Willkommen in Rüttgers' Club!Im neuen Bonner Berufsbildungskonzept haben nur flexible Kopfarbeiter noch eine ChanceLehrlinge, Schüler und Studenten - sie alle werden immer dümmer. Das meinen jedenfalls Handwerkskammer und Rektorenkonferenz. Und der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Dieter Philipp, ist der festen Überzeugung, daß immer mehr Schüler "den Anforderungen einer modernen Ausbildung nicht mehr gewachsen" sind. Als Beispiel nannte er einen Kraftfahrzeug-Betrieb, in dem sich 36 Schulabgänger auf drei Ausbildungsstellen beworben hatten: Bei einem Eignungstest, der den Unterrichtsstoff des achten und neunten Schuljahrs abfragte, sollen zwei Drittel nicht imstande gewesen sein, die Aufgaben zu lösen. Der künftige Präsident der Rektorenkonferenz, Klaus Landfried, hält auch von den Studenten nicht mehr viel. Viele Studienanfänger seien seiner Ansicht nach "einfach nicht geeignet", sich zur geistigen Elite zu entwickeln.Das ganze Ausbildungssystem ist marode und bedarf dringend der Modernisierung, tönt es aus allen Ecken. Nicht, weil es keine gleichen Voraussetzungen für alle schafft, sondern, so die Begründung, weil es den konkreten Anforderungen des Marktes nach verwertbarer Leistung nicht genüge. In vielen Lehrberufen sei das Wissen der ersten Ausbildungsjahre bereits nach dem Abschluß wieder veraltet, der Großteil der Jugendlichen zu starr und unflexibel, um sich entsprechend umzuorientieren. Richtig ist dabei, daß Berufe heute keine lebenslange Gültigkeit mehr haben; mittlerweile liegt die durchschnittliche Verweildauer bei einer einmal gelernten Tätigkeit unter fünf Jahren. Danach sind Branchenwechsel oder wenigstens Weiterbildung angesagt. "Bei der kurzen Verwertbarkeitszeit der erworbenen Kenntnisse wäre es sinnlos, zuviel in die Erstausbildung zu stecken", bilanzierten beispielsweise die Kultusminister der Länder auf einer ihrer jüngsten Konferenzen. Statt dessen soll nun eine sogenannte Grundqualifizierung in Mathematik und Sprachen in "Kernberufen" die Basis für den künftigen Broterwerb legen, die weitere Spezialisierung anschließend möglichst praxisnah im Betrieb erfolgen. Die erregte Diskussion um die Reform des Ausbildungssystems spiegelt die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt - mit einiger zeitlicher Verzögerung. Jahrzehntelang galt der gut ausgebildete Facharbeiter als Garant für die solide Arbeit eines Unternehmens. Heute, wo sich das Prinzip des Shareholder value immer mehr durchsetzt, steigt der Aktienwert eines Unternehmens rapide, wenn es einen Großteil der Belegschaft in die Wüste schickt. Technische Entwicklungen, Arbeitsorganisation und soziales Know how ändern sich ähnlich schnell; langjährige Ausbildungen sind somit oft schon veraltet, bevor sie überhaupt zum Einsatz kommen. Als Mercedes-Benz beispielsweise sein neues Werk in Arkansas/USA errichten ließ, wurden die meisten "Facharbeiter" im Schnellverfahren ausgebildet. Das Argument der deutschen Standortkonkurrenz, nur hierzulande könne der Konzern die handwerklich besten Arbeiter rekrutieren, ließ die Daimler-Manager offenbar kalt: Nicht mehr die sprichwörtliche akribische deutsche Gründlichkeit sei von Bedeutung, sondern die Fähigkeit, sich in kürzester Zeit neue Fähigkeiten anzueignen. Zumal damit zu rechnen ist, daß sich die Entwicklung neuer Produktionmethoden in Zukunft noch schneller vollzieht. Das Ende des traditionellen Facharbeiters bedeutet auch das Aus für die traditionellen Arbeitsverhältnisse. Lean production, Just in time, Outsourcing und andere Formen deregulierter Produktion sind mittlerweile jedem Manager bekannt, ebenso wie die Tatsache, daß die Produktionszyklen immer kürzer werden. Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers fordert daher regelmäßig Forschung und Unternehmen auf, neue wissenschaftliche und technische Erkenntnisse schneller umsetzbar zu machen, um die Konkurrenzfähigkeit zu erhalten: Die Zeiträume zwischen der Grundlagenforschung und dem Einstieg in die Produktion müßten erheblich verkürzt werden, damit sie schneller auf den Markt kommen könnten. Der Schwerpunkt soll auf neuen Technologien und Zukunftsbranchen wie Multimedia oder Gentechnik liegen. Um den Anschluß an die begehrten Zukunftsmärkte nicht zu verpassen, laufen inzwischen selbst die Mühlen träger Verwaltungsbehörden heiß. In sensationell kurzer Zeit hat das Bundesbildungsministerium in Zusammenarbeit mit den Handwerkskammern und Gewerkschaften eine ganze Reihe neuer Ausbildungsgänge eingerichtet. Was früher über Jahre, teilweise mehr als ein Jahrzehnt lang, beraten werden mußte, überwindet heute in wenigen Monaten sämtliche bürokratischen Hürden. Allein im August kann man sich um 14 neue Berufe bewerben. Fast alle sind in den sogenannten Informations- und Kommunikationsbereichen (IuK) angesiedelt. Sie gelten als Wachstums- und Schlüsselbranche der nächsten Jahre. Einer dieser neuen Berufe nennt sich "Fachinformatiker der Fachrichtung Systemintegration" und bezeichnet eine Tätigkeit, die der Zentralverband der Elektroindustrie folgendermaßen beschreibt: "Fachinformatiker planen und konfigurieren Systeme der IuK-Technik wie PC, Telekommunikationsanlagen, Internetanschlüsse, Drucker und Modems im eigenen Unternehmen und bei Kunden. Sie beraten und betreuen Kunden oder Abteilungen im eigenen Haus in Fachfragen, sind aber auch bei der Einführung neuer Systeme und der Schulung der Anwender tätig." Was der Verband verschweigt: Nur die wenigsten Unternehmen werden sich einen eigenen Fachinformatiker leisten. Sind die Systeme einmal installiert, braucht man ihn auch nicht mehr. Die Wartungsarbeiten übernimmt die ausgelagerte Software-Abteilung, die ihrerseits wiederum selbständige Spezialisten verpflichtet. Und selbst wer einen Lehrstelle in diesem "Zukunftsberuf" ergattert: Nach dem Abschluß werden ihm arbeitslose Absolventen der Informatik und zu Software-Spezialisten umgeschulte Germanisten auf die Füße treten. Als die Bundesanstalt für Berufsbildung auf einer Pressekonferenz in Bonn im Frühjahr die neuen Berufsbilder präsentierte, konnte sie auch nicht umhin festzustellen, daß garantierte Arbeitsplätze in dieser Branche "leider kaum" zu erwarten seien. Und auch die Kultusministerkonferenz kritisierte das "kurzatmige heitere Berufebasteln" des Bildungsministeriums. Die Auswirkungen für den Arbeitsmarkt sind schon jetzt gravierend. Die Bewerbung um die knappen Ausbildungsplätze ist zum harten Verteilungskampf geworden, während gleichzeitig die sozialen Garantien auf dem deregulierten Markt konstant verringert werden. Hinzu kommt, daß insbesondere die Großunternehmen ihre Strategie bei der Personalbeschaffung verändert haben und mit der Reduzierung der Kernbelegschaften auf die Ausbildung ihres eigenen Nachwuchses verzichten. Der steigende Anteil von Arbeitssuchenden mit Hochschulabschluß, aber auch von Studienabbrechern und weitergebildeten Arbeitslosen bildet ein kostengünstiges Potential. Denn je höher der Bildungsgrad ist, desto größer die Flexibilität. Eine akademische Ausbildung bietet daher nach wie vor noch den relativ größten Schutz davor, arbeitslos zu werden oder über einen längeren Zeitraum zu bleiben. 1995 erreichte die Arbeitslosenquote unter den Facharbeitern bei 15,2 Prozent, unter bei Universitätsabsolventen lag sie bei fünf Prozent, unter Fachhochschulabgängern sogar lediglich bei 3,5 Prozent - allerdings mit einem ziemlichen Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern. Dabei sind Kopfarbeiter zwar gefragt, sie müssen aber mit unterqualifizierten Tätigkeiten, geringerer Entlohnung und ungesicherten Arbeitsverhältnisse rechnen. Zwischen drei und sieben Jahre brauchen beispielsweise Geisteswissenschaftler, um nach ihrem Abschluß eine einigermaßen adäquate Beschäftigung zu finden. Rund ein Drittel streicht schon vorher die Segel und gibt sich mit Beschäftigungen weit unterhalb ihrer Qualifikation zufrieden. Nicht einmal diese Möglichkeit haben Bewerber mit einem niedrigeren Bildungsniveau. Hauptschüler, Ungelernte und ausländische Jugendliche sind wie immer die Verlierer. Etwa 100 000 Jugendliche in Deutschland haben durchschnittlich in den letzten Jahren ihre Ausbildung abgebrochen oder erst gar keine aufnehmen können, in diesem Jahr rechnen die Gewerkschaften bereits mit der doppelten Anzahl. Die Zahl der Ungelernten unter 30 Jahren liegt inzwischen bei rund 1,9 Millionen. Die Zukunft für die rund zweieinhalb Millionen Hauptschüler sieht von vorneherein nicht besser aus. Jedenfalls nicht, solange nur danach gefragt wird, ob sie flexibel genug sind, sich unterschiedlichen betrieblichen Erfordernissen anzupassen - ohne, daß sie jemals die Chance bekommen, sich überhaupt Schlüsselqualifikationen anzueignen. Nach vorsichtigen Schätzungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zählen inzwischen rund 20 Prozent der Jugendlichen zu solchen Risikogruppen. Nur ein Drittel der Schulabgänger ohne Lehrstelle habe später Aussichten, im Berufsleben Fuß zu fassen, meint etwa die Soziologin Tilly Lex vom Deutschen Jugendinstitut in München. "Bei den anderen sind negative Karrieren programmiert. Oft genug landen sie in der Sackgasse." Besonders im Nachteil seien neben ausländischen Jugendlichen auch Mädchen und Schüler mit mäßigen Noten. "Männlich, deutsch und fit - das sind die Merkmale, mit denen man am ehesten das Rennen macht", sagt Lex, die vor kurzem eine Untersuchung über den Berufsweg von Jugendlichen veröffentlicht hat. Von denjenigen, die leer ausgehen, schafft der überwiegende Teil auch später nicht mehr den Sprung in ein dauerhaftes, stabiles Arbeitsverhältnis. So wuchs die Zahl der Arbeitslosen zwischen 1990 und 1996 unter ausländischen Frauen um 89 Prozent - bei deutschen Frauen betrug der Anstieg 34 Prozent. Bei ausländischen Männern kletterte die Arbeitslosenrate im selben Zeitraum um 139 Prozent in die Höhe, während sie für deutsche Männer bei 56 Prozent lag. Die Chance, künftig noch eine Berufsausbildung zu erhalten, ist daher weniger eine Frage des individuellen Intelligenzquotienten, sondern durch die faktische Deregulierung der sozialen und der Arbeitsverhältnisse bestimmt. Mit der geplanten Modernisierung des Ausbildungssystems wird sie nun weitgehend legitimiert und etabliert. Der besser vorgebildete Teil der Jugendlichen hat dann die Chance, sich als flexible Kopfarbeiter zu profilieren oder wenigstens auf scheinselbständige Formen der Arbeit auszuweichen. Für die Mehrzahl der Unqualifizierten führt der Weg direkt in subproletarische Verhältnisse. Und über ihre Perspektiven wird dann nicht mehr die Handwerkskammer, sondern - der künftige Bundeskanzler Schröder hat es bereits vorausgesehen - der Polizeipräsident bestimmen.
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