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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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Oktober04

Aus dem Inhalt
Berufsverbot

 

Et improbis coercendis et quos deseruit sana mentis usura custodientis (1)

Zucht und Ordnung

"Allgemein gesprochen, bildet die kapitalistische
Produktionsweise die materielle Grundlage der
bürgerlichen Gesellschaft. Damit diese neue
Produktionsweise allgemein durchgesetzt werden
konnte, war ein historischer Scheidungsprozess von
Kapital und Arbeit notwendig. Auf der einen Seite
wurden Werte in den Händen einer relativ kleinen
Schicht akkumuliert. Auf der anderen Seite
verelendeten breite Schichten der Bevölkerung, die über
nichts verfügten als ihre eigene Arbeitskraft. Diese
Polarisierung stellt eine notwendige Voraussetzung für
den Kapitalismus dar....."
(2)

Von Gerhard Kern - Die Entstehung des Kapitalismus (16./17. Jh.) und damit auch der modernen Sozialpolitik bedingen sozusagen einander und das Strafvollzugssystem ist ein Teil der Letzteren. Durch die Zerstörung der feudalen Lebensverhältnisse entstanden Massen von Verarmten und Vagabundierenden. Sie waren potentielle Lohnarbeiter, mussten dazu aber erzogen und ausgebildet werden. Die ersten Zucht- und Arbeitshäuser waren Auffanganstalten für Vaganden, Bettler, Diebe, aber auch Kranke und Behinderte. Hier wurde gesiebt in brauch- und unbrauchbar. Gleichzeitig waren sie abschreckende Beispiele für die noch nicht durch das Normenraster Gefallenen. Prinzipiell lasst sich vielleicht sagen, dass unsere komplette bürgerliche Sozialpolitik eine permanente Modernisierung der ursprünglichen Prinzipien des Zähmens und Bewahrens ist. Das
fängt bei der frühesten Erziehung an und zieht sich durch die pädagogischen Institutionen, endet im Knast, u.U. auf dem elektrischen Stuhl oder durch andere Todesarten. Der Kapitalismus kann nur jene gebrauchen, die ihm nützen. Die es nicht können, müssen gezähmt oder vernichtet werden.. An dieser Grundaussage rüttelt auch der sogenannte moderne Strafvollzug nicht. Er wirkt auf den Betrachter nur humaner. Zu dieser pessimistischen Aussage soll jedoch ergänzt werden, dass jede Milderung von repressiven Erziehungsmaßnahmen  auch von uns begrüßt und unterstützt wird. Eine Lösung des Problems ist sie nicht. 

In Zeiten der links-liberalen Revolte ('68 und danach z.B.) wurde immer wieder die Abschaffung von Knästen,  Psychiatrien und Schulen gefordert. Was bei solchen ultimativen Parolen überzogen war, hat sich heute mit der Beteiligung der ehemals linken (3) ProtagonistInnen  durch die Beteiligung an der immer perfider werdenden Sicherheitsdebatte ins Gegenteil verkehrt. Jene machen die bessere Arbeit für ihre kapitalistischen Auftraggeber.

Wir sind der Ansicht, dass der Strafvollzug als Thema in dieser Zeitschrift seinen festen Platz haben sollte. Nicht kann es allerdings ein Anliegen der Linken sein, das "bessere" Strafsystem zu diskutieren. Emanzipation verlangt nach Befreiung von Zwängen und nicht nach deren Perfektion. Insofern stellen die Beiträge eine Diskussionsgrundlage dar, die unter dem Motto der Abschaffung von Strafe und der Herstellung von egalitären gesellschaftlichen  Zustanden steht. In egalitären Gesellschaftsmodellen spielen Strafen und Überwachen kaum eine Rolle, da die Belange durch Kommunikation und Auseinandersetzung geregelt werden sollen. So müsste einerseits die Unsinnigkeit der Zucht- und Arbeitsanstalten (Strafvollzugsanstalt) und sozusagen parallel dazu die Problematik einer repressionsfreien Gemeinschaft diskutiert werden.

Der historische Beitrag "Disziplin, Strafe und Arbeit. Zuchthäuser als Erziehungseinrichtung?" von Martin Scheutz schildert die Entwicklung der Zucht- und Arbeitshäuser im Detail und gliedert sich in drei Teile. Teil II + III folgen in den nächsten Ausgaben.
Kurt-Werner Pörtner beschreibt in "Homo securitatis" den Sicherheitswahn der Neuzeit, u. a. ausgelöst durch den Terroranschlag auf das WTC am 11.09.2001 in NY.
Thomas Meyer-Falk zeigt die "Möglichkeiten, Grenzen und Realität des Strafvollzuges in Deutschland" auf. 
Die "elektronische Fußfessel" wird gerne gefeiert als Allheilmittel gegen überfüllte Haftanstalten und Problemfälle der Bewährungshilfe. ".......fauler Zauber?" fragt Oliver Brüchert.
Michael Deutschewitz provoziert mit seiner "Verabschiedung von der Kritik" das Wiederaufgreifen derselben. 

Wir möchten an dieser Stelle auch noch dem Komitee für Grundrechte und Demokratie für die Unterstützung durch Hinweise auf kompetente Autoren danken. (www.Grundrechtekomitee.de)

Ein Teil der Karikaturen und Texte sind uns von Gefangenen zur Verfügung gestellt worden. Wir danken herzlich und wünschen Freiheit und Glück.

Nicht zuletzt erfolgt der Aufruf an die Freiheitsbesitzer/innen, Gefangene zu kontaktieren, Briefmarken zu schicken, Freiabos zu spenden und vieles mehr für den einsitzenden Mitmenschen zu tun. Das wäre eine mögliche Alternative zum Nichtstun.

Kontakt: www.contraste.org

(1) Inschrift am Zuchthaus zu Leipzig: Zur Zähmung der Unehrlichen und zur Bewahrung derer, die der Gebrauch des gesunden Verstandes im Stich gelassen hat. (vielleicht die Zielgerade zum heutigen Fördern und Fordern?)

(2) C. Marzahn/H.-G. Ritz "Zähmen und Bewahren" ISBN 3-921680-39-5, S. 2 (nur noch gebraucht erhältlich  bei amazon.de)

(3) Mit links oder linken Positionen sind hier anti-kapitalistische, marxistische oder links-anarchistische gemeint.

 

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Copyright © 1999 CONTRASTE Monatszeitung für Selbstorganisation
Stand: 20. Mai 2007