Die Bundeswehr zwischen Tradition und Reform
Die Bundeswehr leugnet zwar nicht die
Verbrechen der Wehrmacht, nimmt sich
aber trotzdem ein Beispiel an ihr. Es war
ja nicht alles schlecht. Wie vorbildlich ist
die Wehrmacht? »Eine Anlehnung an
Kommandoverbände der früheren Wehrmacht
ist unsachgemäß, wäre undemokratisch,
insgesamt wesensfremd und
findet tatsächlich auch nicht statt«. Das
ist die Darstellung der Bundesregierung.1
Ein ehemaliger Insider stellt es anders
dar: »Die Soldaten des KSK wissen
genau, wo ihre Wurzeln liegen. Die
Einsätze der ‚Brandenburger’ gelten der
Truppe geradezu als legendär.« So fasst
der frühere Chef des Kommandos Spezialkräfte
(KSK), General Reinhard Günzel,
das Selbstverständnis seiner Truppe
zusammen. Die »Brandenburger« waren
eine Sabotage- und Diversionseinheit der
Wehrmacht, die nach eigenem Verständnis
außerhalb des Völkerrechts agierte.
Der Konflikt, hier am Beispiel der
Elitetruppe KSK vorgeführt, steht für
den alten, seit Gründung der Bundeswehr
virulenten Widerspruch zwischen
»Traditionalisten« und »Reformern«. Strittig ist zwischen ihnen
nicht, ob es an der Wehrmacht Tradierbares
gebe, sondern welche Teile
der Wehrmacht in welcher Intensität
zu ehren seien.
Sowohl als auch ...
Die Traditionspolitik der Bundeswehr
war von Anfang an janusköpfig.
Die alten Generäle, welche die Bundeswehr
aufbauen sollten, pflegten den
Mythos von der »sauberen« Wehrmacht.
Zugleich ‹waren Reformer gefragt, die
für die Integration in westeuropäische
bzw. transatlantische Militärstrukturen
unverzichtbar schienen.
Zu den Anforderungen, die der
»Personalgutachterausschuss« Mitte
der 1950er Jahre an Wehrmachtsoffiziere
stellte, die in die Bundeswehr
übernommen werden wollten, gehörte
deshalb, »die Gewissensentscheidung
der Männer des 20. Juli 1944« »anzuerkennen
« – nicht unbedingt zu befürworten.
Dieses Bekenntnis sollte
»mit der Achtung vor den vielen anderen
Soldaten, die im Gefühl der Pflicht
ihr Leben bis zum Ende eingesetzt haben
«, einhergehen.2
Als Ausschlusskriterium
galten dem »Personalgutachterausschuss
« die Zugehörigkeit
zur SS und (!) zum antifaschistischen
»Nationalkomitee Freies Deutschland«
bzw. dem »Bund deutscher Offiziere«.
Diese Linie gilt im Prinzip bis
heute: Akzeptiert werden sowohl die
Offiziere des 20. Juli als auch diejenigen,
die dagegen waren. Nicht akzeptiert
werden hingegen widerständische
Soldaten, die die Wehrmacht von
außen bekämpft haben. Zu verurteilten
Kriegsverbrechern wird – meistens
– Distanz gehalten. Außenseiter, sogenannte
Retter in Uniform, die
außerhalb des Offiziersklüngels um
Tresckow und Stauffenberg agiert haben,
kriegen mal einen Kasernennamen ab (wie Feldwebel Anton Schmid
in Rendsburg), werden aber ansonsten
als das behandelt, was sie ja auch waren:
Einzeltäter.
Der noch heute gültige Traditionserlass
von 1982 stellt fest: »In den Nationalsozialismus
waren Streitkräfte
teils schuldhaft verstrickt, teils wurden
sie schuldlos missbraucht.« Und
weiter: »Ein Unrechtsregime, wie das
Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen.« Ob das auch für die Wehrmacht
gilt, dazu schweigt der Erlass.
Drei Jahre und einen Regierungswechsel
später bestätigte das »Weißbuch
zur Lage und Entwicklung der
Bundeswehr« (1985) als Beispiele,
»die tradiert zu werden verdienen«
die alte Zweisamkeit: »Tapferkeit und
Leiden deutscher Soldaten in Krieg
und Gefangenschaft und den Widerstand
gegen die nationalsozialistische
Gewaltherrschaft.«
Vorbild? Nein, aber ...
Die Frage, ob die Wehrmacht für
die Bundeswehr vorbildgebend oder
traditionsstiftend sein könne, beantworten
offizielle Stellen seit Jahrzehnten
mit einem »Nein, aber…«.
Das gilt sogar noch, nachdem die
Hamburger Ausstellung »Verbrechen
der Wehrmacht« seit 1995 den Mythos
von der »ritterlichen« Kampfführung
vor einem großen Publikum widerlegt
hat. Der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe erklärte am 13. März
1997 im Bundestag: »Nicht die Wehrmacht,
aber einzelne Soldaten können
traditionsbildend sein, wie die Offiziere
des 20. Juli, aber auch wie viele
Soldaten im Einsatz an der Front.« Im
Gespräch mit der rechten Wochenzeitung
Junge Freiheit erklärte auch
Klaus Naumann, Generalinspekteur
zwischen 1991 und 1996: »Die Wehrmacht,
das sind achtzehn Millionen
Deutsche gewesen. Die Mehrheit dieser
Soldaten hat im guten Glauben
gekämpft, für ihr Land zu handeln
[...] Ich habe als Generalinspekteur
[...] deutlich herausgestellt, dass die
Soldaten der Wehrmacht, die ehrenhaft
gehandelt haben, als Personen
für die Soldaten der Bundeswehr
durchaus Vorbildcharakter haben können.«3
Durch diese Hintertür marschieren
weiterhin ganze Wehrmachtsdivisionen
in die Traditionspolitik der Bundeswehr.
Im Prinzip kommen alle in
Frage, denen nicht direkt und unmittelbar
Kriegsverbrechen nachgewiesen
wurden. Mit der »Nein, aber«-Haltung
korrespondiert eine »Ja, aber«-Haltung,
wenn es darum geht, ob die
Wehrmacht Kriegsverbrechen begangen
habe. Beispielhaft dafür ein Beitrag
in den Informationen für die
Truppe (IfdT) aus dem Jahr 2003: »Ein
Tyrann hat die Tapferkeit, den Mut
und das Ehrgefühl der ihm anvertrauten
Soldaten missbraucht«, schreibt
Markus Bentler, heute Kommandeur
der Panzerdivision 10, in dessen Bereich
das berüchtigte Mittenwalder
Heldengedenken fällt. »Die Wehrmacht
hat großes Leid gebracht, aber
ihre Soldaten haben auch großes Leid
erlitten [...] Zwar sind viele schuldig
geworden, jedoch besteht die Verantwortung
nachfolgender Generationen
und Armeen darin, nicht in Selbstgerechtigkeit
zu verfallen und die Dialoge
abzubrechen.«
Selbst mit einer nur symbolischen
Entnazifierung wie beispielsweise der
Umbenennung von Kasernen tun sich
Militärpolitiker und Wehrmachtsanhänger
extrem schwer. Zwar verkündet
die Bundesregierung in ihrer Antwort
auf eine Kleine Anfrage der
Linksfraktion: »Viele ›problematische‹
Namen wurden schon aufgegeben«.4
Aber, um genau zu sein: Es waren drei,
seit 1956! Das waren die General-
Dietl-Kaserne in Füssen, die General-
Oberst-Kübler-Kaserne in Mittenwald
(1995) sowie die Mölders-Kaserne in
Visselhövede (2005). Gegenwärtig gibt
es 28 Kasernen, die nach Wehrmachtsangehörigen
benannt sind. Nur zehn
davon gehörten zum Widerstand.
1999 hatte Kulturstaatsminister Naumann
(SPD) noch angekündigt, sämtliche
nach führertreuen Wehrmachtsgenerälen
benannten Kasernen umzubenennen
»In zwei Jahren finden Sie
keine mehr« (SZ 30. Januar 1999).
Heute reagiert die Bundesregierung
auf die Frage, ob denn noch Umbenennungen
beabsichtigt seien, missgelaunt:
»Moralischer Rigorismus« sei
unangebracht, »das Menschliche muss
in Kauf genommen werden, wenn man
Menschen als Namensgeber betrachtet.«5
Outsourcing der Wehrmacht
Während sich die Bundesregierung
wenigstens teilweise von der Wehrmacht
distanzieren muss, gilt eine
solche Beschränkung nicht für die militärischen
Traditionsverbände und
Reservistenkameradschaften. Von denen
gibt es Hunderte, unterteilt in
Regional- und Divisionsverbände. Die
größten Dachverbände sind Kyffhäuserbund
(rund 100.000 Mitglieder),
Bayerischer Soldatenbund 1874 (im
ganzen Bundesgebiet 80.000) und der
Kameradenkreis der Gebirgstruppe
(knapp 7.000 Mitglieder).
Die meisten dieser Verbände agieren
im nationalkonservativen und
deutschnationalen Politikspektrum.
Die Verbrechen der Wehrmacht leugnen
sie nicht unbedingt – sie relativieren
sie aber gerne. Die Aufarbeitung
der Geschichte beschränkt sich
auf die Ehrung der »eigenen« Toten
und die Beschwörung von Heldenmut
und Tapferkeit. Die Verbände sind bestrebt,
Wehrmacht und Zweiten Weltkrieg
zu »normalisieren« und erfüllen
damit ein wesentliches Anliegen sowohl
rechtsextremer als auch rechtskonservativer
Politik.
So würdigt der Kyffhäuserbund
»die Leistungen der deutschen Soldaten
in Vergangenheit und Gegenwart«.
Der Verein bekennt sich bis heute zum
Anführer des 1943 aufgelösten Nationalsozialistischen
Reichskriegerbundes,
dem SS-General Wilhelm Reinhard.
»Deutschland war im Krieg um
Tod und Leben und jeder mußte auf
seinem Platze seine Schuldigkeit tun,
so gut er konnte«, zitiert ihn zustimmend
die Vereinszeitschrift. Der Bund
rechnet die Verbrechen der Wehrmacht
gegen die Vertreibungen der
Deutschen nach dem Krieg auf und
fordert »ein gegenseitiges Gedenken«.6
Der Bayerische Soldatenbund setzt
sich »unermüdlich für die Ehre der Gefallenen
unseres Volkes ein« und vereint
jene, die »Leistungen und Opfer
der Wehrmacht nicht leugnen«. Er
lässt auch schon mal den Geschichtsrevisionisten
und Exgeneral der Bundeswehr
Gerd Schultze-Rhonhof zu
Wort kommen. Diesem zufolge sei es
Deutschland im Zweiten Weltkrieg
»ursprünglich nur um die Menschenrechte
der deutschen Minderheit in
Polen und um die Heimkehr der Danziger
Bevölkerung in ihr Mutterland«
gegangen. Der Krieg habe sich »gegen
Hitlers Willen« ausgedehnt.7
Wie intensiv die Zusammenarbeit
der Traditionsgemeinschaften mit der
Bundeswehr ist, kann man in den Vereinszeitschriften
nachlesen. Da gibt es
fortlaufend »pfundige Kameradschaftsabende
« im Offizierscasino, Schießwettkämpfe
und Mitgliederversammlungen
in Bundeswehrliegenschaften.
Aktive Offiziere schreiben für die Vereinsblätter
oder halten Vorträge vor
Vereinsgliederungen. Der Kyffhäuserbund
Berlin hat sein Büro in der Julius-
Leber-Kaserne. Das erhellt die Bedeutung,
die diese Vereine als Transmissionsriemen
der Militärpolitik
haben. Doch der ansonsten so hierarchische
Militärapparat verzichtet darauf,
die gemeinsamen Veranstaltungen,
Besuche und Gegenbesuche, Zuarbeiten
und Nutzungsüberlassungen
zentral zu erfassen. Es bleibt den Kasernenkommandanten
und Standortältesten
überlassen, mit wem sie in
welcher Form zusammenarbeiten.8
Diese militärische »Basisdemokratie« hat den Vorzug, eine Kontrolle
massiv zu erschweren. Dabei wäre sie
ungemein wichtig, übernehmen doch
die Vereine jenen Teil der Traditionsarbeit,
der über den Traditionserlass
hinausgeht: Revisionismus, Ehrung
von Kriegsverbrechern, Wehrmachtsglorifizierung.
Die Bundesregierung
ist offensichtlich froh darum, dass jemand
diesen Part übernimmt, und erklärt
formell richtig, sie könne privaten
Vereinen nicht die Art und Weise
ihrer Geschichtsbetrachtung vorschreiben.
Beispiel Mittenwald
Im bayerischen Mittenwald findet
jedes Jahr an Pfingsten die »Brendtenfeier
« des Kameradenkreises der
Gebirgstruppen statt. Dessen Ehrenpräsident
war von 1952 bis zu seinem
Tod 1983 General Hubert Lanz – ein
Kriegsverbrecher, der vom Nürnberger
Tribunal wegen des Massakers an 4000
italienischen Kriegsgefangenen auf
der griechischen Insel Kephallonia im
September 1943 zu zwölf Jahren Haft
verurteilt worden war. Distanziert hat
sich der Verein bis heute nicht von
ihm. Darüber zu reden verstieße wohl
gegen den Vereinszweck: Laut Homepage
engagiert sich der Kameradenkreis
»für die Ehre der Soldaten und
verurteilt Verunglimpfungen«. Der Historiker
Stefan Stracke hat ermittelt,
dass deutsche Gebirgstruppen europaweit
Massaker an mindestens 58 Orten
begangen haben.9
Aufgrund wachsender Proteste von
Antifagruppen und Medieninteresse
gestand Vereinschef Manfred Benkel,
Oberst a. D., vor zwei Jahren ein, Gebirgssoldaten
seien an »Vorgängen«
beteiligt gewesen, die »auch schon
damals gegen geltendes Recht verstoßen
haben.«10 Wohl auch wegen der
Öffentlichkeitswirkung wurde 2005
die Traditionskameradschaft des SSPolizeigebirgsjägerregiments
18 ausgeschlossen
– nicht aber deren Einzelmitglieder.
Das frühere Motto der
Feier, »für unsere gefallenen, vermissten
und verstorbenen Kameraden«,
wurde um den Zusatz »und aller Opfer
von Krieg, Gewalt und Terror« ergänzt.
Die Bundeswehr leistet alle Jahre zuverlässig
Unterstützung und stellt einen
Shuttle-Service. Zu den prominentesten
Mitgliedern des Kameradenkreises
gehören der ehemalige bayerische
Ministerpräsident Manfred Stoiber und
der parlamentarische Staatssekretär
im Verteidigungsministerium, Christian
Schmidt (beide CSU), der in diesem
Jahr auch selbst in Mittenwald
sprach.
Kämpfertypen gefragt
Gerade Berufs- und längerdienende
Zeitsoldaten haben offenbar das Bedürfnis,
ihr Tun in einem übergreifenden
Traditionszusammenhang zu verorten.
Die Frage des Autoren, warum
er die Wehrmacht schätze, begründete
ein Reservist auf dem Weg zum Mittenwalder
»Kameradschaftsabend«:
»Sie können ja nicht ihre eigenen
Wurzeln abschneiden«.11
Das bedingte Festhalten an der
Wehrmacht steht auch in Zusammenhang
mit dem neuen Selbstverständnis
der Bundeswehr. »Soldatische Tugenden
« – Treue, Opferbereitschaft,
Gehorsam – spielen seit 1990 wieder
eine wesentlich stärkere Rolle. Die
Bundeswehr wird zur Interventionsarmee
umgebaut, Auslandseinsätze werden
zur Regel. Gefordert ist deswegen
die »Fähigkeit, kämpfen zu können
und kämpfen zu wollen«, wie es der
frühere Generalinspekteur Klaus Naumann
formulierte.12 Die Bundeswehr
hat bislang – noch – keine eigene
»Kampftradition« entwickelt, der Rückgriff
auf die Wehrmacht ist da schlicht
naheliegend. Schon 1991 mahnte die
Bundeswehrzeitschrift »Truppenpraxis
«, auf den »reichen Erfahrungsschatz
der Wehrmacht« nicht zu verzichten.
Denn, so das Bundeswehrjournal
»Y« im März 2005: Man soll nicht immer
nur über das Schlechte reden.
»Darüber hinaus muss und darf jenseits
einer Schuld- und Traditionsdebatte
die Frage nach der militärischen
Leistungsfähigkeit erlaubt sein. Für
den israelischen Militärhistoriker Martin
van Creveld (59) verkörpert die
Wehrmacht‚ besser als jede andere
moderne Streitkraft die Verbindung
von Initiative und Disziplin [...] Auch
taktisch und operativ setzte die Wehrmacht
zu ihrer Zeit höchste Maßstäbe
«. Hinzuzufügen ist: Martin van
Creveld ist regelmäßiger Autor für die
Junge Freiheit und das extrem rechte
Blatt »Deutsche Militärzeitschrift«
und Gast bei stramm rechten Vereinigungen
wie dem Institut für Staatspolitik.
Der eingangs genannte General
Günzel hat genau diese Haltung nur
etwas zugespitzt, als er seinen Leuten
»Disziplin wie bei den Spartanern,
den Römern oder bei der Waffen-SS«
abverlangt hatte.13
»Normalisierung«
Das soll nicht bedeuten, dass sich
Bundeswehrsoldaten an der NS-Ideologie
orientieren sollen. Aber: Sie sollen
Kämpfer sein, die von ihrer Mission
überzeugt sind. »Wir mussten ja
unsere Pflicht tun«, haben 99 Prozent
unserer wehrmachtsgedienten Großväter
erzählt. Das ist heute wieder gefragt.
Dieser Anspruch erklärt, dass auf
Nazis und verurteilte Kriegsverbrecher
gegebenenfalls verzichtet wird. Wichtiger
ist die Erinnerung an vermeintlich
»politisch unbelastete« Kämpfertypen,
die mit dem notwendigen
Maß an Chauvinismus und
Brutalität in den Krieg zogen,
ohne komplizierte Fragen zu
stellen.
In den Worten von Generalinspekteur
Wolfgang Schneiderhahn,
der Ende September
einen Soldatenfriedhof in
Lettland einweihte: »Sie [die
Bundeswehr, F. B.] kann sich
aber auch nicht von den deutschen
Soldaten lossagen, die,
wie der Philosoph Karl Jaspers
schrieb, in Kameradschaftlichkeit
treu waren und die
ohne Ausführung offenbar böser
Befehle in unschuldigem
Glauben fielen«. Die Soldaten hätten
sich »um ihrer Heimat und ihrer Familien
willen für den Dienst an ihrem
Land« entschieden – kein Wort über
die unendlichen Gräuel, die Wehrmacht,
SS und lettische Kollaborateure
verübt haben.14
Das Comeback der »soldatischen
Tugenden« und das Anknüpfen an
Traditionen der Wehrmacht sind Ausdruck
des Normalisierungsdiskurses,
der in Deutschland seit 1990 immer
dominanter wird. Die Bundeswehr
bleibt nicht bei Schuld-Eingeständnissen
stehen, sondern fordert (!) Versöhnung,
denn nun soll es weitergehen:
Auch heute wollten Soldatinnen
und Soldaten »ihrem Land dienen«, so
Schneiderhahn auf dem Soldatenfriedhof,
»und deshalb denke ich in diesen
Minuten an unsere Truppen auf dem
Balkan, in Afghanistan am Horn von
Afrika und vor der Küste des Libanon.«
Mit dem Soldaten, wie ihn die »Innere
Führung« eigentlich fordert, der
Befehle kritisch hinterfragt und die
Grenzen seiner Gehorsamspflicht erkennt,
hat das nichts zu tun. Freilich:
Der »Bürger in Uniform« war von Anfang
nur ein Potemkinsches Dorf. Das
lässt man jetzt verfallen.