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Bill Gates allein zu Haus 

Microsofts Einstieg bei Apple könnte zum Backlash für die Windows-Intel-Allianz werden 

Die Sensation war perfekt. Überlebensgroß erschien Bill Gates himself auf einer Videowand und wünschte der Konkurrenz alles Gute. Zuvor hatte der angeschlagene Computerhersteller Apple den Verkauf eines 150-Millionen-Dollar-Paktes stimmloser Aktien an den Software-Giganten und Erzrivalen Microsoft bekanntgegeben. Die Anhänger des Apple-Betriebssystems Macintosh, die sich letzte Woche zur Fachmesse Macworld in Boston versammelt hatten, reagierten entsetzt und protestierten mit Buh-Rufen gegen den Deal. So mancher der anwesenden Mac-Fans dürfte versucht gewesen sein, sich das T-Shirt mit dem Aufdruck "We fight back for the Mac" vom Leib zu reißen. 

Die Rivalität zwischen Apple und Microsoft, verkörpert durch Gates, währt schon, solange es Personalcomputer gibt. Beide Firmen haben eine legendäre Geschichte, die Mitte der Siebziger in Garagen und Hobbykellern beginnt. Während Apple Mitte der achtziger Jahre mit seinen kleinen, handlichen Geräten und hausgemachtem Betriebssystem erste Massenkäufe von PCs auslöste, überließ Microsoft den Bau der Computer IBM und anderen und lieferte das Betriebssystem MS-DOS. Die intuitive, kinderleichte Benutzerführung der Macs mit den sich öffnenden Fenstern und den lustigen Icons war geeignet, den Kunden die Angst vor der Technik zu nehmen. Der Mac wurde zum Kultobjekt. 

Apple geriet in die Defensive, nachdem Microsoft sein Betriebssystem Windows herausbrachte, das der Bedienungsoberfläche des Mac nachempfunden war. Gemeinsam mit dem Chip-Hersteller Intel konnte Microsoft über 80 Prozent des PC-Geschäfts erobern. Software-Entwickler konzentrierten ihre Energien mehr und mehr auf den kaufkräftigeren Windows-Markt. Auch weltweit geschaltete Anzeigen, in denen sich der frühere UdSSR-Präsident Michail Gorbatschow als Mac-User outete, halfen nicht. Begleitet von firmeninternen Krächen mußte sich Apple zunehmend auf die Marktsegmente der professionellen Nutzer zurückziehen, wo der Mac bis heute noch seine Bastionen hat. 

Seit zwei Jahren versucht Apple, mit einer Radikalkur verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Unter dem Firmenchef Gil Amelio, in der Branche als brutaler, aber erfolgreicher Sanierer bekannt, wurde ein Drittel des Personals entlassen, das Unternehmen vollständig umgebaut und der vor Jahren im Streit ausgeschiedene Firmengründer Steve Jobs als Berater zurückgekauft. Erstmals lizenzierte Apple seine Systemsoftware an andere Computerhersteller. Ein völlig neues Betriebssystem, das unter dem Namen Rhapsody ab 1998 sowohl auf Mac-Power-PCs als auch auf Intel-PCs läuft, soll Windows Konkurrenz machen. 

Die neue Strategie brachte ein paradoxes Zwischenergebnis: Die preisgünstigen Mac-Clones der Hersteller Umax (Taiwan) und Motorola (USA) bedrohen zwar den Absatz der Geräte mit dem bunten Apfel-Logo, so daß der Anteil von Apple am Markt weiterhin schrumpfte. Durch die Präsenz der Clones konnte aber inzwischen der Marktanteil des Mac-Betriebssystems weltweit gesteigert werden. Infolge der Umstrukturierung durch Amelio sanken Apple-Aktien in New York im Juli des Jahres auf das historische Rekordtief von 12,75 Dollar. Obwohl die Verluste im zweiten Quartal 1997 nur noch bei rund 50 Millionen Dollar lagen - statt erwarteter 100 Millionen - mußte Amelio Ende Juli seinen Hut als Chief Executive Officer nehmen. Noch Anfang letzter Woche schien es, als sei die einstige Kult-Firma am Ende und allenfalls als Objekt eines feindlichen Take-over tauglich, etwa durch Hewlett-Packard. 

Das plötzliche, spektakuläre Interesse Microsofts an den Apple-Aktien hat mehrere Gründe. Sicher ist richtig, daß Bill Gates' Unternehmen beim Ausscheiden Apples als Betriebssystem-Konkurrent allein auf dem PC-Markt dastünde und deshalb Schwierigkeiten mit der US-Kartellbehörde bekommen würde. Interessanter ist jedoch, daß Microsoft weiterhin die Portierung seiner Office-Programme für den Mac zusichert und somit das Vertrauen in das neue System Rhapsody stärkt. 

Die wohl wichtigste Vereinbarung aber betrifft Apples Hilfe bei jenen Anwendungen, die auf der Programmiersprache Java des US-Konzerns Sun basieren. Software, die in Java programmiert wird, kann leicht an verschiedene Betriebssysteme angepaßt werden und spart Entwicklungskosten. Microsofts Windows-Programme verstehen sich schlecht mit dieser Schlüsseltechnologie, die ausgerechnet im Internet-Geschäft boomt; Apples Rhapsody hingegen hervorragend. Gerade hier drohte Microsoft ins Hintertreffen zu geraten. 

Für Microsoft hält Apple zudem eine bittere Pille bereit. Rechtzeitig zur Macworld in Bosten stieg nicht nur der charismatische Firmengründer Steve Jobs wieder in den Aufsichtsrat des Konzerns auf, Jobs brachte auch gleich seinen Freund Larry Ellison mit, dem der Datenbank-Gigant Oracle gehört. Der umtriebige Ellison gilt seit langem als öffentlich bekennender Gates-Hasser und wird sich bei Apple für den Net-PC starkmachen. Diese neuen Billig-Computer sollen künftig ihre Software je nach Bedarf online beziehen, etwa aus dem Internet. Auf eine Festplatte kann dann verzichtet werden. Überflüssig würde dann aber auch teure Arbeitsplatz-Software, beispielsweise Microsofts Office-Programme ... 

Nachdem Microsoft nunmehr Apple vorläufig stabilisiert hat - der Aktienkurs kletterte bis Ende letzter Woche auf rund 28 Dollar - werden die Karten in der Computerindustrie jetzt neu gemischt. Apple und die Mac-Clone-Hersteller bringen gerade in den USA die derzeit schnellsten PCs, die mit bis zu 350 MHz getaktet sind, in die Verkaufsregale. Gleichzeitig wurde der neue Mac-basierte Industriestandard von Apple, IBM und Motorola freigegeben, mit dem künftig weitere Clone-Hersteller aus Asien aggressiv gegen die Windows-Intel-Allianz vorgehen wollen. 

Schließlich ist noch nicht ausgemacht, ob Microsofts Aktien-Coup ein engeres Zusammenrücken der Konkurrenz, bestehend aus Motorola (Prozessorchips), Oracle (Net-PC), Sun (Java) und einem nunmehr gestärkten Apple-Konzern, verhindern kann. Orakelte doch Larry Ellison im März bei der Cebit kühn vor der Presse: "Der einzige PC, der das Jahrtausend nicht überleben wird, ist der Microsoft-PC."

  •  Udo Tremmel

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