Alte Welt des AntisemitismusAm 29. Juli veröffentlichte die Berliner Tageszeitung junge Welt eine Glosse über Irving Moskovitz. Dieser "Multimillionär des Tages", schreibt x.b. (i.e. Max Böhnel), treibe sein Unwesen "an einem Ort, wo Religion und Nationalismus gern zum staatlich organisierten Wahn gerinnen. In Jerusalem, wo sonst." In Jerusalem, wo sonst: Ebenda zerfetzten am Tag darauf die Bomben zweier palästinensischer Attentäter 17 Menschen und brachten über hundert Passanten gräßliche Verstümmelungen und Verletzungen bei. Zu erklären, daß auch diese stolze Tat staatlich organisiert war, oblag jW-Leitkommentator Werner Pirker: Solange "der tätige Wahn religiöser Siedler palästinensischen Stolz täglich aufs neue herausfordert, wird der Kreislauf der Gewalt nicht zu durchbrechen sein" (31. Juli).Die Juden sind an allem schuld. Dieses Fazit zog einen Monat zuvor Lothar A. Heinrich in einem umfassenden jW-Essay: "Zu den auch international bestkolportierten Mythen Israels gehört die Behauptung, die kleine zionistische Siedlerkolonie im Nahen Osten habe immer nur Krieg geführt, um sich der Angriffe der übermächtigen und stets auf ihre Liquidierung bedachten arabischen Nachbarstaaten zu erwehren." (27. Juni) Genau umgekehrt: Alle Nahostkriege seien von der "kleinen zionistischen Siedlerkolonie" vom Zaun gebrochen worden; der Sechstagekrieg etwa, "um den Wünschen der Kibbutznikim der Region, der Bewohner der oft fälschlicherweise als ÝsozialistischÜ bezeichneten kolonialen Wehrdörfer, nachzukommen". Sogar die "später so beliebten Flugzeugentführungen" hätten die Israelis 1954 selbst erfunden. Aber was ist mit den israelischen Opfern von Massakern?, wird mancher schüchtern fragen. Kein Problem für Heinrich: Schon in den fünfziger Jahren habe Ben Porath "Bombenanschläge gegen jüdische Einrichtungen in Bagdad" organisiert, "um den größten Teil der 135 000 irakischen Juden zur Auswanderung nach Israel zu bewegen. Mit ähnlichen Mitteln hatten zionistische Agenten auch in Ägypten und Marokko operiert." Zumindest "einige Bombenanschläge" aus jüngerer Zeit, spekuliert Heinrich, müßten doch wohl - um die Opposition gegen Arafat zu zerschlagen - "das gemeinsame Werk israelischer und palästinensischer Geheimdienste" gewesen sein. Sie bringen sich selber um! So einfach ist das. Und die KZ - ebenfalls eine Erfindung des Mossad? Das Propagandamärchen vom Gelobten Land jedenfalls werde vom israelischen Geheimdienst mit der Waffe verteidigt, deckt Heinrich weiter auf. 1992 sei der Archäologe Albert Glock "von ÝUnbekanntenÜ auf offener Straße erschossen" worden. Die Anführungszeichen blinzeln dem jW-Leser schelmisch zu, der sofort erfaßt hat, welche "Unbekannten" das waren: Immerhin hatte der Archäologe erwiesen, daß das "althebräische Königreich lediglich auf dem Papier" existierte. Und das heißt doch wohl: Die haben dort unten gar nichts zu suchen! Es wundert danach wenig, daß jW-Autoren die Juden auch in Deutschland nicht gerne sehen. Harald Wessel beschwert sich am 25. Juli über die Verunglimpfung eines "der besten Poeten deutscher Zunge". Ein neuer übler Mode-Trend stelle Heinrich Heine als einen Juden hin. Dabei sei er doch der "Sohn der Revolution" gewesen. Für Wessel ein Widerspruch: "Jetzt aber kommt Heine eben Ývor seinem biographischen Hintergrund als JudeÜ rüber - über die Glotze und als Ýendlich HeimgeholterÜ über den Rhein." Erst gingen sie übern Jordan, und nun kommen sie über den Rhein.
|