Die mexikanische BürgerbewegungDie Zapatisten vertreten die Doktrin des globalen Marktes. Von Klaus Wehmeier16bWenn Linke heute Hoffnungen und Energien in die Unterstützung von Bewegungen in der "3. Welt" investieren, geschieht das mit der großen Geste der von Leben und Geschichte Ernüchterten. Abgeklärt hält man sich den Verzicht auf eine Reihe von Ismen zugute. Dazu gehört auch der Paternalismus früherer Solibewegungen. Die strategische Unterordnung des konkreten Leidens und Aufbegehrens unter einen allgemeinen Plan der revolutionären Aufhebung ist inzwischen als repressive Masche zur Gängelung der emanzipativen Potentiale des vorgeblichen Besonderen denunziert. Wie überall, wo Moral über Erfahrung und Einsicht triumphiert, tritt auch hier das schlechte Gewissen seine Herrschaft an. Wer kennt nicht die Klagen linker EZLN-Aficionados über den penetranten Patriotismus der Zapatisten, über Ethno-Kult und Ikonisierung ihrer Galionsfigur, über die, als naiv verharmloste, Idealisierung von Demokratie und Zivilgesellschaft. Vom antipaternalistischen Gewissen gedrückt, werden diese Klagen nur unter der Hand und kaum öffentlich geäußert. Schlimmer noch: Die krassesten Formen imperialistischer Ideologie werden in Form von Prosastücken des Subcomandante kommentarlos verbreitet. In einem von Marcos verfaßten Kommuniqué an die Soli-Bewegung (in Land & Freiheit Nr. 33) wird ein Gespräch zwischen einem "als mexikanischen Beamten verkleideten Händler" - gemeint ist der mexikanische Außenminister - und einem "ausländischen Gastgeber" phantasiert. Der ehrenwerte Vertreter der Zivilgesellschaft hält dem "fliegenden Händler" einen Vortrag über die Einhaltung von Verträgen und gibt ihm folgenden Rat: "Wenn die mexikanische Regierung eine Aufsplitterung fürchtet, sollte sie das Beispiel anderer Länder berücksichtigen, die ihre Autonomien anerkannt und einen gesetzlichen Rahmen gegeben haben und nicht auseinandergefallen sind. Eher im Gegenteil, die Länder, die es nicht so gehalten haben, sind in viele Teile zerfallen." Als ob nicht der Zerfall der SU und Jugoslawiens wesentlich auch auf die Autonomie konservierter "Nationalitäten" zurückzuführen ist. Eindeutig nimmt der Subcomandante hier die deutschen Propagandaphrasen von den osteuropäischen "Völkergefängnissen" ernst und spekuliert auf ein deutsches bzw. europäisches Ticket zur Machtbeteiligung. Die Zapatisten wollen aber gar nicht die Macht, sie verzichten sogar ausdrücklich darauf. Erleichtert fällt den zwischen antipaternalistischen Gewissensbissen und politischer Einsicht hin- und hergerissenen Alemano-Zapatistas ein, daß der EZLN alle Macht der Zivilgesellschaft zu Füßen legen möchte. Auch dies ein Topos aus dem affirmativen Newspeech der "neuen Weltordnung", aber was soll's. Mexiko ist weit, vielleicht sehen die Dinge bei besserem Wetter ganz anders aus, und die Leute dort sollen ja noch nicht solche knechtischen Staatsbürger sein wie hierzulande. Da wird auch der nochmalige Hinweis auf den zur Schau gestellten Patriotismus schnell als paternalistische Besserwisserei durchschaut und die schüchtern gestellte Frage, ob nicht die negative Kennzeichnung der Machthaber als "fliegende Händler" und "nationale Ausverkäufer" strukturelle Ähnlichkeit mit antisemitischer Hetze habe, als intellektuelle Spitzfindigkeit in die Sektiererecke verbannt. Zapatisten-Texte publizieren, aber sie nicht selbst lesen, scheint eine Devise linker Soli-Aktivisten zu sein. Würden sie die Texte nämlich lesen, fänden sie schnell heraus, daß Zivilgesellschaft dort für alle politischen Gruppierungen steht, die durch die bisherigen Staatspartei PRI von der Macht ausgeschlossen wurden. Schnell stellten sie fest, daß keine sozialen oder politischen Forderungen erhoben werden, erst recht keine nach Abschaffung des kapitalistisch bedingten Elends. "Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit", die politische Doktrin des globalen Marktes - nur der Subcomandante kann sie pathetischer einfordern als Kohl, Clinton oder die derzeitigen Machthaber in Mexiko. Liest man die Zapatisten-Texte in chronologischer Reihenfolge fällt das nahezu völlige Verschwinden der anfangs expressiven Schilderungen des Elends auf; an deren Stelle sind Beschreibungen fehlender Demokratie und politischer Unterdrückung durch die PRI getreten. Gelegentlich taucht noch die Forderung nach "Autonomie" für die indianische Bevölkereung auf, jedoch stets ohne inhaltliche Definition. Prominente Sympathisanten des EZLN weisen gern auf dessen Verwandtschaft mit den osteuropäischen "Bürgerbewegungen" vor 1989 hin. Wie diese trete der EZLN gegen die nicht allgemein legitimierte, personifizierte Macht einer mumienhaften Staatspartei an und leite damit eine nationale "Wende" ein. Mit dieser Einschätzung haben sie wohl recht. Daß allerdings an die Stelle der überlebten Macht die unpersönliche, scheinbar aus den Dingen selbst entspringende Herrschaft des "Sachzwanges" zu Tausch und Selbstverwertung treten wird, also die bisher stattgehabte Ausbeutung dann weitgehend ohne die Schminke des unpatriotischen Eigennutzes alternativlos regieren wird, können die Ideologen von Markt, Demokratie und Gerechtigkeit nicht erkennen. Was diesen nicht vorzuwerfen ist, gereicht allerdings antikapitalistischen Linken - und als solche begreifen sich die meisten in der Solibewegung immer noch - zur Bestätigung ihrer schon vor langem abgegebenen theoretischen Bankrotterklärung. Natürlich braucht der totalitäre Markt, die negative Vergleichung der bürgerlichen Subjekte an der Menge ihrer Kaufkraft, die verabsolutierte Konkurrenz eines jeden gegen jeden die rechtliche Gleichheit der "Demokratie, wie die Luft zum Atmen" (Gorbatschow). Eine Aufhebung des kapitalistischen Elends wäre aber auch eine Aufhebung seiner staatlich demokratischen Form. Die zapatistischen Comandantes haben so etwas nie wissen wollen und vielleicht auch nicht wissen können. Als Politiker im Wartestand war ihnen unter den autokratischen Verhältnissen Mexikos eine Partizipation an der Macht vermittels der zivilgesellschaftlichen Spielregeln von vornherein erschwert. Wo die direkte Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch eine "korrupte" Herrschaft die Tauschverhältnisse derart verzerrt, daß auch der Zugang zu den Eliten nicht durch den Vergleich von produktiven Einkommen oder loyal entwickelten Fähigkeiten geregelt wird, bleibt den Ehrgeizigen oft nur der Weg in den Untergrund. Vor 15 Jahren flüchteten die heutigen Zapatistas als Anhänger des traditionellen Arbeiterbewegungs-Revolutionarismus in den lacandonischen Urwald. Als überzeugte Musterdemokraten mit unkonventionellen und innovativen Ideen zur Förderung des nationalen Gesamtwohls traten sie daraus wieder hervor. Ihrer Anhängerschaft bedienen sie sich dabei auf eine recht traditionelle Weise - als Kanonenfutter und Stimmvieh. Doch was bedeutet das schon für die antipaternalistische Sorge um die emanzipative Kraft des vorgeblich Besonderen? |