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Zapatismus ist für alle da 

Von der Spendenbüchse zum Internationalismus - über die Wandlungen der EZLN-Solidaritätsbewegung 

"An das Volk von Mexiko", ist die Erste Erklärung aus dem Lacandonischen Urwald, die Kriegserklärung der Zapatistas vom 1. Januar 1994 an die mexikanische Regierung, überschrieben. Der Adressat der Zweiten Erklärung ein halbes Jahr später lautet: "An das Volk von Mexiko. An die Völker und Regierungen der Welt." Daß die Guerilleros aus Chiapas, dem bis dato unbeachtesten mexikanischen Bundesstaat, auf einmal die ganze Welt ansprachen, war kein Zeichen von überheblicher Selbstinszenierung, sondern das Resultat einer für die Zapatistas unerwarteten Wendung des Konfliktes. Die bewaffnete Rebellion einiger tausend Ind'genas in Südmexiko fand weltweit ein außergewöhnliches Echo in den Medien und eine fast ungeteilte Sympathie. In vielen Ländern Europas und in Nordamerika wurden mexikanische Botschaften besetzt, Demonstrationen und Informationsveranstaltungen organisiert, um gegen eine drohende militärische Niederschlagung der Rebellion zu protestieren. 

Seitdem sind dreieinhalb Jahre vergangen, und vieles stellt sich in Mexiko heute ganz anders dar, als damals erhofft. Die Staatspartei PRI (Partei der institutionalisierten Revolution) stellt im 68. Folgejahr immer noch den Präsidenten, auch wenn ihr Machtmonopol angeschlagen ist. Der Neoliberalismus regiert weiterhin die Wirtschaftspolitik, auch wenn seinen Versprechen von Wohlstand und Glück niemand mehr glauben mag. Und die EZLN ist noch immer eine regional verankerte Bewegung. 

Doch die EZLN und mit ihr die internationale Solidaritätsbewegung haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Aus der ursprünglichen Planung eines bewaffneten Aufstandes mit dem Ziel des Sturzes der Regierung wurde die Aufforderung der EZLN an andere oppositionelle Kräfte, sich selbst zu organisieren, mit den eigenen Mitteln zu kämpfen und in einen Dialog zu treten. Erster Ausdruck dieser neuen Strategie war die Convenci-n Nacional Democr‡tica im August 1994, als sich über 6 000 Oppositionelle aus ganz Mexiko aufmachten, um gemeinsam mit den Zapatistas zu diskutieren, wie sie sich das PRI-Regime vom Hals schaffen könnten. Die Bewegung begann sich zu vernetzen. 

Anfangs fungierten die internationalen Solidaritätsgruppen vor allem als Spendenbüchse und Informationsorgan der EZLN. Die AktivistInnen widmeten sich mit Hingabe der Übersetzung von Marcos-Kommuniqués und der Organisation von Soli-Fiestas. Als politischer Minimalkonsens galt, daß die Zapatistas in ihrem Kampf unterstützt werden müßten, darüber hinaus gab es auf den Treffen wenig zu besprechen, und das politische Spektrum unter den Solidarischen war ungewöhnlich breit. Die Zapatistas hatten für alle ein Zuckerchen parat, das sie überzeugte, die EZLN sei genau auf ihrer Linie: Haßkappen für die Autonomen, ein "Revolutionäres Frauengesetz" für die Feministinnen, hochkalibrige Knarren für die Anti-ImperialistInnen, farbenfrohe Trachten für die IndianerfreundInnen, Bauernguerilla für die Maoisten, Antistalinismus für die Trotzkisten etc. pp. ...ffentlich erklärte Subcomandante Marcos außerdem, der Zapatismus sei keine neue Ideologie, sondern für alle da. 

Im Januar 1996 riefen die Zapatistas dann zum "Ersten Interkontinentalen Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus" auf und veränderten damit das Koordinatensystem der Solidaritätsbewegung. Adressaten des Treffens waren nicht mehr hauptsächlich die Mexiko-Gruppen, sondern die sozialen und politische Bewegungen der Linken, auch wenn diese erst mal nicht reagierten. Die neue Parole hieß: "Gegen die Internationale des Schreckens, die der Neoliberalismus darstellt, müssen wir die Internationale der Hoffnung aufstellen." 

Besonders neu ist die Idee nicht. Der momentan wieder hoch im Kurs stehende Comandante Che Guevara hatte schon 1967 erklärt: "Schließlich muß man berücksichtigen, daß der Imperialismus ein Weltsystem, die letzte Stufe des Kapitalismus ist. Er muß in einer großen weltweiten Auseinandersetzung besiegt werden." 

Spannend war der Aufruf der Zapatistas wegen zweier Faktoren: Erstens gab es nach dem Zerfall des realen Sozialismus und der damit verstärkten Krise der Linken erstmals wieder so etwas wie einen Hoffnungsschimmer in der allgemeinen Ratlosigkeit. Und zweitens entsprach das plurale, offene Konzept des Treffens dem, was viele Restlinken aus dem Scheitern des realen Sozialismus als Lektion gezogen zu haben schienen: Bloß keine führende Rolle der Partei mehr und bloß keine verbindliche politische Linie! 

So kamen Ende Mai 1996 über 1 000 Menschen zum europäischen Treffen gegen den Neoliberalismus in Berlin und über 3 000 im August desselben Jahres zum ersten "Intergalactico" in den Lacandonischen Urwald in Chiapas. Und auch das Zweite Interkontinentale Treffen in den letzten Tagen in Spanien lockte jede Menge Linke an. Doch die hohen TeilnehmerInnenzahlen können über vier Probleme nicht hinweg täuschen. Trotz vieler Diskussionsbeiträge aus allen Ecken der Welt ist bisher kein wirklicher Dialog entstanden, die Treffen muten eher an wie ein Jahrmarkt der linken Möglichkeiten. Trotz des großen Interesses haben sich bis jetzt real sehr wenige funktionierende und verankerte Organisationen und Gruppen in den Prozeß der Treffen eingebracht. Trotz des intergalaktischen Anspruchs versammeln sich hauptsächlich Westeuropäer und Nordamerikaner, den Gruppen aus dem Trikont und Osteuropa mangelt es an Finanzen und Informationen. Und viertens: Trotz der vielen TeilnehmerInnen an den Treffen gibt es - zumindest in Deutschland - gerade eine Handvoll arbeitende Solidaritätskomitees, die mit ihrer Arbeit völlig überlastet sind. 

  • Boris Kanzleiter

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