
FÜR EINE WELT, IN DER VIELE WELTEN PLATZ HABEN ... PRAKTISCH ANGEWENDET!
Ideen für große Treffen
Für kleine Gruppen gilt es, einen
gleichberechtigten Zugriff auf alle Ressourcen zu organisieren und Kreativität
sowie Selbstbestimmung zu fördern. Für größere Treffen dagegen sind
Strukturen wichtig, die Transparenz herstellen und ebenfalls gleichberechtigte
Nutzungsmöglichkeiten aller Ressourcen gewährleisten.

Jörg Bergstedt, Red. Umweltschutz von Unten - Es
gibt besondere Methoden z.B. für Streitgespräche oder kreatives Brainstorming.
In vielen Fällen ist es sinnvoll, größere Treffen in kleine Gruppen zu
zerlegen, um die Vorteile der direkten Kommunikation zu erreichen. Diese Möglichkeiten
stoßen aber an Grenzen, wo Treffen so groß werden, dass gemeinsame Prozesse
nicht mehr funktionieren, weil so viele Menschen nicht oder nicht mehr
gleichberechtigt miteinander reden und sich organisieren können. Ab welcher
Zahl diese Grenze überschritten wird, ist nicht eindeutig festlegbar - schon ab
100 Menschen dürfte es schwierig werden, spätestens ab mehreren Hundert
Personen ist offensichtlich, dass die Organisierungsformen kleiner Treffen nicht
mehr ausreichen, um Gleichberechtigung zu ermöglichen. Denn bei einer solchen
Menge können nur noch große, unpersönliche Plena überhaupt eine
Kommunikation sichern, die allerdings nicht mehr gleichberechtigt zu
organisieren ist.
In der Praxis politischer Bewegung geraten große Treffen und Aktionen immer
wieder zu Negativbeispielen: Formale und informelle Dominanzen entstehen und der
gleichberechtigte Zugang zu Ressourcen wie Presseverteiler, Räume, Geräte,
Informationen, Schlüssel und mehr ist kaum gewährleistet. Meist fehlt sogar
der Versuch oder zumindest der Streit um die internen Strukturen. Dabei gäbe es
Alternativen - und ganz selten leuchten sogar die Ausnahmen auf. Im
Castor-Widerstand schafft das Streckenkonzept einen Aktionsrahmen, in dem viele
Aktionen gleichberechtigt nebeneinander stehen können. In der Charta der
Sozialforen wird der offene Raum sogar eingefordert, allerdings nur selten auch
verwirklicht. NGO-Eliten tricksen die Basisgruppen aus - allerdings gibt es
Ausnahmen. In Heidelberg wird ein regionales Sozialforum als offener Raum
versucht, auf dem ersten Sozialforum in Deutschland soll zumindest ein Teil als
offener Raum gestaltet werden. Seit Jahren Spitzenreiter im kreativen
Experimentieren ist der Jugendumweltkongress. Zum Jahreswechsel 2004/05 wurde
erstmals das Plenum abgeschafft (s. CONTRASTE Nr. 245, Seite 3). Fortan fehlt
jede Entscheidungsinstanz. Open-Space-Zonen, gleichberechtigte
Themenplattformen, vielfältige Wandzeitungen und mehr prägten das Geschehen über
Silvester in Magdeburg. Die Mängel wurden ebenso sichtbar wie die Potentiale,
die dort bestehen.
Einen großen Versuch soll es im Sommer 2005 mit dem "Sozialforum von
unten" geben, der Idee offener Räume innerhalb des ersten Sozialforums in
Deutschland, 21.-24. Juli in Erfurt. Schon der Vorbereitungsprozess soll
Offenheit und Horizontalität gewährleisten - angesichts nur geringer
Erfahrungen mit solchen Organisierungsmodellen in der politischen Bewegung
Deutschlands eher ein Experimentierfeld als routiniertes Handeln. Da die meisten
Camps, Kongresse und Aktionen weit entfernt sind von Horizontalität, sondern
sichtbare und im Hintergrund bestehende Apparate, privilegierte Gruppen und
Personen erhebliche Dominanz ausüben, wird der Weg mühsam sein. Neue
Erfahrungen sind nötig, aber auch ein Widerstand gegen das zu erwartende
Festhalten an eingefahrenen Strukturen - vor allem durch die, die von ihnen
profitieren. Die nächsten Monate werden Gelegenheit bieten, die Ideen
horizontaler, großer Treffen dort einzubringen, wo Praxis möglich und nötig
ist - vom A-Camp bis zum McPlanet, vom BUKO bis zu Jugendlagern verschiedener
Verbände, von Kongressen zum Sozialabbau bis zu Aktionen gegen Castor,
Einheitsfeiern oder Sicherheitskonferenzen.
Die konkreten Beispiele sollen diesen Schwerpunkt der CONTRASTE jedoch nicht
prägen, sondern die Tipps zur Organisierung großer Treffen als horizontale Räume.
Die meisten der Anregungen und Beschreibungen stammen aus dem inzwischen sehr
großen Ideenbestand des Projektes "HierarchNIE!", in dem kritische
Texte und Methoden für kleine Gruppen bis zu großen Treffen seit Jahren
entwickelt werden. Ein Teil dieses Erfahrungsschatzes, aufbereitet für das
konkrete Thema "Große Treffen" füllt diese Ausgabe an. Mehr gibt es
unter www.hierarchnie.de.vu.
Schwerpunktthema Seite 7 bis 9

SCHWERPUNKTTHEMA
Netzwerke und Bündnisse "von unten" Seite 7
Bausteine für hierarchiefreie und kreative Treffen Seite
7
Große Treffen als offene Räume Seite 8
Grundzüge herrschaftsfreier Organisierung Seite 8
Chance zur Umsetzung Seite 9
Bausteine für Transparenz und Dominanzabbau Seite 9