"Spionagezentrale Zionismus"Was eine gelernte DDR-Bürgerin vom jüdischen Nationalimus wußteNoch bis weit in die achtziger Jahre hinein waren die Begriffe Zionismus und Antizionismus für den "gelernten", politisch interessierten DDR-Bürger, der sich vor allem auf der Basis der Massenmedien und der allgemein zugänglichen politischen und historischen Literatur informierte, einseitig und eindimensional besetzt. Die Assoziationen, die sich mit dem Begriff Zionismus verbanden, waren durchweg negativ besetzt und verknüpft mit solchen Wertungen wie aggressive, reaktionäre, nationalchauvinistische Bewegung im Interesse des Imperialismus, des internationalen Großkapitals, aber auch die Einordnung als Rassismus oder Kolonialismus. Untrennbar verbunden waren diese Einschätzungen mit der politischen Zuordnung Israels zum imperialistischen Weltsystem und dem Aufzeigen seiner engen Verbindung mit seiner politischen Führungsmacht USA. Wer mehr wissen wollte als die häufig, vor allem im Zusammenhang mit der Darstellung und Einschätzung der jeweils aktuellen Politik Israels dargebotenen Fakten und Wertungen, mußte schon sehr intensiv suchen, um tiefergehende und breiter angelegte Informationen zu den historischen Wurzeln des Zionismus und seinen einzelnen Strömungen zu finden. Das galt vor allem dann, wenn man nicht direkt mit dieser Thematik befaßt war. Nur so ist zu erklären, daß die meisten, insbesondere auch politisch Interessierte und Engagierte, Israel und Zionismus ausschließlich unter dem "imperialistischen Agressor-Mythos" subsumierten und sie meist keinen, bzw. nur einen sehr losen Zusammenhang zur jüdischen Geschichte, zur Geschichte der Judenverfolgung und vor allem der Shoah herstellten. Ergebnisse von Untersuchungen, wie die bereits 1990 vom Institut für interdisziplinäre Zivilisationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität durchgeführte Analyse zum Bild der Juden und Israelis bei den Ostdeutschen wiesen auch auf diese Defizite hin. Die Berliner Wissenschaftler hatten 1990 einige DDR-Standardwerke zur deutschen Geschichte, Parteitagsdokumente der SED und Schulbücher danach untersucht, ob und in welcher Weise die Begriffe Juden, Israel, Zionismus und Antisemitismus darin vorkamen. Gleichzeitig befragten sie Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen sowie Auszubildende zu diesen Themen. Zionismus wurde laut dieser Untersuchung in den 21 analysierten Werken überhaupt nicht näher thematisiert. Die Feststellung über ein großes Maß an Nichtwissen gerade zu dieser Thematik stimmt mit Beobachtungen überein, die man allerdings bis heute machen kann, wenn man sich der Problematik in der politischen Bildungsarbeit oder in Diskussionen zu verschiedenen Fragen der jüdischen Geschichte in einer breiteren ...ffentlichkeit nähert. Für viele waren weder die Entstehungsgeschichte des Zionismus insbesondere auch als Reaktion auf den politischen Antisemitismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, noch die unterschiedlichen Strömungen im Zionismus oder die engen Verbindungen zwischen der jüdischen Arbeiterbewegung und dem Zionismus, zu denen auch bedeutsame sozialistische Richtungen gehören, bekannt. Die eindimensionale Wertung und tabuisierte, bzw. absolut einseitige Behandlung der historischen und politischen Erscheinung Zionismus in der DDR führte aber letztendlich auch dogmatisierte Auffassungen weiter, die in den Kontroversen und am Ende dominierenden Auffassungen in der kommunistisch orientierten Arbeiterbewegung wurzelten. Sowohl in den Bewegungen einzelner Länder als auch in den internationalen Gremien wurde, was die Lösung der sogenannten "jüdischen Frage" betrifft, letztlich die Ansicht favorisiert, daß nur durch die Überwindung der Klassengegensätze auch diese "Frage" gelöst werden könne und dann einem erfolgreichen Assimilierungsprozeß nichts entgegenstünde. Absolut unterschätzt wurde dabei einerseits die der völligen Assimilation entgegenstehende, reale Eigenständigkeit auch der jüdischen Kultur, Tradition und Religion und andererseits vor allem die reale Wirksamkeit des Antisemitismus, der in der millionenfachen Tod bringenden deutschen Nazivariante zum Zivilisationsbruch führte. Nicht zuletzt diese Vorgänge in der Mitte des 20. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen hatten zum Beschluß der UN-Vollversammlung von 1947 über die zwei Staaten auf dem Gebiet Palästinas geführt, der maßgeblich auch vom damaligen Vertreter der Sowjetunion, Andrej Gromyko, unterstützt worden war. In einer Sonderinformation des Zentralsekretariats der SED von Anfang 1948 wurde diese Position noch voll mitgetragen. Dort hieß es unter anderem: "Wir betrachten die Schaffung eines jüdischen Staates als einen wesentlichen Beitrag, um Tausenden von Menschen, denen der Hitlerfaschismus die schwersten Leiden zufügte, den Aufbau eines neuen Lebens zu ermöglichen." Auf der 13. Tagung des Zentralkomitees der SED vom Mai 1953 wurden dann aber, noch ganz im Tenor der von 1948/49 bis 1953 verstärkt auch in der SED wirksam werdenden Stalinisierungstendenzen Israel und Zionismus ganz anders gewertet, wenn im Zusammenhang mit dem Vorgehen gegen Paul Merker "die Rolle der Zionisten als einer imperialistischen Spionagezentrale", als einer "Agentur im Dienste des USA-Imperialismus" wiederholt betont und als Feindbild aufgebaut wird. Auch wenn diese stalinistisch geprägten Argumentations- und Beschuldigungsketten spätestens nach dem XX. Parteitag von 1956 so keine Rolle mehr spielten, so blieb doch die einseitige, pauschale Negativwertung des Zionismus über die weiteren Jahrzehnte DDR-Geschichte erhalten, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie untrennbar verbunden war mit dem scheinbar festgefügten System der beiden großen Machtblöcke und der unterschiedlichen Einbindung der DDR und Israels in dieses System.
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