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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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November03

Aus dem Inhalt
Brücke von Algeciras...

 

Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg:

Das Mietshäuser Syndikat

Die letzte Dekade war nicht gerade Hochzeit für Baulöwen. Pleiten pflasterten ihren Weg: Die Holzmänner und Schneiders scheiterten an Spekulationsblasen, kriminellen Machenschaften und dem langen Tal der Baurezession. Übrig blieben Investitionsruinen und verzweifelte Anleger. Da überrascht es, dass ausgerechnet für Selbstorganisation im gemeinsamen Wohnen und politischen Leben zur selben Zeit Erfolgsstorys die Runde machen. Seit 10 Jahren blicken VeteranInnen der Hausbesetzungen und die einschlägige Szene zunehmend ins Südbadische, wo ein Modell erst Häusle um Häusle und danach Bundesland um Bundesland eroberte. Wir besuchten das Mietshäuser Syndikat in Freiburg.

Von Kurt Regenauer und Dieter Poschen aus Staufen - Was ist das denn wohl, ein Syndikat? Klingt so nach Mafia und Glücksspiel. Diese Frage stand am Anfang eines Hintergrundgesprächs, das wir mit Doris, Jochen und Stefan in Freiburg führten. Immerhin gingen die Weltkongresse "des Syndikats" von 1945 und 1946 in die Geschichte ein, als die Cosa Nostra in Havanna tagte. Aber unsere GesprächspartnerInnen winkten ab. Nix Mafia - stinknormaler Kapitalismus ist angesagt und das Mietshäuser Syndikat bedient sich einfach marktgängiger Bewegungs- und Organisationsformen, um eigene politische Inhalte zu verfolgen - "neuer Wein in alten Schläuchen" gewissermaßen.

Rein ökonomisch definiert sich ein Syndikat als eine Art Normen- und Typenkartell, also ein Zusammenschluss selbstständiger Unternehmen zur Verfolgung gemeinsamer Ziele. Im europäischen Ausland ist der Begriff gang und gäbe, bezeichnet er schließlich auch das, auf was anarchistische Klassiker dem Französischen entlehnt als Ordnungsweise des Wirtschaftslebens anzielten: eine Art Gewerkschaft der Arbeiterräte in ihrer Urform - sowohl kämpferisch, als auch antiautoritär.

Solche theoretischen Vorüberlegungen fechten die FreiburgerInnen indes nicht an. Ein bisschen von all dem mag wohl auch dabei sein. Ihr Syndikat sehen sie hingegen in unserem Gespräch in seiner rein formalen Wirkungsweise eigentlich als nichts anderes als eine "erzkapitalistische Holding". Und das mit beachtlichem Erfolg: der Verein "Mietshäuser Syndikat" hält mittlerweile gemeinsam mit bald 19 anderen Hausvereinen ganz großen oder auch kleineren Kalibers Anteile an ebenso vielen GmbHs, die die entsprechenden Haus- oder gar Fabrikobjekte besitzen und diese Idee mit tatkräftiger Unterstützung sowie mittels eines Solidarfonds nach dem Prinzip der konzentrischen Kreise inzwischen immerhin bis nach Berlin und Norddeutschland ausgebreitet haben. 

Auch Fachleute des Genossenschaftsbereichs wie etwa unser Freiburger Redakteur Burghard Flieger sehen im Syndikat ein beachtliches Modell, weil es sich "kreativ wie eine dezentrale Genossenschaft nach dem ursprünglichen Genossenschaftsgedanken organisiert" (so in einem Interview mit der Syndikatszeitung "Synapse") und im Gegensatz zu so manch anderen Wohngenossenschaften, die sich aus besetzten Häusern entwickelt hatten, eine Außenwirkung zur Entwicklung neuer Projekte entfaltet.

Da muss es denn mal eben nicht mehr unbedingt in einer relativ unbeweglichen Genossenschaftssatzung stehen, dass (Teil)privatisierungen unmöglich sind, wo einfach die Eigentumsverhältnisse dem Syndikatsverein ein "Wächteramt" übertragen.

Spargelder in die Bewegung

Das Freiburger Modell wurde erst so richtig bekannt, als das damalige Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen den wichtigsten Finanzierungsarm der Syndikatsprojekte, sogenannte "Direktkredite", vor drei Jahren kritisch unter die Lupe nahm. Die Häuser werben in ihrem unmittelbaren Umfeld um Sparstrümpfe und u.U. auch einmal größere Projektreserven, die eben nicht auf irgendwelchen anonymen Konten versauern sollen, sondern direkt in Bewegung und in die Bewegung eingebracht werden können: solidarische und direkte Geldbeziehungen, die durch eine treuhänderische Sammelgrundschuld abgesichert sind.

Das Fernsehmagazin "Monitor" schaltete sich mit einem Beitrag ein und brachte enorme Publicity: die Bedenken der Kreditwächter konnten zerstreut werden. Und so kam also eher noch mehr Bewegung in die Bewegung...

Bewegung brauchen derzeit auch die drei Häuser, 4 Bauwägen, 13 Wohngemeinschaften und 110 BewohnerInnen der Schellingstrasse in Tübingen. Das Syndikatsprojekt kümmert sich seit Jahren um Instandhaltung und Bewirtschaftung der Objekte, die der Besitzer (das Studentenwerk) verfallen ließ.

Vollständige Selbstverwaltung durch Kauf nach dem Syndikatsmodell wird angestrebt - das Studentenwerk verlangt jedoch einen unangemessenen "Apothekerpreis". Also wurde demonstriert: am 8. November in Tübingen.

 

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Stand: 20. Mai 2007