Geschichte und Aktualität des »Historikerstreits«
Ernst Nolte steht wieder im Rampenlicht. Erst kürzlich feierte »Die Welt« den mittlerweile 83jährigen als einen der »klügsten Geschichtsdenker des 20. Jahrhunderts« , der, wie der Politikwissenschaftler Volker Kronenberg mutmaßte, seine Frage »nach dem Entstehungs- und Beziehungsverhältnis von nationalsozialistischem und bolschewistischem Terror- und Vernichtungsregime« womöglich »20 Jahre zu früh« gestellt habe. Tatsächlich waren es dessen im Juni 1986 in der FAZ veröffentlichte Thesen über den »kausalen Nexus« zwischen Auschwitz und dem Archipel Gulag, die den höchst emotional geführten »Historikerstreit« um die Singularität der nationalsozialistischen Judenverfolgung auslösten. Nunmehr, zum 20. Jahrestag des »Historikerstreits « erheben sich Stimmen, die »Gerechtigkeit für Ernst Nolte« (Kronenberg) fordern,
der in den damaligen Auseinandersetzungen Opfer einer linken »Verdächtigungskultur« geworden sei, deren geschichtspolitischer Bannstrahl« heute »prekär« erscheine.
Jedoch ging es in den damaligen Kontroversen trotz der Fokussierung auf Ernst Nolte weniger darum, dessen Auffassungen empirisch zu stützen oder zu widerlegen. Den eigentlichen Hintergrund des »Historikerstreits« bildete vielmehr die Frage, an welchen Referenzpunkten sich die nationale Identität der Bundesrepublik 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
orientieren sollte.
Während die einen darauf drängten, den Nationalsozialismus zu »historisieren« und dessen fortwährende Präsenz in der politischen Kultur der Bundesrepublik zurückzudrängen, sahen die anderen genau darin einen neokonservativen Versuch, die »erst nach – und durch Auschwitz« gewachsene Bindung an »universalistische Verfassungsprinzipien« zu kappen. Demnach war, wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler resümierte, der »Historikerstreit« eine vor allem geschichtspolitische Kontroverse um die
»kulturelle Hegemonie« in der Deutung der jüngeren deutschen Geschichte.
»Konservative Tendenzwende« – Die Rahmenbedingungen des »Historikerstreits«
Als der »Historikerstreit« im Sommer 1986 in den großen Tages- und Wochenzeitungen seinen Lauf nahm, war dies der Höhepunkt bereits länger geführter Kontroversen um einen »normalisierten« Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Seit Mitte der 1970er Jahre hatten linksliberale Intellektuelle wie etwa Jürgen Habermas auf eine sich abzeichnende konservative »Tendenzwende« hingewiesen.
Die Aufbruchstimmung, die mit der 68er-Bewegung sowie dem Regierungsantritt der sozialliberalen Koalition im Herbst 1969 verknüpft gewesen war, ebbte allmählich ab. Hatten die hegemonialen gesellschaftlich-politischen Diskurse bis dahin unter dem
Leitbegriff der »Emanzipation« gestanden, gewannen nun im Zeichen eines um sich greifenden Krisenbewusstseins Fragen nach der Identität« der Deutschen zunehmend an Bedeutung.
Die Wiederentdeckung der Geschichte wurde so zu einer der zentralen Ressourcen eines aufblühenden neuen Nationalbewusstseins. Kennzeichnend hierfür war die verklärende Bezugnahme auf frühere Epochen deutscher Geschichte, die als eine angeblich
»bessere«, vor allem aber »unbelastete« Vergangenheit idealisiert wurden. Ihren Ausdruck fand diese Entwicklung nicht zuletzt in zahlreichen publikumswirksamen historischen Ausstellungen, wie z.B. über »Preußen« in Berlin (1981).
Auf politischer Ebene stellte der Machtwechsel in Bonn im Herbst 1982 den vorläufigen Abschluss der konservativen
»Tendenzwende« dar. Schon unmittelbar nach dem Regierungsantritt der CDU/CSU/FDP-Koalition hatte Bundeskanzler Kohl eine umfassende »geistig-moralische Wende« proklamiert, von der sich viele auch einen »normalisierten« Umgang mit der
deutschen Vergangenheit versprachen. Tatsächlich zielte die Geschichtspolitik des Kanzlers darauf, die Präsenz
der NS-Vergangenheit zurückzudrängen und die Verbreitung identifikationsfähiger Geschichtsbilder zu fördern. Diese sollten u.a. in einem »Haus der Geschichte der Bundesrepublik« sowie in einem zentralen Nationalmuseum in Berlin zum Tragen kommen.
Der Verdacht, dass es Kohl darum ging, einen »Schlussstrich« unter die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit
zu ziehen, schien sich anlässlich der Israel-Reise des Kanzlers im Jahr 1984 zu erhärten. Im Hinblick auf die in der Zeit des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen reklamierte Kohl während seines Staatsbesuchs für sich und den überwiegenden
Teil der deutschen Gesellschaft »die Gnade der späten Geburt«. Im Mai 1985 schlug der geschichtspolitische Skandal von Bitburg vor allem auf internationaler Ebene hohe Wellen. Publizistischen Flankenschutz erhielt die Bundesregierung im konservativen Feuilleton. Die Auseinandersetzungen um den Umgang mit der Vergangenheit nahmen hier Züge eines Kulturkampfes an. In diesem Sinne kam der Feststellung des als Berater Helmut Kohls wirkenden Historikers Michael Stürmer geradezu programmatische Bedeutung zu, »dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die
Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet«.
»Eine Art Schadensabwicklung«? Die Konfliktlinien des »Historikerstreits«
Diese Entwicklungslinien waren es, die Jürgen Habermas im Blick hatte, als er im Juli 1986, »apologetische
Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung« konstatierte und damit den entscheidenden Impuls für den »Historikerstreit« lieferte. Als Protagonisten eines Geschichtsrevisionismus, der darauf abziele, die NS-Vergangenheit
zu »historisieren«, identifizierte Habermas neben Michael Stürmer auch die Historiker Klaus Hildebrandt, Andreas Hillgruber und Ernst Nolte. Besonders die Thesen der beiden letztgenannten sollten in den folgenden Monaten die zentralen Konfliktpunkte
des »Historikerstreits« bilden.
Hillgruber, damals Ordinarius für Geschichte an der Universität Köln, hatte Anfang 1986 ein Buch mit dem Titel »Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums« veröffentlicht. Thema des Bandes
sind die Ereignisse an der zusammenbrechenden Ostfront im Winter 1944/1945. Angesichts der zu diesem Zeitpunkt einsetzenden Massenflucht großer Teile der deutschen Bevölkerung vor der heranrückenden Roten Armee, müsse sich, so resümierte Hillgruber,
»der Historiker […] mit dem konkreten Schicksal der deutschen Bevölkerung im Osten und mit den verzweifelten und opferreichen Anstrengungen des deutschen Ostheeres und der deutschen Marine im Ostseebereich identifizieren.«
Unternahm Hillgruber damit den Versuch, die Wehrmacht des »Dritten Reichs« zu rehabilitieren, ging es Ernst Nolte um eine grundlegende Neuinterpretation der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Seine Thesen, die er im Juni 1986 in der FAZ
veröffentlichte, hatte er bereits in den Jahren zuvor publiziert. Doch erst im Kontext der geschichtspolitischen
Kontroversen um einen »normalisierten« Umgang mit der NS-Vergangenheit wurde Noltes Deutung des Holocaust von einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen.
Ein zentraler Wesenszug des Nationalsozialismus sei, so argumentierte Nolte, dessen radikaler »Antimarxismus« gewesen. Dieser resultiere aus einer nicht zuletzt bei Adolf Hitler zu beobachtenden Furcht vor den »asiatischen Taten« des sowjetischen Bolschewismus.
Die unter sowjetischer Verantwortung begangenen Massenmorde und die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten sah Nolte durch einen »kausalen Nexus« miteinander verknüpft. Seine Kernthesen formulierte er in
suggestiven Fragen: »Vollbrachten die Nationalsozialisten […] eine ‚asiatische’ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen’ Tat betrachteten? War nicht der ‚Archipel GULag’ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‚Klassenmord’ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords’
der Nationalsozialisten?«
Dieser Interpretation zufolge stellen die unter bolschewistischer Herrschaft begangenen Verbrechen nicht nur einen historischen Vorgriff auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik dar. Der Holocaust erscheint vielmehr als putativer Notwehrakt des NS-Regimes, das, nach Noltes Auffassung durchaus zu Recht, eine existentielle Bedrohung durch den Bolschewismus fürchtete. Diese Betrachtungen enthielten zwei Aspekte, die einer relativierenden Deutung der nationalsozialistischen Massenverbrechen Vorschub leisteten: Erstens verlieh Nolte »Auschwitz« eine scheinbare Plausibilität,
indem er den Versuch unternahm, den Handlungsmotiven der Nationalsozialisten einen rationalen Kern zuzuschreiben. Zweitens konnte seine Interpretation der Judenvernichtung als »asiatische Tat« auch als der Versuch gelesen werden, den Holocaust
partiell aus der deutschen Geschichte herauszulösen. Diese »Entsorgung der Vergangenheit« (Wehler) bot wiederum
einen Ansatzpunkt, den Nationalsozialismus emotionslos zu »historisieren«.
Lagerbildung – Die Kontrahenten des »Historikerstreits«
Die Thesen von Hillgruber und
Nolte stießen nicht nur bei Jürgen Habermas,
sondern auch bei einer Reihe
linksliberaler Historiker auf Widerspruch.
Auf der anderen Seite formierte
sich eine Phalanx konservativer
Publizisten und Geschichtswissenschaftler,
die für Hillgruber, Nolte,
Hildebrandt und Stürmer Partei ergriff.
Die dichotome Lagerbildung der
jeweiligen Protagonisten war somit
von Beginn an ein zentrales Kennzeichen
des »Historikerstreits«.
Bemerkenswert war jedoch die generationelle
Geschlossenheit der Kontrahenten,
von denen die meisten den
Jahrgängen zwischen 1923 und 1930
entstammten. Der »Historikerstreit«
wurde vorwiegend von Vertretern der
so genannten Flakhelfergeneration ausgetragen.
Diese repräsentierten jene
Alterskohorte, die, aufgewachsen in
der Zeit des Nationalsozialismus, den
Zweiten Weltkrieg noch aus eigenem
Erleben kannten. Sie hatten ihre wissenschaftliche
Karrieren erst in der
Bundesrepublik begonnen und waren
seit den 1960er Jahren an den Universitäten
in einflussreiche Positionen
gelangt.
Die Fraktionierungen während des
»Historikerstreits« entstanden nicht
zufällig. Sie spiegelten vielmehr die
zwei sich methodisch konträr gegenüberstehenden
Lager wieder, die seit
Mitte der 1960er Jahre das Profil der
bundesdeutschen Geschichtswissenschaft
prägten. Für Ernst Nolte und
Andreas Hillgruber ergriffen vor allem
Historiker Partei, die als Vertreter einer
klassischen Politik- und Diplomatiegeschichte
gelten konnten. In deren
Verständnis von Geschichte kam
besonders den Entscheidungen »großer
(Staats)männer« sowie außenpolitischen
Konstellationen zentrale Bedeutung
für den Ablauf historischer
Prozesse zu. Den Gegenpol bildeten
Historiker, die diese personenzentrierten
Ansätze in Frage stellten und
sich demgegenüber als Protagonisten
einer Historischen Sozialwissenschaft
begriffen. Ihr Forschungsinteresse
galt vor allem den historischen Prägekräften
sozio-ökonomischer Strukturen.
Seit dem Ende der 1960er Jahre
hatte es mehrfach heftige Kontroversen
zwischen Politik- und Strukturgeschichtlern
gegeben, wobei die Konflikte
meist in historischen Fachzeitschriften
ausgetragen worden waren.
In dieser Perspektive war der »Historikerstreit« eine weitere Aktualisierung
der seit zwei Jahrzehnten schwelenden
Auseinandersetzungen, um hegemoniale
Positionen innerhalb der bundesdeutschen
Geschichtswissenschaft
und die daran geknüpfte geschichtspolitische
Deutungsmacht. Für das eigentliche
Geschehen im Holocaust interessierten
sich demnach auch die
linksliberalen Kritiker von Nolte und
Hillgruber bestenfalls am Rande. Zwar
wurde heftig über die Vergleichbarkeit
und die Singularität des Holocaust gestritten,
neue historische Erkenntnisse
förderte die Kontroverse jedoch
nicht zutage.
Diese Beobachtungen mögen zum
einen erklären, weshalb sich eine jüngere
Generation von Historikern, die
seit Mitte der 1980er Jahre verstärkt
zu den unterschiedlichen Facetten nationalsozialistischer
Vernichtungspolitik
zu forschen begann, kaum an den Kontroversen des »Historikerstreits« beteiligte. Zum anderen wird deutlich,
dass aufgrund der Lagerbildung entlang
eines zwei Jahrzehnte schwelenden
Machtkampfes, Positionierungen
jenseits der beiden Pole kaum festzustellen
waren.
Die Kritik der Alltagsgeschichte
Grundsätzliche Kritik an den Thesen
von Nolte und Hillgruber, wie
auch an den Geschichtsbildern ihrer
Gegner äußerten jedoch die Protagonisten
der sich etablierenden Alltagsgeschichte
sowie die Aktivisten zahlreicher
Geschichtswerkstätten, die
seit dem Ende der 1970er Jahre im
Kontext der Neuen Sozialen Bewegungen
entstanden waren. So wurden die
geschichtsphilosophischen Betrachtungen
Noltes über den »kausalen Nexus« zwischen dem Archipel Gulag
und »Auschwitz« ebenso zurückgewiesen,
wie der von Hillgruber in seinem
Bändchen »Zweierlei Untergang«
formulierte Anspruch, er habe eine
Erfahrungsgeschichte der deutschen
Bevölkerung in der Endphase des
Zweiten Weltkrieges schreiben wollen.
Dessen Schlussfolgerung, der Historiker
müsse sich mit dem »Schicksal der
deutschen Bevölkerung im Osten«
und den »Anstrengungen des deutschen
Ostheeres« identifizieren, rief
etwa die scharfe Kritik der Alltagshistorikerin
Adelheid von Saldern hervor:
»Hillgruber liefert ein gutes Beispiel
dafür, wie sich Werte und Normen
verschieben, wenn man sich bei
der historischen Erfahrungsanalyse
vom Nationalen als einem Wert an sich
leiten lässt.« Gleichzeitig warfen Vertreter
der Alltagsgeschichte den Sozial-
und Strukturhistorikern vor,
durch »generalisierende Abstraktionen« historische Prozesse und Ereignisse
zu beschreiben, ohne die daran
beteiligten Akteure in den Blick zu
nehmen. Das »Hinnehmen und Mitmachen
der Vielen« (Alf Lüdtke) in der
Zeit des Nationalsozialismus würde somit
hinter entpersonalisierenden
Strukturanalysen verschwinden. Auf
den Verlauf des »Historikerstreits«
konnten diese Interventionen freilich
nur marginalen Einfluss nehmen.
Der historische Ort des »Historikerstreits«
Rückblickend ist festzustellen,
dass sich im »Historikerstreit« geschichtspolitische
und wissenschaftsimmanente
Konfliktlinien bündelten,
deren Ausgangspunkte weit vor den
Kontroversen der Jahre 1986/1987 lagen.
Die Auseinandersetzungen eskalierten
jedoch nicht zufällig im Zeitraum
zwischen dem 40. Jahrestag des
Kriegsendes und dem 40. Jahrestag
der Gründung der Bundesrepublik im
Mai 1989. Den eigentlichen Hintergrund
bildete die zunehmend dringlich
empfundene Frage, an welchen
Referenzpunkten sich die nationale
Identität der Bundesrepublik orientieren
sollte. Die Haltung der meisten an
der Debatte beteiligten Historiker war
in hohem Maße selbstreferentiell:
Weitgehend unter sich, wenn auch in
der Arena einer breiten medialen Öffentlichkeit,
stritten die etablierten
Vertreter des Fachs um die geschichtspolitische
Deutungskompetenz. In
diesem Sinne stellte der »Historikerstreit« eine Kontroverse dar, die aus
den spezifischen politischen, kulturellen
und gesellschaftlichen Konstellationen
in der »alten« Bundesrepublik
der 1980er Jahre resultierte.
Die epochalen Umbrüche der Jahre
1989/1990 veränderten jedoch den
geschichtspolitischen Referenzrahmen
vollständig. Die Vorstöße, nun
auch zu einem »normalisierten« Umgang
mit der NS-Vergangenheit zu gelangen,
ließen nicht lange auf sich
warten. Der »Historikerstreit« erfuhr
dabei jedoch keine Neuauflage. Zwar
spitzte Ernst Nolte seine Thesen über
die Beweggründe der nationalsozialistischen
Vernichtungspolitik in einer
Reihe weiterer Publikationen zu,
breite Resonanz erzielten seine Veröffentlichungen
allerdings nicht. Zu
deutlich hatte sich der 1991 emeritierte
Historiker den Positionen eindeutiger
Holocaust-Leugner angenähert.
Die eingangs zitierte Feststellung,
Ernst Nolte sei mit seinen Thesen »20
Jahre zu früh« gewesen, verweist hingegen
auf sich gegenwärtig im europäischen
Kontext vollziehende geschichts-
und erinnerungspolitische
Umbrüche, die tatsächlich zu einer
»Historisierung« und Entkonkretisierung
der NS-Vergangenheit führen
könnten. Im Rahmen einer sich herausbildenden
»identitätsstiftenden«
gesamteuropäischen Geschichtspolitik
könnten die nationalsozialistischen
Verbrechen stärker als bisher mit den
Gewalt- und Diktaturerfahrungen in
den ehemals kommunistischen Staaten
Osteuropas in Beziehung gesetzt
werden. Die Zusammenschau der totalitären
Regime des 20. Jahrhunderts
würde somit den negativen Referenzpunkt
einer gemeinsamen europäischen
historischen Meistererzählung
bilden. Das Bewusstsein für die Präzedenzlosigkeit
der nationalsozialistischen
Vernichtungspolitik droht hierbei
freilich verloren zu gehen.
Ernst Nolte spielt als Stichwortgeber
für die hier skizzierten erinnerungskulturellen
Transformationsprozesse
keine Rolle mehr. Dennoch sehen
ihn seine Adepten durch eben
diese Entwicklungen bestätigt. Nolte
habe sich, so urteilt der FAZ-Redakteur
Lorenz Jäger, trotz seiner zwanzig
Jahre währenden Isolierung »auf
eine eher stille Weise [...] durchgesetzt.
« Ernst Nolte avanciert in dieser
Sichtweise zu einem Visionär, der
im »Historikerstreit« zum »Hauptangeklagten
« erklärt worden sei, nunmehr
aber seinen Freispruch durch die
Geschichte erhalten habe. In der gegenwärtig
zu beobachtenden »Historisierung
« des »Historikerstreits« sind
die damaligen Konfliktlinien weiterhin
virulent. Der Kulturkampf um
Deutungsmacht erfährt seine Fortsetzung.
Der »Historikerstreit« scheint
demnach auch nach 20 Jahren noch
nicht vorbei zu sein.