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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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Sommer 2008

Aus dem Inhalt
Europa

JENSEITS DER BANANENREPUBLIK

»Ossis« und »Wessis« in Projekten


Foto: Frederik Ramm, Umbruch Bildarchiv Berlin

Immer wieder mal beleuchtet CONTRASTE den Alltag selbstorganisierter Projekte unter verschiedenen einzelnen Aspekten. Diesmal also unterschiedliche Sozialisation in Ost- und Westdeutschland und deren Nachklänge achtzehn Jahre nach dem Anschluss.

von Ariane Dettloff, Redaktion Köln # Es ist unbeabsichtigt ein etwas »Ossi«-lastiger Schwerpunkt geworden, was zum einen daran liegt, dass ich diverse Absagen angedachter »Wessi«-AutorInnen erhielt. Denkbar ist auch, dass die Anfragen bei den nicht minder ausgelasteten »Ossis« auf offenere Ohren trafen, weil das Thema sie eventuell stärker interessiert. Weil sie, glaubt man der Literatur zum Thema – so wie ich sie ausschnittsweise wahrgenommen habe (es soll über 6.000 Titel geben) –, die generell »Untergebutterten« sind?

Was ja wiederum in »unseren« Zusammenhängen wohl nicht der Fall sein dürfte. Oder hat der Soziologe Wolfgang Engler recht (selbst aus dem Osten stammend), der die Ostdeutschen als mögliche Avantgarde ausgemacht hat, als Pioniere eines neuen Gesellschaftsvertrags jenseits der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft mit ihrem verheerenden Wachstumszwang? Ich selbst habe bei der Lektüre entdeckt, dass ich entsprechend verschiedenen Kriterien, die da aufgeführt werden, eher eine »Ossi« bin: konsummuffelig und gemeinschaftsliebend. Ich fand noch weitere »westliche Ossis« in den Sachbüchern zum Thema beschrieben: »Ja, man konnte auch im Westen in vieler Hinsicht Ossi sein. Meine Freundin zum Beispiel ist im Westen ohne Fernsehgerät aufgewachsen. Ihre Mutter vertrat die Ansicht, Fernsehkonsum sei für Kinder nicht gut. So hat ihre Tochter nie den Grundvorrat an Fernsehbildung genossen, der für den größten Teil von uns obligatorisch war und außerdem die Teilnahme am Schulhof- Smalltalk erleichterte beziehungsweise erst ermöglichte «, schreibt »Wessi«-Autor Ralf Schlüter, Jahrgang 1968. »Meine Freundin hat also im Tal der Ahnungslosen gewohnt. Dafür kennt sie sich sehr gut in der griechischen Mythologie aus.« Über sich selbst, gleichfalls »Ossi im Westen«, berichtet Schlüter, er habe »die zu dieser Zeit sich ausbreitende Levi’s- 501-Tragepflicht nicht nur nicht mitgemacht, sondern noch nicht einmal bemerkt.«

In alternativen Projekten sind nach meiner Erfahrung etliche »West-Ossis« unterwegs. Ob es darum weniger Differenzen gibt mit den »echten«? Wie sehen die diesseits und jenseits der Mauer Sozialisierten in selbstorganisierten Zusammenhängen das Verhältnis heute, fast zwanzig Jahre nach dem Fall derselben? Ein paar Streiflichter konnte ich einsammeln. Klar ist kein Mensch durch seine Herkunft definiert, natürlich gibt es außer dieser noch eine große Zahl anderer Einflüsse – Schichtzugehörigkeit und Alter und Bildung und Beruf und und und ... Aber mitprägend, das zeigen die Gedanken und Berichte unserer AutorInnen, ist die Herkunft schon. Und sorgt weiterhin für manche Irritationen auch bei KommunardInnen oder Alternativ-AktvistInnen. Es sind allerdings oft – aber nicht durchweg – andere als die in der Literatur beschriebenen.

So ging es den östlich sozialisierten CONTRASTE-AutorInnen mit Sicherheit nicht »darum, den Westen zu erforschen, den Westen zu kopieren. Sich gleichzumachen, sich zu verkleiden. Den Dialekt zu verlernen, den richtigen Stil zu erlernen, den richtigen Lebensweg «, wie FAZ-Autor Volker Weidermann in seiner Rezension des erstaunlich erfolgreichen Buchs über die »Zonenkinder« von Jana Hensel konstatierte. Sie aktivierten sich, um beizutragen, Handlungsräume jenseits von Markt und Staat zu erschließen. Welche Erfahrungen sie dabei mit westlich sozialisierten SystemkritikerInnen machten und vice versa (und umgekehrt), das will der Schwerpunkt vermitteln. Eingestreut sind Zitate aus Publikationen, die sich allgemein gesellschaftlich mit unterschiedlichen Wahrnehmungen, Einstellungen und Verhaltensweisen von »Ossis« und »Wessis« befassen. Sie haben keinen direkten Bezug zu den CONTRASTE-Beiträgen, regen aber dazu an, sie mit den dort geäußerten Positionen zu vergleichen. Auf Widerspruch oder Zustimmung unserer LeserInnen aus eigenen Erfahrungen heraus sind wir gespannt!

Schwerpunktthema Seite 7 bis 10

SCHWERPUNKTTHEMA

Interview mit Anke Moka: »Lass den anderen anders sein«

Interkulturelle Differenzen: Streit um die Streitkultur Seite 7

Im Osten nichts Neues – Bericht eines Westdeutschen aus einer Gemeinschaft im Osten Seite 8

Kommt ins Offene... Reflexionen einer Alternativ-Pionierin Seite 9

Ost-West-Konflikte? Von Ost-Spießern, West-Ignoranten und der Notwendigkeit, das Nachdenken in Gang zu halten Seite 10

 

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Stand: 25. Juni 2008