Liebe Antifas, Freundinnen und Genossinnen, liebe LeserInnen!
In unserem Schwerpunkt widmen wir uns in dieser Sommerausgabe
dem Thema Verschwörungstheorien. Warum interessieren
wir uns als Redaktion des Antifaschistischen
INFO Blattes für Verschwörungstheorien, also die Versuche
bestimmte Ereignisse, Zustände oder Entwicklungen durch
eine Verschwörung zu erklären – wobei diese Erklärungsversuche
meist irrationale, paranoide Züge haben und unzulässig
verallgemeinern?
Hannah Arendt konstantierte dazu bezüglich des Musterbeispiels
aller Verschwörungstheorien, der sogenannten
»Protokolle der Weisen von Zion«, dass es nicht darum
gehe, zum hundertsten Male zu beweisen, was ohnehin alle
Welt weiß, nämlich, daß man es bei den »Protokollen« mit
einer Fälschung zu tun hat, vielmehr gehe es darum, zu erklären,
weshalb eine so offensichtliche Fälschung bis heute
von so vielen geglaubt wird.
Die als »Verschwörung« bezeichneten Vorgänge werden
durch diejenigen, die sie aufzudecken behaupten keinesfalls
wertneutral dargestellt, sondern von einem bestimmten
Standpunkt aus bearbeitet, sie enthalten also immer
auch eine weltanschauliche Beurteilung der Ereignisse.
Grundlage aller Verschwörungstheorien ist ein vereinfachendes
Welt- und Geschichtsbild, das auf der Grundannahme
basiert, dass die soziale Wirklichkeit durch Handlungen
von Personen direkt steuernd beeinflusst werden
könne. Die irrige Auffassung, eine relativ kleine Personengruppe
könne wichtige gesellschaftliche Ereignisse zentral
steuern, ist nicht nur »unterkomplex«, sondern Grundlage
des klassischen antisemitischen Stereotyp einer jüdischen
Weltherrschaft. Die Suche sollte sich also weniger auf die
Verschwörer, als vielmehr auf die Verschwörungssucher
selbst konzentrieren. Wir haben einige Fachautoren um
Gastbeiträge zu dem Thema gebeten. Dr. phil. Eduard Gugenberger
schildert esoterische Elemente im Verschwörungsweltbild
der extremen Rechten, während Dr.
Michael Hagemeister den Mythos der jüdischen Weltverschwörung
am Beispiel der Protokolle der Weisen von Zion
beschreibt. Inwieweit Mythen und Märtyrer als Mobilisierungsfaktor
der Neonaziszene fungieren stellen wir in einem
weiteren Artikel dar.
Die Artikelreihe zu Faschismustheorien setzen wir in
dieser Ausgabe mit Sternhells ideengeschichtlicher Einführung
in den Themenkomplex fort. In der nächsten Ausgabe
werden wir den Artikel fortführen und uns mit dem
ideologischen Inhalt des Faschismus auseinandersetzen.
Wer es nicht erwarten kann den ganzen Text zu lesen, findet
die vollständige Version auf unserer Internetseite.
Vor drei Jahren hatten wir in der Ausgabe # 64 den
Schwerpunkt Antifa; über Thesen und Konzepte antifaschistischer
Praxis möchten wir auch diesen Sommer diskutieren.
In dieser Ausgabe veröffentlichen wir einen Gastbeitrag
von der Kampagne »NS-Verherrlichung stoppen!« der
sich diesem Thema annähern möchte und weiteren Bestand
für eine unfassende Diskussion liefern soll. Wir würden uns
über weitere Texte, die sich dem Kampagnentext widmen
freuen.
Besonders bedanken möchten wir uns hiermit auch beim
Solidaritätsfonds der Hans-Böckler-Stiftung, die uns bei
der Anschaffung neuer Büromöbel unterstützt.