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Wunsiedel - eine Stadt macht Karriere

Entwicklung der lokalen und regionalen Neonaziszene jenseits des alljährlichen Rudolf- Hess- Gedenkmarsches

Seit der Beerdigung des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess auf dem Wunsiedler Friedhof im Jahre 1988 ist die oberfränkische Kleinstadt geradezu zum Mythos geworden. Für die europäische Naziszene ist der Ort des jährlichen Rudolf-Heß-Gedenkmarsches einer der wichtigsten Kristallisationspunkte - und auch Antifas ist die Fichtelgebirgsstadt einmal im Jahr präsent, wenn es darum geht, der NS-Verherrlichung dort etwas entgegenzusetzen.

Aber auch jenseits der großen Aufmärsche zu Ehren von Rudolf Hess hat sich nun lokal und regional eine braune Szene entwickelt, die sich sehen lassen kann und auch sehen lässt. Auf zahlreichen Nazidemos im gesamten Bundesgebiet ist, wenn auch meistens nur von wenigen "Kameraden" getragen, das Transparent der "Kameradschaft Wunsiedel" zu sehen, unter anderem auch beim Naziaufmarsch der "Autonomen Nationalisten Schwabach" am 18. März 2006 am US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr (Oberpfalz). Ebenfalls aktiv ist die "Kameradschaft Hof" um den aus Sachsen zugezogenen 22-jährigen Metzger Tony Gentsch (Toepen). Gemeinsam mit Neonazis aus Selb und Rehau bilden sie den "Kameradschaftsbund Hochfranken", bestehend aus einem Kern von 40-50 Leuten. Seit Januar 2006 veröffentlichte der "Kameradschaftsbund Hochfranken" vier monatlich erscheinende Rundbriefe, die sog. "Feldpost", zur Bewerbung der eigenen Aktivitäten und mit politischen Artikeln, z.B. zur Solidarität mit dem Iran. Anzeigen schalteten u.a. der "Mitteldeutsche Musikversand" (Halle) und der unterfränkische Szeneversand "last resort store" (Bessenbach). Kooperiert wird auch mit dem "hated and proud" Tattoo-Studio von Manuel Oblier in Thierstein-Birkenbühl. Vor wenigen Tagen erschien erstmals das ausführlichere Heft "Wunsiedler Widerstand - Infoblatt des natio-nalen Widerstandes in und um Ostoberfranken", ein "klassisches" Skinzine mit Demo- und Konzertberichten. Interviewpartner der ersten Ausgabe sind die Nazi-Musiker Michael Müller und Annett Moeck sowie der Burschenschafter und Ex-"Deutsche-Stimme"-Redakteur Jürgen Schwab (Nürnberg). Als verantwortlich im Sinne des Presserechts zeichnet Thomas "Steiner" Wulff (NPD Mecklenburg-Vorpommern, Teldau). Er besuchte die örtlichen Kameraden auch am 10. Februar 2006 zu einer Veranstaltung des NPD-Kreisverbandes Hof-Wunsiedel und referierte in der Kneipe "Lokalbahn" über die Geschichte der Rudolf-Hess-Gedenkmärsche. Für den "kulturellen" Teil reiste der oberbayerische "Liedermacher" Manfred "Edei" Edelmann an, der auch Bassist bei der RechtsRock-Band "Kraftschlag" ist. Der Veranstaltungsort, Andreas Heines Kneipe "Lokalbahn" ("der nationale Szene-Treff in Wunsiedel") ist seit Jahren erster Anlaufpunkt vieler "Kameraden" vor Beginn der Hess-Märsche am Busbahnhof und macht mittlerweile auch unterm Jahr überregional Schlagzeilen. Aufgrund wiederholter Übergriffe durch Neonazis trauen sich viele Jugendliche aus Wunsiedel abends nicht mehr in die Nähe des Stammlokals der örtlichen Kameradschaften. Jeden zweiten Samstag im Monat veranstaltet Andreas Heine in der "Locke" die sogenannte "Braune Nacht" ("Patriotische Musik, nationales Publikum, soziale Preise"). Auch regelmäßige legal stattfindende RechtsRock-Konzerte in der "Lokalbahn" sind immer sehr gut besucht. In der ersten Jahreshälfte 2006 fanden schon fünf Konzerte statt, unter anderem traten beim "deutsch-französischen Freundschaftsabend" "Defiance" und "Civil Disorder" und beim "Rock against Communism" die Bands "KTE" und "Braune Brüder" auf. Mit den "Braunen Brüdern", bei denen Tony Gentsch als Bassist spielt, verfügen die oberfränkischen Strukturen um die "Kameradschaft Hof" seit August 2005 über eine eigene Haus-Band. Im Sommer ist die erste Veröffentlichung beim Chemnitzer Label "PC-Records" geplant. Auf einer Veranstaltung des Antifaschistischen Rechercheteams Nordbayern (ART-NB) in Wunsiedel wurde der anwesende Bürgermeister Willi Beck (CSU) auf angebliche Überlegungen der Stadt angesprochen. Diese wolle die "Lokalbahn"-Immobilie aufkaufen, den Nazis im Gegenzug aber ein noch größeres Gebäude anbieten - nämlich das leerstehende Möbelhaus "Mobifix", in das bis zu 2.000 BesucherInnen passen würden statt wie bisher 200. Beck konnte oder wollte nicht dementieren. Spätestens mit einer größeren Halle könnte sich Wunsiedel zu einem wichtigen Knotenpunkt und Konzertwallfahrtsort für Neonazis aus Bayern, Sachsen und Thüringen entwickeln - nicht nur einmal im Jahr.

Von Anna Berlin und Robert Andreasch, aus Der Rechte Rand Nr. 101
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