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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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Dezember 1999

Eurodysee
Aus dem Inhalt

 

20 JAHRE SOZIALISTISCHE SELBSTHILFE MÜLHEIM

Ein Fenster in die Zukunft

ssm1.jpg (29708 Byte)"Soviel Ende war nie". Mit diesem fulminanten Satz beginnt Robert Kurz sein Buch "Der Kollaps der Modernisierung". Und meint, dass die Epoche der sogenannten Moderne zu Ende geht, die 200 Jahre junge Arbeits- und Geldgesellschaft.

Von Heinz Weinhausen, Redaktion Köln - Noch am Anfang des 19. Jahrhunderts gab es heftigen Widerstand gegen diese Gesellschaftsform, weil sie eine Enteignung von stofflichem Reichtum bedeutete. So spielte im Mittelalter das Geld nur eine marginale Rolle von 20% der wirtschaftlichen Leistung. Die Menschen versorgten sich noch selbst in Form der Großfamilie und anderen Gemeinschaftsformen wie der Allmende. Wer beispielsweise Holz brauchte, konnte es sich im Wald nehmen. Ökonomie war noch eingebettet und nur ein Aspekt des gesamten Lebens.

Die Moderne hat die verwobene Ganzheit zerrissen. Heute verdiene ich - wenn ich noch Arbeit habe - mein Geld in der einen Ecke der Stadt, wohne in der anderen, kaufe in der Mitte ein, hole meine Tochter aus dem Kindergarten, besuche meinen Vater im Altenheim, fahre ins Grüne und fliege in Urlaub. Ich bin überall und nirgends, funktioniere, delegiere und konsumiere. Der inneren Leere entspricht die Wegwerfgesellschaft. Der gesellschaftlichen Isolierung entspricht die Gleichgültigkeit der über Geld vermittelten Beziehungen. Der eigenen Ohnmacht entsprechen die Sachzwänge der entbetteten Konkurrenzökonomie und das Versagen des Sozialstaates.

Die Computertechnologie entzieht der Marktwirtschaft schließlich den Boden. Wenn stetig und zunehmend mehr Arbeitsplätze wegrationalisiert werden als überhaupt neue geschaffen werden können, dann ist dieses Gesellschaftssystem letztlich nicht mehr bezahlbar. Das ist die banale, aber vielfach verdrängte Ursache der vielen Krisenerscheinungen. Das Aufplustern der Aktien,- Finanz- und Kreditmärkte ist nur Ausdruck eines Strohfeuers, das schließlich erlöschen muss.

In diesen Epochenumbruch ist das Projekt SSM einzuordnen. Hier wird wieder an ältere Wirtschaftsformen angeknüpft, allerdings nicht rückwaertsgewandt, sondern in radikal-emanzipatorischer Weise. Statt Großfamilie freiwilliger Zusammenschluss. Statt patriarchaler Hierarchie konkrete Basisdemokratie. Statt religiöser Dogmen vielfältiger Humanismus. Statt Monotonie vielseitige Betätigung. Statt Holzpflug Bohrmaschine, LKW und Computer.

In der heutigen Sinnkrise und Zeiten des Einbruchs der Marktwirtschaft befindet sich die SSM bereits mit einem Fuß im neuen "Raum der Möglichkeiten". Wenn Menschen - Gesunde und Kranke, Behinderte, Alte und Junge, Starke und Schwache, - sich zusammenschließen und in das gesellschaftliche Geschehen einmischen, ihren eigenen Lebenszusammenhang regeln und gestalten, wenn sie Ressourcen wie Häuser und Maschinen besitzen und sich das nötige Knowhow aneignen, können sie trotz - oder gerade wegen - weniger Geld reicher und zufriedener leben.

Dafür steht die SSM; als reales Fenster in eine Zukunft, die da heißt: Soviel Anfang war nie.

Schwerpunktthema Seite 7 bis 9

 

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Stand: 20. Mai 2007