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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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September04

Aus dem Inhalt
Wagenburg

 

AUTOMOBILGESELLSCHAFT

Besser selbst bewegt als automobil

Angenommen wir bekämen Besuch von einem anderen
Stern. Was würde der über eine "Zivilisation" denken,
deren Einwohner jahraus jahrein scheinbar ziellos und
wie irre hin und her über ihren Planeten rasen. Die sich
dabei so genannter fahrbarer Untersätze bedienen,
welche in Wirklichkeit viel eher hochmobilen
Waffensystemen gleichen, mit denen sie ihre eigenen
Städte und Wohngebiete vergiften, ihre Landschaften
zerstören, sich gegenseitig mit Lärm terrorisieren,
reihenweise gegenseitig nerven, schwer verletzen, zu
Krüppeln machen, ja sich gegenseitig in großer Zahl
umbringen.

Lothar Galow-Bergemann, Stuttgart - Die Besucher würden bald herausfinden, dass die Erdlinge das alles nicht nur als vollkommen unabänderlich hinnehmen, sondern sogar allen Ernstes darauf pochen, es habe ganz viel mit "Lebensstandard" zu tun. Ja, dass diese sonderbaren Geschöpfe allein bei dem Gedanken daran, dass die Produktionszahlen ihrer Untersätze einmal zurückgehen könnten von panischer Angst ergriffen werden. Weil sie nämlich zutiefst davon überzeugt sind, dass ihr Lebensunterhalt davon abhängt. Die Besucher könnten nur zu dem Schluss kommen, auf einem vollkommen verrückten Planeten gelandet zu sein.

So bekannt die brutalen Tatsachen sind, so hartnäckig werden sie tagtäglich von Millionen verdrängt. Die Autogesellschaft hat in ihrer hundertjährigen Geschichte Tote und Verstümmelte in der Größenordnung von Weltkriegen auf den Straßen hinterlassen. Jede zweite Tankerkatastrophe geht zu Lasten der Autoflotte, denn sie säuft die Hälfte des über die Weltmeere transportierten Öls. Krieg für Öl ist jeden Tag. Landschaften und Siedlungen werden zerstört, zubetoniert, geschändet. Ausgerechnet ein Ding, das man auto-mobil (also selbst-bewegend) heißt, erzeugt massenweise Bewegungsmangel, Haltungsschäden, Fettleibigkeit - und das oft schon in früher Jugend. Fortschreitende Vergiftung der Atmosphäre, Lungenkrebs, Lärm-Terror (allein in Deutschland sterben jährlich 3.000 Menschen an den Folgen des Lärms, der wiederum zu 70% vom Autoverkehr verursacht wird)... die Liste der Gräuel ließe sich leider noch lange fortsetzen. Unbestritten ist: würde sich das Auto in dem Masse über den Erdball verbreiten, wie das bereits heute in den so genannten entwickelten Ländern der Fall ist, das weltweite Ökosystem bräche endgültig zusammen. Ein Blick nicht nur auf China zeigt, dass wir auf dem Weg dahin sind.

Aber der Automobilis-Muss richtet nicht nur physische, sondern auch psychische Zerstörungen an und diese sind vielleicht sogar die gefährlichsten. 

Das Wort Automobil setzt sich bekanntlich aus dem griechischen autos (selbst, selber, ich selber) und dem lateinischen mobilis (beweglich) zusammen. Die Ideologie der Autogesellschaft behauptet nun: dieses Ding ist ein Mobil. Wie schön, dass die Alltagssprache wenigstens manchmal so verräterisch ist - sie kommt gleich auf den Punkt und nennt es offen und ehrlich: ein Auto. Es geht also offenbar psychologisch viel weniger um das mobilis als um das autos.

Tausendfach spielt sich jeden Tag aufs Neue die folgende unglaubliche Geschichte ab: "Wo stehst Du?" fragt ein Mensch einen anderen, obwohl der direkt vor seiner Nase steht. Nach Lage der Dinge wäre es angebracht, dass dieser ihm nun den Vogel zeigt und ihn seinerseits fragt, ob er keine Augen im Kopf habe, denn er sehe doch schließlich, dass er hier vor ihm stehe. Tatsächlich jedoch geht der solchermaßen Angesprochene ganz ernsthaft auf die Frage ein und antwortet den haarsträubenden Satz: "Ich stehe da hinten links um die Ecke, nach zwanzig Metern auf der rechten Seite."

Also: Ich bin mein Auto. Nicht: ich bin mein autos, bin mein selbst, bin selbstbestimmt, bin bei mir - so wie es in einer nicht entfremdeten, emanzipierten Gesellschaft der Fall wäre. Ich sehne mich zwar, unbewusst meist, danach, mein autos zu sein - aber ich bin nur eine jämmerliche Karikatur desselben, mein Auto eben.

Fortsetzung auf Seite 7

Kasten:

Dem Beobachter am Straßenrand bieten sich höchst anschauliche Bilder, die einen tiefen Einblick in die Verfasstheit dieser Gesellschaft gewähren. Da sitzen atomisierte Individuen, meistens alleine, eingepanzert in eine Tonne Stahl und Kunststoff, getrennt voneinander und doch in ihrem Tun unlöslich miteinander verbunden. Jeder kämpft gegen jeden. Schneller sein als der andere, effektiver sein im Kampf um Spur und Parkplatz. Möglichst viel Zeit herausschlagen, aber doch nie Zeit haben. Zur Unbeweglichkeit verdammt und in engen Käfigen festgeschnallt, aber im festen Glauben, es handle es sich bei dieser Veranstaltung ausgerechnet um - Bewegung. Permanent unter höchster Anspannung getrimmt darauf, die Maschine am Laufen zu halten. Die kleinste Unaufmerksamkeit gegenüber dem Diktat der herrschenden Verkehrsform kann buchstäblich die Existenz kosten - sie kann schließlich jederzeit mit der Todesstrafe geahndet werden. Sich selbst und andere ununterbrochen an Leib und Leben gefährdend. Leidend an den Folgen des eigenen Tuns, aber im Gefängnis der Vorstellung vom "Normalen" und angeblicher Alternativlosigkeit gefangen... 

Schaut man sich den ganzen Jammer an, so gewinnt ein berühmtes Zitat ganz neue und unmittelbare Überzeugungskraft: "Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren."
(Karl Marx, MEW 23, S.89)

 

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Stand: 20. Mai 2007