Vom Antizionismus
zum Antisemitismus
Der Zionismus ist eine falsche Antwort auf den Antisemitismus. Er war jedoch
die historisch einzig angemessene
Alle reden von "Zionismus" statt vom israelischen Nationalismus. Was
ist, vor dem Hintergrund eines materialistischen Begriffs der Nation, von
Zionismus und Antizionismus zu halten? Und warum ist die Behauptung richtig,
daß der Antizionismus nur die Erscheinungsform des Antisemitismus
von links darstellt?
I.
Staatskritik statt Antizionismus
Was die Uno auf Druck des arabischen und sowjetischen Lagers 1975 als
das "rassistische Wesen des Zionismus" verurteilte, ist das Wesen von Staatlichkeit
schlechthin: Homogenität und Homogenisierung der Individuen zum Staatsvolk
und zum Material von Herrschaft. Der Antizionismus hingegen zeigt ein ebenso
merkwürdiges wie doch aufschlußreiches Desinteresse an diesem
einzigartigen Vorgang der Konstitution einer bürgerlichen Staatsgewalt
ex nihilo, an einem Fall nachholender Staatlichkeit mithin, der in der
Geschichte ohne Beispiel ist. Die Gründung Israels vollzog wie im
Zeitraffer jenen in Europa zweihundertjährigen Prozeß der ursprünglichen
Akkumulation an der einheimischen arabischen Bevölkerung nach, ohne
allerdings die im Zuge der Kapitalisierung der Agrarwirtschaft erfolgte
Freisetzung der agrarischen Subsistenzproduzenten durch die Industrie kompensieren
zu wollen. Die Gründung Israels erscheint den bürgerlichen Philosemiten
deshalb als das reinste Wunder und den linken Antizionisten als die Grausamkeit
an sich. In ihrer deutschnational sich gerierenden Hochachtung wie in ihrer
stalinoid sich empörenden Abscheu wollen diese Kritiker Israels nichts
anderes retten als ihre eigene Illusion vom guten, wahlweise nationalen
oder sozialen Staat.
Die "Künstlichkeit des zionistischen Gebildes", den der Antizionismus
an Israel so beklagt, liegt genau darin, daß der jüdische Staat
nicht die falsche Natürlichkeit und nicht das Pseudos des Ursprungs
ab ovo reklamieren kann, in deren Schatten die Transformation absoluter
in bürgerliche Staatlichkeit sich in Europa vollziehen konnte.
Im Bann der idealistischen Parole vom "Recht auf Selbstbestimmung" behandeln
die Antizionisten die Frage der Konstitution von Staatlichkeit wie es noch
jede Verfassungs- und Staatslehre tut: als Problem von Recht und Moral.
Am liebsten unterhalten sie sich daher über die Gretchenfrage, ob
die Juden überhaupt ein "Volk" darstellen und daher ein nationales
Recht beanspruchen können, wenden die Kriterien hin und her und kommen
doch nie auf die Antwort, daß die politische Einheit eines "Volkes"
sich keineswegs aus sprachlichen, kulturellen, geschichtlichen oder sonstigen
Gründen herleitet, sondern aus der Installation politischer Zentralität,
die in der Lage ist, Grenzen zu setzen und zu behaupten. Die Kriterien,
die der Nationalismus, ob linker oder rechter Gesinnung, für die Existenz
eines Volkes beizubringen vermag, sind willkürliche Illustrationen
einer bereits installierten souveränen Herrschaft oder einer auf Staatsgründung
erpichten Bewegung.
Das Dilemma des Zionismus als nationaler Befreiungsbewegung der Juden
liegt darin, die Juden als "Volk" und als Basis legitimer Staatsgewalt
konstituieren zu müssen, genauer: wollen zu müssen, d. h. ein
"Volk" zu produzieren, dessen ÝpositiveÜ Gemeinsamkeit zu Beginn
des 20. Jahrhunderts - außer in den Restbeständen religiöser
Tradition - in nichts anderem bestand als in der Negativität gemeinsamer
vergangener, gegenwärtiger und wahrscheinlich künftiger Verfolgung.
Die Gemeinsamkeit der Juden als ein "Volk" konnte weder aus ihrer fraglosen
Einheit als Material einer Staatsgewalt abgeleitet, nicht über ihre
zweifellose Synthesis als Subjekte einer ...konomie rekonstruiert noch
durch ihren unstrittigen Zusammenhang als Bekenner eines Glaubens gestiftet
werden. Der objektive Grund ihrer Zusammengehörigkeit als Gemeinschaft
der Verfolgten blieb den Juden - organisierten sie sich nun als bürgerliche
oder proletarische Assimilationisten, als bürgerliche oder sozialistische
Nationalisten - notwendig verborgen.
II.
Leistung und Dilemma des Zionismus
Theodor Herzl und die Gründerväter der zionistischen Bewegung
ahnten die Virulenz des Antisemitismus besser als der vermeintlich wissenschaftliche
Sozialismus. Die Paradoxie, verfolgt zu werden, obwohl man keinen Anlaß
dazu gab, der logische Widerspruch, ins Zentrum der gesellschaftlichen
Aggression gerückt zu werden, obwohl man keineswegs ÝschuldÜ
war, die Absurdität, daß sowohl die kapitalisierten Gesellschaften
des Westens als auch, wenn auch aus anderen Gründen, die noch halbasiatischen
Gesellschaften des Ostens gleichzeitig zum Schlag ausholten, obwohl nichts
an der jüdischen Existenz selbst dazu einlud, aufforderte oder berechtigte
- diesen objektiven Widersinn zu begreifen war für sie ausgeschlossen,
und die Erkenntnis, daß Staat und Kapital die inneren Widersprüche
ihrer ureigenen Konstitution unter der zwar falschen, aber gleichwohl zustellbaren
Adresse des Antisemitismus austragen, hätte ihnen nicht das mindeste
geholfen.
Auf der anderen Seite blieb der sogenannte wissenschaftliche Sozialismus,
der den Judenhaß immerhin richtig als "gesellschaftlich bedingt"
und daher "nur gesellschaftlich aufhebbar" erklärte, immer weit unter
dem praktischen Niveau des Zionismus, der den Judenhaß falsch als
anthropologisch verursacht und unheilbar ewig deutet. Diese falsche Prognose
des Zionismus hat sich nämlich bewährt wie die keines zweiten
Nationalismus - denn der Antisemitismus ist zwar an sich keineswegs ewig,
aber die kapitalistische Weltgesellschaft treibt mit Macht dazu, ihn zu
verewigen: "Der Jude" ist eine Projektion der bürgerlichen Gesellschaft,
in dessen Verfolgung sie ihren Antagonismus nach Art einer Ersatzhandlung
zu bewältigen sucht.
Den Zionismus trifft die Kritik, die jeder nationalen Befreiungsbewegung
gilt - allerdings in einer Form, die auf die gesellschaftliche Gestalt
der Antisemitenfrage zu reflektieren hat. Jede Kritik des Zionismus als
des israelischen Nationalismus hat zu bedenken, daß es unwahrhaftig
wäre, die einzige Reaktion, die den Juden auf den notorischen Antisemitismus
nach dem Bankrott der bürgerlichen Aufklärung und nach der Pleite
der proletarischen Weltrevolution noch blieb, mit besonderer Häme
zu denunzieren. Der Zionismus ist die falsche Antwort auf den Antisemitismus,
die sich, grauenhafterweise erst im nachhinein, als die einzige nach dem
Zustand der Geschichte vorläufig angemessene erwiesen hat. Dagegen
ist die immer noch richtige Antwort - Revolution für die staaten-
und klassenlose Gesellschaft - vom Stalinismus zur weltfremden Utopie abseitiger
Spinner erniedrigt worden.
Aus dieser Perspektive ist Israel, wenn auch kein Bollwerk, so doch
das einzige Notwehrmittel gegen den weltweit grassierenden Antisemitismus.
Das Recht eines jeden Juden auf die israelische Staatsbürgerschaft
ist zwar alles andere als die Lösung der Antisemitenfrage, aber gleichwohl
eine historische Errungenschaft ersten Ranges; zumindest in einer nationalstaatlich
verfaßten Welt, in der, wie das Schicksal der Staatenlosen beweist,
der Mensch als Mensch gar nichts, als Statsbürger aber immerhin etwas
bedeutet. Israels Existenz ist genau aus dem Grunde unverzichtbar, weil
die Behauptung, die Juden seien nur eine Religionsgemeinschaft und daher
nichts als Bürger der Staaten, denen sie jeweils angehören, schon
längst von der Geschichte widerlegt worden ist - zuletzt mit allen
Mitteln, deren eine deutsche Volksgemeinschaft fähig ist.
III.
Linke und Volksgemeinschaft
Weil der moderne Antisemitismus nach Auschwitz genötigt ist, als
Antizionismus aufzutreten, gilt Israel, dem "Judenstaat", die gewohnte
Projektion. Israel ist die ideale Leinwand bürgerlicher und linksalternativer
Albträume, gerade in Deutschland. Was man selber will, wozu man aber
einstweilen als unfähig sich erweist, das wird den Israelis als Vorsatz
und Tat unterstellt. Nur so wird der penetrante Hinweis darauf, die Israelis
fühlten sich als das "auserwählte Volk", an dessen Wesen die
Welt genesen soll, verständlich - an die Sonne will man selber. Die
Juden seien es, die die Gleichheit verweigern. In der Denunziation, sie
seien elitär und arrogant, kurz: volksfeindlich und gleicher als gleich,
kommt ans Licht, daß man selbst zu Höherem sich berufen fühlt
und danach giert, sein Licht nicht länger unter den Scheffel stellen
zu müssen. Sie haben, was der Antisemit will, sie verhindern, daß
er es bekommt: die Blutsbande, die dicker sind als Wassersuppe, nationale
Identität, Gemeinschaft im Volk, fraglose Einheit als Eigenschaft
von Natur und Rasse, Synthesis von Individuum und Gesellschaft jenseits
von allgemeiner Konkurrenz und Futterneid. Die gesellschaftlich um die
Vernunft gebrachten, auf ihren bloßen Verstand zurückgeworfenen
atomisierten einzelnen sehnen sich nach ihrem Untergang und ihrer Verschmelzung
im repressiven Kollektiv, das endlich Ruhe, Ordnung und Überblick
schafft. Was dem entgegentritt oder entgegensteht, wird in das ÝWesen
des JüdischenÜ projiziert, von dem nur loszukommen ist, wenn
es ausgetilgt wird.
Zur Projektion gesellt sich der Verfolgungswahn, die politisch gewendete
Paranoia. Wer sich selbst in panische Vernichtungsangst halluziniert, der
braucht um Anlässe zur Notwehr nicht verlegen zu sein. Die Juden sind
ihm die "Gegenrasse" (Hitler) und ihr staatsförmiges ÝGebildeÜ
das Gegenbild zu ordentlicher Staatlichkeit. Der moderne Antisemitismus
ist ein Antisemitismus nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz: Er
wird den Juden Auschwitz nie verzeihen und ihnen nie vergeben, daß
sie die Deutschen um die Volksgemeinschaft betrogen haben.
Es fällt auf, daß "Zionismus" im Gebrauch deutscher "Antizionisten"
mehr ist als nur ein Name für den Nationalismus der Juden vor der
Gründung Israels und den der Israelis danach. Wenn die israelische
Linke gegen den Nationalismus in Gesellschaft und Staat angeht und das
Antizionismus nennt, entspricht das der Tradition und ist ein bloßer
Name für diese Kritik. In Deutschland und unter den Freunden des homogenen
Volkstums generell dagegen ist "Antizionismus" Anzeichen der Projektion
und daher kein Name für eine Sache, die vielleicht auch ganz anders
heißen könnte, sondern vielmehr eine Chiffre und ein Code. In
ihm schwingt verschlüsselt mit und wird diskret bedeutet, was unter
Linken gedacht und gefühlt wird, was aber nur Rechte öffentlich
sich zu sagen trauen. Warum eigentlich distanzierten sich Linke einst von
der "Antizionistischen Aktion" eines Michael Kühnen, ohne jemals den
Antizionismus an sich zu kritisieren und obwohl sie selbst den Juden in
ihrer Eigenschaft als Zionisten immer den religiösen Machtwahn eines
"auserwählten Volkes" unterstellen anstatt simple Staatsräson?
Daß der Zionismus als die nationale Befreiungsbewegung der Juden
verstanden wird und sodann als ein in Deutschland unmöglicher Name
für den Nationalismus Israels, ist die Vorbedingung jeder Diskussion.
Eine ausführliche Fassung dieses Artikels wird unter dem Titel "Furchtbare
Antisemiten, ehrbare Antizionisten" im Frühjahr 1998 neu aufgelegt
im ‚a ira-Verlag, Postfach 273, 79802 Freiburg. Der Autor ist Mitglied
der "Initiative Sozialistisches Forum" in Freiburg/Brsg. |