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Der »Rudolf-Heß-Gedenkmarsch« in Wunsiedel

Rekonstruktion eines nationalistischen Phantasmas

Auf dem Friedhof in Wunsiedel befindet sich das Grab von Rudolf Heß. Der überzeugte Nationalsozialist und Antisemit, der am 21. April 1933 zum »Stellvertreter des Führers« in Parteiangelegenheiten ernannt wurde und in der NSDAP eine entscheidende programmatische und organisatorische Stellung einnahm, wurde vor allem mit seinem »Englandflug« am 10. Mai 1941 bekannt.1 In Eigeninitiative, aber in der festen Überzeugung, er handle im Sinne Hitlers, wollte er einen Friedensvertrag mit England aushandeln. Das »Friedensangebot« von Heß bestand allerdings darin, daß England praktisch kapitulieren und Europa dem »Dritten Reich« überlassen sollte. Im Gegenzug würde dieses Großbritannien als außereuropäische Weltmacht anerkennen, aber auf der Rückgabe der deutschen Kolonien bestehen. Sollte England auf diesen Vorschlag nicht eingehen, so drohte Heß, werde die englische Bevölkerung ausgehungert und der Luftkrieg weiter barbarisiert. Hitler erklärte Heß kurz nach Bekanntwerden seiner Aktion öffentlich für geisteskrank. Heß wurde in England nicht ernstgenommen und vom britischen Geheimdienst inhaftiert und verhört, bis er 1945 dem Nürnberger Militärgerichtshof überstellt wurde. Das Gericht verurteilte ihn zu lebenslanger Haft, die er bis zu seinem Tod am 17. August 1987 im Alliierten-Gefängnis in Berlin-Spandau verbüßte.2

Mobilisierung

Die Nachricht von seinem Tod wurde zu einem Signal für die westdeutsche Neonaziszene.3 In der gesamten Republik kam es zu Demonstrationen, Parolenschmierereien und am 18. August 1987 in Frankfurt zu einem Anschlag auf Fahrzeuge der US Army, der als Racheakt »für die an Rudolf Heß praktizierte Besatzerwillkür«4 deklariert wurde. Der Friedhof in Wunsiedel wurde in Erwartung der Beisetzung von Heß von Neonazis belagert. Diese fand allerdings erst im März 1988 statt, unter Geheimhaltung, um die Beteiligung von Neonazis zu verhindern, und im engsten Familienkreis sowie unter Anwesenheit des früheren Anwalts, Heß-Verteidigers und ehemaligen bayrischen Innenministers Alfred Seidl (CSU).5 1988 wurde der erste Rudolf-Heß-Gedenkmarsch in Wunsiedel von Berthold Dinter angemeldet und von einer Gruppe um die bekannten Neonazis Michael Kühnen und Christian Worch organisiert. Die Veranstaltung wurde zunächst verboten, dann aber vom Szene-Anwalt Jürgen Rieger vor Gericht durchgesetzt. Damals nahmen etwa 120 Personen teil. In den folgenden Jahren wurden die Rudolf-Heß-Gedenkmärsche zu einer festen Institution der neonazistischen Szene, auch wenn sich die Vorstellungen der Veranstalter, der Marsch könne »zum Fanal für Deutschland« werden, nicht erfüllten.6 Die Mobilisierung blieb auf das neonazistische und rechtsextreme Spektrum beschränkt. Nichtsdestotrotz bekamen die alljährlich sich wiederholenden Aktionen zum Gedenken an Rudolf Heß eine wichtige Binnenfunktion für die neonazistische Szene. Einerseits sollte das Gedenken an den »Stellvertreter des Führers« im traditionell zerstrittenen Lager der extremen Rechten in Westdeutschland Einheit stiften. Zum anderen stellten die Rudolf-Heß-Gedenkmärsche schon seit 1989, als belgische Gesinnungsgenossen am Marsch von etwa 250 Neonazis teilnahmen, auch für die europäischen faschistischen und neonazistischen Organisationen und Personen einen Ausgangspunkt für deren Vernetzung dar. 1990, beim dritten Marsch in Wunsiedel, nahmen dann schon 1100 Personen, darunter »sämtliche Kader der neonazistischen Szene«,7 teil.

Von 1991 bis 2000 waren die Märsche in Wunsiedel verboten. 1991 demonstrierten 1500 Neonazis aus Deutschland und Westeuropa in Bayreuth gegen das Demonstrationsverbot in Wunsiedel, 1992 gelang es der Szene, sich trotz Demonstrationsverbots mit etwa 2000 Personen im thüringischen Rudolstadt zu versammeln und dort unangemeldet zu marschieren, 1993 kam es wieder »[n]ach einem langen Katz-und-Maus-Spiel auf der Autobahn, an dem Neonazis, AntifaschistInnen, JounalistInnen und Polizei beteiligt waren«,8 zu einer Versammlung von 500 Neonazis in Fulda, wo die Polizei nicht eingriff, um den Aufmarsch zu unterbinden. 1994 wurden die Aktionen zum Todestag von Rudolf Heß erstmals ins Ausland verlegt; vor allem drohende staatliche Maßnahmen und auch Widerstand aus dem »Antifa«-Lager veranlaßten die Neonazis, nach Luxemburg auszuweichen. Bei einer Demonstration in Luxemburg-Stadt wurden allerdings alle 180 Teilnehmer festgenommen. 1995 wurde von neonazistischer Seite aufgrund der staatlichen Gegenmaßnahmen schon nicht mehr versucht, eine zentrale Demonstration in Deutschland zu planen. Statt dessen marschierten etwa 140 Neonazis im dänischen Roskilde, 250 im niedersächsischen Schneverdingen und 50 in Hamburg. Dabei wurden sie von massiven antifaschistischen Protesten und in Deutschland zusätzlich von der Polizei am Demonstrieren gehindert.

Nach dem Debakel der Jahre 1994 und 1995 »sank .. . die Bedeutung des Aufmarsches für die Neonazi-Szene«.9 Von 1996 bis 1998 kam es nur noch zu kleineren regionalen Aktionen. Mit der 1997 beginnenden Mobilisierung gegen die »Wehrmachtsausstellung« fand sich ein neues zentrales Thema, das für symbolische Einheit im rechten Lager sorgte und zudem über den engen Kreis der neonazistischen Szene hinaus konsensfähig war. 1999 und 2000 gab es keine zentralen Rudolf-Heß-Gedenkmärsche. Statt dessen wurde versucht, regional zu mobilisieren und kleinere Aktionen, darunter viele Plakat- und sonstige Propagandaaktionen, durchzuführen.

Sah es im Jahre 2000 noch so aus, als würden die Heß-Märsche ihre Bedeutung verlieren und nur noch von einer Handvoll Aktivisten getragen werden, so kam es 2001 zu einer Wende. Im Jahre 2000 hatte sich, gestützt auf mehrere Urteile des Bundesverfassungsgerichts, die Praxis des Verbots neonazistischer und rechtsextremer Aufmärsche grundlegend geändert. Die bislang angeführte Bedrohung der öffentlichen Sicherheit, die den meisten Verboten zugrunde lag, wurde nun nicht mehr als gegeben angesehen. So mußten viele in der ersten Instanz ausgesprochene Verbote von neonazistischen Aufmärschen von den Gerichten wieder aufgehoben werden. Auch die anwaltliche Vertretung der Neonazis hatte sich deutlich professionalisiert. Vor diesem Hintergrund meldete der Szene-Anwalt Jürgen Rieger für Samstag, den 18. August 2001, wieder eine Demonstration in Wunsiedel an, die nach erstinstanzlichem Verbot vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof genehmigt wurde. Nach zehn Jahren, in denen sich Auflösungs- und Ermüdungserscheinungen breitgemacht hatten, konnte Wunsiedel für einen neuen Mobilisierungsschub sorgen. Etwa 900 Neonazis marschierten, begleitet von etwa 50 protestierenden Gegendemonstranten, durch Wunsiedel. Der Aufmarsch des Jahres 2001 »durchbrach die Tendenz, daß das Gedenken an den Hitler-Stellvertreter immer mehr in den Hintergrund rutschte, und wenn überhaupt dann nur noch regional stattfand«.10

Im folgenden Jahr, am 17. August 2002, versammelten sich in Wunsiedel nach offiziellen Angaben etwa 2500 Neonazis zum bis dahin größten »Rudolf-Heß-Gedenkmarsch« seit seinem Tod vor 15 Jahren. Im Jahre 2003 fand der Gedenkmarsch in einem fast identischen Ablauf mit ähnlich hoher Teilnehmerzahl statt. Die Autoren haben beide Veranstaltungen vor Ort beobachtet.

Bereits dieser Abriß vermittelt einen Eindruck von der Relevanz, die dieses Ereignis innerhalb der Szene eingenommen hat. Die Bedeutung des Rudolf-Heß-Gedenkmarsches für die neonazistische Subkultur zeigt sich in den kontinuierlichen Anstrengungen, den Marsch jährlich durchzuführen, und im Beharren, dies an jenem Ort zu tun, wo Heß auch begraben liegt. Soziologisch betrachtet handelt es sich um den Versuch einer Ritualbildung, die den inneren Szenezusammenhang herstellen und bekräftigen soll, dessen Gelingen die tatsächliche körperliche Anwesenheit mehrerer Gleichgesinnter voraussetzt. Mit Durkheims Religionssoziologie läßt sich die Attraktivität eines solchen Zusammenkommens sehr gut erklären, denn es sind gerade diese periodischen Versammlungen, auf denen die »Anhänger ihren gemeinsamen Glauben beleben können, indem sie ihn gemeinsam bezeugen. Um diese Gefühle zu stärken, die alleingelassen, verkümmern würden, genügt (es; Fehler in der Übersetzung, die Verf.), diejenigen, die sie empfinden, einander näher und in enge Beziehung zu bringen«.11

Neben der Bedeutung dieser alljährlichen Zusammenkunft als Vergemeinschaftungsritual qua physischer Präsenz dient der Marsch der Szene auch als Ort der Ideologieproduktion und damit der Vergemeinschaftung auf weltanschaulicher Basis.

Formierung

Am Samstag, den 17. August 2002, befand sich das 10000-Einwohner-Städtchen Wunsiedel faktisch im Ausnahmezustand. Dafür sorgten 2500 angereiste Neonazis, etwa 500 Gegendemonstranten und zehn Hundertschaften der Polizei. In Wunsiedel kam das öffentliche Leben fast vollständig zum Erliegen. Geschäfte und Restaurants waren geschlossen, an den Zufahrtsstraßen bildeten sich Staus wegen der Polizeikontrollen.

Der eigentliche Gedenkmarsch war für 15 Uhr angesetzt. Etwa zwei Stunden vorher wurde eine Auftaktkundgebung am Festplatz mit verschiedenen Grußworten, Redebeiträgen und musikalischer Untermalung abgehalten. Die Autoren trafen gegen 11 Uhr in Wunsiedel ein und konnten in unmittelbarer Nähe des »informellen« Sammelplatzes der Neonazis, einem großen Supermarktparkplatz im Norden der Stadt, die ersten Teilnehmer, eine bereits große Anzahl von Sympathisanten, beobachten. Von mehreren Zufahrtsstraßen kamen ständig zumeist vollbesetzte Privat-Pkws aus dem gesamten Bundesgebiet, aus Österreich und Italien an. Aber auch Reisebusse mit überwiegend männlichen Jugendlichen trafen auf dem Sammelplatz und dem örtlichen Busbahnhof ein. Einige der Teilnehmer reisten mit regionalen Linienbussen, zum Beispiel aus Regensburg, an.

Im Süden der Stadt, durch ein relativ kleines Polizeiaufgebot von den Neonazis getrennt, sammelten sich Gegendemonstranten – einfache Bürger, gewerkschaftlich oder in Parteien organisierte Personen (Grüne, PDS, SPD, Partei Bibeltreuer Christen) bis hin zu Angehörigen der »Autonomen Antifa«. Trotz der Polizeipräsenz war es für einzelne Personen und Personengrüppchen möglich, sich unbehelligt im gesamten Stadtgebiet zu bewegen. Umherschweifende Gruppen beider politischer Richtungen sondierten offenbar die Lage.

Gegen 13.15 Uhr war der Großteil der Teilnehmer des Rudolf-Heß-Gedenkmarsches am Wunsiedeler Festplatz eingetroffen, und der Veranstaltungsleiter Jürgen Rieger eröffnete die Kundgebung. Die vorgeschriebene Verlesung der behördlichen Auflagen integrierte Rieger in die Gesamtinszenierung seines Auftritts. Er trug diese frei und zunächst in sachlichem, bisweilen jovialem Ton vor und versah sie hin und wieder mit spöttischen Anmerkungen. So kommentierte er das Uniformierungsverbot sowie das Verbot des Tragens und Zeigens verfassungsfeindlicher Symbole und Abzeichen mit dem Hinweis, seinen Informationen zufolge befänden sich in den eigenen Reihen auch Leute, die gezielt provozieren sollten, um für das nächste Mal einen Vorwand für ein Verbot zu schaffen: »Man nennt das agents provocateurs«, erklärte er. Rieger forderte dazu auf, diese Leute aus den eigenen Reihen zu entfernen. Er fügte hinzu: »Man hat ja so seine Quellen, und auch bei den staatlichen Stellen ist nicht alles so dicht, wie sie immer denken.« Das Verbot des Zeigens von verfassungsfeindlichen Symbolen kommentierte er mit einer Anekdote: »Ein Kamerad ist in eine Gaststätte gekommen, in der Kameraden saßen; die Glastür öffnete er mit dem gestreckten rechten Arm, was ihm eine Verurteilung wegen Zeigens des Hitlergrußes einbrachte. Also, wenn ihr so was macht, dann nehmt bitte den linken Arm.«

Riegers höhnische Attitüde sollte das abgeforderte Ritual ad absurdum führen, die Wirkung der restriktiven Auflagen unterlaufen. Seine Inszenierung kam einem »Spiel mit den Mächtigen« gleich. Auch wenn er es sich als Repräsentant der rechten Szene nicht – vor allem nicht öffentlich – eingestehen kann, ist doch klar, daß der potentielle Abbruch der Veranstaltung bei Nichteinhaltung der auferlegten Regeln für die Szene ein Problem darstellt: Die Tatsache, daß man sich einer übergeordneten und noch dazu aus ihrer Sicht illegitimen Ordnung beugen muß, ist hier für Rieger das Problem. Er versucht es zu umgehen, indem er eine »Ja, aber«-Taktik anwendet: Die Auflagen werden geduldet, aber nach Maßgabe eigener Bedingungen praktiziert. Suggeriert wird, daß die rechten Veranstalter entgegen den realen Machtverhältnissen die potenteren Akteure beziehungsweise Gestalter dieses Tages seien. Allen Umdeutungsversuchen zum Trotz, und Rieger weiß das, kommt das abgerungene strategische Arrangement auf der latenten Ebene einer »symbolischen Niederlage« gleich. Im Subtext versucht Rieger, den Versammelten als eigentliche Botschaft zu vermitteln: »Wir halten uns an ihre Gesetze und Auflagen, solange sie die Macht haben. Aber wir akzeptieren sie nicht.« Implizit werden dabei die Gesetze und Auflagen jedoch als gültig anerkannt und in ihrer Existenz affirmiert, und der Versuch, sie durch Ironisierung aufzuheben, gleicht eher einer Verdrängung. Verdrängt werden muß die symbolische Niederlage, die sich im zu leistenden Verzicht auf neonazistische Gesten ausdrückt. Wie aber gelingt es Rieger, erfolgreich zum Unterlassen der »üblichen« rechtsextremen Praktiken aufzurufen – es wäre ja ebenso eine Rebellion gegen diese Auflagen vorstellbar? Dies liegt im phantasmagorischen Raum des rechtsextremen Weltbildes begründet, der, wie noch genauer zu zeigen sein wird, eine Art Kompensation dieses Verzichts mittels eines »symbolischen Mehrwerts« liefert. Denn eine solche symbolische Niederlage fordert auf der imaginären Ebene eine »Aufhebung« ein, eine Art Überschreitung dieser unbefriedigenden Situation mit Hilfe eines spezifischen Versprechens, das den gegenwärtig notwendigen Verzicht (kein Hitlergruß, keine Parolen, allgemeine Zurückhaltung etc.) erträglich macht. Wir wollen dieses Versprechen im weiteren als »nationalistisches Phantasma«12 bezeichnen, das den imaginären Raum eines nationalistisch besetzten Begehrens öffnet.13 Ohne diese, die letztendliche Überwindung des gegenwärtigen Systems suggerierende Struktur eines solchen Phantasmas ist nicht adäquat erklärbar, wie die als latente Erniedrigung erfahrene Einschränkung hier umgedeutet und bewältigt wird.

Volksgemeinschaft

Nachdem der Veranstaltungsleiter Rieger die Auflagen für den Marsch vorgetragen hatte, gab es einen Einschnitt: Er ging zum »offiziellen«, inhaltlichen Teil der Veranstaltung über. Sein Tonfall wurde lauter und schneidiger. Aus Anlaß der Flutkatastrophe an Elbe und Mulde trug Rieger einen Aufruf an die »Kameraden in Mitteldeutschland« vor, nicht am Rudolf-Heß-Gedenkmarsch teilzunehmen, sondern sich wegen des Hochwassers an die »Heimatschutzfront« zu begeben, um dort »nationale Solidarität« zu üben, denn, so hieß es in diesem Aufruf: »Rudolf Heß ehren heißt in erster Linie: Nationale Solidarität üben!« Die Flutkatastrophe wird an dieser Stelle von Rieger folgendermaßen dargestellt:

»Bereits seit Tagen sind nationale Jugendliche in den Katastrophengebieten im Dauereinsatz. So hat der Heimatschutz Chemnitz e.V., ein Zusammenschluss junger Nationalisten, bereits im Wasserschloss Klaffenbach und im Chemnitzer Ortsteil Einsiedel an Aufräumarbeiten mitgewirkt. In einem Fernsehbericht wurde auch schon der Einsatz vieler Kameraden in Meißen lobend von der Polizei erwähnt. Im Raum Sachsen-Anhalt, wo stündlich schlimmste Überflutungen erwartet werden und umfangreiche Evakuierungsmaßnahmen laufen, haben sich heute zahlreiche freie Nationalisten als freiwillige Helfer an die Heimatschutzfront gemeldet.«14

Dieser Verweis auf eine Handvoll »Kameraden« in Ostdeutschland hat mehrere Funktionen: Zum einen wird dadurch die an sich bedeutungslose Anzahl nationalistisch motivierter Helfer überzeichnet und »veredelt«, indem deren möglicherweise engagiertes, im Grunde aber folgenloses und unbemerktes Sandsackschleppen mit einem höheren Sinn versehen wird. Darüber hinaus realisiert sich in der eingetretenen Notsituation mitsamt ihrer kollektiven Bewältigung für den Nationalisten zumindest die Vorstellung einer Volksgemeinschaft im Sinne einer konkreten gesellschaftlichen Praxis.

Nicht die Hilfeleistung an sich steht also im Vordergrund, sondern ihre Erwähnung: Sie fungiert als »Nachweis« einer immer schon behaupteten, nun aber sichtbar gewordenen »Nationalen Solidarität«. Die hier beschworene »Solidarität« ist für Außenstehende zwar hohl und künstlich, wie das gesamte Pathos, mit dem dieser Aufruf vorgetragen wurde; dennoch hat sie eine Funktion für die Identitätsstiftung in der Szene im Sinne einer »vorgestellten Gemeinschaft« der Nation.15 In der Hilfeleistung der Kameraden materialisiert sich die Imagination des tatkräftigen, dem Vaterland selbstlos dienenden Nationalisten als Realität. Sein Schaffen zusammen mit den anderen »Kameraden« suggeriert eine nationalistische Gemeinschaft, die dadurch überhaupt erst als realisierbare Möglichkeit aufscheint. Denn das Zustandekommen einer Vergemeinschaftung bedarf gemeinsamer Taten (»Aktionen«) der auf diese Kollektivität hinarbeitenden Subjekte.16 Hier haben wir es mit einer Art nationalistischem Zukunftsentwurf zu tun, der versucht, einer herbeigewünschten Volksgemeinschaft Konturen zu verleihen oder diese zumindest aus bestimmten gesellschaftlichen Ereignissen abzuleiten. Damit manifestiert sich die Form des nationalistischen Phantasmas, das man im Lacanschen Sinn als latentes »Begehren« des nationalistischen Weltbildes umreißen kann: als neurotische Suche nach einheitsstiftender Identität in einer Welt der Kontingenz und Individualisierung.

Das externalisierte Begehren

Zweifelsohne sind die in Wunsiedel an diesem Tag Versammelten (gemessen an den eigens formulierten Kriterien des »Nationale-Solidarität-Übens«) am falschen Ort und müßten angesichts des selbstlosen Einsatzes nur neidisch auf die Kameraden an den Deichen in Ostdeutschland schauen. Diese naheliegende Betrachtungsweise unterschlägt jedoch den zentralen Aspekt des engen Zusammenhangs beider Phänomene und verkennt den eigentlichen Grund der Erwähnung der Fluthelfer an dieser Stelle: Die Nationalisten in Ostdeutschland funktionieren als jenes imaginäre Objekt, das Jacques Lacan im Rahmen seiner Strukturalen Psychoanalyse als objet petit a konkretisiert hat: ein materialisierter Ort des eigenen Phantasmas (hier »Volksgemeinschaft«, »Deutschland« etc.), der an einem fernen Platz als »Ort der Wahrheit« fungiert. Dort gäbe es dasjenige, von dem die Nationalisten »träumen«, dort verwirkliche sich ein kleines Stück der nationalistischen Utopie. In diesem Sinne sind jene »Taten« in Ostdeutschland eine wichtige imaginäre Stütze des Weltbildes der Teilnehmer am Rudolf-Heß-Gedenkmarsch: der externalisierte Ort ihres Begehrens. Die »Nationalen Fluthelfer« werden als Symbol zum Schauplatz der weltanschaulichen Vergewisserung für die Wunsiedeler Demonstranten: Seht her, dort funktioniert unsere Gemeinschaft, dort sind wir Menschen der Tat. Der spezifische Hinweis auf die sogenannten »Fluthelfer« dürfte deswegen nicht zufällig als Auftakt der Veranstaltungsrede gewählt worden sein.

An dieser Stelle ist als weiterer wichtiger Aspekt des nationalistischen Phantasmas die zentrale Wirkkraft jenes – um in Lacans Terminologie zu bleiben – objet petit a beschrieben: Es besitzt nur Bindungskraft als ein imaginierter und externer Ort des eigenen (individuellen wie kollektiven) Begehrens, als materialisiertes Phantasma der Volksgemeinschaft an einem fernen Punkt. Oder, anders ausgedrückt: als ein »leerer« Signifikant. Da die gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Deutschland keine Indizien für eine wie auch immer geartete nationalistische Vergemeinschaftung liefern, ist es umso wichtiger, dennoch einen Ort benennen zu können, an welchem sich eine solche potentiell herstellen lassen könnte. Dies ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, die Anhänger davon zu überzeugen, daß man nicht irgendwelchen Idealismen oder Hirngespinsten nachhängt. Daher wird die Flutkatastrophe von den Nationalisten als konkrete Form nationalistischer Gesellschaftsvorstellung instrumentalisiert. Die Möglichkeit gemeinsamen Handelns suggeriert einen Ort ohne Entfremdung und Individualisierung, ohne zersetzenden Kapitalismus und Egoismus, den Hauptfeindbildern nationalistischer Ideologie.

Feinde – Wir und sie

Gegen 14.00 Uhr kündigte sich der nationalistische »Barde« Michael Müller an. Er wird drei Lieder vortragen. Am Ende des dritten Liedes überflog ein Hubschrauber den Festplatz, in dessen Lärm der Gesang des Liedermachers unterging. Müller mußte daraufhin seinen auf 45 Minuten angelegten Auftritt beenden.

In seinem ersten Lied »An Deutschlands Feinde« wird der »Nationale Widerstand« gegen die »Zersetzer« Deutschlands eingefordert. Die Feinde bleiben allerdings inhaltlich unbestimmt. Gegen jene, so Müller, »kämpfen [wir] und siegen für Volk und Vaterland«. Die zentrale metaphorische Figur in dem Lied ist der Refrain »besser stehend sterben als gebeugt in Feindesland«. Volk und Vaterland, Chiffren der herzustellenden Einheit, werden als bedroht dargestellt. Auch in scheinbar auswegloser Situation ist der einzelne gegenüber dem Kollektiv zur bedingungslosen Selbstaufgabe verpflichtet. Die Intonierung des Stückes ist melancholisch bis tragisch und nimmt mit dieser wenig kämpferischen Haltung ironischerweise die Unerreichbarkeit der vorgestellten Einheit vorweg. Die Bereitschaft, »stehend zu sterben«, stellt hier weniger ein Mittel zum vorgeblichen Zweck dar, nämlich der Verteidigung von Volk und Vaterland, sondern gerinnt unterderhand, als ultimative Selbstzerstörung des Individuums im Namen des Kollektivs, zum eigentlichen und destruktiven Zweck des Daseins.

Es folgte ein Lied über den »aufgenötigten Frieden von Versailles«, der den Widerstand geradezu herausgefordert habe. Müller erklärte, »wir wissen, daß daraus eine Freiheitsbewegung entstanden ist«. Von dieser »Freiheitsbewegung«, also den Freikorps und der nationalsozialistischen Bewegung, handelt das Lied. Düster und entschlossen heißt es darin: »es ist nicht unser Weg, aber euer Blut soll fließen, wenn euch soviel dran liegt«. Es sind die »Feinde Deutschlands«, die eine entschlossene Reaktion der »Kameraden« herausfordern und symbolisch zum unerbittlichen Kampf zwingen. Die in Wunsiedel Versammelten werden aufgefordert, sich in die Tradition dieser nationalen Freiheitsbewegung einzugliedern, denn, so Müller, »das Deutsche Reich hat nie kapituliert«. Großer Gewinn ist bei diesem Kampf aber nicht zu erwarten, eher ins Morbide verfällt die inbrünstig vorgetragene immer wiederkehrende Textzeile »solange wir noch stehen, deutsche Fahnen wehen, das Volk bleibt bestehen«. Auch hier ist bei Müller keine eigentlich kämpferische und siegesgewisse Haltung zu verspüren, vielmehr scheint das Scheitern paradoxerweise erwartet zu werden.

Müllers letzter Liedbeitrag thematisiert die »Siegerjustiz« von Nürnberg.17

Ihr nennt euch Richter, ihr seid nur Henker /gegen des Gewissens Stimme taub / und haßt das Volk der Dichter und der Denker /mit uns soll Deutschland knien vor euch im Staub

Refrain:
ihr seid Gefang’ne euren eignen Tuns/es wird auch dafür einen Zahltag geben / Wir haben unser Nürnberg hinter uns / ihr müßt das eure noch erleben, noch erleben / Ihr werdet euer Nürnberg noch erleben /

Ihr tut so stolz, ihr großen Wortemacher / ihr sprecht von Gott, von Freiheit und von Recht /und treibt mit Gott und Recht und Freiheit Schacher / indem ihr die Besiegten schuldig sprecht /

(Refrain)

Laßt euer Urteil ruhig in der Tasche / wir wissen längst, es ist um uns geschehen / doch einmal wird dann noch aus unsrer Asche /die18 Rächer dieses Mordes auferstehen /

(Refrain)

Müller identifiziert sich und die Anwesenden mit den Verurteilten der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und »akzeptiert« deren Strafe symbolisch auch für sich und die Seinen – natürlich wird sie als Ungerechtigkeit und Erniedrigung wahrgenommen. Aus dieser Erniedrigung erwächst aber eine eigentümliche Kraft; geläutert und »gestählt« durch die erfahrene (und in ihren Augen überstandene) Erniedrigung durch die »Siegerjustiz«, hat man einen »obszönen« Erfahrungsvorsprung gewonnen: den »am eigenen Leib erfahrenen« Verlust Deutschlands, das man sich nun wieder in spezifisch nationalistischer Form aneignen kann. »Ihr«, die (natürlich nicht anwesenden, sondern nur imaginär benannten) Nachfolger der »Siegerjustiz« und Verteidiger der falschen, weil »deutschlandfeindlichen«, von den Siegermächten »oktroyierten« Demokratie, habt Grund zur Angst, denn eure Ordnung ist bedroht, und »ihr« habt den Verlust noch vor euch. Auf diese Weise kann die selbst angenommene Opferrolle oder besser die imaginierte Opfererfahrung in einen Heldengestus umgedeutet werden. In der Zeile »doch einmal wird dann noch aus unsrer Asche/die Rächer dieses Mordes auferstehen« liegt das spezifische Versprechen auf Kompensation des akzeptierten Verlusts. Die imaginierte Genugtuung in ferner Zukunft läßt die Einschränkungen und Gängelungen der Gegenwart erträglich werden, da man für eine »größere Sache« kämpft. Jouissance19 ergibt sich hier also paradoxerweise beim Verzicht auf gegenwärtiges Genießen – der Aufschiebung der »Rache« auf einen »Zahltag«. Dieser Verzicht konstituiert geradezu ein Mehr-Genießen.20

Die jouissance oder einfacher: der eigentümliche (symbolische) Mehrwert, der sich aus diesem vorgestellten Verlust entwickeln kann, ist das Genießen des immerwährend zu vergegenwärtigenden Verlustes von Deutschland und von Rudolf Heß – eine paradoxe, aber libidinöse Selbstpositionierung als Leidende an einem tatsächlich nie erfahrenen Verlust. Das Lamento über diesen vermeintlichen Verlust kann dabei als die einzig mögliche Form der Aneignung dieser Vergangenheit angesehen werden. Denn wichtig ist, daß man sich diesen »Verlust« als einen virtuellen vorstellen muß, als eine imaginäre Erfahrung, die nie stattgefunden hat, sondern nur durch das Phantasma der Ideologie aufrechterhalten werden kann. Oder, in Zizeks Worten: ». . . das Genießen konstituiert sich als gestohlenes«.21 Nationalistische Ideologie, wie aller Chauvinismus, kann sich nur als ein vom Anderen (»Ausländer«, »Juden« etc.) bedrohtes Ding positiv in Wert setzen, nur ex negativo aus seinem traumatischen Gegenpart, den es in dieser vorgestellten Form nicht gibt.

Damit ist ein weiteres zentrales Moment in unserer Rekonstruktion dieser neonazistischen Veranstaltung ausgemacht: Neben der Benennung mehr oder weniger konkreter Orte nationalistischer Gemeinschaft (»Oderflut«), dem objet petit a der neonazistischen Ideologie, sowie der konkreten Versammlung Gleichgesinnter als Selbstvergewisserung in Kopräsenz ist es von entscheidender Bedeutung, die Bewegung als eine Ansammlung vermeintlicher Opfer zu stilisieren. Durch diesen Opferstatus entfaltet sich erst die eigentümliche Attraktion der Bewegung als eine tragische Befreiungseschatologie, wie man dies bisher eher aus linken und bisweilen auch religiösen Zusammenhängen kannte. Der Opferstatus wird zum wichtigsten Mythologem, um einen pseudogerechten Freiheitskampf zu legitimieren, der sich als ein Kampf gegen die herrschende Weltordnung geriert. Dazu bedarf es allerdings gewisser Vorbilder, wovon im weiteren die Rede sein wird. Innerhalb dieses Gefüges wird die Figur Rudolf Heß und ihre Bedeutung für die rechte Szene verständlich.

Formatierung

Gegen 14.30 Uhr sprach Wolfgang Juchem, ein in rechtsextremen Kreisen sehr bekannter Redner und ehemaliger Bundeswehr-Geheimdienst-Offizier des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), über Rudolf Heß und die Justiz von Nürnberg. Dies wird die eigentliche inhaltliche Fundierung des gesamten Tages sein. Sinn und Inhalt seiner Ansprache werden durch die unverblümte Wortwahl schnell klar: Von »vaterlandslosen Gesellen« werde »unsere Veranstaltung« als »politisch nicht korrekt« gewertet. Er sprach von »selbsternannter Demokratie«, »antideutschen Umerziehungsorgien« und »Lügenmärchen über die Zeit bis 1945«, mit denen man sich »niemals abfinden« werde. Denn die versammelten »Kameraden « stünden »stellvertretend für Millionen von Deutschen«, die diese »politische Korrektheit« nicht repräsentierten, sondern die »Wahrheit« über Deutschland: Die polemisch »Umerziehung« genannten Entwicklungen in der BRD hätten nicht gefruchtet, die »Rechung ging nicht auf«, »50 Jahre Gehirnwäsche« seien nicht erfolgreich gewesen, denn: sie (die Kameraden, das »kollektive Wir«) seien da, seien anwesend und legten damit Zeugnis von dieser »unserer Wahrheit« ab.

Als »Beweise« für eine vermeintliche »Siegerjustiz«, die in Nürnberg gewaltet und unter der auch Rudolf Heß gelitten habe, führt er u. a. an: »Der Nürnberger Prozeß wurde von einem der Ankläger selbst als Fortsetzung der Kriegshandlungen gegen Deutschland bezeichnet, das sagt doch alles.« Und selbst ein Vertreter der eigentlich verschmähten Bundesrepublik erfährt eine späte Ehrung: schon am 14. November 1950 habe ein Abgeordneter der damaligen Bundesregierung, »aber das war eine andere Bundesregierung«, erklärt, daß es »keine Anerkennung der Nürnberger Urteile« für ihn geben kann.

Dieser paradoxe Verweis auf das verhaßte System der Umerzogenen, der Repräsentanten der BRD, das scheinbar – obwohl »von der Siegerjustiz« oktroyiert – einen Funken Wahrheit im Sinne der nationalistischen Weltdeutung produzieren kann, läßt sich sehr gut als Indiz für die Intentionen von Juchem deuten: Jeder noch so kleine Hinweis auf die Richtigkeit der eigenen Weltdeutung wird dekontextualisiert, um ihn für die Stringenz des »wahren« Weltbildes zu instrumentalisieren. Hier wird fern jeder Kausalität und Logik eine Deutung zurechtgezimmert, in der das Aufrufen auch paradoxer Kronzeugen wie des erwähnten Parlamentariers, der eigentlich doch nur »Siegerideologie« liefern dürfte, keinen Widerspruch darstellt.

Tatsächlich aber ist für Juchem in der Äußerung des Parlamentariers geradezu ein Beweis für jene erwähnte »Umerziehung« verborgen, der, so impliziert Juchems Verweis, belege, daß zumindest eine Person nicht »umgepolt« wurde. Dieser Wunsch, der »große Andere/das Gesetz«, so Lacans Metapher für die geltende symbolische Ordnung, in diesem Fall die parlamentarisch verfaßte Demokratie Nachkriegsdeutschlands, möge die eigene Weltsicht bezeugen und bestätigen, verweist abermals auf die paradoxale Struktur der hier erfolgten Weltbildproduktion und verrät zudem den Ursprung dieser auf den ersten Blick beispiellosen Idiotie: Juchem sucht für die ultimative Legitimation seiner Weltsicht die »geheime« oder hintergründige Botschaft vom »großen Anderen« auszumachen, die er eigens entdeckt hat und nun siegesgewiß präsentiert.

Ohne Zweifel haben wir es hier mit einem Symptom im Lacanschen Sinne zu tun.22 Durch die Funktion des Begehrens als eines imaginierten Verlustes, der einen konstitutiven Mangel, den kein materielles Objekt stillen kann, verschleiern soll, kann man nur begehren, daß dieses Begehren selbst anerkannt, daß dieser konstitutive Mangel selbst affirmiert wird. Dies geschieht, indem unsere spezifische Form des »Genusses« (in diesem Zusammenhang wäre wohl besser von Genugtuung die Rede) durch den Anderen bestätigt wird. Lacan fand für diesen – über den Anderen umgeleiteten – Wunsch nach Anerkennung die passende Formel: »Das Begehren ist das Begehren des Anderen.«2323 Daher rührt die triumphale Geste, mit der Juchem jene Aussage des Parlamentariers anführt. Daß Juchem sich durch diesen »Kronzeugen« bestätigt fühlt, sagt im Umkehrschluß also nichts über den »großen Anderen«, in diesem Fall die reale Nachkriegsordnung in Deutschland, aus, sondern verweist auf das Begehren Juchems: Er »weiß« unbewußt um die Partikularität und die Nicht-Realisierbarkeit seiner Ideologie und seines Wunsches nach dem »wahren Deutschland«, ansonsten müßte er nicht versuchen, sie ständig durch derlei »Anerkennungen durch den Anderen« zu stabilisieren.24 Diese Begründungsstruktur ist eine durchaus allgemeinere Form der Legitimationsversuche ideologischer Weltbilder. So kann ewa die manisch anmutende Suche extremistischer Splittergruppen nach dem »definitiven Beweis« dafür, daß das jeweils bekämpfte System »korrupt«, »unterwandert « oder »fremdkontrolliert« sei, nur durch einen Hinweis vom System selbst, vom Anderen gestillt werden.25 Denn das ideologische Konstrukt ist nicht in der Lage, diese »Wahrheit« selbst argumentativ herzustellen: Gestützt wird diese immer nur vom Gegenpart. Da aber alle diese »Beweise« strukturell nie ausreichen (sie sind immer nur »Partikularwissen«), wird die Suche nach solchen Nachweisen neurotisch: Die typische Geste ist folglich, bei allen Zusammenkünften immer neue, »ultimativere Beweise« dafür zu erbringen, daß dieses System doch »korrupt« und »fremdgesteuert« ist. Festzuhalten bleibt hier die Strategie des »Selbstbeweises«, das heißt das manische Herleiten der vermeintlichen Wahrheit über das als falsch angesehene System aus diesem selbst.

Der personalisierte Beweis dafür, daß im gegenwärtigen System die »Wahrheit« unterdrückt werde, ist für Juchem Rudolf Heß. In seinem Schicksal spiegele sich, so Juchem, »das Schicksal des gesamten deutschen Volkes«: »ein Mann« habe damals, mit dem Flug nach England, die Initiative ergriffen, um den Krieg zu beenden. »Der Mann, der Hitlers innerste Gedanken kannte, folgt seinem Gewissen«, »einen gültigeren Anwärter auf den Friedensnobelpreis hat es noch nicht gegeben«. Im folgenden wird die »Heldentat« von Rudolf Heß in mythischer Überhöhung geschildert: er sei »teilweise nur einen Meter über den Wellen der Nordsee« geflogen, um dem britischen Radar auszuweichen, »er, der noch nie mit dem Fallschirm abgesprungen ist, wagt aus 2000 Metern den Absprung«, das sei eine »weltmännische Tat«, denn »noch nie hat jemand solch ein Opfer auf sich genommen, um den Weltkrieg zu beenden«. Im Anschluß sei er dem »Psychoterror« des britischen Geheimdienstes ausgesetzt und schließlich dem »Nürnberger Schauprozeß« überführt worden, wo man ihn verurteilte. »Ihn, ausgerechnet ihn«, der den »Frieden« für die Welt wollte, »welch ein Zynismus!« Das Ende dieser Passage wurde von den Anwesenden mit einem kollektiven aufstöhnenden »Ja!« kommentiert. Die »Schandurteile von Nürnberg« seien ausgesprochen worden, um »das gesamte deutsche Volk dafür zu bestrafen«, daß es »aus den Klauen des internationalen Weltfinanzsystems der Wallstreet herausgeführt « werden sollte. Diesen Abschnitt der Rede schließt er mit den Worten: »Das Schicksal von Rudolf Heß geht uns alle an, alle Deutschen.« Doch nicht nur die Deutschen, sondern auch »die Welt wird einst erfahren, daß nicht Deutschland den Krieg begonnen hat«, und eine »Ahnung von der unsterblichen Größe dieses Mannes« bekommen, wenn man »seine Worte hört, die da waren: ich würde wieder alles so machen, auch wenn ich wüßte, daß der Scheiterhaufen auf mich wartet«.26 Heß wird zur Heilsfigur und die ganze Veranstaltung bekommt den Charakter eines »Feldgottesdienstes«, denn »er [Heß] hat alle überlebt: Churchill, Stalin, Truman. Es werden ihre Namen aus den Geschichtsbüchern getilgt sein«, wenn Heß als ein »leuchtender Stern, Wegweiser für ein besseres Menschengeschlecht und eine bessere Menschheit« gelten wird, wenn endlich die »Wahrheit« über ihn und Deutschlands Absichten zur Geltung kommen werde.

Heß ist demzufolge der »Garant der Wahrheit« der hier ausgebreiteten Ideologeme der rechtsextremen Szene wie der »Unterdrückung durch die Alliierten«, der »Kontrolle durch das Weltjudentum«, der »Aggression der Alliierten als des wahren Kriegsgrundes« etc. Er ist diejenige Figur, in deren Person und »Schicksal« sich diese »ungerechte Unterdrückung« verkörpert und die deshalb als Vorbild für einen vermeintlichen Kampf um »Deutschlands Freiheit« wirken kann.27 Aus rechtsextremer Sicht hat er das eigentliche »Opfer für Deutschland« erbracht, indem er den »Friedensflug« startete, danach »ungerecht behandelt« wurde, 46 Jahre »unschuldig« und »ungebeugt« in Haft saß und »am Ende« doch noch »ermordet« wurde.28 Weil hier die historische Figur des Nationalsozialisten Rudolf Heß durch den Mythos eines »Märtyrers für Deutschland« ersetzt und »von Geschichte entleert«29 wird, gewinnt die rechtsextreme Szene eine positive Leitfigur, die sich mit moralischen Argumenten von außen nur schwer bekämpfen läßt. Die Anhänger der Szene sind davon überzeugt, moralisch im Recht zu sein und zu »den Guten« zu gehören.

Der Mythos Heß erscheint hier als leerer Signifikant, als Einschreibefläche an einer Stelle im symbolisch-imaginativen Kosmos der Nationalisten, die weitestgehend vakant ist, nämlich als Objekt einer (nie erfolgten, nur symbolisch erfahrenen) »Kastration«, als imaginierter Verlust. Damit deutet sich eine Akzentverschiebung in der neonazistischen Ideologiebildung an: Nicht mehr der chauvinistische Reflex gegen die »parasitären Anderen« (Ausländer, Juden etc.) steht im Mittelpunkt, wenngleich diese in Gestalt des »internationalen Weltfinanzsystems« oder »der« Linken in den Medien immer noch präsent sind, sondern das schlimme »Leid«, das die zu Unrecht verfolgten Nationalisten/Nationalsozialisten seit dem Zweiten Weltkrieg erfahren mußten. Diese Akzentverschiebung erscheint uns als ein wichtiger zeitgenössischer Reflex rechtschauvinistischer Gruppen, wie er sich exemplarisch auch in der gegenwärtigen Debatte um die angebliche Opferrolle »des deutschen Volkes« von seiten der Vertriebenenverbände und anderer rechten Strömungen manifestiert. Das rechtsextreme Submilieu verbindet diesen Opfergestus mit einer Helden- bzw. Führergeschichte und einem Geschichtsrevisionismus, den eher klassischen Ingredienzien rechter Ideologie.

An dieser Stelle hat sich das neonazistische Weltbild vervollständigt: Die Chronologie des Tages, ob intendiert oder nicht, liefert eine Art dramaturgischen Stufenaufbau der wichtigen strategischen Ideologeme und gesellschaftlich relevanten Formen des zeitgenössischen Nationalismus. Am Ende steht, gewissermaßen als Fixstern, die zum Freiheitskämpfer stilisierte Figur eines der verantwortlichen und formal ranghöchsten Nationalsozialisten des »Dritten Reiches«. Den Abschluß bildet folgerichtig das ritualhafte »Gedenken« an die »Taten« des Rudolf Heß.

Prozession

Als letzter großer und eigenständiger Bestandteil des Tages wurde der eigentliche Gedenkmarsch abgehalten, der wie geplant gegen 15.00 Uhr begann. Marschiert wurde in Sechserreihen mit einem von Ordnern stets überwachten Abstand. Schweigend, mit getragener Miene und langsamen Schrittes, setzte sich der Marsch in Bewegung. Er führte am Friedhof, auf welchem Heß begraben liegt, vorbei, »durch die ehemalige Adolf-Hitler-Straße«30 über die Hauptstraße zum Marktplatz und Rathaus und wieder zum Festplatz zurück. An den Straßenrändern standen Wunsiedeler Bürger, die sich die Veranstaltung kommentarlos, aber interessiert anschauten. Die Spitze des Zuges bildete ein schwarzes Fronttransparent mit der Aufschrift »Wir gedenken Rudolf Heß«. Es folgten Standartenträger, die ihre Fahnen halb gesenkt trugen. Man erkannte Nationalflaggen der europäischen Teilnehmer aus Italien, Schweden und der Schweiz, bei den deutschen Teilnehmern Fahnen der Bundesländer und schwarz-weiß-rote Flaggen, selbstverständlich keine schwarz-rot-goldenen, auch zahlreiche schlichte schwarze Flaggen. Die Transparente bezogen sich fast ausschließlich auf Rudolf Heß: »Rudolf Heß – Tot, doch unvergessen«, »Rudolf Heß – das war Mord!«, »Wer mit der Lüge lebt, hat die Wahrheit zu fürchten«. Neben diesen anlaßbezogenen Transparenten wurden auch solche gezeigt, die lediglich die teilnehmende Organisation anzeigten, so zum Beispiel »Frei, sozial, national – Kameradschaft Uckermark« oder »Korps Elsaß«.

Als die Prozession sich dem Marktplatz näherte, machten sich ein paar wenige Antifaschisten mit Rufen wie »Nazis raus!«, »Ob Ost, ob West, nieder mit der Nazipest«, »Bildung für alle – auch für euch« und in bezug auf den Trauermarsch mit »Heult doch, heult doch« bemerkbar. Die meisten Teilnehmer ignorierten die Rufe und setzten ihren Weg unbeeindruckt oder belustigt fort. Lediglich eine kleine Gruppe von etwa 50–100 Teilnehmern blieb kurz stehen und begann rhythmisch zu klatschen, was jedoch sofort durch eine Anweisung von einem Ordner über Megaphon unterbunden wurde. Die Anweisung lautete: »He, wir trauern!«, woraufhin das Klatschen sofort verstummte und der Marsch fortgesetzt wurde. Diese Szene unterstreicht den inszenierten Charakter der Veranstaltung und die Selbstdisziplinierung der Teilnehmer sehr anschaulich. Beim Heß-Marsch geht es nicht um individuelle, tatsächlich empfundene Trauer. In Wunsiedel klagt man nicht, »weil man traurig ist, sondern weil man die Pflicht hat zu klagen. Es handelt sich um eine rituelle Haltung, die man aus Respekt für den Brauch anzunehmen verpflichtet ist, die aber in starkem Maß unabhängig ist vom Gefühlszustand des Individuums«.31

Sinn dieser rituellen Prozession, und damit kommen wir abschließend noch einmal auf die Binnenfunktion der Veranstaltung zurück, ist es nicht nur, »den moralischen Charakter der Kollektivität zu bewahren«,32 sondern diesen moralischen Charakter her- und vorzustellen, das heißt begreif- und erfahrbar zu machen.

Nachdem gegen 17.00 Uhr alle Teilnehmer am Festplatz wieder eingetroffen waren, wurde die Veranstaltung mit einer Abschlußrede und weiterer Musik von Liedermacher Müller beendet. Da ein Großteil der Teilnehmer sich aber unmittelbar nach dem Ende des Marsches auf den (zum Teil langen) Heimweg gemacht hatte, nahm dieser Teil der Veranstaltung keine bedeutende Rolle mehr ein. Deren Ziel war erreicht, man hatte öffentlich Präsenz gezeigt und, wie Juchem es in seiner Rede formulierte, »Zeugnis abgelegt«.

Schlußbetrachtungen

Die Attraktivität des Rudolf-Heß-Gedenkmarsches für die Anhänger der deutschen und europäischen Neonazi-Szene – vor allem Jugendliche und junge Erwachsene – läßt sich mit der fast perfekten Inszenierung der Veranstaltung erklären, die aus den Elementen Vergemeinschaftungsritual qua physischer Präsenz, Ort rechtsextremer Weltbildproduktion und der Präsentation eines moralischen Vorbilds, Rudolf Heß, für den politischen Kampf gegen das »herrschende System« besteht. Das Bedürfnis Jugendlicher nach Orientierung und nach moralisch motivierter Rebellion gegen die bestehende Gesellschaftsordnung wird auf dieser Veranstaltung unter nationalistischen, gar nationalsozialistischen Vorzeichen besetzt. Zentral dafür ist die Verbindung von Opfergestus und der Gewißheit moralischer Überlegenheit. Dieser Opfergestus erlaubt es, die deutsche Nachkriegsgeschichte als Unterdrückungs- und Verlustgeschichte zu formulieren und daraus eine moralische Legitimation für einen »Freiheitskampf« zu ziehen. Der Nachkriegskonsens über die Verbrechen des »Dritten Reiches« wird durch das Narrativ der »moralischen Überlegenheit der aufrechten Nationalisten« ersetzt. Inwieweit dieser Versuch erfolgreich ist, bleibt abzuwarten Durch den »Paradigmenwechsel in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik«,33 in der nicht mehr die Täterschaft und das Gebot »Nie wieder Auschwitz« im Vordergrund stehen, sondern die Thematisierung des eigenen Leidens (Bombenkrieg, Dresden, Vertreibung etc.), verändern sich aber die Gelegenheitsstrukturen zur Etablierung eines solchen Narrativs.

Summary

The Rudolf Heß commemorative march is a key event for German Neo-Nazis. On 17 August 2002, fifteen years after the death of Rudolf Heß, between 2500 and 3000 Neo-Nazis from all over Europe met in the small German town of Wunsiedel. As observers of the march, the authors analyze its significance as a community-building ritual in the sense defined by Emile Durkheim and also utilize Slavoj Zizek’s psychoanalytical critique of ideology to probe the symbolic forms involved in this process of community building.

Thomas Dörfler und Andreas Klärner
1 Zu Rudolf Heß vgl. v.a. die Biographie von Kurt Pätzold und Manfred Weißbecker, Rudolf Heß – Der Mann an Hitlers Seite, Leipzig 1999. Vgl. auch Peter Longerich, Hitlers Stellvertreter. Führung der Partei und Kontrolle des Staatsapparates durch den Stab Heß und die Partei-Kanzlei Bormann, München 1992 und Rainer F. Schmidt, Rudolf Heß – »Botengang eines Toren«? Der Flug von Rudolf Heß nach Großbritannien vom 10. Mai 1941, Düsseldorf 1997.
2 Die genauen Todesumstände müssen als bis heute nicht restlos geklärt bezeichnet werden, was viel Raum für Verschwörungstheorien läßt. Der offiziellen Version der Alliierten zufolge, die einige Ungereimtheiten enthält, starb Heß an den Folgen eines Selbstmordversuchs. Sein Sohn Wolf-Rüdiger Heß behauptete hingegen, ohne sich allerdings auf Fakten stützen zu können, der britische Geheimdienst habe Heß ermordet.
3 Die folgende Darstellung orientiert sich an der Chronologie der Rudolf-Heß-Märsche in Patrick O’Hara, Daniel Schlüter (Hrsg.), Der Mythos stirbt zuletzt – neonazistisches Gedenken, der Kriegsverbrecher Rudolf Heß, antifaschistische Diskussion, Hamburg 2002. Vgl. auch Pätzold/Weißbecker, a. a. O., S. 360ff.
4 Zit. nach Pätzold/Weißbecker, a. a. O., S. 360.
5 Seidl war Verteidiger von Rudolf Heß im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, später CSU-Fraktionsvorsitzender im bayerischen Landtag (1972–74), Staatssekretär im Justizministerium (1974–77) und bayerischer CSU-Innenminister (1977/78). Seidl vertrat in mehreren Publikationen eine apologetische Sicht auf Rudolf Heß und seinen Englandflug, so etwa in Alfred Seidl, Der verweigerte Friede – Deutschlands Parlamentär Rudolf Heß muß schweigen, Frankfurt am Main 1986.
6 So Berthold Dinter, Anmelder der ersten beiden Rudolf-Heß-Märsche, anläßlich des zweiten Marsches in Wunsiedel 1989; zit. nach O’Hara/Schlüter (Hrsg.), a. a. O., S. 17.
7 O’Hara/Schlüter (Hrsg.), a. a. O., S. 18.
8 Ebd., S. 19.
9 Ebd., S. 20.
10 O’Hara/Schlüter (Hrsg.), a. a. O., S. 24.
11 Émile Durkheim, Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt am Main 1994 [frz. Orig. 1912], S. 289.
12 Diesen Begriff wählen wir in Anlehnung an Slavoj Zizeks Ausführungen zur »Nation als Ding«; vgl. derselbe, Mehr-Genießen. Lacan in der Populärkultur, Wien 32000 [1997], S. 89ff.
13 Zum Begehren als dem zentralen Begriff bei Jacques Lacan vgl. ders., »Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion«, in: ders., Schriften I, Weinheim 61996 [frz. Orig. 1936/1949], S. 61–70. Vgl. auch Gerda Pagel, Jacques Lacan zur Einführung, Hamburg 42002, S. 55ff. und Thomas Dörfler, Das Subjekt zwischen Identität und Differenz. Zur Begründungslogik bei Habermas, Lacan, Foucault, Neuried 2001, S.117ff.
14 Dieser Aufruf wurde am 15.08., zwei Tage vor der Veranstaltung in Wunsiedel, auf den Internetseiten zum Heß-Gedenkmarsch 2002 und über szeneinterne Diskussionsforen und e-mail-Verteiler bekanntgegeben, z.B. über http://www.widerstandnord.com/wunsiedel2002/presse.htm [15.08.2002]. Wir zitieren nach der im Internet veröffentlichten Fassung, die von Rieger wörtlich vorgelesen wurde.
15 Vgl. Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt am Main, New York 1996 [engl. Orig. 1983].
16 Vgl. dazu Durkheim, Die elementaren Formen, a. a. O., S. 560.
17 Das Lied »Nürnberg 1945–46« stammt im Original von dem Neonazi-»Barden« Frank Rennicke. Unsere Transkription, die Verf.
18 Grammatik im Orig. falsch.
19 Das »Genießen« in Lacans Psychoanalyse, also die spezifische Organisation des Verlusts als Mehrwert durch das Subjekt; vgl. dazu Zizek, Mehr-Genießen, a. a. O., S. 10.
20 Vgl. zum Mehr-Genießen als vom marxistischen Mehrwert abgeleiten Begriff in der Lacanschen Psychoanalyse Zizek, Mehr-Genießen, a. a. O., S.10f.
21 Ebd., S. 93.
22 Vgl. Lacan, »Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten«, in: ders., Schriften II, Weinheim 31991 [frz. Orig. 1966], S.165–204.
23 Ebd., S.185ff.
24 Vgl. Slavoj Zizek, Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien, Berlin 1991, S. 30ff. Eine ähnliche Struktur zeigt sich beispielsweise auch bei Horst Mahler, der als Bestätigung seines aggressiven Antisemitismus ständig jüdische »Kronzeugen« bemüht.
25 Im korrekten Lacanschen Sinne wird diese aber nur verschoben, das Begehren also immer weiter auf andere Bereiche transformiert, da der aktuelle »Beweis« im Augenblick seiner Anführung diesem Begehren schon nicht mehr genügen kann. Vgl. Lacan, »Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten«, a.a. O., S.171ff.
26 Diese Stelle spielt auf das Schlußwort von Heß im »Nürnberger Prozeß« an. Vgl. Internationaler Militärgerichtshof (IMT) (Hrsg.), Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militär Gerichtshof, Nürnberg 14. November 1945 bis 1. Oktober 1946, Bd. XXII, Nürnberg 1947, S. 425.
27 Vgl. dazu auch Michael Kohlstruck, »Fundamentaloppositionelle Geschichtspolitik. Die Mythologisierung von Rudolf Heß im deutschen Rechtsextremismus«, in: Claudia Fröhlich, Horst-Alfred Heinrich (Hrsg.), Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten?, Stuttgart 2004, S. 95–109 und ders., »Gerettete Idole? Rudolf Heß, Gregor und Otto Strasser, Albert Speer«, in: Wolfgang Benz, Peter Reif-Spirek (Hrsg.), Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus, Berlin 2003, S. 87–114. Vgl. auch Thomas Dörfler und Andreas Klärner, The re-interpretation of historical figures in nationalist discourse: Rudolf Hess as a »martyr for Germany«, Vortrag auf der Konferenz »Nationalist Myths and Modern Media«, Centre for German-Jewish Studies (University of Sussex), 22–23 October 2003, London (der Text erscheint demnächst in dem von Jan Herman Brinks herausgegebenen Konferenzband).
28 Vgl. das Lied Rudolf Heß der Neonazi-Band Landser. Text unter http://www.ida-nrw.de/html/Hmusi.htm [30.06.2004].
29 Roland Barthes, Mythen des Alltags, Frankfurt am Main 1966 [frz. Original 1957], S.130.
30 So in der »Pressemitteilung der Versammlungsleitung vom 18. August 2002« (http://www.widerstandnord.com/wunsiedel2002/presse.htm [19.08.2002]).
31 Durkheim, Die elementaren Formen, a. a. O., S. 532.
32 Ebd., S. 499.
33 Vgl. Harald Welzer, »Schön unscharf. Über die Konjunktur der Familien- und Generationenromane«, in: Mittelweg 36, Heft 1/2004, S. 53–64.

Aus: Mittelweg 36, Heft 4/2004, S. 74-91. Wir danken den Autoren und dem Hamburger Institut für Sozialforschung für die Zurverfügungstellung des Artikels.

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