÝWir kämpfen, weil etwas getan werden muß, bevor wir vor Hunger sterben oder uns die Krankheiten zerstören.Ü Dann kümmerten sich zum Beispiel die Frauen vom Gesundheitsdienst der EZLN darum zu erklären, was Gesundheit ist, wie den Krankheiten vorgebeugt werden kann, da es ja nicht genügend Arzneimittel und Ärzte in den Gemeinschaften gibt. Und wir gaben gleichzeitig politischen Unterricht." Maribel fährt fort: "Wir - die klandestine Organisation der EZLN - forderten von den Compa-eros der Dörfer, daß sie zulassen sollten, daß sich die Frauen organisieren, daß sie Verantwortung übernehmen, etwas tun sollten, und nicht nur die Männer. Denn immer, wenn wir in die Gemeinschaften kamen, gab es nur Männer bei den Treffen oder in den Studienzirkeln. Wir haben viel dafür getan, damit sich die Frauen erhoben und ihre Chance erhielten, etwas zu tun; sie selbst wollten das. Sie sagten: ÝWenn die Männer studieren und Neues lernen, warum dann nicht auch wir?Ü" Zwischen den Aufständischen wie Maribel, die fließend Spanisch sprechen, und ihren Müttern in den Dörfern mit traditioneller Lebensweise liegt nicht nur eine Generation, sondern ein ganzer Abgrund. Hosen zu tragen war den indigenen Sitten zufolge etwas Unvorstellbares. Waffen in die Hand zu nehmen und Männern Befehle zu erteilen, erschien noch skandalöser. Ganz zu schweigen davon, den Partner selbst zu wählen, sich zu verheiraten, sich zu trennen, Verhütungsmittel zu benutzen. Es ist keineswegs zufällig, daß einige junge Frauen der Guerilla beitraten, um einer aufgezwungenen Ehe zu entfliehen. Dies ist zum Beispiel bei der Hauptfrau Irma der Fall, die sich als zu jung ansah, um mit einem Mann zusammenleben, der ihr nicht gefiel, und deshalb in die Berge ging. Den Männern fallen diese Veränderungen nicht leicht. Einige, die bewußtesten, haben ihre Frauen aufgemuntert, den Herd zu verlassen und an den Versammlungen teilzunehmen. Oft wollten auch die Frauen nicht so recht, sie schoben Scham, Angst, Unwissen und Desinteresse vor. Wenn sie dann aber doch die ersten Schritte taten und den Mann zu Hause ließen, um zu einer Versammlung zu gehen, dann wurde dieser wütend. "Aber dieser Konflikt bleibt nicht mehr in der Familie", erklärt Norma. "Die Frau kann jetzt den Mann verklagen, dafür gibt es das Revolutionäre Frauengesetz, früher ging das nicht, wenn sie etwas sagte, schlug er sie nur noch mehr." Der Prozeß der weiblichen Organisierung während eines Jahrzahnts der Klandestinität konkretisierte sich schließlich einige Monate vor Beginn des Krieges, am 8. März 1993, mit dem Revolutionären Frauengesetz, das ein Ergebnis der Frauenversammlung der mit den Rebellen sympathisierenden Dörfer ist. Das Gesetz wird unter den zapatistischen Basen verkündet und am 1. Januar über die besetzten Radiosender bekanntgegeben. Ab dem 1. Januar 1994 und der öffentlichen Bekanntmachung dieses Gesetzes setzt ein Diskussionsprozeß in den Kooperativen der Kunsthandwerkerinnen und Bauernorganisationen ein. Die indigenen Frauen, deren Leben durch den bewaffneten Konflikt in Aufruhr geraten ist, erleben erstmals in ihrer Geschichte, wie eine Frau wie sie, arm wie sie, Analphabetin wie sie, genau wie sie mit einem blumenbestickten Gewand bekleidet, mit einem pasamonta-as über dem Kopf der Regierung gegenübertritt, um den Frieden auszuhandeln: Die Kommandantin Ramona setzte sich neben Subcomandante Marcos, um auf Tzotzil - sie spricht kaum Spanisch - eine würdige Wohnung, Arbeit, Land, Ausbildung, Gesundheit, Ernährung, Kliniken für Frauen von dem weißen, mit Krawatte und Macht ausgestatteten Regierungskommissionär zu fordern. "Ramona öffnet uns den Weg", erklärten indigene Frauen auf einer Versammlung, auf der die Lage im Bundesstaat diskutiert wurde. Auch die Anwesenheit einer 26jährigen Cholin, die mit einem Schnellfeuergewehr bewaffnet an der Besetzung von San Crist-bal teilnahm, war nicht unbemerkt geblieben. Es handelte sich dabei um die "Oberste" Ana Mar'a. Sie hatte den Oberbefehl über alle Guerillagruppen, mehrere Tausend Männer und Frauen, die diese Stadt einnahmen. Am 8. März 1996 führten die rebellischen indigenen Frauen des Bundesstaats Chiapas anläßlich des Internationalen Frauentags eine Demonstration in San Crist-bal de las Casas durch. Für viele war es das erste Mal, daß sie die Stadt betraten. Ihre Männer waren in den Gemeinschaften zurückgeblieben, um sich um die Kinder und die Hausarbeit zu kümmern, während sie auf ihre Demonstration gingen. Und dies in San Crist-bal, der weißen, von den Spaniern auf Rassismus und Ausbeutung gegründeten Hauptstadt. Tausende von indianischen Frauen, die erstmals in ihrem Leben in den Vordergrund des Geschehens gerückt waren, überfluteten die Straßen mit ihren Rufen, Parolen und Transparenten. Zur Vorbereitung dieser Demonstration hatte sich einige Tage zuvor eine große Zahl von Frauen aus den Dörfern und Völkern der aufständischen Geographie von Chiapas versammelt. Danach setzten sie die Versammlung fort und beschlossen, eine Reihe von Punkten zusammenzutragen, um das Revolutionäre Frauengesetz zu erweitern. Einige dieser Gesetzesvorschläge lösten Alarm unter den städtischen Feministinnen aus. Die indigenen Frauen hatten nämlich z.B. beschlossen, daß "es den verheirateten Männer und Frauen, mit welcher Zeremonie auch immer die Trauung stattfand, durch das Revolutionäre Frauengesetz verboten wird, ihre/n Ehefrau/-mann ohne berechtigte Gründe zu verlassen oder sich mit einer anderen Frau oder einem anderen Mann zusammenzutun, ohne daß es zuvor zu einer normalen Scheidung gekommen wäre". Dieser auf den ersten Blick vielleicht schockierende Vorschlag kann für die indigenen Frauen durchaus einen Fortschritt bedeuten, wo sie sich doch seit Jahren an die Polygamie ihrer Ehemänner und die Verletzung der Unterhaltspflicht gegenüber ihren Kindern gewöhnen mußten. Zudem wird in diesem Gesetzesvorschlag klar, daß die Scheidung akzeptiert wird, was bis dato undenkbar gewesen war. Und sie fügen sogar hinzu: "Wenn es zu Trennungen in den Ehen kommt, müssen das Land und der gesamte Familienbesitz zu gleichen Teilen zwischen Mann und Frau oder den Kindern aufgeteilt werden." Bis dahin hatte der Ehemann alles für sich behalten. Die indigene Frau hat in der traditionellen Gesellschaft kein Recht auf Land. Deshalb beschlossen sie in einem anderen Abschnitt: "Die Frauen haben ein Recht darauf, Land zu besitzen, zu beerben und zu bearbeiten." Als einen weiteren historischen Fortschritt ist auch folgender Punkt zu zitieren: "Die verheirateten Frauen haben das Recht, die künstlichen oder natürlichen Empfängnisverhütungsmethoden zu benutzen, für die sie sich entscheiden, ohne daß sich der Mann dem widersetzen kann. Er muß vielmehr dafür Verständnis zeigen und mit der Frau zu einer Übereinkunft kommen." Um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie tief die Nacht war, aus der diese Frauen hervorgekommen sind, ist noch auf einige andere Vorschläge zur Erweiterung des Gesetzes hinzuweisen: "Keine Frau darf von ihrem Mann mißhandelt, beleidigt oder geschlagen werden, weil sie keine Söhne gebärt." Oder: "Die Frau hat ein Recht auf Vergnügen und darauf, ihr Dorf zu verlassen, um andere Orte des Bundesstaates, des Landes und der Welt kennenlernen." Ein Satz der Tzotzilin Pascuala gibt am besten die Bedeutung wieder, die die durch die EZLN ausgelöste Revolution für die indigenen Frauen gehabt hat - die Revolution einer Guerilla, die von Anfang an erklärte, daß sie sich bewaffnet erhoben hat, um das Wort zurückzugewinnen, um aus dem Vergessen zu treten, und die nach den ersten zwölf Tagen des Krieges keinen einzigen Schuß mehr abgefeuert hat, aber die Macht in Schach hält und ihren revolutionären indianischen Prozeß vorantreibt. Pascuala erklärt: "Unser Herz ist nicht mehr dasselbe und unser Denken auch nicht. Meine Großmutter und meine Mutter starben im Schweigen, sie hatten nichts anderes gekannt als die Farben des bunten Überwurfs der Jungfrau des Rosenkranzes. Meine Töchter schlafen heute immer noch hungrig und krank auf dem nackten Boden, aber der Frieden, den wir heute wollen, ist ein anderer, auch wenn wir noch lange gehen müssen, um ihn zu erreichen. Ich kann dabei sterben, aber mein Herz und mein Denken haben sich verändert, es herrscht nicht mehr das Schweigen."
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