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Schluss mit dem Rudolf-Heß-Marsch
Kein Ort für die Verherrlichung des Nationalsozialismus
Man kennt die Bilder schon und trotzdem sind sie immer wieder nicht nur ärgerlich, sondern auch beängstigend, weil es nun einmal beängstigend ist, wenn sich Anhänger einer dumpfen Ideologie in großer Zahl zusammentun. Genau dies geschieht seit nunmehr 18 Jahren um den 17. August herum. Hauptaufführungsort ist das oberfränkische Wunsiedel. In der Festspielstadt liegt ein »Sohn der Stadt« begraben, der als frühes Mitglied der NSDAP, als persönlicher Sekretär Hitlers, als »Minister ohne Geschäftsbereich« und als Flugzeugpilot in dubioser Mission die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse mit einer Verurteilung zu lebenslanger Haft abschloss und 1987 durch Selbsttötung verschied: Rudolf Heß. Eigentlich eine eher randständige geschichtliche Gestalt, die sich kaum für Legendenbildung welcher Art auch immer besonders anzubieten scheint. Den Neonazis, die mittlerweile zu den Hauptträgern des jährlichen Gedenkspektakels geworden sind, bleiben allerdings nur wenige personelle Alternativen, wenn es darum geht, sich heute ungestraft öffentlich zum Nationalsozialismus zu bekennen.
Zur Person Rudolf Heß
Rudolf Heß wurde als ältester von drei Söhnen am 24. April 1894 in Alexandria (Ägypten) geboren. Ab dem vierzehnten Lebensjahr lebte er in Deutschland in verschiedenen Internaten, bis er schließlich 1912 eine Kaufmannslehre in Hamburg begann. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Heß 1914 freiwillig zum Kriegsdienst. Mittlerweile mit dem Eisernen Kreuz behängt, schrieb er an seine Familie:
»Der erste ganz durchgeführte Sturm! Die Russen saßen in diesen Tagen stark vorbereiteten Stellungen fest, dahinter ein ausgebautes, zur Verteidigung eingerichtetes Dorf [...] Die Russen waren ausgezeichnete Regimenter, die sich gut schlugen. Uns gegenüber war ein Erdwerk, das die zuerst vorstürmenden Linien flankierte. Wenn die Russen aber aus dem Graben guckten zum Schießen, schossen wir sie von der Kante ab. Wie auf Scheiben haben wir auf 100 Schritt auf die Russen gezielt. Ich habe nach dem Schuß manchen zurücksinken sehen, nachher im feindlichen Graben die Toten mit den Kopfschüssen gefunden. Dann haben wir gestürmt, durch das Dorf durch und auch in die fliehenden Russenmassen vom anderen Rand aus hingeschossen« (In: Hess, Ilse: England Nürnberg Spandau. Ein Schicksal in Briefen. Freisingen 1955)
Dies war, so Heß weiter, der schönste Tag des Krieges. Nach Kriegsende nahm er an einem bayrischen Programm zur Unterstützung von Kriegsteilnehmern teil, und studierte Volkswirtschaft. Nebenbei arbeitete er in der Möbelfirma ›Münchener Wohnkunst GmbH‹, wo er über Kollegen erste Kontakte zur »Thule-Gesellschaft« erhielt. Nunmehr galt sein ganzes Engagement diesem völkischen Geheimbund. Neben anderen späteren Repräsentanten des NS-Regimes lernte Heß vermutlich in diesem Zusammenhang auch Hitler kennen. Am 1. Juli 1920 trat er offiziell der NSDAP bei und erhielt die Mitgliedsnummer 16. Drei Jahre darauf beteiligte sich Heß am 9. November 1923 am so genannten ›Hitlerputsch‹. Nach dessen Scheitern flüchtete er sich zunächst nach Österreich, wo er sich erst den Behörden stellte, nachdem die Verantwortlichen des Putschversuchs denkbar geringe Haftstrafen erhalten hatten. Im Mai 1924 trat er seine Strafe im Landsberger Gefängnis an, wo er gemeinsam mit Hitler einigermaßen komfortabel eine Etage »bewohnte«, bis er schließlich bereits im Januar 1925 vorzeitig entlassen wurde. In der Landsberger Zeit entstand auch Hitlers programmatische Schrift Mein Kampf. Inwieweit Heß daran direkt mitgewirkt hat, ist unklar.
Nach Hitlers Entlassung wurde Heß dessen persönlicher Sekretär, nicht zuletzt, um seinem »Tribunen«, wie er ihn später nannte, nahe zu sein. Am 21. April 1933, nach der Machtübergabe an die NSDAP, wurde Heß zum »Stellvertreter des Führers« auf Parteiebene ernannt. Auf staatlicher Ebene erhielt er im selben Jahr den Rang eines Reichsministers, jedoch ohne eigenen Geschäftsbereich. Heß unterstand so einzig dem Befehl Hitlers. Ihm kam vor allem die Funktion zu, sich um die so genannte »Innere Front« zu kümmern, also die »Volksgemeinschaft« in eine Kriegsgemeinschaft zu transferieren und die Stimmung gegen Jüdinnen und Juden weiter zu forcieren.
Am 30. August 1939, zwei Tage vor dem Überfall auf Polen, wurde Heß hinter Göring zum zweiten Stellvertreter Hitlers auf staatlicher Ebene ernannt. Auch wenn Heß nicht direkt an den Kriegsplanungen beteiligt war, befand er sich spätestens jetzt im Zentrum des nationalsozialistischen Machtapparates. Über die Hintergründe seines Fluges, der ihn am 10. Mai 1941 von Deutschland nach Schottland führte, kann indes nur spekuliert werden. Am nahe liegendsten scheint die Absicht, mit England einen Separatfrieden auszuhandeln, um im Angesicht des Krieges gegen die Sowjetunion einen Zweifrontenkrieg zu verhindern. Flug und Mission scheiterten allerdings kläglich. Heß stürzte über Schottland ab, und wurde inhaftiert, ohne das jemals auch nur ein einziger Diplomat mit ihm geredet hätte. Erst zum Beginn des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses wurde Heß zurück nach Deutschland überstellt. Er wurde dort vom Internationalen Militärtribunal als Wegbereiter des Nationalsozialismus und Kriegsverbrecher zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde er nicht verurteilt, da er sich in der Phase der so genannten »Endlösung der Judenfrage« zwischen 1942 und 1943 bereits in England befunden hatte. Heß blieb auch über das Ende des von ihm nicht unwesentlich mitgestalteten Systems ohne Reue und Schuldbewusstsein. Stattdessen betonte er mehrfach, auch über dessen Tod hinaus dem Führer treu ergeben zu sein. Nach seiner Verurteilung kam er zusammen mit den anderen sechs zu Haftstrafen Verurteilen in das Alliierte Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau. Hier erhielten die Gefangenen nach der Reihenfolge ihres Eintreffens Nummern. Der »Gefangene Nummer 7« war über dieses Verfahren erbost, weil er für sich als Stellvertreter desFührers die Nummer 1 beansprucht hatte. Von ähnlichen Querelen um mutmaßliche Verschwörungen und Intrigen, aber auch von wirren Gedanken zur Zukunft Deutschlands mit ihm selbst an der Spitze war Heß’ gesamte Haftzeit geprägt. Zeit seines Lebens weigerte er sich, Besuch zu empfangen. Die Möglichkeit, ihn zu besuchen, endete am 17. August 1987. An diesem Tag verschied Heß durch Selbsttötung.
I. Vorwärts, wir marschieren zurück
Die Glorifizierung des Nationalsozialismus ist und bleibt Ausgangspunkt und Ziel jeder neonazistischen Propagandatätigkeit. Themen und Anlässe sind dabei nahezu beliebig austauschbar. Überall wo dieses Spektrum soziale Demagogie, Rassismus und Antisemitismus predigt, ist die historische Perspektive des NS-Systems nicht weit. Es ist allerdings nicht nur nicht mehrheitsfähig, es ist auch praktisch unmöglich, mit einem solchen Bekenntnis Politik zu machen. Wer zu deutlich und regelmäßig den Nationalsozialismus verherrlicht und einer seiner Parteien und Organisationen in Wortwahl und Auftreten nacheifert, wird in Deutschland rechtlich belangt. Auf Dauer sind so kaum stabile und handlungsfähige Strukturen herzustellen. Diese Erfahrung haben in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur die Vielzahl von Grüppchen und Organisationen gemacht, die durch den Bundesminister des Innern mit der immer selben Begründung aufgelöst wurden, sondern auch das Führungspersonal, das regelmäßig für die etwas zu explizit zum Ausdruck gebrachte Gesinnung bestraft wurde. Nicht zuletzt stellt das in den letzten Jahren entwickelte Konzept der so genannten »Freien Kameradschaften« einen mehr oder weniger erfolgreichen Versuch dar, zumindest eine organisatorische Antwort auf dieses Problem zu finden. In strategischer Hinsicht ist das neonazistische Spektrum gleich mit einer zweifachen Herausforderung konfrontiert. Permanent muss es positive Bezugspunkte zum Nationalsozialismus schaffen, gleichzeitig muss nicht weniger intensiv diese positive Bezugnahme immer auch kaschiert und in einem anderen, also einem irgendwie zeitgemäßeren, vor allem aber auch strafrechtlich nicht angreifbaren Gewand präsentiert werden.
Im Zuge dieser sehr speziellen Modernisierungsleistung hat der organisierte Neonazismus in Deutschland ein mittlerweile hochkomplexes Zeichensystem entwickelt, das nach innen mit seinen Kürzeln, Zahlenkombinationen und Symbolen an den Kommunikationsmodus von Geheimbünden erinnert. In der Kommunikation mit der Gesellschaft wird gleichzeitig unablässig die nicht eben neue Strategie verfolgt, eigentlich als definiert geltende Begriffe aus anderen Kontexten zu entnehmen, sie umzuformen und darüber mit neuen Inhalten zu versehen. Wie das funktioniert, zeigt sich auf verschiedenen Ebenen. Zeichen, Gesten, Parolen, Ausdrucksformen und -mittel, von denen man bislang geglaubt hat, sie seien einer bestimmten kulturellen oder politischen Strömung oder Szene zuzuordnen, erweisen sich plötzlich als das, was sie nun einmal sind: besitzlose Güter, über die Derjenige verfügt, der sie am erfolgreichsten für sich reklamiert. Hinter der ästhetischen Dimension dieser Umwidmungsversuche, in deren Resultat sich Neonazis zum Beispiel mit dem »Palituch« behängen oder Che Guevara auf ihren T-Shirts platzieren, verbirgt sich die eigentlich interessantere Frage nach den politischen Effekten solcher Strategien. Nicht zuletzt die tages- und auch geschichtspolitischen Debatten der letzten Monate zeigen, in welcher offensiven Art und Weise das neonazistische Spektrum sich aktuell anschickt, politische und gesellschaftliche Anschlüsse zu schaffen. Auch hier wird mit der Aneignung und Umwidmung von Begriffen operiert. Wie immer man Erfolg in diesem Zusammenhang definieren möchte, offensichtlich ist, dass es zumindest punktuell gelang, die eigene Stigmatisierung zu durchbrechen. So war es dem Neonazispektrum ein ums andere Mal möglich oder wurde ihm ermöglicht, sich mit traumwandlerischer Sicherheit auf die Stichworte zu betten, die ein bürgerlicher Wissenschafts- und Politikbetrieb vorher ausgebreitet hatte. Man erinnere sich an die so genannte Wehrmachtsausstellung und die nicht nur von Neonazis unternommenen Versuche, die Ehre der vermeintlich anständig gebliebenen Wehrmachtssoldaten zu retten, man betrachte den aktuellen deutschen Vergangenheitsdiskurs, der nicht mehr nur auf die Täterschaft der Deutschen fokussieren mag und in der Thematisierung des von ihnen erlittenen Leids die Frage nach geschichtlicher Urheberschaft und Verantwortung plötzlich völlig neu beantwortet. Man denke an die Zielsicherheit, mit der die hier bereits praktizierte Neubesetzung von Begriffen zum Beispiel von der NPD aufgenommen wurde, die aus den alliierten Luftangriffen auf deutsche Städte einen »Bombenholocaust« machte und sie damit in eine Reihe mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik von Jüdinnen und Juden stellte.
Die Intentionen der verschiedenen Beteiligten, die von der so genannten bürgerliche Mitte bis hin zum organisierten Rechtsextremismus reichen, sind ohne Zweifel unterschiedlich. Eine Interessengleichheit kann nur behaupten, wer auf der Erscheinungsebene kleben bleibt und nicht über die jeweiligen politischen Ziele und Hintergründe reden mag. Ebenso wenig Zweifel kann aber daran bestehen, dass sich in solchen Debatten und vor allem in der Form, wie sie geführt werden, Neonazis ein Raum eröffnet, in dem sie sich als ernsthafte Beteiligte einer inhaltlichen Auseinandersetzung präsentieren können. Die allgemeine Euphorie, die das in dieser Szene auslöst, greift nicht zuletzt auch auf andere gesellschaftspolitische Konflikte über. So zeigt sich beispielsweise in den Parolen von der »Volksgemeinschaft« und dem »nationalen Sozialismus«, die die Neonazis im Zuge der Proteste gegen die »Hartz IV«-Reformen beisteuerten, dass ihr Selbstbewusstsein stetig steigt, und die Grenzen des Sagbaren weiter und mutiger abmarschiert werden.
II. Alte Kleider: der Kult um Rudolf Heß
Das Problem ist allerdings: so sehr es den Neonazis auch gelingen mag, in aktuellen Diskursen einen Platz einzunehmen, Relevanz zu beanspruchen oder wenigstens Wahrnehmbarkeit zu erzeugen, so wenig ist es doch aus den bekannten Gründen möglich, explizit positive Bezugnahmen auf den Nationalsozialismus zu artikulieren. Das Bedürfnis nach unverhohlener Glorifizierung bleibt somit unbefriedigt, zumal es auch noch in dem Maße wächst, wie sich der organisierte Neonazismus in der politischen Offensive wähnt. Von Nöten ist also eine Erinnerungs- und Gedenkpolitik, die in der Lage ist, eine direkte historische Anknüpfung an die Idee der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu leisten. In ihrem Mittelpunkt steht dabei die vollständige Personifizierung des Systems, zum Dreh- und Angelpunkt des Gedenkens werden politische oder militärische Repräsentanten, die als besonders tapfer und als besonders standhaft inszeniert werden können. Dies erfüllt einen zweifachen Zweck. Zum einen ist die Personifizierung des Gedenkens das strategische Einfallstor für die Rehabilitierungsversuche der NSHerrschaft, zum anderen eignen sich gerade Personen für eine schier uferlose Mythenbildung, die letztlich das Fundament der national-sozialistischen Ideen- und Gedankenwelt darstellt. Hier kämpfen einsame Helden - vorzugsweise alleine und auf verlorenem Posten - gegen finstere Mächte, um in einer nicht-fernen Zukunft doch zu siegen. Hier ist die Welt noch auf eine perfide Art und Weise in Ordnung - als faschistische Märchenwelt.
Mythische Erzählungen sind in ihrer Technik immer gleich. Immer präsentieren sie Wahrheiten, die keiner widerlegen kann, immer bieten sie denen Gewissheit, die eigentlich gar nicht wissen, mit welcher Frage sie anfangen müssten, um die Welt besser zu verstehen, immer werden durch sie hindurch alte Kamellen als »neueste« Erkenntnisse präsentiert. Eine der langlebigsten, nachhaltig wirksamsten und mobilisierungs- trächtigsten Mythen des Rechtsextremismus ist die Erzählung von Rudolf Heß. Sie funktioniert weit gehend unabhängig von der Konjunktur tagespolitischer Themen und Debatten. Schon während des Prozesses vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal 1945/46 wurde der Mythos vom »Friedensflieger« geboren. Seinen Kern bildet die Behauptung, Heß sei ein Parlamentär des Friedens gewesen und nicht etwa ein Kriegsverbrecher, der nur die gesamte militärische Kraft der Wehrmacht gegen den Feind im Osten einsetzen wollte, damit diese neuen »Lebensraum« für das deutsche Volk erobere. Unterhalb dieser Ebene sind verschiedene Erzählungen ineinander verschlungen, die für eine angemessene Illustration des Kultes sorgen. Die erste Erzählung rankt sich um die lange Haft, die Heß über sich ergehen lassen musste, während alle anderen Mitverurteilten bereits wieder auf freiem Fuß oder einfach verstorben waren. Mehrere Eingaben an den Bundestag und an den alliierten Kontrollrat konnten an seiner Situation zu Lebzeiten nichts ändern. Heß blieb bzw. wurde »the lonely man of Spandau« (Angelic Upstarts), ein Opfer alliierter Rachegelüste. Die zweite Erzählung greift die besondere Standfestigkeit des »einsamsten Mannes auf der ganzen Welt« (Noie Werte) auf, der noch in seinem Abschlussplädoyer in Nürnberg zu Protokoll gab, schlichtweg gar nichts zu bereuen. Dies ist auch als Handlungsanweisung für spätere Generationen zu verstehen - bzw. wird von ihnen so verstanden. Alle gingen, einer blieb. In der neonazistischen Erlebniswelt, die nicht unwesentlich durch die Wahrnehmung strukturiert wird, alleine gegen das Böse zu kämpfen, weil letztlich überall Verrat droht, wirkt das unmittelbar einleuchtend und legitimierend. Heß wird zum nachahmenswerten Vorbild.
Die dritte Erzählung betrifft direkt die Todesumstände des letzten Inhaftierten im Alliierten Kriegsverbrecher-gefängnis von Berlin- Spandau. Von revanchistischer und neonazistischer Seite wird bis heute immer wieder die These aufgestellt, Heß habe sich nicht selbst das Leben genommen. Diese Vorstellung erklärt sich zunächst einmal aus der faschistischen Weltsicht, in der immer nur kämpfend und durch fremde Hand gestorben wird. Sie erklärt sich aber auch aus der behaupteten »Standhaftigkeit« des Führerstellvertreters. Wer nicht gebeugt werden kann, ist immer eine Gefahr, wer aber in seiner ungebeugten Haltung alleine ist, kann sich nicht wehren. Heß war unbeugsam, er war alleine, er war wehrlos. In ihrer Verzweiflung mussten die Alliierten Heß schließlich ermorden - für einen Neonazi ist kaum etwas anderes vorstellbar. Heß wird damit zum Märtyrer. Das brisante Geheimwissen, über das er nach Ansicht der Neonazis verfügte und das letztlich seine Ermordung rechtfertigte, befindet sich jetzt treuhänderisch in ihrem Besitz. Insofern ist ihr Treiben auch eine Art Kult, mit dem der eigene Status als Auserwählte demonstrativ zur Schau gestellt wird.
Die Chronologie der Heß-Märsche
Um die praktische und politische Bedeutung des Gedenkens richtig bewerten zu können, ist ein Blick auf die Entwicklung der Rudolf-Heß-Märsche in den letzten 18 Jahren sinnvoll. Dabei lassen sich im Großen und Ganzen drei Phasen voneinander unterscheiden. Die erste Phase begann mit der Selbsttötung Heß’ 1987 und endete mit dem maßgeblich von der Polizei ermöglichten Gedenkmarsch in Fulda 1993. Ihr Hauptmerkmal bestand vor allem in einer ständigen Steigerung der Teilnehmerzahlen. Die zweite Phase von 1994 bis 2000 war für die Neonazis dem gegenüber von einer Reihe politischer Niederlagen geprägt, die allerdings verschiedene Ursachen hatten. Einerseits führten eine größere öffentliche Sensibilität und nicht zuletzt antifaschistischer Widerstand zu einem erhöhten Druck auf den Staatsapparat, Aufmärsche dieser Dimension und diesen Tenors zu unterbinden. Andererseits verloren die Aufmärsche für das neonazistische Spektrum selbst ohnehin an Bedeutung, weil es zusehends gelang, zu aktuellen Themen auf regionaler Ebene zu agieren. Besonders hervor zu heben ist in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Kampagne gegen die so genannte Wehrmachtsausstellung, die innerhalb der Szene auf großen Widerhall traf. Die bis heute anhaltende dritte Phase wiederum ist von einer erneuten und weiter zunehmenden Mobilisierungsstärke geprägt. Begünstigt wurde diese Entwicklung nicht zuletzt durch die Schwäche antifaschistischer Gegenmobilisierungen als auch durch ein auf diesen Umstand Bezug nehmendes Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes, das die öffentliche Sicherheit und Ordnung durch die Aufmärsche nicht gefährdet sieht.
Eine solche Entwicklung war im Spätsommer 1987 kaum abzusehen. Als der Tod von Heß bekannt wurde, fanden in mehreren Städten spontane Aufmärsche mit sehr überschaubaren Teilnehmerzahlen statt, so in Berlin, Hamburg, Wien und München. Überdies belagerten neonazistische Pilger zwei Wochen lang den Friedhof im fränkischen Wunsiedel, um die Beerdigung nicht zu verpassen, von der sie dann letzten Endes doch ausgeschlossen blieben. Im Frühling 1988 begannen dann die Vorbereitungen für den ersten Heß-Gedenkmarsch in Wunsiedel im August. Ziel, so formuliertees der damals noch lebende Naziführer Michael KÜHNEN, solle es sein, Wunsiedel niemals zur Ruhe kommen zu lassen. Nach einem kurzen gerichtlichen Streit kam es am 17. August 1988 zum ersten Heß-Marsch in Wunsiedel. 120 Alt- und Neonazis nahmen teil, auch zu diesem Zeitpunkt bereits angeführt vom Hamburger Rechtsanwalt Jürgen RIEGER. In den nächsten beiden Jahren konnte die Teilnehmerzahl, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Wiedervereinigung und einem damit erheblich gestiegenen Mobilisierungspotential, deutlich vergrößert werden, so dass im Sommer 1990 bereits 1100 Teilnehmer durch die Kleinstadt marschierten. Auch die antifaschistischen Proteste hatten unterdessen erheblich Zulauf erhalten. Nicht zuletzt diesen Gegenaktivitäten war es zu verdanken, dass in den Jahren nach 1990 über den gesamten Landkreis Wunsiedel ein Demonstrationsverbot verhängt wurde, was die Nazis zwang, in andere Städte auszuweichen. 1991 war das Ziel Bayreuth, wo etwa 1500 Teilnehmer aus dem Spektrum der Nationalen Offensive, dem Deutschen Jugendbildungswerk, der Nationalen Liste, der FAP und anderen Organisationen mit starker internationaler Unterstützung gegen das Verbot in Wunsiedel aufmarschierten. Die bundesweite antifaschistische Mobilisierung, der rund 2500 Menschen folgten, wurde ebenfalls nach Bayreuth umgeleitet, es gelang allerdings nicht, den rechten Aufmarsch zu behindern. In dieser Phase begannen innerhalb der antifaschistischen Bewegung intensive Diskussionen, in denen es um die Einschätzung der Bedeutung des Heß-Gedenkens ging. Bis dahin hatte es keine Erfahrung mit Aufmärschen dieser Größenordnung gegeben. Der Logik autonomer Antifapolitik folgend, wurde die drohende Gefahr vor allem an der Größe der Mobilisierung festgemacht. Der Heß-Marsch, so die meist einhellige Meinung, habe eine praktische Bedeutung, weil am Rande Informationen ausgetauscht und Absprachen getroffen werden und er weise eine Identitäts stiftende Funktion für die Szeneangehörigen selbst auf, weil mit dem Aufmarsch Selbstbewusstsein demonstriert werde. Gleichzeitig wurden die Aktivitäten des neonazistischen Spektrums im Kontext allgemeiner gesellschaftlicher Entwicklungen betrachtet. Die zunehmende Mobilisierungsstärke des deutschen Rechtsextremismus wurde im direkten Zusammenhang mit einem zunehmend artikulierten staatlichen und gesellschaftlichen Rassismus betrachtet, dessen Höhepunkte die pogromartigen Ausschreitungen jener Zeit und die Diskussion um die Änderung des Asylrechts waren. So verwundert es wenig, dass sich von antifaschistischer Seite das Ziel gesetzt wurde, den Gedenkmarsch 1992 zu verhindern. Das Szenario ähnelte letztlich jedoch dem des Vorjahres. Die Nazis versuchten, einen zentralen Aufmarschort durchzusetzen, und gingen dabei zusehends konspirativ vor, während AntifaschistInnen versuchten, den Ort frühzeitig herauszufinden, um den Aufmarsch dort zu verhindern. Im Endeffekt fanden sich im thüringischen Rudolstadt 2000 Neonazis ein, die dort unangemeldet und ungestört des Kriegsverbrecher Heß gedenken konnten. Die AntifaschistInnen wurden wurden im bayrischen Hof von der Polizei festgehalten und führten dort mit 2500 TeilnehmerInnen eine Demonstration durch. 1993 kam es zu einer konsequenten Fortführung dieser Entwicklung. Nachdem es den Nazis in verschiedenen Städten die Durchführung des Marsches untersagt worden war, gelang es rund 500 Heßpilgern unter Mithilfe einer überforderten oder schlichtweg unmotivierten Polizei im hessischen Fulda spontan aufzumarschieren. AntifaschistInnen wurden hingegen von der Polizei an der Stadtgrenze festgehalten. Das Ergebnis der Ereignisse in Fulda von 1993 war vielschichtig. Politiker und Polizeibeamte mussten ihre Schreibtische räumen, die Polizei erarbeitete eine neue Taktik, innerhalb der antifaschistischen Bewegung setzte sich ein »dezentrales« Konzept durch, das im folgenden Jahr zur Anwendung kommen sollte. So kam es 1994 bundesweit zu Blockaden und Demonstrationen gegen die zentralen Figuren der neonazistischen Heß-Mobilisierung. Die Polizei verhinderte alle Versuche, in der Bundesrepublik anlässlich des Todestages aufzumarschieren, eine kleine Kundgebung in Luxemburg wurde im wahrsten Sinne des Wortes von der Polizei aufgemischt. Nicht wesentlich anders erging es den Nazis ein Jahr später in Roskilde. Dort sorgte eine Allianz aus Bürgern und AntifaschistInnen, dass der Aufmarsch abgebrochen werden musste. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass der Heßmarsch für die Szene in jenen Jahren von abnehmender Bedeutung war. 1996 wurde zwar ein ganzer Gedenkmonat ausgerufen, den Aufrufen folgten jedoch nur wenige Aktivitäten. Nicht zuletzt verhinderte polizeiliche Repression alle Versuche, einen zentralen Aufmarsch in relevanter Größenordnung durchzuführen. Die polizeiliche Repression gegen die Heß-Märsche hatte 1997 zum zehnten Todestag ihren Höhepunkt. Demonstrationsverbote im gesamten Bundesgebiet, Polizeieinheiten in Hubschraubern und über 500 Festnahmen, machten ein öffentliches Gedenken für die Nazis mehr oder weniger unmöglich. Der Nachhall war beträchtlich. So kam es auch in den drei Folgejahren kaum zu Aktionen, die über die sporadische Anbringung von Transparenten an Autobahnbrücken hinausgingen. Lediglich im angrenzenden Ausland wurden kleinere Aufmärsche durchgeführt, die jedoch kaum öffentliche Wahrnehmung erzeugten. Im Jahr 2000, dem Ende der zweiten Phase, fand schließlich - mit Ausnahme einer Kundgebung gegen das Verlagshaus Springer in Hamburg - überhaupt kein Aufmarsch mehr statt. Einiges deutete darauf an, das der »Mythos-Heß« seine Anziehungskraft für die Naziszene verloren hatte. Erst eine Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes veränderte die Situation sehr Grund legend. Die Richter sahen in ihrer Beurteilung des traditionell verhängten allgemeinen Versammlungsverbotes im Landkreis Wunsiedel keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, die von einem Gedenkmarsch ausgehe und bezogen sich dabei vor allem auf eine anhaltende Mobilisierungsschwäche des antifaschistischen Spektrums.
Die Folgen des Urteils waren zumindest in ihren Ausmaßen überraschend. Schon im August 2001 versammelten sich erstmals seit zehn Jahren wieder an die 900 Nazis zum »Rudolf-Heß-Heß-Gedenkmarsch« in Wunsiedel. Die Antifa, die den »antifaschistischen Sommer« 2000 weder inhaltlich noch personell unbeschädigt überstanden hatte, konnte kaum auf die Vorgänge in Wunsiedel reagieren. Nur einem lokalen Bündnis gelang es, 200 Menschen zu einer antifaschistischen Kundgebung mobilisieren. Auch in den folgenden drei Jahren ließ sich die TeilnehmerInnenzahl der antifaschistischen Kundgebungen nicht deutlich steigern. Erst im Jahr 2004 gelang es, den Heß-Marsch wieder ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit zu bringen. Dies lag zum einen an der Arbeit der Kampagne »NS-Verherrlichung stoppen«, die erstmals 2004 wieder bundesweit mobilisierte, zum anderen an der offensichtlichen Bedeutung des Heß-Marsches für die europäische Naziszene. Die Nazis konnten von Jahr zu Jahr mehr Teilnehmer verbuchen, bis es schließlich im letzten Jahr etwa 4500 waren, die im beschaulichen Wunsiedel eine Art Trauervolksfest abhielten. Würstchen und Nazi-Fanartikelbuden fanden ebenso ihren Platz wie die obligatorischen Liedermacher und Redner. Wunsiedel ist damit in kürzester Zeit wieder zu einem der wichtigsten Events der internationalen Nazi-Szene geworden.
Alle diese zu einem Gesamtkunstwerk verschmolzenen Erzählungen werden in jährlicher Wiederkehr auf dem Heß- Gedenkmarsch vergegenwärtigt. Sei es durch Transparente: »Hess - das war Mord«, »Mut zur Wahrheit schafft Gerechtigkeit« oder »Märtyrer des Friedens: Rudolf Heß« oder durch zahlreichebeschwörungsartig vorgetragene Reden während der Kundgebung vor dem Trauermarsch. Auffällig - und wohl auch kennzeichnend für den Heß-Marsch - ist dabei, dass es inhaltlich keine Veränderungen gab und gibt und auch nicht geben darf. Immer wieder wird Heß als veritabler Held geboren (Frank Rennicke) und ermordet, um im nächsten Jahr wieder neu geboren werden zu können.
Natürlich hat dieser Mythos letztlich einen doppelten Boden. Natürlich geht es nicht nur um Heß, dessen Rehabilitierung dem gemeinen Neonazi besonders am Herzen liegt. Im Gegensatz zu einer konservativen Strategie, die vor allem darin besteht, einzelne Momente und Aspekte des nationalsozialistischen Systems von ihrer Stigmatisierung zu befreien, will die neonazistische Agitation letztlich den Nationalsozialismus als Idee und als System im Gesamten rehabilitieren. Heß ist damit nicht nur ein strategischer Platzhalter für die Glorifizierung des Nationalsozialismus. Er ist auch eine Chiffre für das noch weit reichendere Begehren der Gedenkgemeinschaft, einen wichtigen Platz in der Geschichte einzunehmen. Im neonazistischen Gedenken wird so weitaus stärker von der konkreten Person abstrahiert als im konservativen Geschichtsdiskurs. Als Opfer, Vorbild und Märtyrer in einem ist Heß der Idealtypus des »deutschen Helden«, die Verkörperung »deutscher« Tugenden und Charaktereigenschaften, nicht zuletzt ist er der Körper, an dem sinnbildlich die »Bestrafung« Deutschlands und der Deutschen sichtbar gemacht werden kann. So dient der Mythos um Heß letztlich der Entwicklung einer komplexen Ausstattung mit politischem und persönlichem Selbstwertgefühl. Die Logik und Dynamik eines solchen Gedenkens erschließt sich dabei aus seiner strategischen Funktion im Kampf um gesellschaftliche Außenwirkung wie auch aus der politischen und mentalen Verfasstheit der Akteure. Sie müssen in ihrem Gedenken die Vergangenheit in der Gegenwart für ihre Zukunft nutzen, sie müssen in der Konstruktion ihrer Geschichte eine gemeinsame Identität ausbilden, die ihr Handeln sinnvoll erscheinen lässt. Genau diese Doppelfunktion erfüllt der Kult um Rudolf Heß.
III. Neue Mitte: Gedenkpolitik im Gedenkjahr 2005
Wenn die Nazis sich am 20. August zum rituellen Gedenken an den Kriegsverbrecher Heß im bayrischen Wunsiedel versammeln wollen, ist das Supergedenkjahr 2005 in Deutschland schon weit gehend zum Abschluss gekommen. Begonnen hat es bereits mit dem 20. Juli 2004, als sich zum 60. Mal das Attentat Stauffenbergs und seiner Helfer auf Hitler jährte. Es folgte der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar, es folgte der 8. Mai, der auch offiziell so genannte »Tag der Befreiung«. Dazwischen lag eine Vielzahl weiterer Jahrestage von Ereignissen, der es zu gedenken lohnte, etwa die Befreiung der Gefangenen aus verschiedenen anderen Konzentrationslagern, aber auch die Befreiung der europäischen Länder und Städte von deutscher Besetzung und nationalsozialistischer Herrschaft. Verbunden war dieser Erinnerungsmarathon mit einer Vielzahl von Veranstaltungen, Lesereihen, Filmen, Theaterstücken, Fernsehdokumentationen, Büchern, Zeitschriften-sonderreihen und vielem mehr. Bestückt wurden die Ereignisse zumeist mit Interviews oder Erfahrungsberichten von Zeitzeugen, also Menschen, die das Jahr 1945 miterlebt haben, und nun ihre Erinnerungen der Öffentlichkeit präsentieren. So wichtig dies ist, so ambivalent sind die Eindrücke, die diese in ihrer Form wohl letztmalige Aufarbeitung unter Einbeziehung Beteiligter hinterlässt. Denn erzählt werden kann nur, woran man sich auch erinnern möchte. Allgemein bekannt ist, dass Erinnern und Vergessen zwei Seiten der selben Medaille sind. Als bekannt darf aber auch voraus gesetzt werden, dass wir es in Deutschland mit sehr spezifischen Formen der Erinnerungspolitik zu tun haben. Die eine retuschierte in einer gigantischen Verdrängungsleistung die Opfer des deutschen Vernichtungs- und Weltbeherrschungswahns aus dem eigenen Blickfeld, die andere integriert die Opfer schlichtweg in die eigene Erinnerungslandschaft und ebnet damit den wesentlichen historischen Unterschied zwischen Tätern und Opfern ein. In beiden Fällen bleibt völlig unbeantwortet, unter welchen politischen, gesellschaftlichen und mentalen Bedingungen der Nationalsozialismus in Deutschland an die Macht kommen konnte. Dies ist bis heute das gut gehütete Geheimnis der offiziellen Geschichtsschreibung dieses Landes.
Im Schatten dieser Diskurse, die im Kern die deutsche Täterschaft zusehends in Frage stellen oder mindestens relativieren, marschieren die Neonazis. Je größer die Bereitschaft ist, »die Deutschen« auch als Opfer zu betrachten, je größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass neonazistische Deutungsangebote der Vergangenheit sich Gehör verschaffen und zwar nicht geteilt, aber zusehends gesellschaftlich toleriert werden. Dabei bleibt es trotzdem wichtig, zwischen den bürgerlichen Bestrebungen zur Umdeutung, also Neubewertung der Geschichte und der NSVerherrlichung der Neonazis zu unterscheiden. Diese Strategien können sich partiell ergänzen und überschneiden, können - wie in den Gedenkfeierlichkeiten zum Jahrestag der Bombardierung von Dresden - in ein und dem selben Bild auftreten. Sie bleiben jedoch letztlich Ausdruck unterschiedlicher, sich deutlich widersprechender Interessen. Gerade an der Entfaltung des Heß-Mythos wird dies sinnfällig. Schließlich ist kaum etwas weiter entfernt von den aktuellen geschichtspolitischen Vorstößen aus der so genannten gesellschaftlichen Mitte als die positive Bezugnahme auf einen ausgewiesenen Kriegsverbrecher. Schließlich geht es im herrschenden Diskurs je gerade darum, eine kleine Gruppe von Verantwortlichen herauszudestillieren, um das Bild vom »deutschen Tätervolk« nachhaltig zu dementieren.
IV. Alte Frage: warum man den Rudolf Heß Marsch beenden sollte
In ihrem Gedenken an Heß bewegen sich die Neonazis in mancher Hinsicht auf einem sinkenden Schiff. Noch in den 1970er Jahren war seine Person in der Öffentlichkeit deutlich anschlussfähiger. Bis weit hinein in bürgerlich-konservative Kreise wurde die Forderung nach seiner Freilassung unterstützt und durch Demonstrationen unterstrichen. Mit seinem Tode ist er wieder zu dem geworden, was er immer war: ein Nazi. Seitdem sind es in erster Linie, und mittlerweile ausschließlich, seine geistigen Nachfolger, die das Gedenken organisieren und politisch konzeptionieren. Dabei bleiben sie unter sich. Das für sich genommen macht den jährlichen Aufmarsch aber nicht zur Nebensache. Wer sich die Entwicklung des Gedenkens anschaut, wird feststellen, dass der organisierte Rechts-extremismus noch am Ende der 1980er Jahre solche Veranstaltungen brauchte, um überhaupt eine relevante Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Der NS-Kult wirkte mobilisierend, zu keinem anderen Thema gelang es, auch nur im Entferntesten eine ähnlich große Zahl an Teilnehmern zusammenzubringen. Mittlerweile ist der Heßmarsch jedoch nicht mehr Ausdruck einer spezifischen Schwäche, wie sie vor allem zwischen 1997 und 2000 in der vollständigen Unfähigkeit zur Entfaltung öffentlichkeitswirksamer Aktivitäten sinnfällig zum Ausdruck kam. Das Gedenken an Heß ist heute Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins, mit dem neben die verklausulierten Bezugnahmen im tagespolitischen Geschäft ein offensives Bekenntnis zum Nationalsozialismus gestellt wird. Genau darum geht es in Wunsiedel.
Der Rudolf-Heß-Gedenkmarsch ist nationalsozialistische Propaganda ohne Phrasen. Diese Feststellung allein wird nicht dafür sorgen, dass es sich bald ausmarschiert hat. Bei aufmerksamer Lektüre der Gerichtsurteile der vergangenen Jahre wird man feststellen, dass die jeweiligen Entscheidungen nicht in erster Linie politisch motiviert waren, sondern einen direkten Ausdruck von Kräfteverhältnissen und öffentlichem Druck darstellten. So stellte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof fest, dass eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, mit der das Verbot der Versammlung ursprünglich begründet worden war, angesichts ausbleibender antifaschistischer Mobilisierungen nicht vorliege. Durch die Veränderungen des geltenden Versammlungsrechts ist die Justiz in ihrer Rechtssprechung in gewisser Weise von diesen äußeren Faktoren befreit worden. Vielleicht wird man die neuen Möglichkeiten nutzen, den Rudolf-Heß-Marsch per Versammlungsverbot zu verhindern. Eine zentrale Erfahrung antifaschistischer Politik besteht allerdings darin, auf staatliche Hilfe eher nicht zu vertrauen. Es bleibt deshalb dabei: der politische Widerspruch wird auf der Straße formuliert. Am 20. August wollen Tausende Neonazis in Wunsiedel des Kriegsverbrechers Rudolf Heß gedenken und eigene Stärke demonstrieren. Es ist notwendig, ihnen eine Grenze zu setzen.
Weiterlesen
- Thomas Dörfler/Andreas Klärner: Der »Rudolf-Heß-Gedenkmarsch« in Wunsiedel. In: Mittelweg 36, Nr. 4/2004.
- Michael Kohlstruck: Gerettete Idole? In: Wolfgang Benz/Peter Reif-Spirck (Hg.): Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus. Berlin: 2003.
- Michael Kohlstruck: Fundamentaloppositionelle Geschichtspolitik - Die Mythologisierung von Rudolf Hess im deutschen Rechtsextremismus. In: Claudia Fröhlich/Horst-Alfred Heinrich (Hg.), Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten? Stuttgart 2004.
- Patrick O’Hara/Daniel Schlüter: Der Mythos stirbt zuletzt. Hamburg: rat, 2002.
- Daniel Schlüter: ›He, wir trauern‹. Der geschichtspolitische Fundamentalismus der extremen Rechten am Beispiel Rudolf Heß. In: Antifa Infoblatt, Nr. 67, Mai 2005. Online unter: www.nadir.org/nadir/kampagnen/ns-verherrlichung-stoppen/material.html
NS-Verherrlichung stoppen!
20. August 2005, 9-19 Uhr in Wunsiedel.
Antifaschistischer Aktionstag mit Kundgebung und Demonstration, Kulturprogramm, Redebeiträgen von WiderstandskämpferInnen.
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