Carsten OtteDer KolporteurVor den Toren der Stadt, im Tegeler Forst, liegt eines meiner liebsten Restaurants. Allein die Anfahrt zum "Toulouse" verspricht jedes Mal etwas Wunderbares; auf dem Schwarzen Weg durch das kleine Wäldchen geht die Reise, und plötzlich, wenn man es nicht mehr erwartet, stößt man auf ein kleines Haus am Tegeler See, in dem gegessen und getrunken werden kann, und zwar ausgezeichnete elsässische Gerichte und Weine, die in den übrigen französischen Gaststuben Berlins nicht angeboten werden: Einen 85er Ch‰teau Canon, einen der feinsten Rebsäfte aus dem Anbaugebiet St. Emillons, habe ich vor Jahren dort für wenig Geld genossen. Seitdem empfehle ich dieses Wirtshaus bei allen Gelegenheiten. Als sei ich der Schwätzer Siebeck höchstpersönlich.Dem Esser mit dem großen Magen empfehle ich das dreigängige Menü, das selbst zusammengestellt werden kann. Das Carpaccio auf Champignonsalat und das mit Gänselebercreme gefüllte Rinderfilet muß dabei sein. Die gegrillten Garnelen mit Rösti sind auch nicht übel, aber alles kann man ja nicht vertilgen. Zum Dessert läßt man sich am besten den "Toulouser Teller" kommen, auf dem sich alle Leckereien befinden, die am Tage angeboten werden. Der Esser mit dem kleinen Magen sei jedoch gewarnt: Anders als man erwartet, orientieren sich die Portionen nicht an der Nouvelle Cuisine, sondern eher an Omas "Ich-mein's-doch-nur-gut-mit-dir"-Küche. Über die weißgeschürzten Keller im "Toulouse" wird oft gesagt, sie seien schnippisch. Ich kann das nicht bestätigen. Der mürrische Gast aber, der 20 Minuten nach der Bestellung sich erkundigt, wo denn die Vorspeise bleibe, der wird wahrscheinlich vom Personal mißachtet werden. Wer lediglich gekommen ist, um möglichst zügig Nahrung in den Schlund herabzudrücken, der ist im "Toulouse" fehl am Platze. Weil der Elsaß so weit weg ist, weil man als Berliner nicht kurz mal nach Illerhaeusern radeln und einen Abend in Haeberlins "Auberge de l'Ill" verbringen kann, ist das "Toulouse" eine ungeheuer wichtige Institution in Berlin, die allerdings nicht nur aufsucht, wen es in der kulinarischen Steppe nach einem vorzüglichen Diner gelüstet. Der Apéritif sollte auf der Seeterrasse geschlürft werden; hier beginnt die Orgie. Das "Toulouse" suchen vornehmlich Journalistenmenschen auf und solche Zeitgenossen, die denken, sie seien etwas viel Besseres, obwohl sie doch nur gemeine Journalistenmenschen sind, Drehbuchautoren dreckiger Soaps zum Beispiel. Und da das Pack sich untereinander nicht mag, wird wild herumgezetert. Der eine beschwert sich über das Zeilenhonorar, das viel zu gering sei oder gar nicht erst ausgezahlt werde, die andere gibt an, in Wahrheit eine Dichterin zu sein und das leidige Soapgeschäft längst den neidischen Printautoren überlassen zu haben, der ältere Herr mit Brille und Bart, den alle nur den Böhme nennen, schwärmt von seiner Hauptstadtzeitung, die sein liebstes Kind sei und die eines Tages den nationalen Zeitungsmarkt erobern werde. Und während die Kollegen ihre ermüdenden Geschichten vortragen, beginnt der Alkohol unmerklich zu wirken, man beschließt, ausfällig zu werden, man wird schließlich ausfällig. Enorm hirnzersetzend ist die eigene Geschmacklosigkeit im gepflegten Lokal. Der Beweis: Zwei Wochen später ist man schon wieder da. Toulouse, Schwarzer Weg, Berlin-Tegel, Tel (030) 433 70 63, geöffnet 11-24 Uhr, Hauptgerichte: 22-36 Mark, Menü: 65 Mark, Kreditkarten: Keine |