Einige der Redebeiträge der Hamburger Parade 2007
(diverse) , 03.05.2007 23:36
Folgende Redebeiträge sind hier im Volltext zu finden:
- „Superheroes of the world unite and take over“ - „Was wäre wenn…?“-Beitrag der 'Gesellschaft für Legalisierung' - Aufruf, zu den „Block G8“-Aktionen in Superheldenkostümen - der Beitrag zum 'Barlach-Osmani-Haus'
"Superheroes of the world unite and take over" [Euromayday-Redebeitrag auf der DGB-Demonstration am 1. Mai 2007 in Hamburg vom Wagen des Fachbereichs 13. (Er war in gekürzter Form auch auf der Parade selbst zu hören)]:
Heute Nachmittag um 15 Uhr beginnt die 3. Euromayday-Parade in Hamburg. Gleichzeitig gehen in vielen anderen europäischen Städten zehntausende Prekäre auf die Strasse, die sich von der gegenwärtigen Politik der Gewerkschaften nicht vertreten fühlen. Auf der ersten Euromayday-Parade am 1. Mai 2005 haben wir unsere Vereinzelung und scheinbare Ohnmacht hinter uns gelassen. Wir haben außerdem das Schweigen über prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse durchbrochen. Das war 2005. Heute, am 1. Mai 2007 sieht es anders aus als noch vor zwei Jahren. Zumindest vordergründig: Mit der Mindestlohnkampagne reden die Gewerkschaften über prekäre Arbeitsverhältnisse. So ist die Forderung nach einem Mindestlohn natürlich richtig, doch bleiben die Gewerkschaften damit auf halber Strecke stehen, denn was nützt der Mindestlohn einem 1-Euro Jobber oder einer Freelancerin? Wieso fordern die Gewerkschaften kein bedingungsloses Grundeinkommen, welches die Lebens- und Arbeitsbedingungen von allen verbessern würde? Zugleich haben die Medien das Thema Prekarisierung entdeckt. Seitdem werden prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. Schlagworte wie „Generation Praktikum“ und „abgehängtes Prekariat“ sind in aller Munde. Selbst das Hamburger Abendblatt berichtet über Dumpinglöhne in Luxushotels. Außerdem gibt es eine überhitzte Diskussion um die sog. „neue Unterschicht“. Doch diese Debatte bringt andere Formen des Schweigens hervor. Anstatt nämlich neue Perspektiven zu entwickeln und das Gemeinsame von Praktikanten und Erwerbslosen, von Freelancerinnen und Putzfrauen zur Sprache zu bringen, werden bestehende Fragmentierungen wiederholt. Hinter diesem Bild, dem Bild von der angeblich „passiven“ und „fürsorgebedürftigen Unterschicht“ verschwinden alltägliche Widerstände und Konflikte. Oder um es anders zu formulieren: Die in den Massenmedien geführte Debatte ist wie ein Spidermum-Comic in dem nur Petra Parker vorkommt. Beziehungsweise wie ein Supermann-Comic in dem nur Clark Kent auftaucht.
Ohne Zweifel: Das Gefühl der Ohnmacht und Angst vor der Zukunft gehören zur Prekarität wie die Schüchternheit zu Petra Parker. Aber dies ist nur eine Seite der Medaille, nur eine Seite unserer Geschichte. Wir haben gelernt mit der Prekarität umzugehen. Wir haben jede und jeder für sich Superheldenkräfte entwickelt, die uns in der Stadt der Millionäre das alltägliche Überleben ermöglichen. Jetzt ist es an der Zeit, aus dem Verborgenen zu treten. Lasst uns den angeblichen Experten in den Medien und Parteien zeigen, wer wir wirklich sind. Packt eure Superheldenköstume ein, und kommt zur Euromayday-Parade. Heute um 15 Uhr am Michel!"
------------------------------------------ GesellschafterInnen für Legalisierung br> Was wäre wenn es in Deutschland eine Amnestie gibt wie in Schweden für über 30.000 Kinder ohne Papiere inklusive Abschiebestopp für 6 Monate?
Was wäre wenn in Deutschland die Arbeiterinnen und Arbeiter aus Polen ihre Arbeitskraft verkaufen dürfen wie ihre deutschen Kolleginne und Kollegen? Wie es zum Beispiel in Großbritannien möglich ist?
Was wäre wenn es in Deutschland eine Legalisierung gibt wie in Spanien für über 700.000 Immigrantinnen und weitere 400.000 Familienangehörige?
Was wäre wenn es in Deutschland eine Gesundheitsversorgung für alle gibt, die nicht nach Papieren fragt? Wenn der hippokratische Eid mehr zählt als das Ausländergesetz?
Was wäre wenn in Hamburg die Kinder zur Schule gehen können ohne befürchten zu müssen, denunziert und stigmatisiert zu werden? Wenn Bildungschancen mehr wert sind als Abschiebedrohungen?
Was wäre dann? Die Pflegerinnen und Prostituierten, die Haushalts- und Küchenhilfen, die Expertinnen und Unternehmerinnen, die Geduldeten und die Flüchtlinge aus aller Welt – aus Osteuropa oder Lateinamerika, aus Afghanistan oder Sierra Leone;
... im Zweifel können sie ohne Angst handeln, einfach zu Hause sein und Fernsehen, ihre Kinder zur Schule schicken, höhere Löhne fordern oder sogar streiken. Das wäre dann.
Was wäre noch möglich? Die Bauern sparen ihren Ärger mit den Arbeitsagenturen und kümmern sich um bessere Lebensmittel und Arbeitsbedingungen, um bessere Marktbedingungen mit den Lebensmittelkonzernen statt niedrige Löhne.
Die Ärzte, die Krankenschwestern, die Lehrer, die Kindergärtnerinnen – sie tun ihren Job ohne Sorge sich strafbar zu machen oder Spitzel der Ausländerbehörde zu werden.
Die Gewerkschaften, die Parteien, viele unter uns, ob Bürgerin oder nicht – sie könnten den Balken aus dem Auge nehmen und endlich auf die blinden Flecken ihrer Wahrnehmung unseres Alltags sehen.
Die Migrantinnen und Flüchtlinge wüssten wofür sie Deutsch lernen, weil eine Zukunft, ein Leben über den Tag hinaus möglich ist.
Und wir, die Deutschen, die Letten, die Französinnen, die Slowaken, die Bürgerinnen der Europäischen Union .... wir bekommen eine Ahnung von unserer Zukunft.
Zukunft... statt einer in die Unendlichkeit verlängerten Gegenwart, in der die Dämonen der Vergangenheit auf den Millionengräbern des Rassismus, des Kolonialismus, des Sozialismus, des Kapitalismus und der Moderne ein Ende der Geschichte behaupten.
Die Dämonen, von denen wir sprechen, sie haben Namen und Gesichter und in jeder Stadt und jedem Land sind sie identifizierbar. In Hamburg können wir ihre Namen, ihre Verantwortung, ihre Parteien, ihre Aussagen in der Zeitung lesen.
Menschen machen Geschichte. Die einen so, die anderen anders. Die einen bei der Behörde, die anderen im Gefängnis. Manche bauen Zäune, andere stürmen sie. Die Menschen, die kommen, die es schaffen und die, welche kommen wollen und es nicht schaffen... sie alle fordern ihr Recht auf ein besseres Leben. Für sich und im Namen ungezählter, ungehörter und unbekannter anderer.
Was wäre denn, wenn in Ceuta und Melilla die Zäune fallen und die Kanaren zugänglich sind?
Letztes Jahr sind 25.000 Menschen auf die Kanaren geflohen. Die gleichen Kanaren, die jährlich Millionen Touristinnen abfertigen aus Europa. Kein logistisches Problem. Stimmungsmache. Ein anti-afrikanischer Rassismus. Eine dunkle, dumpfe Angst vor Menschen, die um ihr Leben kämpfen.
Jedes Jahr kommt die Vielzahl von illegalisierten Menschen hier auf anderen Wegen ins Abendland unter Ausnutzung aller Vorteile, aller Vorurteile und Klischees; per Flugzeug, per Schiff, per Touristenvisum, per Stipendium undsoweiterundsofort.
Sie alle - ob per cajuca, patera, boeing oder airbus unterwegs – sie alle transportieren ein unsichtbares – und doch unüberhörbares - Gepäckstück. Einen Schrei nach Freiheit. Was ist also der Beginn einer Zukunft, die mit der Gegenwart bricht und Nein sagt zu diesen Zuständen.
Machen wir es kurz: 1. Eine bedingungslose europäische Legalisierung, die einfach die Menschen akzeptiert, die hier sind und ihre Rechte in Kraft setzt oder ein Recht auf Rechte schafft. 2. Eine Abrüstung der europäischen Grenzen und Beendigung der Abschiebungen.
----------------------------------------------------- Superhelden-Blockaden bei "Block G8"!
Wenn die Globalisierung ein Superheldencomic wäre, dann würde während des G8-Treffens Anfang Juni der Gestank von Schwefel auf Heiligendamm lasten. Die Realität sieht natürlich etwas anders aus. Doch Superheldencomics sind nicht so unrealistisch wie viele glauben. Überall auf der Welt entfalten Menschen Superheldenkräfte. Von Superbarrio in den Slums von Mexico City über Superflex in Mailand bis hin zu Spider Mum in Hamburg, von Porto Allegre über Genua bis hin zu Heiligendamm: Immer mehr Menschen erkennen, dass sie mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten eine andere Welt ermöglichen können. Schon gut, werden manche von euch jetzt einwenden, es gibt Superhelden, aber man kann doch nicht Lateinamerika mit Europa vergleichen. Doch dieser Einwand übersieht, dass es eine entscheidende Gemeinsamkeit zwischen den Armen Lateinamerikas und den Prekären Europas gibt. Beiden stellt sich die drängende Frage: Wie streike ich als Straßenverkäufer? Wie streike ich als freelancer? Eine in den Kämpfen entstandene Antwort ist die Blockade. Von den Piqueteros in Buenos Aires bis hin zu den Slumbewohner in La Paz haben die Bewegungen Lateinamerikas mit Hilfe von Straßenblockaden ihre Forderungen durchgesetzt. Bei dem erfolgreichen Widerstand gegen die Aufhebung des Kündigungsschutzes für Jugendliche wurden in ganz Frankreich zahlreiche Straßen und Bahnschienen blockiert. In Hessen haben Studierende in ihrem Kampf gegen Studiengebühren mehrmals Autobahnen lahm gelegt. Wenn wir jetzt dazu aufrufen das Gipfeltreffen in Heiligendamm zu blockieren, geht es uns deshalb nicht allein um di Delegitimierung der G8. Vielmehr sehen wir in Block G8 eine Generalprobe für den alltäglichen Kampf gegen die negativen Folgen der Prekarisierung. In diesem Sinne: Packt eure Superheldenkostüme ein, fahrt nach Heiligendamm, beteiligt euch an den Blockaden. Damit die Realität nicht Realität bleibt.
---------------------------------------- letzter Redebeitrag am "Park Fiction"
Sehr verehrtes Publikum, Ladies and Gentlemen, Damen und Herren,
schenken Sie mir wenige Augenblicke ihrer geschätzten Aufmerksamkeit und gestatten Sie mir einige kurze Ausführungen zur sie umgebenden Architektur. Ich möchte mich heute nicht mit dem im Volksmund sogenannten "Hartz IV Mallorce", dem von "interventionistischen Anrainerinnen" freigekämpften Park Fiction mit Blick auf die Elbe befassen, sondern mit dem verspiegelten halbfertigen Gebäude im Hintergrund. Mich interessieren weniger die zweifelhaften ästhetischen Qualitäten des Hauses, sondern die mit diesem verbundenen gesellschaftspolitischen Verflechtungen, die sich an diesem Bau mit bloßem Auge ablesen lassen:
Seit etwas über einem Jahr hängt an der Ecke (Antoni-/ Bernhard-Nocht-Strasse) eine Sandsteintafel mit der Inschrift: "Unserem Bauherrn Burim Osmani viel Glück". Kurz nach der Verhaftung Osmanis im vergangenen Mai wurde die Tafel hinter einer Metallplatte verborgen. Seit einigen Monaten weist nun ein weiteres Schild auf einen neuen Besitzer hin: nun firmiert eine Firma mit Sitz in der Willistrasse 11 als Bauherrin. Wer steckt dahinter?
Noch Mitte der Neunzigerjahre waren die Welten sauber getrennt: die Hafenstrassenhäuser waren gerade mithilfe eines ebenfalls in der Willistrasse ansässigen Notars und Kunstliebhabers als Genossenschaft legalisiert worden, während das Eckgrundstück samt darauf stehendem Haus einem mit dem Rotlicht verbundenen Hotel- und Immobilienbesitzer gehörte, der das historische Gebäude abreißen und einen Neubau errichten wollte. Doch dazu kam es nicht: der Besitzer kam bei einem Reitunfall ums Leben. Seine junge Frau erbte die Immobilie. Im Zuge der Verhandlungen zwischen Behörden und Nachbarschaftsinitiativen über den Park, räumte die neue Besitzerin ein Mitspracherecht bei der zukünftigen Nutzung besonders des Erdgeschosses ein, und versprach eine soziale Funktion. Noch war offensichtlich, dass die Parkinitiative genau diesem Haus den wertsteigernden Blick auf die Elbe freizuräumen im Begriff war. Nach der Jahrtausendwende wurde das alte Gebäude abgerissen, doch während des Baus des Kellergeschosses geriet die Witwe offenbar in Geldschwierigkeiten. Osmani übernahm die Baustelle, und immer häufiger war sein schwarzer Maserati in der Antonistrasse zu sehen. Schließlich wurde das Objekt unter dem Namen "Hafendomizil" angeboten, und Gerüchten zufolge ging allein die oberste Etage für über 1 Millionen Euro über den Tisch.
Als Käufer für einige der Wohnungen war Hans Barlach, Enkel und Nachlaßverwalter des expressionistischen Bildhauers Ernst Barlach, im Gespräch. Barlach war mit seiner betulichen Galerie bis dahin wenig aufgefallen. Für Schlagzeilen sorgte sein Kauf der Hamburger Morgenpost, für die er immer noch als Herausgeber zeichnet, sowie kürzlich die umstrittene Übernahme großer Teile des Suhrkamp Verlages. Barlach residiert mit Galerie und diversen Immobilien- und Kapitalbeteiligungsgesellschaften in der Eingangs erwähnten Willistrasse 11.
Alles hätte glatt und ohne Aufsehen über die Bühne gehen können, doch plötzlich schlug die Staatsanwaltschaft zu, Osmani kam in U-Haft, Verbindungen zwischen Schillpartei und Osmani wurden bekannt, ein internes BND Papier wurde öffentlich, das Osmani mit Schutzgelderpressung, Rauschgifthandel und Prostitution in Verbindung brachte. Dann hörte man eine Weile lang nichts, bis das neue Schild mit Barlachs Bauherrnadresse an der Fassade hing. Umgehend interessierte sich auch der Bauausschuss des Bezirks Mitte wieder für das Gebäude und sein Umfeld und ließ kurzerhand das Park Fiction Baustellenschild beseitigen: der Blick aus dem (noch immer unvollendeten) Osmanihaus sei dadurch gestört.
Diese Verbindungen zwischen Hamburger Bourgeoisie, Hamburger Verwaltung und Politik und organisierter Kriminalität haben eine neue Qualität: Kriminalität und Kapital wachsen weiter zusammen in dieser Stadt. Trotz der Offensichtlichkeit der bestehenden Zusammenhänge, kann man weder in der Presse, noch im Internet etwas darüber lesen. Schaut man auf Herkunft, Besitz und Tätigkeiten der Beteiligten, wird auch offensichtlich, warum.
Während sich die Linke lieber damit beschäftigt, sich selbst, die Kunst und die Subkultur als Vorreiter der Gentrifizierung zu geißeln, geht diese ohne Öffentlichkeit, ohne Widerstand und unbesprüht über die Bühne. Als normativer Habitus der Stadtbenutzung ist die Latte Macchiatisierung des öffentlichen Raums sicher nicht unproblematisch, aber vielleicht sollte man hinter die Fassade schauen, wo ein täglich in die Sandkiste mitgenommener Coffee To Go noch immer wesentlich günstiger zu bekommen ist, als ein Kindergartenplatz, und die in der Sonne abhängenden Werber vermutlich weniger auf der hohen Kante haben, als die sie kritisierenden festangestellten Sozialarbeiter mit Auto und abbezahlter Wohnung in Ottensen. Wo also ansetzen? Wo die Grenze ziehen zwischen oben und unten? Wo beginnt die Prekarisierung, die Ausgrenzung - und wie sich dagegen wehren?
Die Anwesenheit fetter schwarzer Limousinen darf man - das habe ich häufiger erlebt - nicht kritisieren. Das sei populistisch, wird dann meist gesagt, und schüre reaktionären Sozialneid. Ich sehe das anders: es gibt eigentlich keinen Weg, an eine fette teure schwarze Limousine zu kommen, der nicht zumindest indirekt von Ausbeutung und verschärfter Ungerechtigkeit profitiert. (Es sei denn sie genießen das kurze Glück des Autodiebstahls). Und in einer Imageökonomie, ist ein unbehelligt im öffentlichen urbanen Raum parkendes fettes schwarzes Auto durchaus ein Indikator dafür, daß es sich für eine gewisse Schicht hier lohnt, zu investieren, herzuziehen und die Limousinenlosen zu verdrängen. Das muss niemand hinnehmen. Da lässt sich was tun. Tun Sie es.
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