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Mehr als harmlose Kleinbürgerei 

Die Zapatistische Bewegung bezieht das revolutionäre Denken auf die Resultate der Praxis. Von Lutz Schulenburg 

Heiner Müller läßt in seinem Stück "Der Auftrag", dessen Fabel den Aufstand der Plantagensklaven zur Zeit der Französischen Revolution auf Haiti behandelt, eine seiner Figuren sagen: "Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand. Ich gehe in den Kampf, bewaffnet mit den Demütigungen meines Lebens." Der gescheiterte Revolutionär beendet diesen Monolog mit einem nüchternen Ausblick: "Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen. Mit jedem Herzschlag der Revolution wächst Fleisch zurück auf ihre Knochen, Blut in ihre Adern, Leben in ihren Tod. Der Aufstand der Toten wird der Krieg der Landschaften sein, unsre Waffen die Wälder, die Berge, die Meere, die Wüsten der Welt. Ich werde Wald sein, Berg, Meer, Wüste. Ich, das ist Afrika. Ich, das ist Asien. Die beiden Amerika sind ich." 

Mit dem Aufstand der Zapatisten 1994 ist das Fleisch auf den bleichen Knochen gewachsen. Das schöne Gespenst des Kommunismus und der blind wühlende Maulwurf, die unerwartet in Chiapas auftauchten, haben die kapitalistische Welt mit ihrer Überproduktion von Niedertracht und Hoffnungslosigkeit daran erinnert, daß der soziale Krieg nicht beendet ist. 

Die Botschaft, die von den zapatistischen Aufständischen ausgeht, ist einfach, der darin geforderte geschichtliche Anspruch, durchaus unbescheiden. Etwa in dem, was Ana Mar'a, eine Kommandantin der EZLN, in einem Interview sagte: "... ich spüre nichts bei der Vorstellung tot zu sein. Vielleicht weil wir eh nie existierten oder ernstgenommen wurden. Als wir friedlich kämpften, gab es viele Tote in den Dörfern, Ind'genas sterben an Hunger oder Krankheit. Es ist, als wäre schon immer Krieg, weil es immer viele Tote gab. Jetzt sterben wir, ... um Freiheit und Gerechtigkeit zu erreichen." Oder die Stimme des kollektiven Sprechers: "Wir sind nicht der neue Mann oder die neue Frau. Der Zapatismus ist nicht die neue Welt. ... Er ist die Lust auf den Kampf für Veränderung, um alles zu verändern, einschließlich uns selbst. Wir sind Männer und Frauen, die verändern und sich selbst verändern wollen, und wir sind Männer und Frauen, die zu allem bereit sind, um das zu erreichen. Wir fordern euch nicht auf, in uns das zu sehen, was ihr gerne sein wollt oder was ihr meint sein zu sollen." 

Den Zapatisten ist gelungen, was jede revolutionäre Formation, jede soziale Bewegung zu lösen hat, will sie sich als kollektive Kraft konstituieren: an die Erfahrungen, die den Individuen als historisches Erbe mitgegeben sind, anzuknüpfen, und den lebendigen Teil der Traditionen von der folkloristischen Metaphysik abzuspalten, so daß das Bewußtsein für Selbstorganisation und kommunale Eigenverantwortung sich zugleich stärkt und erneuert; die Zapatisten haben die lokalen Bedingungen und die darin entwickelten Formen der Praxis angenommen. Dieser Prozeß von Annäherung und Verwandlung hat mehr als ein Jahrzehnt gedauert. Und diese Umformung hat die Radikalität und Entschlossenheit hervorgebracht, nicht etwa "das Hineintragen der richtigen Linie" in eine als passiv betrachtete Masse, die es gilt, in gute Parteisoldaten zu verwandeln. Hätte der anfängliche Guerilla-Focus die Konzeption einer militärisch-politischen Avantgarde weiterverfolgt, wäre sie nur eine weitere randständige Sekte im Unterholz geblieben. Eines der wohl schöpferischsten Elemente dieser Bewegung ist, daß sie die ethischen Grundlagen der revolutionären Perspektive wieder ins Bewußtsein gebracht hat, die am Beginn der modernen sozialen Bewegung die Basis hergaben, für das sich bildende kollektive Bewußtsein der Proletarisierten. Es muß deshalb befremden, von linken Kritikern der Zapatisten, trotz ihres vorgeblichen historisch-materialistisches Verständnis von Geschichte, zu erfahren, daß die Forderungen nach Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie wenig mehr seien als harmlose Kleinbürgerei. Es ist nutzlos, gegen die fest hinter ihren Blauen Bänden verbunkerten "Werttheoretiker" anzuschreiben, oder auf die teilweise zeitlosen Klagen über den "Verrat" an den sozialistischen Grundlagen einzugehen, die gegen die Zapatisten ins Feld geführt werden. Dennoch muß daran erinnert werden, daß es die Resultate der Praxis sind, die den realen Bezugspunkt für jedes revolutionäre Denken bilden, und nicht umgekehrt, daß das menschliche Handeln sich nach den theoretischen Einfällen zu richten hätte. 

Die zapatistische Aktion erinnert uns daran, daß das aus der sozialen Bewegung historisch Verdrängte rückholbar ist: die Einheit von menschlicher und sozialer Befreiung. "Für die Menschen", schreibt der Historiker der englischen Arbeiterklasse Edward P. Thompson, "die eine Phase der Geschichte erleben, ist Geschichte nicht ÝfrühÜ oder ÝspätÜ. ÝVorläuferÜ sind immer auch die Erben einer anderen Vergangenheit." 

Wir wissen, daß eine wirkliche soziale Bewegung keine Angelegenheit von Sektierern ist. Nicht nur gilt es eine Vielzahl von Bedürfnissen unterschiedlicher gesellschaftlicher Sektoren zu integrieren, sie muß auch die Fähigkeit entwickeln, aus der Vielschichtigkeit der Vorstellungen, die zusammenfließen, einen kollektiven Handlungswillen herzustellen. Dies ist kein äußerlicher Prozeß, sondern ein innerer, der von den Akteuren selbst geschaffen werden muß. In dieser doppelten Bewegung, in der der Kampf um die virulenten Lebensinteressen mit dem Bruch der gesellschaftlichen Rollen verschmilzt, entsteht das produktive Bewußtsein einer zivilen Gesellschaft, die dem Sozialismus wesentlich ist. Der Schritt, den die Zapatisten gewagt haben, ist für uns nur dann von einer nützlichen Bedeutung, wenn er weder zum Modellfall noch zum Projektionsobjekt wird, sondern eine Herausforderung bleibt: die an unsere Fähigkeiten, unser Wissen und unsere Leidenschaften sinnvoll zu gebrauchen, um den Weg der Freiheit für alle begehbarer zu machen. 

In einem Interview mit der uruguayischen Zeitung Brecha, dem Organ der Tupamaros, sagte Marcos: "Wir sind dabei, eine Revolution zu konzipieren, die dann erst eine Revolution ermöglicht. Wir planen eine Vorrevolution. Deshalb werfen sie uns vor, Revisionisten zu sein oder bewaffnete Reformisten, wie Jorge Casta-eda sagt. Es geht uns darum, eine breite, friedliche oder gewaltsame, soziale Bewegung zu bilden, welche die sozialen Beziehungen dermaßen radikal verändert, daß im Endergebnis ein neuer Freiraum der politischen Beziehungen entsteht. Ich meine, daß der Hauptakteur nicht definiert ist. Deshalb nennen wir ihn Zivilgesellschaft und reduzieren ihn nicht bloß auf Bourgeoisie, Proletariat, Campesinos, Mittelschichten." 

Vielleicht läßt sich so der nicht grundlose Pessimismus in nutzbringende Bahnen lenken, den Heiner Müller einer seiner Figuren im "Auftrag" zuweist und der linken Radikalen nicht fremd sein darf: "Die Revolution hat keine Heimat mehr, das ist nicht neu unter dieser Sonne, die eine neue Erde vielleicht nie bescheinen wird, die Sklaverei hat viele Gesichter, ihr letztes haben wir noch nicht gesehen ..." 


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