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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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April 2011

Aus dem Inhalt
Fukushima

POSTWACHSTUMSÖKONOMIE ALS BASIS EINER SOLIDARISCHEN ZIVILISATION

Jenseits des Wachstums?!


Department Store                                                                   Montage: Fabian Scheidler, www.counter-images.de

Als »Krise der Zivilisation« bezeichnen die indigenen Bewegungen seit dem Weltsozialforum (WSF) 2009 im amazonischen Belem das Zusammentreffen der Krisen von Wirtschaft, Umwelt und demokratischer Legitimation. Aus ihrer Sicht liegen Alternativen nicht in einer erneuten Ankurbelung der Ökonomie, sondern in einer Perspektive gegen die Vermarktung des Lebens und die Zerstörung der Umwelt, und für das »Gute Leben« (buen vivir), für die demokratische Kontrolle der Gemeingüter und für Entkolonialisierung.

Von Alexis J. Passadakis und Andrea Vetter, Berlin # In diesem Kontext betont der venezolanische Ökonom Edgardo Lander: »Die Extraktion von Ressourcen muss radikal vermindert werden. Bereits heute wird die Biokapazität der Erde um über 30 Prozent überschritten. « Da es aber im Süden einen erheblichen Bedarf an sozialer Infrastruktur gebe – von Energie über Gesundheitsdienstleistungen bis hin zu Bildung – sei eine erhebliche Umverteilung von Nord nach Süd nötig. Fazit: Die Ökonomien des Nordens müssen schrumpfen.

Seit einigen Jahren existiert auch in Europa wieder eine neue Auseinandersetzung um eine Ökonomie jenseits des Wachstums. Während in Südeuropa die Décroissance- bzw. Decrescita-Bewegungen sich stark philosophisch orientiert auf Projekte der Solidarischen Ökonomie stützen, entsteht in Großbritannien und Deutschland eine ökonomisch und politisch geprägte Debatte um »Degrowth« bzw. »Postwachstumsökonomie «.

Die Diskussionen um eine Postwachstumsgesellschaft bieten dabei eine strategische Chance, bislang getrennt geführte Diskurse und Praxisfelder unter einer gemeinsamen Perspektive zu verknüpfen – Solidarische Ökonomie und Gemeingüter, Post-Development- Ansätze und makro-ökonomische Konzepte in Zusammenhang mit Wirtschaftsdemokratie etc. – und die soziale mit der ökologischen Frage offensiv zu verbinden. Die Perspektive der lebensweltlich orientierten Solidarischen Ökonomie liegt dabei auf alternativen kooperativen Formen des Wirtschaftens im einzelnen Unternehmen, Wohnprojekt oder in der Konsumgenossenschaft. Die philosophische Debatte beleuchtet insbesondere den Verzicht (bspw. auf Natur, Ruhe, ausreichend Zeit, nicht-ökonomisierte Beziehungen), der mit einem Leben in den heutigen Konsumgesellschaften des globalen Nordens einhergeht; außerdem den eklatanten Mangel an Verteilungsgerechtigkeit durch das Wachstumsmodell weltweit. Während die beiden zuvor genannten Ansätze in sozialen Bewegungen seit langem präsent sind, sind makroökonomische Konzepte zu einem Umbau der Wirtschaft jenseits des Wachstumszwangs bislang kaum entwickelt. Ohne wirtschaftspolitische Konzepte und die dazugehörigen Institutionen lässt sich eine sozial-ökologische Transformation – unter den Bedingungen eines globalisierten finanzmarktgetriebenen Kapitalismus – aber nicht gestalten.

Eine gesamtwirtschaftliche Struktur, die die Wachstumsdynamik umkehrt, ist nicht ohne unmittelbare Eingriffe in das Räderwerk der Kapitalakkumulation zu verwirklichen. Die Kontrolle von Investitionen, Kreditvolumen und Entmonetarisierung von ökonomischen Kreisläufen sind dabei Mittel der Wahl. Zugleich sind sektorale Transformationsstrategien in Verbindung mit Einstiegsprojekten wie Energiedemokratie, kostenloser ÖPNV und ökologische, solidarische Landwirtschaft (z.B. Community Supported Agriculture) notwendig. Hinzu kommt eine deutliche Reduktion der insgesamt in einer Volkswirtschaft geleisteten Lohnarbeitsstunden. Letzteres wiederum bietet eine Grundlage, von einer ressourcenintensiven »imperialen Lebensweise« Abschied zu nehmen und die Vorstellung des »homo oeconomicus« hinter sich zu lassen.

Eine Ökonomie jenseits des Wachstums muss allerdings nicht notwendigerweise sozial gerecht sein. Deren Durchsetzung und Ausgestaltung ist eine Machtfrage. Gerade in Südeuropa wird durch Sozialkahlschlag soziale Infrastruktur zerstört und effektiv Wachstum vermindert. Eine Postwachstumsökonomie ist nur dann solidarisch, wenn es eine Orientierung auf Umverteilung und konkrete soziale Rechte gibt, und zwar für alle, weltweit.  

Alexis J. Passadakis, Politikwissenschaftler, ist Mitglied im Koordinierungskreis von Attac; Andrea Vetter, Kulturwissenschaftlerin, ist aktiv bei Attac.

Schwerpunktthema Seite 7 bis 10

 

SCHWERPUNKTTHEMA

Solidarische Unternehmen wider den Wachstumszwang Seite 7

Wege in eine solidarische Postwachstumsökonomie Seite 7

Sand ins Getriebe der Wachstumsdynamik Seite 8

Soziale Sicherheit und Postwachstum Seite 8

Sozial-ökologische Krise und imperiale Lebensweise Seite 9

Was die Debatte um Postwachstum von feministischen Projekten lernen kann. Veränderung üben Seite 9

Buen Vivir als Weg in eine solidarische Postwachstumsgesellschaft? Seite 10

 

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Stand: 27. März 2011