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Ergaenzungen
Parcours um sich selbst
30.04.2007 - 16:29
Seit einigen Jahren heißt es am 1.Mai: Hinaus zum Euromayday! Also nicht zur mit verstaubten Kampfbegriffen aufgeladenen und bereits bis zum Mitleid sich ins gesellschaftliche Abseits manövrierten sozialrevolutionären 1.Mai Demo, sondern ab zur ansprechend kreativen und hippen Parade für globale Rechte. Aber was steckt hinter diesem sich als avantgardistisch verstehenden Aufmarsch gegen anachronistische traditionslinke Politik und für neue Formen des Zusammenschlusses? Welche globale Rechte werden gefordert? Was hat es mit neuartigen Konzepten wie Organizing, Mapping oder militante Untersuchung auf sich, mit denen die Macher der Parade ihre Politik beschreiben? Fördert ihre Umsetzung eine Veränderung zum Besseren oder ist die Bezugnahme auf sie eine bloße Modeerscheinung, die vergeht, sobald mensch sich über die Stumpfheit dieser Instrumente im Klaren ist bzw. die stete Sucht nach Neuem und "Zeitgemäßen" ihnen den Rücken zukehrt? Und wie lässt sich Prekarisierung erklären? Ist sie lediglich Ausdruck momentaner Stärke des Kapitals und könnte mit entsprechender Gegenwehr zurückgedrängt werden oder ist sie vielmehr Folge erhöhter technologischer Produktivität und macht damit Hoffnung auf ein Leben mit weniger mühsamer Arbeit?
Der vorliegende Artikel beschäftigt sich nicht mit diesen Fragen, sondern setzt eine Antwort größtenteils voraus. In diesem Sinn soll auch im Folgenden nicht bloß stillschweigend akzeptiert werden, dass es so etwas wie Prekarisierung gibt, sondern auch, dass eine Politik wie die der Euromayday-Organsisatorinnen, die auf ein Zusammenkommen verschiedenster Prekarisierter abzielt, sinnvoll ist. Vor allem die letzte Voraussetzung hat´s in sich, ist aber weder explizites Thema des Artikels noch dieses Kommentars. Vielmehr soll hier vor allem der Frage nachgegangen werden, ob die Politik der Euromayday-Macher diesem Ziel der Zusammenführung der Prekarisierten gerecht wird.
Der Artikel liest sich in weiten Teilen als Erklärung für die einzelnen Stationen der Kampagne, neben dem Euromayday die Documenta, der Ver.di Bundeskongress und die Berlinale. Zur letzten Station wird allerdings nur spärlich Auskunft gegeben. So ziemlich alles, was die Leserin erfährt ist, dass dies Festival die Träume und Leidenschaften der Faszination Kino ausbeutet. Vermutlich steckt hinter dieser kryptischen Formulierung der Gedanke, dass diese Veranstaltung (bestimmte) Träume und Leidenschaften (deren Erfüllung der Kapitalismus verhindert) für die Vermehrung von Kapital ausbeutet. Dies ist wahrscheinlich richtig und vielleicht auch bekämpfenswert. Allerdings fragt sich, warum mensch sich nicht gleich gegen die Unterdrückung seiner Leidenschaften einsetzen sollte, statt bloß gegen den Erfolg an der Kinokasse, den ihre Nicht-Erfüllung beschert. Im Übrigen ist dieser Umstand noch kein hinreichender Grund dafür, warum nun gerade ein Kinofestival Ort der politischen Aktion sein und nicht etwa eine Filmproduktionsfirma, ein Standort der Werbeindustrie oder auch Produktionsstätten für gewisse Haushaltsgeräte. Denn auch an diesen Orten werden unerfüllte Wünsche zu Geld gemacht.
Als möglicher weiterer Grund wird lediglich angeführt, dass dies Festival "mit Heerscharen von PraktikantInnen operiert und Hollywood für Arme" spielt. Letzteres mag vielleicht Grund zur Belustigung sein, dient aber kaum als Grundlage für ein kritisches Eingreifen. Ersteres wiederum trifft auf sehr viele Unternehm(ung)en zu. Die Frage bleibt also bestehen: Warum gerade dort intervenieren? Die Antwort liegt auf der Hand.
Doch werfen wir zunächst ein Blick auf die weiteren Stationen der Kampagne. Was macht die Documenta zu einem geeigneten politischen Aktionsfeld? Den Betreibern der Kampagne zufolge zeigt sich die gegenwärtige Veränderung der Arbeitsverhältnisse im künstlerischen Bereich besonders deutlich. Denn - mensch lese und staune - "die Entgrenzung von Arbeit und Leben und die Verknüpfung von Selbstverwirklichung und Selbstverwertung [ist] grundlegend für künstlerische Arbeit im Besonderen und für Kultur- und Wissensproduktion im Allgemeinen." Nun, wenn Selbstverwertung tatsächlich mit Selbstverwirklichung einhergehen kann, spricht das dann nicht eher für als gegen sie? Mit „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ ist offenbar das Verschwimmen der Grenzen zwischen Arbeit und „Freizeit“ gemeint, was ganz sicher nicht von vornherein abzulehnen ist. Dies hängt vielmehr z.B. davon ab, ob es sich um unangenehme oder irgendwie erzwungene Arbeit oder welche, aus der vor allem andere Profit schlagen, handelt oder eben nicht. Nun trifft sicherlich mindestens einer dieser Bedingungen auf künstlerische Arbeit zu. Was dies aber alles mit Veränderungen in den Arbeitsverhältnissen zu tun hat, bleibt vorerst rätselhaft. Nehmen wir deshalb an, dass eigentlich auf eine zunehmende „Entgrenzung“ und einer zunehmenden Verknüpfung zwischen Selbstverwertung und Selbstverwirklichung aufmerksam gemacht werden soll. Solch eine Zunahme ist allerdings gewiss nicht grundlegend für künstlerische Arbeit – andernfalls müsste sie eine historische Notwendigkeit darstellen, was absurd ist. Im Übrigen: Ist die zunehmende Aufweichung der Grenzen zwischen Arbeit und freier Zeit in anderen Arbeitsfeldern nicht ebenso deutlich sichtbar oder gar noch stärker ausgeprägt, etwa in der IT-Branche? Warum also ausgerechnet die Documenta zum Ort politischer Aktion machen? Wiederum muss eine interessierte Leserin selbst die Antwort geben.
In Bezug auf den Ver.di Kongress ändert sich das Bild ein wenig. Denn eine Erklärung dafür, warum die Kampagne einen Ort besucht, an dem Prekarisierte zusammengeschlossen sind, um der Verschlechterung ihrer Arbeitverhältnisse etwas entgegenzusetzen, scheint zunächst überflüssig. Hinterfragen wollen die TeilnehmerInnen der Kampagne dort offensichtlich das gewerkschaftliche Verständnis von Solidarität. Sie stellen sich mehr als dumm und fragen: „Welche Solidarität mit wem?“ Wissen sie denn nicht, welche Solidarität in unzähligen Arbeiterliedern und Pamphleten beschworen wird und zum Kern traditioneller linker Politik gehört? Natürlich die Solidarität zwischen den Arbeitern (aller Länder) und dies ist kein bestimmter „solidarischer Akt“, sondern eine Grundhaltung, die sich in verschiedensten Handlungen niederschlagen kann. Wir müssen noch etwas genauer werden: Im gewerkschaftlichen Verständnis schrumpft diese Solidarität zumeist auf Solidarität zwischen gewerkschaftlich organisierten Arbeitern (eines Landes) zusammen. Genau darin liegt das Problem und nicht in einer Unklarheit darüber, von welcher Solidarität GewerkschafterInnen (oder OrganisatorInnen des Berliner Maydays) sprechen.
Die Antwort auf die Frage, warum gerade die Documenta, der Ver.die-Kongress und die Berlinale Stationen der Kampagne sind, liegt trotz aller irreführenden Ausführungen im Artikel eigentlich nahe: Nicht bloß sind dort jeweils viele Prekarisierte anzutreffen, politische Aktionen vor Ort sind öffentlichkeitswirksam und können Prekasierung „sichtbar“ machen – oder vielleicht besser: noch sichtbarer machen, schließlich ist laut den Verfassern des Artikels das Thema längst in der bürgerlichen Öffentlichkeit angekommen. Die Kampagne knüpft nahtlos an frühere Aktionen an und steht stellvertretend für den Großteil der Politik der VerfasserInnen. Was auch immer mit dieser Politik erreicht wird, zu einem längerfristigen Zusammenkommen von Prekarisierten führt sie wohl kaum. Denn dafür ist das Herstellen eines dauerhaften politischen Kontakts zu anderen Prekarisierten aus verschiedenen Bereichen nötig statt medienwirksamer Ein-Punkt-Aktionen – wie vieler auch immer. Von einem diesbezüglichen Erfolg solcher Aktionen war bisher jedenfalls nichts zu spüren.
Zugegeben gibt es hier und dort Versuche, geeignete Beziehungen zu knüpfen, sie machen aber nur einen verschwindend kleinen Teil der politischen Aktivitäten der Verfasserinnen aus. Kaum kann es daher Wunder nehmen, wenn auch im dritten Jahr des Euromayday in Hamburg die TeilnehmerInnen sich auf die üblichen Verdächtigen beschränken: in der überwiegenden Mehrheit bessergestellte Linke, die sich ja auch irgendwie in prekären Verhältnissen befinden oder zumindest wähnen und sich vielleicht von der Buntheit und Neuheit der Parade angezogen fühlen.
Im vorliegenden Artikel wird auf eine andere, eher grundsätzliche Kritik an dem Konzept der Zusammenführung vieler verschiedener Prekarisierter reagiert, nämlich die, dass viele Prekarisierte aufgrund von Illegalisierung und\oder Resourcenmangel sich kaum oder nur schwer politisch organisieren können. Die Antwort darauf verdient eine schrittweise Wiedergabe: „ ... gerade die illegalisierten BürgerInnnen [sind] häufig gut organisiert, sonst würden sie hier weder ankommen noch überleben.“ Diese Reaktion wäre noch nicht einmal als Scherz gelungen. Organisierung des eigenen Alltags ist eine Sache, politische Organisierung eine ganz andere. Nicht die mangelnde Fähigkeit zur Organisierung ganz allgemein erschwert Illegalisierten und anderen die politische Organisierung, sondern die möglichen weitreichenden juristischen und finanziellen Konsequenzen einer solchen.
Die Antwort geht noch weiter: „ ... In den Umbrüchen der ehemals paternalistisch organisierten Sektoren wie Fabrik, Familie und Arbeits- oder Sozialamt werden ebenfalls im Abseits neue Freiräume und Überlebensstrategien austariert.“ Durch Klarheit besticht dieser Teil der Antwort, gelinde gesagt, nicht: Welche Umbrüche gemeint sind, warum vor allem Familie, Fabrik usw. ehemals paternalistisch organisiert sein sollen und in welchem Abseits (also inoffiziell?) etwas austariert wird, bleibt im Dunklen.
Nicht allein die Reaktion auf die Kritik ist verfehlt, die Kritik selbst führt in gewisser Weise in die Irre. Denn genau wie die Reaktion darauf suggeriert sie, dass die Frage nach den Grenzen der Organisierung von Prekarisierten sich akut stellt, dass also eine solche bereits im Gange ist. Genau dies ist nicht der Fall. Die Debatte um die Grenzen einer Organisierung ist daher in Bezug auf ihre aktuelle Relevanz ein bloßes Scheingefecht.
Jede, die versucht, politische Verbindungen mit (nicht institutionell organisierten) Arbeitenden aus anderen Bereichen herzustellen, weiß um die Schwierigkeit eines solchen Unterfangens. Doch wer mit diesem hohen Anspruch Politik betreibt, muss sich auch an diesem messen lassen. Vor allem sollte zumindest der ernsthafte Versuch erkennbar sein, den Anspruch einzulösen. Doch genau diesen sucht mensch in der Politik der VerfasserInnen leider vergebens. Stattdessen wird sich, z.B. mit der angesprochenen Kampagne, kraftraubenden Projekten gewidmet, deren Erfolg kurzlebiger Natur sein dürfte, insofern sie nicht mit dem Aufbau von Beziehungen einhergehen, die über den eigenen Tellerrand hinausreichen.
Rhuski M.>
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