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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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April 2005

Aus dem Inhalt
AG Gleisdreieck

 

ÜBER DIE FRAGE DER QUALITÄT IN DER HUMANITÄREN HILFE

Droht nach dem Tsunami die Hilfe?


Selbst massive Häuser hielten den Fluten nicht stand

Die Flutkatastrophe in Südasien hat eine einzigartige Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Die "Geiz ist geil"-Nation zeigte sich bemerkenswert mildtätig. Mit einem Mal galt das Gegenteil, war "Helfen geil" und wurden tatsächlich alle Rekorde gebrochen. Spenden in Höhe von 450 Mio. Euro - das hat es bei keiner Katastrophe zuvor gegeben. Ganz offenbar ist der herrschende Trend der gesellschaftlichen Entsolidarisierung nicht mehr unwidersprochen. Insbesondere unter jüngeren Menschen scheint das Bedürfnis nach sozialem Ausgleich wieder zu wachsen. Allerdings ist die Bereitschaft zur Hilfe in Not bislang eher moralisch begründet und noch nicht Ausdruck einer politischen Solidarität mit Menschen in deren konkreten Auseinandersetzungen. Gerade die fehlende Wahrnehmung, dass auch Hilfe politische Implikationen beinhaltet, macht diese anfällig, für vielfältige eigennützige Interessen in Dienst genommen zu werden.

Thomas Gebauer, medico international - Gesundheitspolitische Organisationen, wie die indische Sektion des "Peoples Health Movement" oder "Health Action International" in Sri Lanka befürchten, dass nach der Flut nun die Hilfe katastrophengleich über sie hereinbrechen könnte. Tatsächlich treten sich in Sri Lanka inzwischen die aus allen Teilen der Welt eingeflogenen Hilfsorganisationen gegenseitig auf die Füße. Alle sind bemüht, Zugang zu den Katastrophenregionen zu bekommen und geeignete Claims für ihre Projekthilfen abzustecken. An einem indischen Küstenabschnitt sollen es alleine 300 lokale NGOs sein, die beim Wiederaufbau von gut 80 Dörfern beteiligt sein wollen. Hinzukommen die bald 1.000 Angebote deutscher Kommunen, Krankenhäuser, Erziehungseinrichtungen und Verbände, die alle dem Neujahrsappell des Bundeskanzlers gefolgt sind und nun ebenfalls bei der Beseitigung der Schäden helfen wollen. Humanitäre Hilfsorganisationen, wie die "Ärzte ohne Grenzen", haben schon früh vor einer Überfinanzierung gewarnt und ihre Unterstützer aufgefordert, nur noch zweckungebunden zu spenden.

Für eine nachhaltige Überwindung der Schäden, die der Tsunami an den Küsten des Indischen Ozeans angerichtet hat, ist fraglos umfangreiche Hilfe nötig. Es ist gut möglich, dass sogar mehr Mittel benötigt werden, als bislang zur Verfügung stehen. Wiederaufbaumaßnahmen aber hängen nicht allein vom Geld ab. Sie gelingen nur, wenn diese vor Ort von leistungsfähigen und in der Bevölkerung verankerten lokalen Partnern getragen werden. In den Katastrophengebieten Indonesiens oder von Sri Lanka, in denen zum Teil jahrzehntelange Kriege geherrscht haben, aber ist das, was hierzulande Zivilgesellschaft genannt wird, wenig ausgeprägt. Unabhängige NGOs und Selbstorganisationen, die den Rahmen für eine an den Interessen und Rechten der Geschädigten orientierten Hilfe bieten könnten, konnten sich hier aufgrund von Bürgerkrieg und autoritärer Herrschaftsformen nicht frei entfalten.

Instrumentalisierung

Und so steht zu befürchten, dass die Hilfe für die Opfer der Flut in Südasien für vielerlei fremde Zwecke genutzt werden wird. Schon jetzt mehren sich die Anzeichen, dass viele der Gönner handfeste eigennützige Interessen verfolgen und alles dransetzen werden, um aus der Katastrophe möglichst viel Kapital zu schlagen: Das indonesische Militär nutzt die Gelegenheit zu strategisch bedeutsamen Zwangsumsiedlungen. Die USA versuchen ihr ramponiertes Image aufzupolieren und dabei zugleich China geostrategisch in Schach zu halten. Spekulanten in Indien und Sri Lanka wollen verhindern, dass die Fischer in die für den Tourismus interessanten Küstenregionen zurückkehren. Die Regierung von Sri Lanka plant einen großen Modernisierungsschub, der neben dem Bau einer küstennahen Autobahn auch die Errichtung mehrerer für den Trawler-Fischfang geeigneter Tiefseehäfen vorsieht (was den Kleinfischern vollends den Gar aus machen dürfte). Bürgermeister sehen in Hilfsprojekten eine willkommene PR-Aktion für die eigene Wiederwahl. Hilfswerke buhlen um den Zugang zu den Medien. Unternehmen, die ansonsten in vorderster Front der gesellschaftlichen Entsolidarisierung stehen, präsentieren sich werbewirksam als Wohltäter (obwohl die 10 Mio. Euro, die die Deutsche Bank im ZDF übergab, weniger als die sprichwörtlichen "peanuts" sind und schon gar nichts im Vergleich zu den Steuererleichterungen, die den Unternehmen in den letzten Jahren geschenkt worden waren). Das Außenministerium nutzt die Gelegenheit, um seinen Anspruch auf Übernahme des Entwicklungshilfeministeriums Nachdruck zu verleihen. Und die Bundesregierung zeigt sich auch deshalb so spendabel, um Deutschland für einen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu empfehlen.

Fortsetzung auf Seite 7

 

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Stand: 20. Mai 2007