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Editorial

EDITORIAL

Wirtschaften für das Leben oder für den Tod?

BP wird für die Schäden durch den Bohrlochunfall im Golf von Mexiko in den nächsten 3,5 Jahren einen Betrag von 20 Milliarden US-Dollar bereitstellen. Bei umgerechnet 5,6 Milliarden US-Dollar Gewinn allein im ersten Quartal diesen Jahres wird das die wirtschaftliche Stabilität des Konzerns nicht ernsthaft bedrohen. Bei der Explosion der Ölbohrinsel Deepwater Horizon starben 11 Menschen – was kostet ein Menschenleben? Was ist der Preis der Verseuchung des Meeres mit der Zerstörung von Flora und Fauna? Wie kann die Unbewohnbarkeit der Strände und Küstenregionen auf viele Hundert Kilometer Länge beziffert werden, wer bewertet und entschädigt die Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz unzähliger Menschen in den betroffenen Gebieten?

Die ganze bunte Warenwelt hängt am Öl, die Mobilität und vor allem auch die Möglichkeit, Kriege zu führen. Die gesamte von Konzernen beherrschte Energiewirtschaft kann als Wirtschaft des Todes gesehen werden, wenn mensch sich vergegenwärtigt, dass nicht nur die Nutzung des Öls, sondern auch die Atomkraft zunächst militärischen Ursprungs ist. Die zivilen Nutzungen sind Abfallprodukte, die ihre eigenen Probleme mit sich bringen. Aufgrund der immensen strategischen Bedeutung werden dann wiederum sowohl um den Zugang zu Ölvorkommen, als auch um (vermeintliche) Atomwaffenschmieden weitere Kriege geführt – ein Teufelskreis.

Es bleibt der größte Verdienst des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, unumwunden zugegeben zu haben, was alle Welt weiß, aber offiziell bisher niemand aussprechen wollte: Deutschland führt Kriege, um seine wirtschaftliche Macht in der Welt zu behaupten. Dazu passt die Forderung des kürzlich regulär aus dem Dienst ausgeschiedenen Wehrbeauftragten Reinhold Robbe, endlich klar zu sagen, was Deutschland in Afghanistan tut: dort wird nicht irgendetwas aufgebaut oder die Regierung unterstützt, sondern es wird Krieg geführt. Von dieser klaren Aussage verspricht er sich mehr Verständnis für die SoldatInnen und ihre schweren Aufgaben. Denn: »Wir brauchen mehr Frontkultur.« Und er macht auch gleich Nägel mit Köpfen: »Ich habe die Schirmherrschaft für die neue Initiative »Frontkultur« übernommen. Unter diesem provokanten Titel versuchen junge Künstler beispielsweise, Kultur in den Einsatz zu bringen« sagte er der taz in einem Interview Anfang Mai 2010. Diese »Frontkultur« soll nicht nur Kultur an die Front bringen, sondern auch kulturell die Tatsache des Kriegführens und die alltägliche Ehrung von SoldatInnen in der Gesellschaft verankern. Robbe: »Was hält denn zum Beispiel einen Gewerkschaftsfunktionär davon ab, bei der Kundgebung zum 1. Mai daran zu erinnern, dass sich zwischen 7.000 und 8.000 Soldatinnen und Soldaten aus Deutschland in Auslandseinsätzen befinden und dort ihr Leben riskieren? Was hält einen Arbeitgeberpräsidenten davon ab, zu Beginn seiner Jahrestagung der gefallenen Soldaten aus Deutschland zu gedenken?«.

Das wären weitere Mosaiksteine in der Militarisierung der Gesellschaft, aber es wäre auch ehrlicher als das Gefasel von »humanitären Einsätzen«. Dass die Bundeswehr in Schulen und auf Straßenfesten um Nachwuchs wirbt, scheint schon fast normal. Dass Kids im schicken Tarnmuster-Design rumlaufen ebenso, von Killerspielen ganz zu schweigen. Und was ist mit den tollen Möglichkeiten der neuesten iPods, iPhones und wie die Spielzeuge der großen Jungs alle heißen? Selbst politisch bewusste Menschen in meinem persönlichen Umfeld fahren drauf ab – kein Wort von militärischen Entwicklungen oder von den chinesischen WanderarbeiterInnen, die unter erbärmlichsten Bedingungen diesen überflüssigen Schnickschnack produzieren müssen. Überflüssig natürlich nur aus meiner naiven Sicht einer sinnvollen, lebensdienlichen Produktion.

Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der nur solche technischen Entwicklungen vorangetrieben würden, die keine Schäden an Mensch und Natur anrichten, die verständlich und beherrschbar sind und damit einer demokratischen Kontrolle zugänglich? Wie wären die Fragen der Energiegewinnung und Mobilität gelöst? Einfach nur Umschalten auf Solarenergie reicht sicher nicht aus. Welche Produkte würden überhaupt noch hergestellt? Wie sähen Arbeitsbedingungen und Kultur des Lebens aus? Wie wäre die elektronische Kommunikation gestaltet? Vielleicht ist es an der Zeit, sich pragmatischen Problemlösungsdiskursen zu verweigern und solche grundlegenden Fragen zu stellen.

Elisabeth Voß

 

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Copyright © 1999 CONTRASTE Monatszeitung für Selbstorganisation
Stand: 29. Juni 2010