»Frei.Wild«: Zwischen Kitsch und Subkultur Dies ist die Langfassung des im gedruckten Heft gekürzt erschienenen Artikels.
 
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Braunzone »Frei.Wild«: Zwischen Kitsch und Subkultur Die Südtiroler Band »Frei.Wild« tritt in die Fußstapfen der »Böhsen Onkelz« und feiert damit immer größere Erfolge. Die Naziskin-Vergangenheit des Sängers scheint - wie beim großen Vorbild - kein Hindernis zu sein. Ebensowenig sind es die nationalistischen und völkischen Töne der Band, die sich mit den Beteuerungen abwechseln, »unpolitisch« zu sein. Band und Fans scheinen diese Widersprüchlichkeiten problemlos auszuhalten. Das aktuelle Album hat es zwischenzeitlich auf Platz zwei der deutschen Charts gebracht. Wettlauf um das »Onkelz«-Erbe
 
Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass sich die rechtsaffine Prollrockband »Böhse Onkelz« aufgelöst hat. Die Aktivitäten um die Gruppe sind seitdem nicht zu einem Ende gekommen: »Onkelz«-Coverbands in rauen Mengen, »Onkelz«-Fanclubs quer durch die Republik, »Onkelz«-Nächte in jeder zweiten Dorfdisko. Unter den zahlreichen Bands, die gerne die Nachfolge der »Onkelz« antreten würden, stechen seit einiger Zeit die 2001 gegründeten »Frei.Wild« heraus. Die Südtiroler (also: norditalienische) Band spielt laut Selbstauskunft »Deutschrock« und reinszeniert die von den »Onkelz« bekannte Marketingstrategie. Die Attitüde versichert den Fans: Jungs, wir sind so wie ihr, wir sind okay, die da oben spinnen, mensch, wir haben schon einiges durchgemacht.
 
Vorläufig scheinen »Frei.Wild« beim inoffiziellem Wettlauf um das »Onkelz«-Erbe die Nase vorn zu haben. Die saarländische Oi-Punkband »Krawallbrüder« konkurrierte eine Zeit lang recht erfolgreich mit, ist mittlerweile jedoch ins Hintertreffen geraten. Vielleicht störte die hohe Affinität zur Punkszene, vielleicht war ihr Marketing nicht aggressiv genug. Die Bremer Hooligan-Combo »Kategorie C« hatte ebenfalls Ambitionen, auf den »Onkelz«-Zug aufzuspringen. Doch auch deren Aufstieg stagniert. Sänger Hannes Ostendorf sang noch 2006 bei einem NPD-Solidaritätskonzert für den inhaftierten Sänger der Nazikultband »Landser«. »Kategorie C« haben rassistische Texte im Repertoire und die Fanbasis ist durchsetzt von Neonazis und rechten Hools. »Kategorie C« strebten für den kommerziellen Aufstieg einen Imagewechsel an (»Fußball ist Fußball, Politik ist Politik«), doch der ist noch zu unglaubwürdig und darum tendenziell gescheitert. Die Band ist zu offenkundig rechts für den ganz großen Erfolg.
 
Von den alten »Onkelz« selbst wurden die Fans enttäuscht. 2008 erschien ein mit Spannung erwartetes Soloalbum von »Onkelz«-Bassist Stephan Weidner. Die Songs von »Der W« kamen jedoch nicht an. Sie brachen mit dem Stil der Onkelz, waren zu komplex, zu experimentell, um in der sich nach simpel gestricktem Liedgut sehnendem »Onkelz«-Gemeinde zünden zu können. Dass das angekündigte zweite Album von Weidner daran etwas zu ändern vermag, darf getrost bezweifelt werden.
 
Phrasenrock: »Wir sind wir«
 
Nun also »Frei.Wild«. Die Band inszeniert sich als Stimme des gesunden, proletarischen Menschenverstands. Mit Politik habe man nichts zu tun, es geht um unreflektierte und ironiefreie Selbstbestätigung, um das wahre Leben des einfachen Mannes: Wir sind wir. Die Musik ist Rock von Männern für Männer. In frühen Veröffentlichungen wurden Frauen so gut wie gar nicht angesprochen. Inzwischen werden sie wenigstens als Teil des Publikums einkalkuliert. »Frei.Wild« sind die Boyband in der »Onkelz«-Rockszene - smarte Klamotten, gepflegte Frisuren. Zum Frauentag 2010 spielten sie in Berlin gar ein zotiges »Ladies Night«-Konzert, bei der es eine Männerstripshow gab und die Band vor einer »Tunten-Lounge« herumalberte.
 
»Frei.Wild« machen ein Identitätsangebot, das die Lücke füllt, die von den »Böhsen Onkelz« hinterlassen wurde. Der Irrwitz und der Unsinn ihrer - nachfolgend genauer beleuchteten - Statements sprechen Bände, »Frei.Wild« und ihre Gemeinde ficht das nicht an. Band und Fans schweißt ein Wir-Gefühl zusammen, dass zentrales Element der Texte ist und auch sein muss: Damit die Abschottung von einer feindlich gesinnten Welt und der eigene Opfermythos funktionieren.
 
Das neue Album »Gegengift« strotzt vor simplen Wir-gegen-Euch-Konstruktionen - Worte wie »wir« und »unser« kommen in den Texten der 14 Songs weit über 100 mal vor. Zur Gegenseite zählen selbstredend Leute, die Kritik an der Band üben. Von deren dummer Hetze würde man letzlich jedoch profitieren: »Liebe macht blind, Zorn der macht dumm; doch dieser Angriff haut uns nicht um; härtet uns ab, und ihr werdet es sehen; allein nach vorn, immer Richtung Freiheit! (..) Die selbe Hetze schon seit etlichen Jahren; ihr müsst den Menschen vor Frei.Wild bewahren; doch es hat nix gebracht, uns nur bekannter gemacht!«
 
Ganz nach oben: Charterfolge und Auftritt auf der WM-Fanmeile
 
»Frei.Wild« haben wachsenden Erfolg. In diesem Sommer tingelte die Band zahlreiche große Rockfestivals ab. Mit dabei waren sie beispielsweise beim »Summer Breeze «(unter anderem zusammen mit »Sick Of It All« und »Sepultura«), beim »Rock am Neckar«, beim »With Full Force« und beim größten Metalfestival der Welt in Wacken. Dazu kamen »Onkelz«-Tribute-Veranstaltungen wie die »GOND« (»Größte Onkelz-Nacht Deutschlands«) und das »Viva los Tioz«-Festival. Fanartikel werden maßgeblich über den Metal-Versand »EMP« vertrieben, um den T-Shirtdruck kümmerte sich zumindest zeitweise der Punkversand »Nix Gut«. Das Album »Hart am Wind« kletterte im Erscheinungsjahr 2009 bis auf Platz 15 der deutschen Charts. Der endgültige Durchbruch in den Mainstream kam 2010: Das aktuelle Album »Gegengift« schoss in der Erscheinungswoche aus dem Stand auf Platz zwei der deutschen Charts. Die anschließende Tour im November war in den meisten Städten schnell ausverkauft. Zeitschriften wie »Metal Hammer« bringen Interviews und Poster und schätzen, das für »Frei.Wild« »alle Zeichen in Zukunft Richtung Stadion« deuten.
 
Den größten Auftritt der Bandgeschichte gab es Ende Juni 2010 beim offiziellen FIFA-Fanfest zur Fußball-WM am Berliner Olympiastadion vor dem Achtelfinale Deutschland-England. Zwischen 200.000 und 500.000 Menschen wurden von »Frei.Wild« einige Lieder lang beschallt. Daneben traten Oliver Pocher und der Rapper Bushido auf. Zur WM hatten »Frei.Wild« die Single »Dieses Jahr holen wir uns den Pokal« veröffentlicht. Mit »wir« meint die norditalienische Band ganz selbstverständlich - Deutschland. Der Song schaffte es immerhin auf Platz 66 der deutschen Single-Charts.
 
Ein Blick in die die Social Networks im Internet zeigt, dass »Frei.Wild« trotz ihrer eigenständigen Erfolge weiterhin eng an die »Onkelz«-Fanszene angebunden sind. Eine Mehrheit der »Frei.Wild«-Fans in den Communitys bekennt sich auch zu den »Onkelz«, umgekehrt ist das seltener der Fall. In der Community »Wer kennt wen« kommen »Frei.Wild« auf über 300 Gruppen in denen sich schätzungsweise 20.000 Fans der Band zusammengeschlossen haben. Das ist eine Menge. Jedoch haben die »Onkelz« mehr als das zehnfache ebensolcher Fan-Gruppen, von denen die größte allein etwa 40.000 Mitglieder hat.
 
Nazi-Vergangenheit als Marketing-Gag
 
Von »Extremismus« jedweder Couleur grenzt sich die Band ab. Weder mit »Hitler«, Mussolini«, noch mit »Marx und Engels« oder wahlweise auch »Bush und Hussein« wolle man etwas zu tun haben. Wie damals die »Onkelz« bekennt sich auch »Frei.Wild«-Sänger Philipp Burger zur eigenen neonazistischen Vergangenheit. Burger sang früher bei der inzwischen lange aufgelösten Rechtsrockband »Kaiserjäger«. Im Gegensatz zu den »Onkelz« hat er es nach dem Bruch mit der Szene für nötig befunden, nicht unter dem Namen seiner alten Band weiter zu machen. Von der Jugendsünde Neonazismus erzählt Burger freimütig und verleiht sich und der Band damit den Nimbus großer Authentizität. Motto: Es hat doch jeder schon mal Mist gebaut.
 
Politik - oder doch nicht?
 
Mit der politischen Abstinenz ist es bei »Frei.Wild« so eine Sache. Einerseits wird insistiert, dass man sich für politische Fragen nun überhaupt nicht interessiere und mithin Politik in der Band nichts verloren habe.
 
»Eine Sprache, die lebt und viel zu tiefgründig und nah aus dem Leben ist, als dass sie jemals politisch sein könnte«, schreiben »Frei.Wild« auf ihrer Myspace-Seite in etwas eigenwilliger Logik. »Rechts« könne die Band schon aufgrund ihrer regionalen Wurzeln nicht sein, wird an gleicher Stelle behauptet: »Frei.Wild verstehen sich als 'frei' und damit keineswegs als rechts gesinnt. Schon alleine aufgrund ihrer Herkunft: Frei.Wild entstammen keinem glamourösen Hintergrund, sondern einer Region, in der Bodenständigkeit Tradition hat.« Aha. Ganz so, als ob eine Sprache, die »nah aus dem Leben« ist, nicht auch Trägerin politischer Propaganda sein könne. Ganz so, als ob völkische und nationalistische Bewegungen nicht immer schon ihre Basis auch unter »bodenständigen« Menschen gehabt hätten.
 
»Frei.Wild« reduziert »Politik« offenbar einzig auf den Machtapparat. Wer sich selbst als »nah aus dem Leben«, »ehrlich« und »bodenständig« begreift, fällt per se aus diesem Raster heraus. Darüber spricht »Frei.Wild« nicht nur sich, sondern auch seine Fans, die in allen Regionen Deutschlands begeistert auf »Deutschrock«-Partys rennen, von jedem »Verdacht« - und somit von jeder Verantwortung für das eigene Handeln - frei.
 
Wie so oft: wer »unpolitisch« sagt, will betrügen. Denn andererseits verbreiten »Frei.Wild« ohne mit der Wimper zu zucken politische Botschaften. Die Band ist mithin eindeutig politischer, als es die »Onkelz« in den letzten 20 Jahren ihres Bestehens waren.
 
Auf dem aktuellen Album »Gegengift« findet sich der Song »Wahre Werte«. Darin heißt es: »Lichter und Schatten; undefinierbar, woher sie kommen; Formen und Spalten; die dein Ich-Gefühl zurückerstatten; Geräusche und Winde; die dich umgeben und unheimlich wirken; Höhen und Tiefen laden ein zum genießen; da, wo wir leben, da wo wir stehen; ist unser Erbe, liegt unser Segen; Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache, für uns Minderheiten eine Herzenssache; das, was ich meine und jetzt werft ruhig Steine; wir sind von keinem Menschen die Feinde; doch wir sind verpflichtet, dies zu bewahren. (..); wo soll das hinführen, wie weit mit uns gehen; selbst ein Baum ohne Wurzeln kann nicht bestehen (..); Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat (..); ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk; Dialekte und Umgangssprache; hielten so lange, so viele Jahre; Bräuche, Geschichten, Kunst und Sagen; sehe schon die Nachwelt klagen und fragen; warum habt ihr das verkommen lassen?«
 
In diesen Zeilen steckt alles, was völkischen Nationalismus ausmacht: Die Bezüge auf ein »Erbe«, welches »bewahrt« gehöre und nicht »verkommen« dürfe; mythische Bilder von Licht und Schatten, von denen niemand wisse, »woher sie kommen«, die aber dennoch Identität stiften würden; die Annahmen von Verwurzelung und organischer Zugehörigkeit, kulminierend in der Formel »Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache«.
 
Die Ansicht, dass der Mensch gefühlige »Heimat« und eine Volkszugehörigkeit brauche und nur finden könne, wenn er »Wurzeln«, »Erbe«, »Tradition« und Sprache mit einer Region teile, basiert auf einem zutiefst reaktionären Begriff von »Volk«. Es ist nicht nur inkompatibel mit modernen demokratischen Gesellschaften, sondern in der Essenz nichts anderes als Blut-und-Boden-Ideologie. Der zitierte »Frei.Wild«-Text wird auch durch das Lippenbekenntnis gegen »Faschisten« und »Nationalsozialisten« nicht besser, welches die Band in die letzte Strophe routiniert eingearbeitet hat. Der »Frei.Wild«-Hauptvorwurf gegen Nationalsozialismus und Faschismus an dieser Stelle ist, dass »unsere Heimat darunter gelitten« habe.
 
Die politischen Aussagen der Band erschöpfen sich nicht nur im mystisch Völkischen. In ihrem programmatischen Song »Land der Vollidioten« greifen sie aktuelle politische Debatten auf. »Land der Vollidioten« ist mehr als eine Tirade gegen die italienische Politik. Leute wie Berlusconi würden »Völker ganzer Nationen« beleidigen. »Kreuze werden aus Schulen entfernt, aus Respekt vor den andersgläubigen Kindern«, jammert Philipp Burger im gleichen Song. Solche Statements sind alles Mögliche - aber ganz sicher nicht »unpolitisch«. Wer soll an die angebliche Politikferne wirklich glauben? Hält die Band ihre eigenen Fans für Vollidioten?
 
Wohl kaum - »Frei.Wild« bedient vielmehr das Bedürfnis jener Milieus, in denen sie Erfolg haben. Es handelt sich um Jugendliche und Erwachsene mit - so kann man mutmaßen - eher »bodenständigem« Background, mit im Schnitt geringer formaler Bildung, eher auf dem Land als in der Stadt zu Hause. Anstelle einer Rebellion gegen die Verhältnisse tritt die folgenlose Stammtisch-Schimpferei gegen »die da oben« garniert mit politisch rechts aufgeladener Duselei von »Heimat« und »Volk«.
 
»Dummes Volk«, fasst der Sänger in einem Interview seine Einstellung gegenüber der italienischen Bevölkerung zusammen (und beleidigt damit en passant das »Volk« einer ganzen Nation). Er selbst sei kein Italiener: »Ich fühle mich nicht so. Ich fühle mich als Südtiroler, als Gesamttiroler, weder als Deutscher noch Österreicher.« Zu Rechtsrockzeiten in der Band »Kaiserjäger« indes legte er noch Wert darauf, Österreicher zu sein, und als er im WM-Sommer 2010 trällerte »dieses Mal holen wir uns den Pokal« meinte er Deutschland.
 
Parteinahme für Rechtsaußen
 
2008 sollten »Frei.Wild« bei der »Freiheitlichen Rocknacht« auftreten, einem Konzert der »Freiheitlichen Jugend«, Nachwuchsorganisation der Südtiroler Partei »Die Freiheitlichen«. Burger selbst war auf Bezirksebene im Eisacktal (Brixen) für die Rechtsaußen-Gruppierung aktiv. Eine Kostprobe aus dem Forderungskatalog der »Freiheitlichen Jugend«: »Südtirol zuerst! Einwanderung stoppen! Heimat schützen! Sofortige Ausweisung von ausländischen Straftätern!« Nach einigem Hin und Her sagte die Band das geplante Konzert ab. Politik würde der Band schaden, so in etwa die fadenscheinige Begründung.
 
Burger trat schließlich aus der Partei aus. Dem Parteiprogramm aber ist er weiterhin treu. Im Internetforum der Band erschien erneut eine Distanzierung von »Politik« und eine Erklärung, wie es zum Engagement für die Partei gekommen sei: »Nur weil man Musiker ist, [muss man] nicht jedes Mal und überall tatenlos zusehen. (..) Es kann nicht sein, dass fast jedes Wochenende gewalttätige Übergriffe ausländischer Gangs auf einheimische Jugendliche begangen werden.«
 
Ihr Magdeburger Plattenlabel »Bandworm Records« kündigte wegen der durchscheinenden Rechtslastigkeit von »Frei.Wild« die Zusammenarbeit auf. Mittlerweile veröffentlichen »Frei.Wild« als Indieband über das eigene Label »Rookies & Kings«. Der neue Manager Stefan Harder war vorher bei Universal Music und zeichnete dort für Hits wie »Schni Schna Schnappi das kleine Krokodil« verantwortlich.
 
Der Stolz Südtirols
 
1919, in der Folge des ersten Weltkriegs, wurde die vormals österreichische Region Südtirols dauerhaft Italien zugesprochen. Derzeit ist die Bevölkerung der Region zu rund 70 Prozent deutschsprachig. Politisch verfügt die Region über eine außergewöhnlich weit reichende Autonomie. Trotzdem wittern »Frei.Wild« allerorten Feinde, gegen die man vorgehen müsse. So singt die Band in ihrer Hymne »Südtirol«: »Südtirol, wir tragen deine Fahne, denn du bist das schönste Land der Welt, Südtirol, sind stolze Söhne von dir, unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her. Südtirol, deinen Brüdern entrissen, schreit es hinaus, lasst es alle wissen, Südtirol, du bist noch nicht verlor'n, in der Hölle sollen deine Feinde schmor'n. (..) Edle Schlösser, stolze Burgen und die urigen Städte wurden durch die knochenharte Arbeit uns'rer Väter erbaut. Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das uns're Heimat ist.« Solche Zeilen freuen, wen wundert's, die nationalistische Bewegung in Südtirol. 2010 jubelte das Rechtsaußenblatt »Der Tiroler«: »Die in Südtirol im Südtiroler Schützenbund, zahlreichen Vereinen, den deutschen Oppositionsparteien und auch in völlig unorganisierter Form zu Tage tretende Selbstbestimmungsbewegung hatte in den letzten Jahren vor allem unter der Jugend enormen Zulauf bekommen.« Als Beweis für diese These wird der Erfolg von »Frei.Wild« angeführt.
 
»Kaiserjäger«
 
Im Vergleich zu solchen Zeilen sind die Texte der »Frei.Wild«-Vorläufer- und Rechtsrock-Band »Kaiserjäger« gar nicht mal so viel radikaler. Im Song »Meine Heimat heißt Tirol« nutzten »Kaiserjäger« fast wortgleich wie später »Frei.Wild« die Formel von »unserem heiligen Land«. Entscheidender Unterschied zwischen den Gruppen ist der Kontext. »Kaiserjäger« verbanden ihre Inszenierung gewalttätiger Männlichkeit offensiv mit der rechten Skinheadszene: »Eine Gruppe Glatzen kämpft dagegen an, gegen Weicheier wie Raver und Hippies und Punks.« »Kaiserjäger« stellten ihr Nazisein nur über die entsprechende Szenezugehörigkeit zur Schau. Ihre Texte hingegen enthielten keine offene Verherrlichung des Nationalsozialismus. Stattdessen hagelte es Treuebekenntnisse zum österreichischen Kaiser: »Heil dem Kaiser, Heil dem Lande, Österreich wird ewig stehen«. Mit dem nationalistischen Pathos verbunden waren bei »Kaiserjäger« männliche Gewaltfantasien und spießbürgerliche Sehnsüchte. »Solche Fotzen wie du habe ich schon lange satt«, schimpfte es gegen eine verflossene Liebe, stattdessen wolle man »fromm und bieder, wahr und offen« sein und besang die Dinge, die »des Bürgers Fleiß geschaffen« habe. Die Texte von »Frei.Wild« argumentieren mit sehr ähnlichen Mustern, sie sind nur um die nunmehr störende Naziskin-Pose bereinigt und von den gröbsten Obszönitäten befreit.
 
Toleranz auch für Nazis
 
Wenn es um andere Themen als um die »heilige« Heimatscholle geht, geben sich »Frei.Wild« durchaus Mühe, »tolerant« zu sein. Gegensätze ziehen sich an, Vielfalt ist eine gute Sache. Im Song »Schwarz und Weiß« zählt die Band nicht nur lose auf, was sie alles ganz in Ordnung findet, sondern verrät nebenbei auch ihr sexistisches Frauenbild: »Weich oder hart; dick oder dünn; reich oder arm; hetero oder warm; Pampa oder City. Wir sind hier und Du bist dort; weit weg von mir. Eckig oder rund; farblos und bunt; die eine will's von Hinten; die andere nimmt ihn in den Mund; Nord- und Südpol, USA und der Rest der Welt.«
 
Stichwort Toleranz: Philipp Burger erklärt in einem Interview, dass Naziskinheads wie alle anderen Gäste bei »Frei.Wild«-Konzerten willkommen seien - »solange sich die Leute benehmen«. Denn: »Nur weil einer was anderes denkt«, dürfe man niemanden ausgrenzen. »Ich kann ehrlich zu ihm sagen 'Willkommen! Aber benimm dich!'« Allerdings mutmaßt Burger auch, dass »richtig überzeugte Nazis« mit den »Frei.Wild«-Texten »eh nicht klarkommen würden«. Ein Blick in das Nazi-Internetportal »Thiazi« zeigt das Gegenteil. In der dortigen Bandliste sind »Frei.Wild« neben Nazirock der Marke »Störkraft« wie selbstverständlich mit Diskografie und vollständigen Liedtexten gelistet.
 
Neurechte »Frei.Wild«-Fans
 
Die Salonfaschisten der neurechten Zeitschrift »Sezession« sind ebenfalls »Frei.Wild«-Fans. Was die Band immer leugnet - ihren politischen, nationalistischen Gehalt - wird in der politischen Rechten ohne Umschweife anerkannt. In der Aprilausgabe 2010 erschien ein Text, der zwar bedauert, dass das »politisch korrekte Management« die Band in Richtung politischer Abstinenz »knechten «würde. Dennoch feiert Sezession-Autor Felix Menzel »Frei.Wild« als Paradebeispiel für seine These, dass Pop derzeit eher als die Hochkultur ein vielversprechendes Feld für extrem rechte metapolitische Interventionen sei. Menzel: »Ob sie es zugeben oder nicht und ob sie es bewußt machen oder nicht: Frei.Wild vermischt Alltäglichkeiten und heimatbewußte Politik. Damit markiert die Band einen deutlich rechteren Zeitgeist als den gegenwärtig herrschenden. (..) Die patriotischen Akzente werden von breiten Schichten wahrgenommen.«
 
Rebellion der Spießer
 
»Ihr seid dumm, dumm und naiv, wenn Ihr denkt, Heimatliebe ist gleich Politik. Schaut euch doch um, das Paradies auf Erden liegt hier mitten in den Bergen. Jeder Volksmusikant tritt live im Fernsehen auf, singt über das gleiche Thema, doch da fällt's keinem auf«, hält die Band in »Land der Vollidioten «jeder Kritik an ihrem offenen, völkischen Nationalismus entgegen. Mag sein, dass in der deutschen Volksmusik deutschtümelnde Phrasen beileibe keine Seltenheit sind. So scharf wie von »Frei.Wild« wird es dort jedoch selten formuliert.
 
Allemal ist die Volksmusik-Referenz auch unter einem anderen Aspekt interessant. »Frei.Wild« werfen mit Begriffen wie »Subkultur« und »Rebellion« umher und verkaufen ihre piefige Bergwelt-Romantik und ihre von Arbeitsethos und Traditionen geprägte Wertewelt als aufständische Coolness. Der Kitsch von »Frei.Wild« minus die E-Gitarren und minus den sinnentleerten Rebellengestus würde durchaus ins Musikantenstadl passen. Wenn Rock jemals gegen irgendetwas rebellierte, dann wohl gegen die himmelschreiende Spießbürgerlichkeit und die Enge, wie sie von der Volksmusik und von »Frei.Wild« repräsentiert werden.
 
Doch die Band dreht das Prinzip um. »Frei.Wild« sind spießbürgerlich bis in die Haarspitzen und berauschen die Fans mit blumigen Rebellionsphantasien. Sie vermitteln eine Identität des »anders sein« und schaffen es damit tatsächlich auf Festivals, die unter dem Motto »Die Rebellion geht weiter!« angekündigt sind. »Rebellisch« sind allenfalls die Attitüden, wenn die Band jeder Kritik den »Mittelfinger« entgegen streckt und vorgibt, »aus dem Rahmen der Gesellschaft« zu fallen. Das ist ihr schlichtes Erfolgsrezept, bis ins Detail kopiert von den »Böhsen Onkelz«. »Frei.Wild«: Zwischen Kitsch und Subkultur
 
»Frei.Wild«: Zwischen Kitsch und Subkultur