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Eindrücke von der Ersatzveranstaltung zum Gedenken an Rudolf Hess in Jena

Nach einigem Hin und Her wurde der von der NPD angemeldete Aufmarsch vom Oberverwaltungsgericht Weimar am 17. August erlaubt. Das Gericht sah in dem unter dem Motto "Meinungsfreiheit - Entweder Ganz oder gar nicht" angemeldeten Aufmarsch keine Ersatzveranstaltung für den Hess-Marsch. Jenaer AntifaschistInnen organisierten daraufhin eine Kundgebung, eine Demonstration, einen Ermittlungsausschuss, ein Infotelefon, einen Handy-Ticker und plakatierten deutlich sichtbar die Stadt.

Nach der antifaschistischen Kundgebung in der Jenaer Innenstadt mit ca. 500 TeilnehmerInnen, setzte sich gegen 13:30 ein Demonstrationszug unter dem Motto "Gegen Geschichtsrevisionismus und NS-Verherrlichung" in Bewegung. Die antifaschistische Demonstration war nach einer Runde durch die Stadt beendet, kurze Zeit vor Beginn des Naziaufmarsches.

Gegen 14:30 Uhr setzte sich der Aufmarsch mit ca. 400 Nazis in Bewegung. Angemeldet wurde er von Patrick Wieschke (NPD), veranstaltet jedoch in Zusammenarbeit mit Aktivisten aus dem freien Kameradschaftsspektrum. Das war auch deutlich an dem äußeren Erscheinungsbild zu erkennen: vorwiegend junge Männer mit schwarzen und schwarz-weiß-roten Fahnen und entsprechend eindeutigen Transparenten. Doch auch verschiedene NPD-Aktivisten waren zugegen, wie z.B. Ralph Tegethoff. Und auch mit von der Partie war der Hamburger Nazianwalt Jürgen Rieger, Daueranmelder der Hess-Gedenkmärsche in Wunsiedel. Von Anfang an war zudem das auf dem Lautsprecherwagen mitgeführte Rednerpult zu sehen. Und schon bald kam dieses dann leider auch zum Einsatz.

Nachdem der Aufmarsch an der Innenstadt vorbei bis zum Lutherplatz gegangen war, führten die Nazis hier um kurz nach 15:00 Uhr eine Zwischenkundgebung mit verschiednen Rednern durch. Diese war zwar umzäunt von AntifaschistInnen, es kam jedoch nicht zu größeren Zwischenfällen. Gegen 15:30 setzte sich der Aufmarsch dann wieder in Bewegung und ging in etwa den Weg zurück, den er gekommen war. Nur wenige Meter von der ersten Kundgebung entfernt, stoppte der Zug gegen 16:00 Uhr erneut. Grund war eine zweite Kundgebung, gestaltet diesmal von einem einzigen Redner.

Eine lange und nur schwer zu ertragende Stunde sprach Jürgen Rieger in epischer Breite über Leben und Werk und einfach alles, was er offensichtlich immer schon mal loswerden wollte. Von der Verbotsgeschichte in Wunsiedel, über die "jüdische Weltverschwörung", bis hin zum "Besetzerregime" und der angeblichen "Siegerjustiz" der Nürnberger Prozesse, mussten die Anwesenden - so sie denn blieben - so ziemlich alles ertragen, was die Naziwelt an kruder Logik zu bieten hatte.

Was durchaus auffiel, war der deutliche Bezug auf Rudolf Hess. Über den Umweg des Zitierens der Erklärung des Bundesverfassungsgerichts, rühmte er Taten und Charakter von Rudolf Hess und endete mit dessen Schlussworten in den Nürnberger Prozessen. Und auch darüber hinaus bemühte er sich durchgehend einen indirekten Bezug zum Hitlerstellvertreter herzustellen.

Schon fast belustigend hingegen die haarscharfe Analyse zum Ende der DDR: Zu deren Ende hin habe sich die Repression gegen vermeintliche politische Gegner und Gegnerinnen verschärft und da die Nazis ja heute auch unter der schlimmen Repression der BRD zu leiden hätten, sei es ja offenkundig, dass auch dieses System kurz vor dem Zusammenbruch stünde. Nachdem viele die Hoffnung auf ein Ende der Riegerrede trotz mehrfacher Heiserkeitsanfälle bereits aufgegeben hatten, war es dann auch der Polizei zu viel und sie formierte sich enger um die Kundgebung. Er habe sich inhaltlich zu weit vom Thema entfernt, wie Rieger die Ansage der Polizei wiedergab. Anders hätte er den Bogen zu einem Ende seines Vortrages wohl nie gefunden... Und so beendete die Polizei die Kundgebung gegen 17:00 Uhr und geleitete sie zurück zu ihrem Auftaktort.

Leider war von dem Ausdruck antifaschistischer Gegenwehr, wie er noch auf der Demonstration am Mittag zu spüren war, während des Naziaufmarsches nicht allzu viel zu hören und zu sehen. Eine sehr deeskalierende Polizeitaktik tat ihr Übriges dazu, dass der Aufmarsch nahezu ungestört und nur locker abgesperrt stattfinden konnte. Trotzdem: Größe und Form des Aufmarsches boten ein recht armseliges Bild und hatten rein gar nichts mit dem Charakter der Hessmärsche in Wunsiedel 2001 bis 2004 zu tun.

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