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Monatszeitung für Selbstorganisation

 

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April00

Aus dem Inhalt
Michael Barracks

 

ZUM TEILZEITSOZIALISMUS DES ANDRÉ GORZ:

Sphärenklänge

Du spulst deine Arbeit runter,
und fragst nicht, warum und wieso.
Hauptsache, du kriegst deine Kohle
und ist es sauber auf dem Klo.
Ist es nicht so,
du Krone der Schöpfung ? (1)

april00.jpg (74064 Byte)"Den Kapitalismus überwinden heißt hauptsächlich und notwendig, die Vorherrschaft der Warenbeziehungen - einschließlich des Verkaufs der Arbeit - zugunsten freiwilliger Tätigkeiten und Tauschbeziehungen zu beseitigen, die ihren Zweck in sich selbst tragen." (2)

Von Heinz Weinhausen, Redaktion Köln - Warenbeziehungen und Lohnarbeit zurückdrängen, ist die Kernforderung von Andr‚ Gorz. Was der Mainstream der SozialistInnen ignoriert oder auf eine ferne "Übergangsgesellschaft" verschiebt, setzt er punktum auf die Tagesordnung: "Wer, wie, wann, wo damit anfangen könnte, wird von den radikal "man muss einfach" Denkenden als eine unwürdige Frage abgetan." (3) Wo andere noch mit der Frage ringen, ob überhaupt eine Gesellschaft ohne Lohnarbeit je funktionieren könnte, oder allenfalls abstrakte Forderungen in diese Richtung erheben, geht es Gorz bereits um konkrete Vermittlungen; nämlich darum, hier und heute zu beginnen, das Joch der Lohnarbeit im realexistierenden Industriessystem zu brechen. Das Gorzsche Denken steht also nicht für die Verherrlichung der Arbeit. Es verwirft den Glauben an die Metamorphose der Arbeiterklasse, sobald sie nur die politische Macht erringt. (4) Gorz hält vielmehr die Arbeit selbst für das eigentliche Problem. Er beschreibt sie als Mühsal, als Langeweile, als ermüdenden quälenden Zwang, der die Menschen verkrüppelt, deformiert oder verblödet, wenn sie ganztags und auf Dauer erbracht werden muss. Hierin sieht Gorz auch die Problematik der sowjetischen Diktatur des Proletariats. Wird ein Großteil der Arbeiterklasse in einen lebenslangen Monotonie-Beruf eingesperrt, in dem das Individuum schlicht zu funktionieren hat, während seine schöpferischen Potenzen brach liegen, dann hat diese Arbeitsgesellschaft - unabhängig davon, wie sie sich selbst definieren mag - herzlich wenig mit dem erstrebten kommunistischen Ziel zu tun. (5)

In der Tat, einer vollen Entwicklung des Individuums, die Marx als ein Charakteristikum des Kommunismus sah, steht diese Vereinseitigung diametral entgegen. Wird dies nicht gesehen, "läuft man Gefahr, von Angestellten und ArbeiterInnen die "Selbstverwirklichung" innerhalb von Arbeitsaufgaben zu fordern, die keine Selbstverwirklichung erlauben." (6)

Explizit wendet sich Gorz gegen die Vision des sozialistischen Arbeiterstaates. Er tritt vielmehr ein für die Befreiung von der Arbeit als politischem Programm. "Es geht nicht mehr darum, Macht als Arbeiter zu erobern, sondern darum, Macht zu erobern, um nicht länger als Arbeiter funktionieren zu müssen." (7)

Befreiung von der Arbeit bedeutet für Gorz zunächst ganz einfach eine drastische Reduktion der Erwerbsarbeitszeit. Ausgehend von der heutigen Produktivität taxiert er die notwendige Lebensarbeitszeit: "Es sieht kaum aus, als würde dieses Quantum gegen Ende des Jahrhunderts 20.000 Stunden überschreiten. Nun bedeuten aber 20.000 Stunden pro Leben zehn Jahre Vollzeitarbeit oder zwanzig Jahre Teilzeitarbeit oder - weit plausibler - vierzig Jahre unregelmäßige Arbeit, wobei Halbzeitperioden, Urlaubsperioden oder Perioden unbezahlter autonomer Tätigkeit in einer Arbeitsgemeinschaft usw. einander abwechseln." (8) Diese Lebensarbeitszeit sieht er als Pflicht, von der niemand freigestellt sein soll. In der radikalen Einschränkung der Lohnarbeit - in der Terminologie von Gorz der heteronomen Arbeit - erkennt er aber die Chance zu einer neuen Lebensqualität. "Sinn und Ziel der Forderung, "weniger zu arbeiten" ist nicht "mehr auszuruhen", sondern "mehr zu leben"" (9)

In der Umsetzung dieses Ansatzes sieht Gorz die Möglichkeit, die vom Kapitalismus eingeimpfte "produktivistische Arbeits-Ethik auszumerzen und durch eine Ethik zu ersetzen, in der die freiwillige Kooperation, die Selbstbestimmung, die Kreativität, die Qualität der Beziehungen zu anderen und zur Natur die dominierenden Werte sind. Wir müssen wieder lernen, uns in das, was wir tun, einzubringen, nicht weil wir dafür bezahlt werden, sondern aus Freude, etwas zu schaffen, zu schenken, zu lernen, mit anderen nicht-kommerzielle und nicht-hierarchische, praktische und affektive Beziehungen zu knüpfen." (10)

Und umgekehrt verhindert ein Beharren auf den Vollzeitarbeitsplatz einen Durchbruch der neuen Ethik. "Solange das Arbeitsleben den Hauptteil der Zeit eines jeden beansprucht und der Despotismus der Stoppuhr die Arbeitszeit von der Lebensarbeitszeit abschneidet, werden die Entdeckung, die Neuerfindung der nicht-ökonomischen Werte auch außerhalb der Arbeit unwahrscheinlich bleiben" (11) In dieser neuen Sphäre der autonomen Tätigkeiten - hat die ökonomische Logik keine Geltung mehr. Hier ist kein Sich-zurichten-müssen angesagt, auch nicht, wenn die frei verfügbare Zeit für die Herstellung von Notwendigem genutzt wird. "Handgenähte Kleider und Schuhe haben nicht denselben Status wie industriell gefertigte. Sie um des Vergnügens willen herstellen heißt, dass die Zeit, die man damit zubringt, nicht gezählt wird: es ist die Zeit des Lebens selbst." (12)

Autonomes Tun braucht folgerichtig eine angemessene Infrastruktur, um sich entfalten zu können. Gorz fordert daher eine Politik kollektiver Einrichtungen. Als Beispiel nennt er "die städtischen Zentren in Großbritannien , die unter einem Dach Schwimmbad, Bibliothek, Lesesaal, Spiel- und Musikräume, Restaurant, Reparatur- und Bastelwerkstatt vereinen." (13) Weiterhin sieht er den Staat gefordert, für Selbsthilfegruppen, welche Altenhilfe, Kinderbetreuung u.a. organisieren, eine geeignete Infrastruktur aufzubauen und ständige finanzielle Unterstützung zu gewährleisten.

Gorz selbst bezeichnet seinen Ansatz als dualistische Konzeption, und nur eine solche hält er für realistisch und realisierbar. "Die heteronome Sphäre gewährleistet die programmierte, geplante Produktion all dessen, was für das Leben der Individuen und für das Funktionieren der Gesellschaft notwendig ist, so wirksam wie möglich, folglich mit dem geringsten Aufwand und minimalen Ressourcen. In der anderen Sphäre produzieren die Individuen auf autonome Weise, außerhalb des Marktes, allein oder frei assoziiert, materielle und immaterielle, nicht notwendige, aber den Wünschen, dem Geschmack und der Phantasie des Einzelnen entsprechende Güter und Dienste." (14) Die eine Sphäre gilt es abzubauen, die andere zu erweitern. In dem Maß wie das gelingt und endlich das Selbstbestimmte überwiegt, wird die Gesellschaft sozialistisch. Hier käme dann den von ökonomischer Rationalität der Kapitalverwertung geprägten Beziehungen nur noch eine untergeordnete Rolle zu und somit wäre die "ökonomisch rationale Arbeit sowohl gesamtgesellschaftlich als im Leben der einzelnen nur noch eine Tätigkeit unter mehreren anderen, ebenso wichtigen". (15) Die restlose Beseitigung von Geld- und Warenbeziehungen hält Gorz allerdings für utopisch. (16)

Soweit die Vorstellung der Gorz'schen Position. Kann nun die dualistische Konzeption ein Ausweg aus der Krise des marktwirschaftlichen Systems sein? Um diese Fragen befriedigend beantworten zu können, sind die Grundlagen und Ausgangspositionen zu erörtern.

Teil 2 und 3 sowie Anmerkungen in der Papierausgabe

 

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Copyright © 1999 CONTRASTE Monatszeitung für Selbstorganisation
Stand: 20. Mai 2007