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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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Der Dritte Sektor

DER »DRITTE SEKTOR«

Keine Antwort auf die hohe Erwerbslosigkeit

Während in der Wirtschaftsterminologie der Begriff dritter (tertiärer) Sektor den Dienstleistungssektor bezeichnet, wird mit »modernen« Konzepten der Sektor jenseits von Markt und Staat als solcher bezeichnet. Dort sollen zur Lösung des Problems der Massenerwerbslosigkeit neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

von Gisela Notz, Königswinter - Der Amerikaner Jeremy Rifkin sieht diesen Sektor als Auffangbecken für die Opfer der dritten industriellen Revolution, die im marktwirtschaftlichen Sinne »nichts wert« sind. Sie sollen dort in Non-Profit-Organisationen freiwillig zu Schattenlöhnen arbeiten. Die Arbeiten sind ganz überwiegend Reparaturarbeiten für die sozialen, gesundheitlichen, psychischen, kulturellen und ökologischen Schäden, die der erste Sektor produziert.

Ähnlich das Konzept »Bürgerarbeit«, das Ulrich Beck als Gegenferment zur schrumpfenden Erwerbsarbeit für »Jugendliche vor der Berufsausbildung, Mütter nach der Erziehungsphase, ältere Menschen im Übergang in den Rentenstand«, die angeblich nach »freiwilligem« sozialem Engagement suchen,anpreist. Auch Bürgerarbeit wird nicht entlohnt, dafür belohnt und zwar immateriell durch »Favor Credits«. Eine Form von Bürgergeld, dessen Höhe etwa der Sozialhilfe entsprechen soll, sollen diejenigen erhalten, die existentiell hierauf angewiesen sind und denen Sozialhilfe ohnehin zustehen würde. Durch die Erschließung »nicht-marktgängiger, gemeinwohlorientierter Tätigkeitsfelder« soll in doppeltem Sinne geholfen werden: Die Zahl der Erwerbslosen kann verringert werden, denn gemeinnützig Tätige sind, da sie dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen, keine Arbeitslosen und die zunehmende Zahl der Hilfsbedürftigen kann zum Nulltarif versorgt werden. Arbeitslosenhilfe- und SozialhilfeempfängerInnen können sich selbst umdefinieren, ob sie erwerbslos bleiben und Sozialhilfe beziehen oder für Bürgergeld öffentlich tätig werden, eine höhere soziale Anerkennung erhalten und aus der Rolle der BittstellerInnen herauskommen möchten.

Von der Bürgerarbeit zur Pflichtarbeit

Das Konzept Bürgerarbeit betont, daß die Arbeit für Niemanden eine Verpflichtung darstellen soll. Die »neuen Freiwilligen« haben keine Sanktionen in Form von Leistungskürzungen zu erwarten, wenn sie es vorziehen, sich auch nach der Einführung der Bürgerarbeit als SozialhilfeempfängerInnen zu definieren. Andere Konzepte, wie zum Beispiel das »Mehrschichtenmodell der Arbeit«, wie es für den Club of Rome entwickelt worden ist, sprechen offen über Arbeitspflicht. Wer die Arbeit nicht annimmt, kann keine staatlichen Gelder erhalten. Das Konzept erinnert an den Sozialdienst der  »Dualwissenschaftler« der 80er Jahre. Bereits damals wurden diejenigen, die dabei an faschistische Institutionen wie den Reichsarbeitsdienst dachten, der Begriffsstutzigkeit bezichtigt.

Bemerkenswert ist bei allen Konzepten, daß stets von Frauen und Männern gesprochen wird. »Bürgerarbeit« richtet sich sogar ausschließlich an »Bürger«. 80% der im Sozial- und Gesundheitsbereich ehrenamtlich tätigen sind Frauen, während Männer weiterhin die Führungspositionen der Wohlfahrtsverbände und der kirchlichen Gremien inne haben.

Die Konzepte gehen alle davon aus, daß die Gesellschaft der Zukunft (weiterhin) aus Menschen verschiedener Klassen oder Schichten bestehen wird und daß die soziale Ungleichheit und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern fortbestehen wird bzw. zur »Lösung« des Beschäftigungsproblems neue Unterschichtungen konstruiert und verfestigt werden müssen.

Arbeit im »Dritten Sektor« ist keine Antwort auf die hohe Erwerbslosigkeit. Sie kann weder Frauen noch Männern als »Ersatzarbeit« angeboten werden. Wo innovative gemeinwesenorientierte Projekte entstehen, erfordern sie in der Regel auch eine Ausweitung der Tätigkeit von Professionellen. Sinnvoller als eine Einteilung in Sektoren erscheint eine Umverteilung von gesellschaftlich notwendiger und sinnvoller bezahlter Arbeit und eine Umverteilung der Verantwortung für die Mit- und Umwelt auf beide Geschlechter, damit alle - Frauen wie Männer - ihre eigene Existenz sichern und sich auf Gebieten jenseits der Erwerbsarbeit versuchen können. Vielleicht werden sie sich dann auch mehr Menschen in Initiativen zusammenfinden, die sich mit den Schäden der modernen Zivilisation auseinandersetzen und für deren Veränderung kämpfen. Dafür werden sie allerdings keine Favor Credits zu erwarten haben.

Von Gisela Notz erschien 1998 »Die neuen Freiwilligen. Das Ehrenamt - eine Antwort auf die Krise?« im AG-SPAK-Verlag, Neu Ulm

 

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Stand: 07. August 2008