Ein Überblick zu Geschichte und aktuellen Entwicklungen
Zur Einführung: zwei Schlaglichter
Erstes Schlaglicht: Wer die Homepage
der extrem rechten Zeitschrift
»Türkische Linke« öffnet, liest zunächst das
Motto »Für eine nationale Linke«.
Wenn man das Bild weiter nach unten
rollt, erscheint eine Türkeikarte, auf
der »Es gibt kein Kurdenproblem, sondern
kurdische Invasion« steht. Binnen
weniger Sekunden färbt sich die
südosttürkische Provinz Diyarbakir
grün und wirft Pfeile auf westtürkische
Provinzen. Diese Pfeile sollen die
kurdische Binnenmigration symbolisieren,
was wiederum Teil eines »umfassenderen
Plans« sein soll: geplant
werde zunächst die »Kurdisierung«
türkischer Provinzen, um später Ansprüche
auf diese Provinzen zu erheben
und sie endgültig vom »Vaterland
« zu trennen. Zur Untermauerung
folgt eine »Prognose«, dass das Bevölkerungswachstum
in den kommenden
15 Jahren in der gesamten Türkei 24
Prozent betragen werde. Für die mehrheitlich
durch Kurden besiedelten
Provinzen wird ein Bevölkerungswachstum
von 40 Prozent prognostiziert.
Das starke Bevölkerungswachstum
bei den Kurden sei das Ergebnis
von »Sozialtechnologie« kurdischer
Nationalisten und Separatisten, deren
Ziel es sei, die ethnische Zusammensetzung
der Türkei radikal zu verschieben.
Den Höhepunkt dieser »hate
speech« bilden eine Mahnung (»Söhne
und Töchter türkischer Rasse, achtet
auf Eure Identität!«) und ein Aufruf
zum Boykott kurdischer Produkte.
Türken werden dazu aufgefordert,
nicht bei Kurden einzukaufen, nur in
türkischer Sprache zu sprechen und
die türkische Sprache gegen Einflüsse
aus der kurdischen Sprache und Phonetik
zu hüten, keine kurdische Musik
zu hören und keine kurdischen Filme
anzusehen, sich von den Gepflogenheiten
des Dorflebens, das unter dem
Einfluss kurdischer Kultur stehe, zu
distanzieren, auf kurdische Gerichte
und Spezialitäten zu verzichten und
sich zu reproduzieren, um beim demografischen
Wettbewerb mit den Kurden
nicht auf der Strecke zu bleiben.
Zweites Schlaglicht: 24. September
2005. In der Istanbuler Bilgi-Universität
findet eine internationale sozialwissenschaftliche
Konferenz zu den
Massakern an Armeniern während des
Ersten Weltkrieges statt. Draußen protestieren
wieder einmal militante extreme
Rechte, bewerfen Teilnehmer
mit Tomaten und Eiern, verfluchen
und beschimpfen sie. Einige versuchen
sogar, die Bannmeile zu durchbrechen,
um den Konferenzsalon zu
stürmen. Dahinter steht eine größere
Menschenmenge mit Plakaten mit beleidigenden
und verunglimpfenden
Inhalten (»Vaterlandsverräter«, »Schurken«, »armenische Bastarde«) und bejubelt
die aufgebrachten Jugendlichen.
Ähnliches spielt sich später
auch vor dem Strafgericht im Istanbuler
Stadtteil Sisli ab, als der wegen
»Beleidigung gegen das Türkentum«
angeklagte türkische Schriftsteller Orhan
Pamuk zur Gerichtsverhandlung
kommt.
Rechtsextremismus heute – Praxis, Feind- und Weltbild
Diese Schlaglichter geben nicht nur
einen beispielhaften Einblick in die
gegenwärtige Praxis der extremen
Rechten in der Türkei, sondern deuten
zugleich ihr Feindbild an: religiöse
und ethnische Minderheiten, westlich
orientierte Demokraten, kritische Wissenschaftler
und Intellektuelle. Das
Feindbild »Sozialismus« und »revolutionäre
Kommunisten« ist in den letzen
Jahren insbesondere nach dem
Zusammenbruch des real existierenden
Sozialismus und wegen der
Schwäche linker Parteien und revolutionärer
Bewegungen in den Hintergrund
geraten. Zu den Topthemen
gehören nun die Kontroversen um die
politische Integrität des Landes, EU-Mitgliedschaft, Aufarbeitung türkischer
Geschichte, Definition türkischer
Identität und Forderungen kurdischer
Gruppen nach kulturellen und
politischen Rechten, die meist pauschal
als Separatismus zurückgewiesen
werden. Zu den vorrangigen Aktivitäten
der türkischen extremen Rechten
gehören politische Kampagnen
gegen eine mögliche EU-Mitgliedschaft
und gegen die Kopenhagener
Kriterien. Diese würden den Staat bei
der Bekämpfung des separatistischen
Terrors schwächen, das Land destabilisieren
und schließlich zum Zerfall
führen. Der Vertrag von Sevrés wurde
dem Osmanischen Reich 1920 von den
Großmächten Großbritannien und
Frankreich aufoktroyiert. Er symbolisiert
die imperialistische Aufteilung
der Türkei und ist als nationales
Trauma im kollektiven Bewusstsein
der Türken tief verankert. Dieses
Trauma wird immer wieder von nationalistisch-
konservativen Politikern zu
Propagandazwecken missbraucht. Die
extreme Rechte greift ebenfalls darauf
zurück, um so an konservative, nationalliberale
und sogar linksliberale
Kreise Anschluss zu finden und das
Vertrauen großer Teile der Bevölkerung
zu gewinnen.
Abgelehnt werden mit ähnlicher
Begründung auch Forderungen nach
mehr kulturellen und politischen
Rechten für Kurden. Ein Großteil der
extremen Rechten leugnet sogar die
Existenz ethnischer Minderheiten innerhalb
der Türkei, weist jede Verantwortung
für die Massaker an den Armeniern
während des Ersten Weltkrieges
zurück und versucht mit allen
Mitteln, eine kritische Debatte über
die Schattenseiten und gewalttätigen
Kapitel der türkischen Geschichte zu
verhindern. Ebenfalls aggressiv reagieren
sie, wenn es um die kollektive
Identität geht: sie sprechen sich für
eine ethnische, kulturalistische und
zum Teil rassistische Definition der
türkischen Nation und der Zugehörigkeit
zu ihr aus. Zu den Grundelementen
des Weltbildes der türkischen
extremen Rechten gehören Antikommunismus,
Antiliberalismus, Antikosmopolitismus,
Demokratiefeindlichkeit
und Ablehnung von Pluralismus
und Multikulturalität. Zu den
Grundpfeilern des extrem rechten
Weltbildes gehören: Kulturalismus,
Panturkismus (Turanismus), Autoritarismus,
Rassismus und Antisemitismus.
Kurz: Weltbild und Praxis weisen
viele Ähnlichkeiten mit der europäischen
extremen Rechten auf. Da die
Gewaltpraxis der türkischen extremen
Rechten gut dokumentiert und auch
hierzulande bekannt ist, brauchen wir
hierauf nicht näher einzugehen. Sinnvoll
ist es hingegen, Geschichte und
theoretische Grundlagen in den Blick
zu nehmen, um die Besonderheiten
hervorzuheben.
Ursprung und Entwicklung
Der Rechtsextremismus lässt sich
auf den Panturkismus zurückführen.
Türkische Intellektuelle im Russischen
Reich entwarfen den Panturkismus
als Antwort auf Panslawismus und
Assimilationsdruck. Hauptziel des
Panturkismus ist die Gründung eines
alle türkischen Völker umfassenden
türkischen Staates. Während des Ersten
Weltkrieges wurde er propagiert,
um die türkischen Völker des Kaukasus
und Zentralasien zu mobilisieren,
wobei auf mythische Erzählungen
über die »glorreiche« türkische Vergangenheit
zurückgegriffen wurde.
Der Panturkismus der ersten Generation
hatte – im Gegensatz zu heute –
eher defensiven als expansiven Charakter.
Nach der Gründung der Türkischen
Republik distanzierten sich die
kemalistischen Eliten vom Panturkismus
und entschieden sich für einen
zivilen Staatsnationalismus. Nach langer
Abstinenz meldete sich der Panturkismus
erst in den späten 1930er
Jahren zurück und erreichte nach dem
Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion
seinen Höhepunkt. Panturkisten
gewannen wieder an Einfluss in
den Städten, im Staatsapparat und in
zivilen Einrichtungen und Verbänden.
Dieser Einfluss wurde jedoch nach
dem Sieg der Alliierten wieder zurückgedrängt,
ihre Protagonisten strafrechtlich
verfolgt und panturkistisch-faschistoide
Organisationen verboten.
Die Formierung in den 1960ern: MHP und die Grauen Wölfe
Der Oberst Alparslan Türkes gehörte
zu den Offizieren, die den Militärputsch
vom 27. Mai 1960 durchführten.
Bald danach geriet er jedoch
in Konflikt mit den Mitgliedern des
Komitees für Nationale Einheit (Milli
Birlik Komitesi). Ihm und seinen Mitstreitern
schwebte eine autoritäre Militärdiktatur
vor, die das Land rasch
industrialisieren und die nationale
Einheit stärken sollte. Türkes und
seine Freunde wurden vom Komitee
für Nationale Einheit entlassen und
ins Ausland geschickt. Nach einem relativ
kurzen Aufenthalt als Militärattaché
in Indien kehrte er wieder
zurück und trat bald mit seinen Mitkämpfern
der Republikanischen Nationalen
Bauernpartei bei, übernahm
den Parteivorsitz und besetzte die
zentralen Gremien mit eigenen Leuten.
Der Name der Partei wurde in Partei
der Nationalistischen Bewegung
(MHP) umgeändert und die Jugendorganisation
Ülkücü Gençlik gegründet
(bekannt auch als Graue Wölfe). Ziel
dieser Jugendorganisation war die Rekrutierung
von Militanten und ihre
Ausbildung in Kommandocamps. Sie
wurden später als paramilitärische
Kräfte zunächst gegen die legalen sozialistischen
Organisationen und in
den 1970er Jahren gegen revolutionäre
Bewegungen eingesetzt. Zur
Gewaltpraxis der Grauen Wölfe gehören
zahlreiche Attentate auf linke und
liberale Intellektuelle, gegen linke Gewerkschafter
sowie Pogrome gegen
Aleviten in Maras und Çorum, gegen
linke Bewegungen und Aktivisten in
Fatsa und an den Universitäten. Der
Hauptunterschied zwischen dem Weltbild
der MHP und dem der extrem
rechten Gruppen und Aktivisten in
den 1930ern und 1940ern ist die Einstellung
zum Islam. Während die letzteren
eine säkulare und islamkritische
und zum Teil sogar islamophobe Haltung
an den Tag legten und den zentralasiatischen
Ursprung betonten,
rückte die MHP um Türkes den Islam
immer mehr in den Vordergrund und
distanzierte sich vom offenen Bekenntnis
zum Rassismus. Türkes betonte
stets die guten Beziehungen der
Türken zu Juden in der Geschichte
und Gegenwart. Die Ablehnung zumindest
des offenen Rassismus war
auch wichtig, um auch Militante unter
den Kurden zu rekrutieren, wobei Türkes
beachtliche Erfolge erzielen
konnte.
Nach einer kurzen Phase der Desorganisation
und Desorientierung nach
dem Militärputsch von 1980, gelang es
der Ülkücü Bewegung, sich unter der
Führung von Türkes neu zu formieren.
Während der 1980er und 1990er Jahre
setzte sich die Islamisierung, trotz
Unterstützung der politischen Kampagne
gegen die islamistische Wohlfahrtspartei,
fort. Heute gehört eine
reaktionäre Auslegung des Islams
(»Türkisch-Islamische Synthese«) zum
wesentlichen Bestandteil extrem rechter
Ideologie. Zu den Prioritäten der
Ülkücü Bewegung gehörten in den
1990er Jahren die Unterstützung des
Staates beim Kampf gegen die bewaffneten
Milizen der PKK und Werbung
zur Unterstützung ausländischer Türken
(eine Art »Soft-Pantürkismus«).
Die enge Zusammenarbeit mit der
konservativ-sozialdemokratischen Regierung
zunächst unter der Führung
von Süleyman Demirel und später von
Tansu Çiller zu Lebzeiten von Türkes
sowie die Regierungsbeteiligung zusammen
mit der Mutterlandspartei
und Demokratischen Linkspartei unter
der Führung von Bülent Ecevit
führte auch zu einer gewissen Mäßigung
zumindest der Partei, wenn auch
nicht der Anhänger der Ülkücü-Bewegung. Unter der Führung von Devlet
Bahçeli hat sich die MHP zu einer nationalistischen
bzw. rechtskonservativen
Partei mit antidemokratischen,
antiwestlichen und reaktionär-konservativen
Tendenzen entwickelt. Die
radikalere extrem rechte Linie wird
eher von der Partei der Großen Einheit
(Büyük Birlik Partisi) unter der
Führung von Muhsin Yazicioglu vertreten.
Rechtsextremismus oder Faschismus?
Waren oder sind die MHP und die
Ülkücü-Bewegung faschistisch? Wenn
wir uns die Ideologie und Praxis dieser
Partei und der ihr nahe stehenden
Organisationen in den 1960er und
1970er Jahren vor Augen führen, erkennen
wir, dass sie fast alle Merkmale
faschistischer Bewegungen tragen.
Was in der Ülkücü Bewegung
fehlte, waren der positive Bezug zum
Nationalsozialismus, zur Vernichtung
europäischer Juden und ein hemmungsloser
Vernichtungswille. Das
Fehlen dieser Merkmale und der Islamismus
können als Besonderheit der
türkischen faschistischen Bewegung
betrachtet werden.
Ist die gegenwärtige negative
Hochkonjunktur der extremen Rechten
der Vorbote einer faschistischen
Gefahr? Eine solche Deutung wäre
übertrieben, zumal in der heutigen
Türkei von einer gut organisierten Bewegung,
die sich die faschistische
Utopie zum Ziel gesetzt hat, nicht gesprochen
werden kann. Weder die gegenwärtige
MHP noch die radikalere
Partei der Großen Einheit haben ein
solches Ziel. Ferner fehlen in diesen
Parteien die strikte Unterwerfung unter
das Führerprinzip oder ein ausgeprägter
Vernichtungswille gegen bestimmte
Gruppen. Zudem verfolgt die
MHP heute eine, verglichen mit den
70er Jahren, »besonnene« Politik und
distanziert sich von gewalttätigen
Auseinandersetzungen. Man sollte auch
nicht aus den Augen verlieren, dass
die MHP nicht in der Lage war, bei den
nationalen Wahlen die 10%-Hürde zu
überspringen, um im Parlament vertreten
zu sein. Aktuellen Polit-Barometern
zufolge steht die MHP an der
Schwelle der 10%-Hürde, die Partei
der Großen Einheit sogar unter 2 %.
Außerdem würde der herrschende historische
Block, zu dem auch die Militärs
gehören, den Aufbau einer faschistischen
Bewegung nicht zulassen.
Es ist jedoch realistisch, dass es
der MHP gelingt, die konservativ-reaktionären
Proteste in Zentral- und
Ostanatolien sowie an den Rändern
der Großstädte für sich in Stimmen
umzumünzen, die für eine Regierungsbeteiligung
ausreicht. In diesem
Falle könnte die MHP versuchen, die
Demokratisierung der Gesellschaft
und die Anbindung an die EU zu verlangsamen.
Doch all dies reicht für eine Entwarnung
nicht aus, denn es herrscht
ein für die extreme Rechte günstiges
Klima: So werden zum Beispiel in der
Schwarzmeerregion Gerüchte in Umlauf
gebracht, die orthodoxe Kirche
missioniere Jugendliche aus armen
Familien, bilde sie in Griechenland
aus und setze sie in der Region (als
Missionare) wieder ein. Vermutlich
waren solche Gerüchte auch beim
jüngsten Mordanschlag gegen einen
katholischen Geistlichen ausschlaggebend.
Ähnliche Gerüchte kursieren
auch in Bezug auf kurdische Jugendliche:
»separatistische Gruppen« würden
sie gezielt in die westtürkischen
Städte bringen und dort zu kriminellen
Zwecken einsetzen. Die Rezeption
solcher Propaganda wird begünstigt
durch das weiterhin ungelöste Kurdenproblem
(nicht zuletzt wegen unrealistischer
Forderungen einiger kurdischer
Gruppierungen und ihres proamerikanischen
Kurses), politische
Spannungen mit den USA, die USamerikanische
Militärpräsenz im Nahen
Osten und die Erwägung eines
Angriffs auf den Iran. All dies erzeugt
ein ernsthaftes Gefühl der Unsicherheit
und Bedrohtheit, das dem alten
Trauma (Sevrés) neues Leben einhaucht.
Was in der Türkei gegenwärtig
fehlt ist ein Bündnis progressiver
Kräfte, das die sozialen und (sicherheits-)
politischen Unsicherheits- und
Bedrohtheitsgefühle ernst nimmt,
sich aber gleichzeitig nicht davor
scheut, Agitatoren, die aufgestaute
Gefühle bauchrednerisch ausbeuten,
aktiv zu bekämpfen.