Links heißt subversiv,
nicht populär
Der Terror der Ökonomie wirkt, anders als "Der Terror der Ökonomie"
und seine Verteidiger meinen. Von Jürgen Elsässer
Das war zu befürchten: "Her mit der kleinen Französin" - meint
die vereinsamte Gewerkschaftslinke und fantasiert sich mit dem Buch von
Viviane Forrester in die feuchten Träume sozialdemokratischer Massenpolitik
hinein. Daß manche dann auch noch Teddy Thälmann bemühen,
um den geilen Kick zu bekommen, macht allerdings schnell klar, wie trist
die Wirklichkeit hinter diesen Träumen zumindest hierzulande aussieht:
Unter der Devise "ran an die Massen" und "Kampf der intellektuellen Abgehobenheit"
ist die Thälmann-KPD tief im After des Volksganzen verschwunden, hat
für Disziplin und Ordnung, Ehe und Vaterland getrommelt, bis die Nazis
ihr den Rang abliefen. Kuczynski übrigens lieferte für diese
simple Agitation lange genug das statistische Material, wenn er sich auch,
das muß man ihm zugute halten, vom Kampf für Klodeckel und ähnlichen
Avancen an die deutschen Sekundärtugenden ferngehalten hat.
In den verbrannten Ruinen der Linken trifft man sich immer wieder gerne
zum rituellen Faustkampf mit verbundenen Augen: auf der einen Seite die
Vertreter der sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen, also Müslis,
Feministinnen, Gentechnix und Antirassisten, hochgerüstet mit dem
gesamten Arsenal der political correctness; auf der anderen Seite die letzten
Mohikaner der sozialen Frage, fleißig aus der eisernen Theoriekonserve
des ML löffelnd. Letztere scheinen auf den ersten Blick sympathischer,
weil sie gegen die moralinsauren Gutmenschen darauf beharren, daß
es der Terror der Ökonomie sei, der "in letzter Instanz" den gesellschaftlichen
Überbau präge - also die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern,
die Konstruktion von Nationen und ähnlich mörderische Angelegenheiten.
Doch je näher man hinschaut, umso fremder schaut es zurück: In
der Schönen Jungen Welt der Steinzeit-Marxisten verkommt die von Marx
und Engels betriebene "Kritik der politischen Ökonomie" - so der Untertitel
des "Kapital" - zur gefühligen Sozialarbeit. Die Avantgarde versteht
sich als Bauchredner des vermeintlichen revolutionären Subjekts: Im
gemeinsamen Kampf für Arbeitsplätze, für den Erhalt der
Ost-ABM und für ergonomische Bürostühle sieht man großzügig
darüber hinweg, daß unter den umworbenen Proleten mittlerweile
Politiker wie Le Pen, Haider und Schröder die meisten Stimmen bekommen.
Mit Greenpeace und Hans Meiser sind sich die Erbschleicher des Marxismus
darin einig, daß man - um einen beliebten Slogan zu zitieren - "die
Menschen da abholen muß, wo sie stehen". Statt Ökonomiekritik
betreiben sie, ebenso wie die nicht-marxistische Linke, Lobby-Arbeit -
die einen kümmern sich um die Arbeiter, die anderen um die Frauen,
die Flüchtlinge und die mißbrauchten Kinder. Doch so sinnvoll
diese Ansätze im einzelnen sein mögen, so sehr verfehlen sie
allesamt das wichtigste Ziel: die Leute zu widerständigen Subjekten
zu machen. Wenn die Linke "ein Gespür dafür hat, was die Menschen
bewegt", ist das Resultat bestenfalls ein Wahlsieg für Jospin (der
in der Realität keine andere Wirtschaftspolitik macht als sein Vorgänger)
- schlimmerenfalls die Organisierung nationalpazifistischer Menschenketten
und der Kotau vor den einheitsbesoffenen Montagsdemonstranten in Leipzig
und anderswo.
Wer auf das "Anknüpfen an das Massenbewußtsein" setzt, übersieht,
daß die Menschen nicht in erster Linie durch das Bewußtsein,
sondern durch ihr Unbewußtes gesteuert werden. Es geht nicht um Denkmuster,
also um den kognitiven Bereich. Sondern es geht um Fetische, denen die
Menschen unbewußt verfallen sind, also um die magischen Kultstätten
der bürgerlichen Gesellschaft: Geld und Staat, Nation und Familie.
Selbstverständlich ist der "autoritär-masochistische Charakter"
(Erich Fromm), der diesen Fetischen huldigt, ein Produkt der Ökonomie
- doch ökonomische Besserung wird den Fetischzauber nicht brechen.
Der Hebel muß an anderer Stelle angesetzt werden.
"Die proletarischen Revolutionen werden Feten sein oder sie werden nicht
sein, denn das von ihnen angekündigte Leben wird selbst unter dem
Zeichen der Fete geschaffen werden", postulierten die Situationisten um
1968, und in ihren besten Momenten war die Revolte in Westberlin, vor allem
aber in Paris von diesem Motto geprägt. Gerade der Bruch mit allen
Denkgewohnheiten und Konventionen, und nicht das Anknüpfen daran,
ließ die radikalen Linken in jener Zeit zum Kristallisationspunkt
einer gesellschaftlichen Bewegung werden, die mehr erreicht hat, als alles
spätere. Alle Fetische wurden attackiert: Es ging nicht um das Recht
auf Arbeit, sondern um das Recht auf Faulheit; nicht um die bessere Förderung
der Familie, sondern um deren Abschaffung. Statt dem Geld hinterherzujagen,
propagierte Dario Fo: "Bezahlt wird nicht", und Jimi Hendrix zerfetzte
mit seinen Gitarrenriffs Nationalhymne und Nation gleichermaßen.
Und wie die Linken damals selbstverliebt waren! Ihre Haare, ihre Kleidung,
ihre Musik schockierten die übergroße Mehrheit der Bevölkerung,
und bei Dutschke, Cohn-Bendit oder Krahl verstand man ohne Vorbildung an
Marx und Freud nur Bahnhof. Doch damals war unbestritten, daß man
die Fetische der Warengesellschaft ohne stringente theoretische Durchdringung
nicht entzaubern kann - gekifft und gebumst wurde nach dem Teach-In. Heute
dagegen plappert man auf jeder Party ebenso begriffslos von shareholder
value und Neoliberalismus wie von Ozonloch und sexuellem Mißbrauch.
Forresters Buch, so ist zu befürchten, wird den Small Talk noch befördern. |