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Juni 1999

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KRITIK DER ARBEIT

Nieder mit der Arbeit!?

juni.jpg (71804 Byte)"Die Arbeitslosigkeit wird in den meisten Industrieländern dauerhaft zunehmen ... Massengüter bis hin zu Autos werden ab 2014 komplett maschinell hergestellt. Die Fernwartung von Maschinen spart weitere Stellen ein. Für Sekretärinnen fallen Aufgaben weg: Bis 2008 sind Computer, die auf Sprache reagieren, so verbreitet wie ihre heutigen Vorläufer ... In zehn Jahren beschäftigen effiziente Firmen 40 Prozent der Arbeitnehmer nur noch befristet. " So wurde jüngst wieder der eindeutige Trend eines weiteren dramatischen Arbeitsplatzabbaus bestätigt, hier in der Studie "Delphi 98 " (Stuttgarter Nachrichten, 18.12.98).

von Heinz Weinhausen, Redaktion Köln - Es ist offensichtlich. Es geht nieder mit der Arbeit; und mit der Gesellschaft, die sich zwanghaft neurotisch an sie klammert. Trotzdem ist ein Disput entstanden. Sollen wir sie sterben lassen, die Arbeit? JA, sagen die einen; allerdings leben Totgesagte länger, es braucht noch den Holzpflock in ihr Vampirherz. NEIN, meinen die anderen. Für die Erwerbsarbeit mag das stimmen, aber Arbeit ist mehr als die entfremdete Arbeit im Kapitalismus, sie ist auch eigenbestimmtes Tun und Gestalten. Da haben wir ihn wieder, den Streit seit Anbeginn der Frühmoderne im 18. Jahrhundert. Schon damals gab es Bewegungen wie die der Ludditen, die sich der aufstrebenden Fabrikgesellschaft so sehr widersetzen, daß sie niederkartätscht wurden. Und es gab die Arbeiterbewegung, die antrat, die politische Macht zu erringen, um die Arbeit zu humanisieren.

Befreiung von der Arbeit oder Befreiung der Arbeit, so lauten die alten und neuen verschiedenen Standpunkte. Wobei sich selbst der tiefgründige Denker Karl Marx nicht so recht festzulegen vermochte. Trotz der begrifflichen Verschiedenheit sind sich die Autoren des CONTRASTE-Schwerpunktes aber mit Marx darin einig, daß Emanzipation innerhalb der Erwerbsarbeit immer nur einen äußerst minimalen Spielraum hatte. Heute tendiert er gegen Null. Nur jenseits der Betriebswirtschaft und staatlicher Bevormundung, jenseits der Steigerung des Bruttosozialproduktes und leeren Konsums, jenseits von Gewerbegebieten und Hochhauskäfigen, kurz nur jenseits der Warengesellschaft kann sich geselliges und individuell vielfältiges, erfüllendes Werken und Wirken, kann sich ein befriedigendes Miteinander entfalten.

Schön gesagt, aber wie getan. Hier zeigen sich wiederum Differenzen. Initiativen und Projekte können sich heute schon Freiraum verschaffen und ansatzweise mit der Aneignung von Ressourcen und Verwirklichung von Lebensqualität beginnen. Durch diese Auseinandersetzungen mit dem Status quo kann sich eine Aneignungsbewegung bilden, die über den lokalen Rahmen hinausgeht und die Gesellschaft gänzlich neu gestalten will. Oder braucht es dazu eine `Kampagne' gegen die Arbeit, braucht es zunächst eine Widerstandsbewegung gegen die Zumutungen der Arbeitsgesellschaft, aus der heraus sich eine breite Aneignungsbewegung entwickelt, die dann die Kraft hat, umfangreiche, attraktive Projekte mit Ausstrahlungskraft zu beginnen und umzusetzen.

Braucht es heute schon Bewegung im Aneignen, damit eine Aneignungsbewegung sich formieren kann? Oder müssen solche heutigen Bestrebungen soviel Kompromisse eingehen, daß sie eher den Notstand verwalten helfen als emanzipatorische Aspekte umzusetzen?

Diese konträren Positionen sind nicht leicht aufzulösen, auch wenn sie sich nicht gänzlich gegenseitig ausschließen müssen. Hier wird nur die Anhäufung und Reflexion von Erfahrungen solcher Projekte und einer solchen `Kampagne' uns weiter bringen. Man sieht: Je mehr die Arbeit der Erwerbsgesellschaft schrumpft, desto mehr "Arbeit" hat die CONTRASTE.

Schwerpunktthema Seite 6 bis 9

 

 

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Stand: 20. Mai 2007