Den "Tag der Arbeit" wollte die NPD zum "Höhepunkt" ihrer vermeintlich sozialpolitischen Kampagne machen, welche sie im März mit der Jungendorganisation "Junge Nationaldemokraten " (JN) startete. "Von sozialer Marktwirtschaft ist hierzulande nichts mehr übrig geblieben. Wir erleben den Kapitalismus pur", erklärt Voigt im Aufruf
zum Marsch.
Im Süden
In Nürnberg kamen 1.100 Mitglieder und Freunde der NPD zusammen - weiträumig von der Polizei abgeschirmt.
Mobilisiert hatte die NPD zu ihrem zentralen Marsch nach Bayern, wo im September der neue Landtag gewählt wird. Hinter dem Führungstransparent, das außer dem Motto, das Zahnrad der "Deutschen Arbeitsfront" und das Logo des SA-"Kampfverlags" zierte, marschierten denn auch die Partei-Granden. NPD-Fraktionschef Udo Pastörs aus Mecklenburg-Vorpommern und Jürgen Gansel NPD-Landtagsabgeordneter aus Sachsen störte nicht, dass der mittelfränkische NPD-Bezirksvorsitzende Matthias Fischer ins Megafon grölte: "Nationaler Sozialismus - jetzt, jetzt, jetzt!". Michael Schäfer, JN-Bundeschef, sagte prompt: "Unser Ideal ist die deutsche Volksgemeinschaft!". "Nichts für uns!", nur das zur SA-Parole gehörende: "Alles für Deutschland" verschwieg er. Soviel Zurückhaltung hielt Voigt am Rathenauplatz nicht für nötig. "Eine Ansammlung von Verbrechern" nannte er den Zentralrat der Juden in Deutschland und rief: "Deutsche wacht auf. Schickt die Politiker dorthin, wo sie hingehören: in die Arbeitslager!".
Im Norden
Knapp 10.000 Menschen protestierten gegen die NPD im Süden. Im Norden waren es sogar über 10.000 Menschen. An der Elbe trugen, wie mit der Partei besprochen, die "Freien Kameradschaften" (FK) den Marsch.
An der Alten Wöhr im Stadtteil Barmbek, schimpfte NPD-Bundesvorstandsmitglied und FK-Anführer Thomas Wulff: "Wir lassen uns von niemanden aufhalten. Als Deutsche kämpfen wir für Deutschland". Constant Kusters, Vorsitzender der "Niederländischen Volksunion ", wetterte: "Wir können auch anders, damit Deutsche hier wieder herrschen können". Der Grund:Rund um den Auftaktsort versperrte man ihnen die Straßen. Schon die Anreise wurde durch Proteste lange verzögert. Mit bereitgestellten Bahnen konnten sie nicht fahren. Allerdings marschierten an die 200 Neonazis aus dem Spektrum der "Autonomen Nationalisten" zu Fuß zur Alten Wöhr. Sie gerieten an eine etwa gleich große Gruppe GegendemonstrantInnen. "Auf Stichwort schlugen diese Autonomen Nationalisten auf die Linksautonomen ein", sagte Polizeieinsatzleiter Peter Born. "Die Polizei musste sich dazwischenschmeißen, sonst hätte es sicher Tote gegeben", erklärte Born und hob hervor: "In den rechten Reihen hat ein enorm hohes Gewaltpotential geherrscht". Mit dieser Gewaltbereitschaft hatte die Einsatzleitung offensichtlich nicht gerechnet. Gezielt griffen die Rechten auch ihnen bekannte Journalisten an. Wulff gab sogar die Namen durch das Megafon kund. Mit Wasserwerfern und Einsatzkräften räumte die Polizei den Neonazis die Straße zum nächstgelegen U-Bahnhof frei. "Ich hatte das banale Problem, wie kriege ich die weg", rechtfertigte tags später Born die Maßnahmen auf einer Pressekonferenz. Aus dem Neonazitross wurden allerdings immer wieder GegendemonstrantInnen angegangen. Auf der Pressekonferenz räumte der Hamburger Polizeipräsident Werner Jantosch zum Verhalten der Rechten ein: "Das kennen wir hier so nicht". Am Ende mussten die Beamten mit Gewalt gegen die Neonazis vorgehen. Rieger wollte eine Abschlusskundgebung ausrichten, was der Einsatzleiter aber untersagte. Als Rieger übers Mikrofon die Deutsche Nationalhymne anstimmte, schritten die Einsatzkräfte ein.
Auf dem Rückweg von Hamburg griffen in Bad Kleinen und Bremen Neonazis ebenfalls GegendemonstrantInnen, aber auch vermeintlich linksaussehende Jugendliche an. Auf dem Hinweg hatten schon etwa 60 vermummte Rechte zwei Waggons eines Regionalzugs aus Pinneberg gekapert. Über die Lautsprecheranlage grölten sie: "Ab heute transportiert die Deutsche Bahn AG Ausländer und Deutsche getrennt". Für Ausländer stünden "Güterwagen zur Verfügung".
In der Mitte
Auch in Kaiserslautern liefen 300 Neonazis auf. Später reisten sie nach Neustadt/Weinstraße. Offiziell hatte die "Bürgerinitiative für soziale Gerechtigkeit" zu der Aktion aufgerufen. Hinter ihr verbergen sich allerdings das "Aktionsbüro Rhein-Neckar" und die regionale NPD.
Am 1. Mai erklärte das "Aktionsbüro Norddeutschland": "Es war einer der erfolgreichsten, kämpferischen Einsätze der letzen Jahre". Von der Auseinandersetzung berichteten sie schwärmerisch: "Die Kameraden stürmten entschlossen auf die Linksautonomen zu". Zwei Tage später, am 3. Mai, schreiben sie jedoch: "Um uns selbst zu schützen, sind wir
den Linken sofort entgegengelaufen" und: "Dieses Recht auf Selbstschutz werden wir auch künftig überall dort praktizieren, wo der kriminelle linke Mob [… uns] bedroht". Eine feine Kehrtwende: vom Angriff zur Verteidigung. NPD und FK ahnen, dass Polizei und Versammlungsbehörden jetzt ihre Aufmärsche vielleicht nicht mehr als "friedlich" einstufen.
