Prekariat - Wie war das mit der Zerstörung der Mittelschichten
22.04.2008 12:17
Bericht zur Veranstaltung mit Karl-Heinz Roth im Vorfeld des 1. Mai:
Auf dem Hamburger Euromayday-Plakat 2005 waren mehrere Figuren zu sehen, die mit Wischmopp, Kellnertablett und Laptop hantieren, daneben war eine von diesen karierten Plastiktaschen (auch als Kanak-Taschen bekannt) zu sehen. Putz- und Kellnerjobs, Wissens-, IT- und Medienjobs, Migration – darf man die Gruppen, die diese Gegenstände symbolisieren, in eins setzen? Haben sie etwas miteinander zu tun? Welche Gruppe hat Vorfahrt bei der Mayday-Parade, wie gestaltet man Protest? Wie ist mit den offensichtlichen Unterschieden zwischen verschiedenen Arten von Prekarisierung umzugehen, wie wäre eine Einebnung von Differenz zu vermeiden? Mit solchen (selbst-)kritischen Fragen eröffnete der Hamburger Euromayday eine Veranstaltung, die im Vorfeld der diesejährigen Euromayday-Paraden in der Hamburger Hafen-Vokü stattfand. Der Abend wurde unter Beteiligung des Publikums von Karl-Heinz Roth, Frank John, Tobias Mulot, Efthimia Panagiotidis und Vassilis Tsianos gestaltet.
Ausgangspunkt der Veranstaltung war eine von dem italienischen Gesellschaftstheoretiker Sergio Bologna formulierte ( http://jungle-world.com/artikel/2007/42/20541.html) Kritik am Euromaydayprozess, wie er ihn in Mailand 2007 wahrnahm und im Oktober 2007 in der Jungle World kritisierte. Für Bologna werden die Euromaydayparaden von Bildern der alten Arbeiterbewegung und dem Bild des Migranten dominiert. Dies stehe im Widerspruch zu der tatsächlichen sozialen Zusammensetzung der Paraden. Die dort stark vertretene „Webclass“ müsse ihre eigenen Lebens- und Arbeitsbedingungen zum Ausgangspunkt des politischen Handelns machen. Unter „Webclass“ versteht er diejenigen, die häufiger mit Begriffen wie „Generation Praktikum“ bezeichnet werden. Letzteres lehnt Bologna ab, weil es zu der falschen Vorstellung führe, es handle sich dabei ausschliesslich um ein Problem der jüngeren Arbeitskräfte.
Bologna hat in seinen Schriften zur selbständigen Arbeit (Die Zerstörung der Mittelschichten) die Unterschiede zwischen der heutigen selbständigen Arbeit und der Lohnarbeit des Fordismus herausarbeitet. Er konzentriert sich auf diejenigen Segmente der Mittelklasse, die ihre Existenz im Verlauf eines sozialen Abstiegs neu erfinden mussten: z.B. wurden aus Managern freiberufliche Unternehmensberater, aus Angestellten Selbständige. Als Konsequenz der Prekarisierung der Mittelschichten rief er dazu auf, sich zur Mittelklasse zu bekennen.
Geplant war eine Diskussion zwischen Bologna und dem Sozialhistoriker, Arzt und operaistischen Aktivisten Karl-Heinz Roth über politische Antworten auf den Prozess der Prekarisierung. Leider musste Bologna wegen Krankheit absagen, und in der Veranstaltung stellte Roth seine Perspektive zur Diskussion.
Er eröffnete sein Eingangsstatement mit einem Hinweis auf die besondere Bedeutung des historischen Orts, konkret die Erinnerung an zehn Jahre sozialer Aneignung der Hafenstrasse in den 80er Jahren. Diesen Prozess sieht er nicht nur als Aneignung von Wohnraum, sondern auch als Aneignung von geographischer Identität.
Die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung, so Roth, sei durch umfassende Proletarisierung und Pauperisierung gekennzeichnet, ein Prozess der längst die unteren Mittelschichten in den USA und Westeuropa erfasst habe. Dies zeige sich vor allem in der Immobilienkrise in den USA, die mit einer umfassenden Verarmung der Mittelklasse einhergehe. Die Verarmung, die wir heute wahrnehmen, sei das Ende eines langen Prozesses massenhafter sozialer Enteignung, der unterschiedliche Segmente der Mittelklasse erfasst.
Die proletarischen Segmente seien die „working poor“, gerade im Dienstleistungssektor, wobei gelte „je älter, desto prekarisierter“. Mit dem Älterwerden verbunden sei eine soziale Enteignung. Tendenzen zur Prekarisierung betreffen obere und untere Segmente der Mittelklasse, also auch hochqualifizierte Arbeiter. Freiberufliche IT-Leute etwa könnten oft keine Rücklagen bilden. Die gemeinsame Perspektive sei die der Altersarmut. Dazu komme der Verlust sozialer Reproduktionsmöglichkeiten. Obdachlosigkeit z.B. sei in den USA auch ein Problem der prekarisierten Mittelklasse.
In all ihren prekarisierten Segmenten stellen sich existentielle Fragen. Die Existenzangst als Grunderfahrung der Prekären bedeute, dass man neue Rechte brauche.
Der weltweite Prozess der Prekarisierung ermögliche eine gemeinsame Perspektive – von den unteren Mittelschichten bis hin zu den Bewohnern der Slumcities. Nur die Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums und das Existenzrecht könne eine Antwort auf diese Entwicklung darstellen. Dazu bräuchten wir Forderungen, die auf verschiedene konkrete Situationen übertragbar sind.
Auf die Frage nach seiner Einschätzung der Forderung nach einem Grundeinkommen betonte Roth, dass diese Forderung schon in den 80er Jahren mit Kämpfen verbunden war, und forderte einen Begriff des unbedingten Existenzrechts, gerade heute, wo staatliche Sicherungssysteme abgebaut werden. Nötig sei ein Prozess der sozialen Aneignung von Wohnraum, von Gesundheitsversorgung… Ein historisches Vorbild wären die mutual societies, selbstorganisierte Versicherungen aus einer syndikalistischen Tradition heraus.
Als eines der Probleme des Euromayday Netzwerks nannte Efthimia Panagiotidis die Schwierigkeit, Leute mit unterschiedlichen Alltagen zusammenzubringen. Man differenziere sich. Während für manche, auch die „Mittelschichtkids“ genannt, das Problem sei, „dass es uns immer schlechter geht“, sei es für andere, etwa aus der Arbeiterklasse oder Gastarbeiterzusammenhängen kommende, von klein auf klar gewesen, dass ohne Kämpfe nichts zu holen sei, dass man auch um temporäre Verbesserungen kämpfen müsse.
Roth entgegnete, dass man im Prozess der Entwicklung einer gemeinsamen Perspektive experimentieren müsse. Bei der Prekarisierung geht es nicht um Privilegien bzw. deren Verlust, sondern um existenzielle Erfahrungen. Nötig sei eine Assoziation für gemeinsame Interessen. Aufgrund der Klassenfragmentierung müssten wir uns fragen, wie Prozesse der Selbstorganisation in Gang zu bringen seien.
Als Beispiele dafür nannte er erstens die Streiks der Assistenzärzte, die er als hochqualifizierte Arbeiter in unerträglichen Arbeitsbedingungen beschrieb, die im Prozess der Privatisierung des Gesundheitswesens ausgebeutet werden. (Stichwort Marburger Bund…). Zweitens, beim Streik der Lokführergewerkschaft sei es zu „unglaublichen Solidarisierungsprozessen“ gekommen. Deren Streik habe die nachfaschistische Einheitsgewerkschaft zerstört.
Auf den ersten Blick erscheinen die Positionen von Bologna und Roth als entgegengesetzt. Bologna schlägt eine Beschränkung bzw. Konzentration auf einen gesellschaftlichen Bereich, den er „webclass“ nennt, vor. Denn während im Fordismus die Symboltechnologie das Fließband war, sei es im Postfordismus der Computer. Dieser verlange nach einem ganz anderen Typ von Arbeitskraft – flexibel, lebenslang lernend, engagiert.
Roth entwickelte demgegenüber eine globale und die sozial und ökonomisch weit aufgefächerte Mittelklasse einbeziehende Perspektive – eine Perspektive, die aber sehr abstrakt blieb.
Auf dieser abstrakten Ebene kann man theoretische Ansätze entwickeln. Um Interventionen in soziale Auseinandersetzungen zu entwickeln, bedarf es jedoch einer Konkretisierung.
Anhand eines historischen Beispiels, der Jugendrevolte 1967-1969, machte Roth den Zusammenhang von zunächst partikularen Kämpfen und einer umfassenden egalisierenden Perspektive deutlich. Zunächst habe es eine auf die Universitäten beschränkte studentische Bewegung gegeben. Mit der Springerblockade, auf den Tag genau vor 30 Jahren, habe es jedoch eine Ausweitung auf andere gesellschaftliche Bereiche gegeben. Jugendliche Arbeiter aus St. Pauli und Wilhemsburg hätten sich an den Blockaden beteiligt. Unter der Parole „Rocker rein“ sei die Ausweitung der Revolte auf andere gesellschaftliche Bereiche forciert worden, diese habe sich auch auf die Ingenieursschulen ausgeweitet. (Vgl. http://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/2007/03-31/061.php).
Offen bleibt die Frage: Was heißt das für die heutige Webclass?
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