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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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Februar 2008

Aus dem Inhalt
Bittere Oliven

 

JUGEND & JUGENDKULTUREN ZWISCHEN RECHTSEXTREMISMUS, ANPASSUNG & EMANZIPATION

Fuck the System ? 
- Versuch einer Einführung in ein endloses Thema

Jugend hat in der europäischen Geschichte immer schon bewegt: Vor allem die, die nicht mehr jugendlich waren. Die Erwachsenen. Sie vergötterten die Schönheit der Jugend, ihre Vitalität; und sie verdammten die aufmüpfige Jugend, die keine Tugenden mehr lebte, frech und verkommen war. So geschehen bereits im alten Rom, zu Zeiten des Catilina.

Von Roman Schweidlenka - Heute klagen wir - d.h. "unsere" Kreise - über eine meist unpolitische Jugend. Der PolitkerInnen einfach am Arsch vorbeigehen. Die sich viel weniger in politischen Parteien engagieren als in früheren Jahren. Wofür sie vermutlich auch gute Gründe haben. Aber war es in "unserer" Zeit, von 1968 aufwärts, denn "die" Jugend, die gegen den Vietnamkrieg demonstrierte, sich die Haare lang wachsen ließ, für eine freie Sexualität schwärmte und sich Kommunen und WGs zuwandte? Die neue Utopien, neue Weltbilder träumte und mit Lebensformen experimentierte, die die satte Spießerwelt zu Hassausbrüchen und Warnungen vor dem Untergang des Abendlandes motivierte? Für unsere viel beklagte Gegenwart möchte der Beitrag von Klaus Breuss Mut machen (auf Seite 7).

Nein, es waren, wenn ich mich recht zurück erinnere, nicht alle - einige waren es, die damals die Fahne der Rebellion und eines neuen freien Lebensgefühls engagiert voran trugen. Die meisten schliefen ihren burgeoisen Traum von Geld, heiler Kleinfamilie und Karriere. Und schon bald regte sich an den gesellschaftlichen Rändern die andere Partie: Die ersten jugendlich- rechten Unkenrufe quakten aus einem immer noch braunen Sumpf.

Sind nicht jene gar nicht so wenigen Jugendlichen, die sich der zur neuen Religion verklärten Leistungsneurose verweigern, die auf ihre Art aussteigen, die, wie ich immer wieder hören kann, erkannt haben, dass mit ehrlicher Arbeit keine/r begütert, wohlhabend oder gar reich wird, man damit bestenfalls (!) überleben kann, auf ihre Art politisch? Ihr "Fuck the System!" mag tiefgründiger sein als so manches brave, biedere Engagement in etablierten Parteistrukturen.

Und wenn wir von der Politikverdrossenheit der Jugend - eigentlich ist es eine PolitikerInnenverdrossenheit - klagen: Wie viele Erwachsene engagieren sich für Demokratie, Solidarität und Gerechtigkeit und nicht nur für ihren kleinen ängstlichen Vorteil?

Viele PolitkerInnen zelebrieren, wie es der Soziologe Bernhard Heinzlmaier in seinem provokanten Beitrag "Jugend unter Druck" dargelegt hat, die Botschaft: Selbstinszenierung auf Events, die Sucht nach Medienpräsenz, Verrenkungen für Ego, Gier, Profitund Machtbesessenheit. Inhalte? Klare Politische Programme? Die sind für viele Jugendliche kaum erkennbar. Sollen sie besser sein als die medial hoch gepuschten "Vorbilder"? Die moderne Sinn-Botschaft im Sinn der Mächtigen und Superreichen ist: Kümmere Dich brutal nur um Dich, Deinen Erfolg, Deine Karriere, sei unsolidarisch und scheiße auf die Anderen. Sei isoliert. Der Beitrag von Peter Scheibengraf (auf Seite 9) weist darauf hin. Mein Respekt gilt jenen Jugendlichen, die aus dieser neoliberalen Dunstglocke und menschenverachtenden Ideologie ausbrechen und neue, emanzipierte, solidarische, künstlerisch offene Wege und Ausdrucksmöglichkeiten suchen. Stellvertretend für viele: Raphaela Buschenreiter, mit einem Beitrag auf Seite 9 in dieser Ausgabe. Dazu gibt es auch ein Interview mit "Impuls Aussee" (auf Seite 8).

Es gibt nicht "die" Jugend. Die gab es schon 1968 und die Jahrhunderte davor nicht. Ein bäuerlicher Jugendlicher des 14. Jhdts. hatte herzlich wenig mit einem adeligen Spross gemeinsam. Heute ist die Zersplitterung in Szenen, Jugendkulturen und Cliquen unübersehbar. Ausgehend von dieser Tatsache kann und will die Schwerpunktnummer "Jugend" der CONTRASTE kein umfassendes analytisches Bild von Jugend bringen. Aber Streiflichter sind angesagt, Perspektiven von Jugendlichen, Jugendkulturen und JugendarbeiterInnen, bunt soll es sein und lebendig.

Einen Schwerpunkt bilden die rechten Jugendlichen. Das hat einen guten Grund. Es gibt bereits viel zu viele von ihnen. Und in viel zu vielen jugendlichen Köpfen spuken ewiggestrige braune gedankliche Vampire, die der Strom der Zeit und eine erfolgreiche (?) Demokratie eigentlich längst hätten wegspülen sollen.

Schlimm, dass rechte Horrorgestalten in etlichen Jugendkulturen ihr Unwesen treiben. Jugendkulturen waren und sind, wenn sie diese Bezeichnung verdienen, autonome, selbst entworfene Lebens- und Kulturentwürfe junger Menschen, die sie in kritischem Gegensatz zur Erwachsenenwelt, zur herrschenden Gesellschaft, zur etablierten Kunst und Kultur setz(t)en.

Immer schon seit der Romantik versuch(t)en hell- und dunkelbraune Kräfte jugendbewegte Menschen für ihre politischen Ziele zu instrumentalisieren. Vor allem die Suche nach neuen spirituellen Formen, die immer wieder in den Gefilden des Neuheidentums grasen ließ, wurde zur Einfallsschneise rechtsextremer AgitatorInnen. Das war bei der deutschen Jugendbewegung ab 1900 nicht anders als bei der Alternativbewegung der siebziger und achtziger Jahre und bei den zeitgenössischen Gothics und Metalheads. Wenn es auch in diesen Jugendkulturen (kleinere) antifaschistische Kräfte und Gruppen gibt, so ermöglicht doch die große Masse der unpolitischen Szenenjugendlichen, dass rechtsextreme und neonazistische AgitatorInnen einzelne Elemente der nationalsozialistischen bzw. faschistischen Ideologie salonfähig machen können. Dazu gibt es das "Merkblatt rechte Jugendliche " auf Seite 7. Und ein Interview mit dem "Explosiv" auf Seite 8.

Eine breit gestreute politische Aufklärung ist angesagt, die Jugendliche, Jugendverantwortliche und ganz allgemein die Gesellschaft erreicht. Dabei ist zu hoffen, dass es eine Aufklärung gibt, die nicht nur den Kopf anspricht, sondern auch Herz und Bauch, jugendliche Lebenswelten. Gleichzeitig ist es sinnvoll, als Alternative ein neues Interesse an demokratischen Verhalten und Überzeugungen zu wecken. Wenn man die moralisierenden, langweiligen Belehrungen, die "uns" in jugendlichem Alter den Schlaf in die Augen trieben, dabei vermeiden kann und lustige, aufregende, spannende, vielleicht sogar erotische Methoden entwickelt, hat mensch sogar einige Chancen auf Erfolg.

Ich habe versucht, in diesem CONTRASTE-Schwerpunkt sowohl allgemein gültige Erkenntnisse, Gedanken und Berichte zu publizieren, musste und wollte dabei jedoch auf die spezifisch steirische Situation zurückgreifen. Die Steiermark ist, dies sei den deutschen LeserInnen vorsichtshalber mitgeteilt, ist ein Bundesland in Österreich. Neben den in dieser Nummer vorgestellten oder durch Beiträge erwähnten Einrichtungen seien, stellvertretend für viele steirische NGOs und Gruppierungen, noch der "Dachverband der offenen Jugendarbeit", die "ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus" und die "Plattform gegen antidemokratische Strömungen - für eine demokratische Steiermark aktiv aufstehen", erwähnt. Einrichtungen, die als eine wichtige Grundlage demokratischer Prozesse angesehen werden können.

Den AutorInnen und InterviewpartnerInnen der einzelnen Beiträge danke ich für ihre selbstlose Arbeit für diesen CONTRASTE-Schwerpunkt.

ZUR PERSON

Roman Schweidlenka ist Leiter des LOGO ESO INFO, einer Beratungsstelle für sogenannte Sekten, Okkultismus, Satanismus, Fundamentalismus (etc.) und Mitbegründer des "Forums Politische Bildung - Steiermark" und der "Plattform gegen antidemokratische Strömungen - Für eine demokratische Steiermark aktiv aufstehen", Autor zahlreicher Bücher und Pressebeiträge, unter dem Künstlernamen Michael Benaglio als Literat tätig.

 

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Copyright © 1999 CONTRASTE Monatszeitung für Selbstorganisation
Stand: 30. Januar 2008