Schon mehrfach berichtete das AIB über die Bedeutung von Demonstrationen für die neonazistische
Erlebniswelt. In den vergangenen zwei Jahren kam es zunehmend zu
szeneinternen Auseinandersetzungen über den Charakter von Neonazi-Demonstrationen.
Während einige Demonstrationen als Form der politischen Kommunikation mit »normalen«
Bürgern begreifen, sehen andere in ihnen den Ort um die Konfrontation mit AntifaschistInnen
und der Polizei zu suchen. Gerade bei der Frage der Gewalt kochen die Emotionen zwischen
den verschiedenen Flügeln hoch, wenn durch antifaschistisches Engagement Neonazi-Aufmärsche
gestoppt oder verhindert werden. Eng verbunden ist dieser Konflikt mit der Strömung
der »Autonomen Nationalisten« und deren Wunsch nach einem militanten »Black Block« auf
Neonazi-Demonstrationen, da gerade diese Personenzusammenschlüsse ein
gewalttätiges Auftreten bei Demonstrationen propagieren.
Beispiel Berlin
Berlin im August 2005: Rund 700
Neonazis haben sich zu einer Demonstration
unter dem Motto »Meinungsfreiheit
für Alle – Paragraph 130 abschaffen!
« zusammengefunden. Kurz
zuvor war der Neonaziaufmarsch zum
Gedenken an den Hitlerstellvertreter
Rudolf Hess in Wunsiedel verboten
worden. Doch weder das Gedenken an
Rudolf Hess, noch die Forderung nach
Meinungsfreiheit prägt das Auftreten
des »Berliner Blocks« auf der Demonstration.
Der Großteil der Berliner Demonstranten
scheint primär an körperlichen
Auseinandersetzungen mit AntifaschistInnen und der Polizei interessiert.
Dementsprechend auch die
Parolen in Richtung der AntifaschistInnen:
»Haut sie, haut sie, haut sie
auf die Schnauze«, »Auf die Fresse,
auf die Fresse« und »Schläge für alle
und zwar umsonst«. Obwohl der Neonazi-
Redner Lutz Giesen mehrfach zur
Disziplin aufruft, wird erfolglos versucht,
zu linken Gegendemonstranten
durchzubrechen. Die Reden über »Rudolf
Hess« und den »Paragraphen
130« stoßen auf wenig Interesse.
Stattdessen tönen weiterhin Gewaltfantasien
gegen Links aus dem Berliner
Block: »Gegen linkes Gezeter, 9 Millimeter«, »Schnabeltasse wunderbar,
kommt zur Jugend Antifa« und
»Wenn wir wollen schlagen wir euch
tot«. Selbst der Demonstrationsanmelder
Sebastian Schmidtke kann sich
nur noch schwer zusammenreißen
und ist selbst an Ausbruchsversuchen
in Richtung Gegendemonstranten beteiligt.
Der Berliner Neonazi-Kader
René Bethage versucht daher mittels
Megaphon den Berliner Block zu einem
vernünftigen Demonstrations-Auftreten
zu bewegen. Doch seine Anweisungen
werden ignoriert und der Berliner
Block steigert sich in immer
offenere Agressivität hinein. Die wenigen
Bürger nehmen letztendlich nur
noch eine Horde halbvermummter Jugendlicher
wahr, die ihnen Parolen
wie »Bordsteinfressen nur für Zecken«
entgegenruft.
»Black Block«?
Ein geschlossenes, gewalttätiges
Auftreten vermummter Demonstranten
auf Neonazi-Aufmärschen ist seit
dem (gescheiterten) NPD-Aufmarsch
am 1. Mai 2004 in Berlin als Wunschbild
in Teilen der Neonazi-Szene präsent.
Auch wenn in diesem Fall der
Durchbruchsversuch nach einigen Metern
wieder zum Stehen kam, galt das
militante Auftreten innerhalb der
Szene zumindest als Teilerfolg.
Kurz darauf veröffentlichte das
neonazistische Aktionsbündnis Mittelhessen
ein Konzeptpapier für einen
»nationalen schwarzen Block«. Dieser
soll sich demnach auf Neonazi-Demonstrationen
formieren, um eigenständig,
offensiv und entschlossen
gegen »Willkür« vorzugehen, das
heißt, um gemeinsam Polizeiketten zu
durchbrechen.1
Selbst der Hamburger
Neonazi-Kader Christian Worch, welcher
seit Jahren zahlreiche Demonstrationen
organisiert, äußerte Verständnis
für die »Autonomen Nationalisten«
und deren militantes Auftreten. Diese
agierten seiner Meinung nach lediglich etwas radikaler und entschlossener
als die Masse der Demonstranten,
blieben dabei jedoch noch immer innerhalb
des Rahmens der herrschenden
Gesetze. Für Worch stand daher
fest: »Wir reden hier also nicht von einer
juristischen Gefährdung unserer
Demonstrationen durch Gewaltbereitschaft
oder gar konkrete Gewalttaten,
sondern vornehmlich über eine Stilfrage.«2
Eben diese Stilfrage in Form des
Auftreten bei Demonstrationen thematisierte
das neonazistische Aktionsbüro
Süddeutschland aus München
in einer Stellungnahme zum Thema
»Autonome Nationalisten«. Die einzige
mögliche politische Botschaft,
der einzige Inhalt der »Autonomen
Nationalisten« ließe sich demnach auf
hooliganhaftes Verhalten – die pure
Gewaltanwendung gegen Personen
oder Sachen – reduzieren.3
Die »Autonomen Nationalisten«
würden demnach bei Demonstrationen
glauben, für Deutschland kämpfen zu
können, indem sie sich in Hooliganmanier
auf den vermeintlichen Feind
stürzen. Sie seien dabei nicht mehr in
der Lage, politische Inhalte an die eigentliche
Zielgruppe – das deutsche
Volk – zu transportieren und würden
nicht den notwendigen »Identifikationsfaktor« bei der Bevölkerung für
sich verbuchen können, so die Kritik.
Adressat sei nur noch die Antifa und
die Botschaft würde sich allein auf Gewalt
beschränken. Ähnlich sehen es
auch andere neonazistische Führungskader.
Der westdeutsche Neonazi-Führer
Lars Käppler rief zwar anläßlich einer
NPD-Wahlkampfaktion seine Anhänger
auf, »dem linken Verbrecherpack die
Stirn zu bieten«, stellte jedoch klar: »(...) nicht nur das ist unser Anliegen,
vor allem und in erster Linie geht es
uns darum, die Deutschen zu erreichen, die es noch sein wollen«4
Thomas Wulff aus Norddeutschland
stellte anläßlich einer gestoppten
NPD-Demonstration in Richtung der
Militanzbefürworter klar: »Die Kundgebungen der auf parlamentarischer
Ebene kämpfenden Organisationen
werden auch zukünftig immer im Rahmen
der gegebenen Möglichen durchgeführt
werden. Wer anderes erwartet
oder propagiert, wird sich zusätzliche
Spielfelder schaffen müssen«5
Praxistest Halbe
Nahezu traumatisch für zahlreiche
Neonazis muss der gescheiterte Durchbruchversuch
bei dem Neonaziaufmarsch
im vergangenen Herbst in
Halbe gewesen sein. (Vgl. AIB # 70)
Neonazis hatten mehrfach versucht,
die polizeilichen Trennlinien zu durchbrechen.
Hierbei wurden unter den
Parolen »Die Straße frei der deutschen
Jugend!« und »Ruhm und Ehre der
Waffen-SS« gegen die eingesetzten
Polizisten Flaschen geworfen; es kam
zu gezielten Tritten, Faustschlägen
und Anrempelungen. Zudem wurden
durch Neonazi-Demonstranten Reizstoffsprühgeräte
gezielt gegen Polizisten
eingesetzt und eine Beamtin
durch Schläge mit einer Fahnenstange
verletzt. Daraufhin gingen einzelne
Polizeikräfte mit Pfefferspray gegen
die gewalttätigen Demonstranten vor
und stoppten die Durchbruchsversuche.6
Einige Neonazis waren nach dem
Praxistest ihrer theoretischen Demonstrations-
Militanz-Diskussionen tief
erschüttert. In einem Bericht wurde diese mittelmäßige Demonstrations-
Auseinandersetzung in pathetischen
Worten als kriegsähnliche Situation
dargestellt: »(...) wenn dir die Tränen
vom Reiz ihres Gases ins Gesicht strömen,
wenn sie dich zu Boden prügeln
und auf dich eintreten, wenn sich
dein Blut mit dem von Tausenden gefallenen
Soldaten im Boden vermischt,
dann befindest du dich in
Halbe.« Intern löste der Polizeieinsatz
eine Diskussion über Militanz auf Demonstrationen
bis in die Führungsebene
der Kameradschafts-Szene aus.
Der Demonstrations-Organisator Christan
Worch erklärte das erfolglose militante
Vorgehen der Demonstranten
rein rational und nüchtern als aussichtslos:
»(...) man kann auch mit
zweitausend Mann nicht eine fünffach
gestaffelte Polizeikette hinter Sperrgittern
wegdrängen; das ist einfach
physisch unmöglich« und kommt zu
dem Schluss: »Also bleibt nur der
Rechtsweg.«7
In einer folgenden Stellungnahme
gibt man sich mit einer juristischen
Auseinandersetzung nicht zufrieden.
Halbe soll als Ausgangspunkt einer
zunehmenden Radikalisierung dienen:
»Aber wer die Bedingungen und
Reaktionen am Beispiel Halbe studiert,
wird zu dem Ergebnis kommen
müssen, dass dem Frieden und der
Rechtssicherheit im Lande auf diese
Weise kein Dienst erwiesen worden
sein dürfte (...) Man führt die Menschen
auf einen Weg, der Gewalt bedenklich
näher, und schreit entsetzt
auf, wenn absehbare Folgen eintreten
sollten«8 Als Antwort auf diese Position
kursiert innerhalb der Neonazi-
Szene eine Antwort aus dem Umfeld
des neonazistischen »Freundeskreis
Halbe« als weit verbreitete Rundmail.
In dieser erklärt der Autor ganz offen:
»Aber diesen Standpunkt den ich öffentlich
vertrete deckt nicht das was
ich denke«. Warum diese Person aus
dem Organisatoren-Umfeldes des
Halbe-Aufmarsches öffentlich etwas
anderes zum Thema Militanz auf Demonstrationen vertritt als sie denkt,
wird kurz darauf deutlich: »(...) Ein
Durchbruchsversuch muss von einer
geschlossenen Gruppe ausgehen und
nicht von einzelnen (...) Ich bin der
erste der sagen würde wenn 200 Leute
dastehen würden und die entschlossen
wären (...) der das Signal zum Angriff
geben würde wenn Du willst sogar
mit der HK-Fahen in der Hand«9
Doch später schließt sich der Autor
der Position von Worch an und kommt
zu dem Schluss: »Ein Durchbruch
sollte auch von Erfolg sein. Und hier
muss man eiskalt militärisch gesehen
abwegen. Verheize ich meine Leute
oder nicht. Die erste Sperre wäre vielleicht
überwunden worden an der
zweiten wäre man gescheitert (...)«
Anschließend wird militantem Agieren
auf Demonstrationen perspektivisch
eine Abfuhr erteilt: »Zum anderen
kommt hinzu das die Bewegung
zukünftig sich jede Demonstration abschminken
kann wenn Auseinandersetzungen
mit der Polizei bei Demonstrationen
zum Tagesgeschäft wird. (...) Und es würde da ein Schaden für
unsere Bewegung entstehen wenn uns
die Möglichkeit genommen wird öffentlich
auf der Straße auf unsere
Ziele hinzuweisen.«
Fazit
Zu einem geschlossenen, militanten
Vorgehen durch eine breite Masse
neonazistischer Demonstrations-Teilnehmer
auf Aufmärschen ist die Neonazi-Szene im Moment weder willens
noch in der Lage. Die meisten Neonazi-Führungskader stehen aus politischen
Überlegungen einem durchgehend
militanten Auftreten bei Demonstrationen
skeptisch bis ablehnend
gegenüber. Für ein entschiedenes Vorgehen
gegen die ersten Versuche, einen
»nationalen Schwarzen Block«
auf Nazi-Aufmärschen zu bilden, sind
die meisten Neonazi-Demonstrations-
Organisatoren jedoch auch noch nicht
bereit. Zum einem erhoffen sie sich so
Vorteile bei der Durchsetzung ihrer
Interessen gegenüber der Polizei,
wenn diese wegen antifaschistischen
Blockaden Aufmärsche nicht loslaufen
lässt. Zum anderen bilden die kurzen
»Actioneinlagen« mittlerweile ein
entscheidendes Mobilisierungspotential.
Gerade jugendliche Neonazis und
vor allem die Anhänger der »Autonomen
Nationalisten« haben durch die
Häufigkeit und die mittlerweile hohe
Anzahl von Neonazi-Demonstrationen
das Interesse an diesen verloren.
Langweilige »Latschdemos« mit den
immer gleichen Reden üben für sie
kaum noch einen Reiz aus, da ihnen
subjektive Erfolgserlebnisse wichtiger
als politische Inhalte sind. Die »Autonomen
Nationalisten« bieten durch
das propagierte Kräftemessen mit Polizei
und AntifaschistInnen jedoch
wieder einen spürbaren Eventcharakter
bei Demonstrationen. Der »Black
Block« ist somit in manchen Regionen
zu einem Teil der jugendlich-neonazistischen
Erlebniswelt geworden.
Während die NPD aufgrund ihres legalen
Status dieses Bedürfnis kaum befriedigen
kann, steht für Christian
Worch und die »Freien Kameradschaften« trotz aller Kritik die Akzeptanz
einer »militanten Minderheit«10 auf
Demonstrationen als mögliche Option
im Raum. So sieht Worch mindestens
teilweise nachvollziehbare Gründe für
das Bedürfnis nach einem »Schwarzen
Block«, die nüchtern analysiert werden
müssten.11 Die spannende Frage
bleibt jedoch, was folgt, wenn auch
die ständig scheiternden Durchbruchversuche
des »nationalen schwarzen
Blocks« keinen Funfaktor und kein
subjektives Erfolgserlebnis mehr bieten.