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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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Dezember01

Aus dem Inhalt
Umsonstläden

 

Neue-Arbeit-Gruppen erproben praktische Kritik der Marktwirtschaft

Meister Anpassung regiert das Land !


Lastwagen der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim mit Aufschrift gegen den Afghanistankrieg

Die globalisierte Privatwirtschaft hat für eine Mehrheit der Menschen unzureichende Lebensverhältnisse hervorgebracht: Ca. 80% der Erdbewohner leben in primitiven, menschenunwürdigen Behausungen ohne fließendes Wasser, Toiletten oder Heizung. Fast die Hälfte leiden an den Folgen von Unterernährung. Die gewaltige Produktivitätssteigerung der letzten hundert Jahre kommt den meisten Menschen kaum zugute. Eine hauchdünne Schicht von Kapitalbesitzer beherrscht einen Großteil dieser Produktionsmöglichkeiten. Die Masse der ProduzentInnen wird mit Waren abgespeist, die ihre Bedürfnisse immer wieder neu auf das Reich der Warenwelt ausrichten und verflachen. Tätige Mitmenschlichkeit, Solidarität, Liebe ... werden zum Luxus fern von dieser Wirtschaftsweise, oder sie werden dazu benutzt, die schlimmsten Schädigungen zu lindern. Dann kann der Schweinsgalopp des Verwertungswettlaufs weitergehen. Ist das alles ?

Hilmar Kunath, Redaktion Hamburg - Gut, dass sich in den letzten Jahren eine neue Globalisierungskritik-Bewegung entwickelt hat. Dort werden verstärkt die Auswirkungen dieser Wirtschaftsweise kritisiert und gefordert, ihr Zügel anzulegen. Es bleibt allerdings erst einmal offen, wie Kräfte entwickelt werden könnten, die globalen Spekulationsströme zu unterbinden und die Macht der Konzerne zu begrenzen. Bleibt deshalb erst einmal alles wie es ist?

Durch unsere Arbeitsverhältnisse in der (Privat-)wirtschaft drohen wir immer wieder zu Geiseln einer Kapitalspolitik des ungehemmten Waren- und Geldverkehrs zu werden. Jede Einschränkung des `freien Unternehmertums', ob Tobinsteuer oder Vermögenssteuer, kann mit einer Drohung des Abbaus unserer Arbeitsplätze beantwortet werden.

Bisher ist diese Wirtschaftsweise fast ohne demokratische Alternativen geblieben. Was fehlt, ist eine praktische Kritik dieser Wirtschaftsweise, die an unseren alltäglichen Lebensverhältnissen ansetzt. Kongresse, Demos, Proteste und E-mails können allein keine neue demokratische Wirtschaftsweise hervorbringen. Erst wenn ein Teil der weltweiten Kritikbewegung an der kapitalistischen Globalisierung sich zu praktischen Alternativen zur Marktwirtschaft entwickelt, kann sie dauerhaft deren Anpassungszwängen entgehen.

Selbstorganisation ist angesagt, um Schritt für Schritt die Zwänge von Waren und Geld zurückzudrängen. Selbsthilfe und Nachbarschaftshilfe, als (Wieder-)Ausbauen von gegenseitiger solidarischer Hilfe kann eine Grundlage sein, den scheinbar allgewaltigen Anpassungszwängen von Markt und gekaufter Meinung zu widerstehen. Solange Lebens- und Arbeitsperspektiven ausschließlich auf marktbezogene Erwerbsarbeit gründen, sind die Lohnabhängigen oder kleinen WarenproduzentInnen Anhängsel der Wirtschaft und Politik, die sie in ihren globalen Auswirkungen vielleicht gerade heftig kritisiert haben. Sie müssen schließlich wieder nach Haus und ihr Geld verdienen. Der Anpassungszwang an den Warenmarkt hat die alte Alternativbewegung fast völlig zu Anpassung und Auflösung gebracht. Was unterscheidet heute manchen Bioladen, selbstverwalteten Fahrradladen, alternativen Busreise- oder Druckbetrieb von einer `normalen' privatwirtschaftlichen Firma? Dass der alltägliche Umgang mit Waren und Geld das bewirken könnte, wurde gewaltig unterschätzt. Auch die heutigen Projektgemeinschaften werden sich den Märkten anpassen müssen, wenn sie nicht bewusst etwas Neues schaffen, was diesen Anpassungszwängen standhalten kann.

Damit diese Anpassung nicht geschieht, können wir uns in einem ersten Schritt mit einigen Menschen aus unserem unmittelbaren Umfeld zusammenschließen und unsere Erwerbszwänge, unsere Abhängigkeit von Waren und Geld praktisch abbauen. Einzeln sind unsere Spielräume recht gering. Schon mit wenigen Personen können wir Projekte gegenseitiger Hilfe beginnen, zum Beispiel einen Umsonstladen aufbauen (siehe Beitrag unten) Neben dem ohnehin noch recht starken Marktbezug unserer Arbeit, den einige von uns etwas kürzen können, sollten wir systematisch und gruppenübergreifend einen Bereich direkter gegenseitiger Hilfe zu einem demokratischen Wirtschaften ohne Waren und Geld weiterentwickeln. Das würde dauerhaft ermöglichen, den Marktzwängen besser zu widerstehen.

Wie so ein neues Wirtschaften aussehen kann, möchten wir auch auf Grundlage der Schwierigkeiten, auf die unsere Praxis stößt, miteinander und auch in der CONTRASTE diskutieren. Um in die Richtung der verabredeten, basisbestimmten Solidarität weiter zu gehen, haben wir als Neue-Arbeit-Gruppen und Projektgemeinschaften einen losen Zusammenschluss gebildet. Wir wollen über die Möglichkeiten, Erfahrungen, Schwierigkeiten eines Wirtschaftens jenseits der Märkte miteinander reden, um vielleicht auch bald zu praktischem Zusammenwirken zu kommen. Noch bezeichnen wir das, was wir meinen, oft nur abgrenzend und mit unterschiedlichen Begriffen: Neue Arbeit, Lokale Ökonomie (darunter Stadtplanung von unten), Solidarwirtschaft, demokratisches, selbstbestimmtes Wirtschaften usw..

Ausgehend von einer gemeinsamen Tagung unserer Gruppen in Dresden im September 2001 stellen wir uns hier in der CONTRASTE erstmals gemeinsam öffentlich vor. Für nächstes Jahr ist ein weiteres Treffen geplant von Gruppen und Einzelnen, die Theorie und Praxis eines direkten, selbstbestimmten Wirtschaftens weiterentwickeln wollen.

Schwerpunktthema auf Seite 7-10

 

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Copyright © 1999 CONTRASTE Monatszeitung für Selbstorganisation
Stand: 20. Mai 2007