25.8., HH: Die Ökonomie der Prekarität.(Tagung)
Angelika Leu-Barthel , 24.08.2006 17:05
Die viel zitierte Prekarität hat viele Gesichter und verweist dennoch auf gemeinsame Entstehungszusammenhänge und soziale Mechanismen der Schließung und Ausschließung, der Monopolisierung von Gütern und Lebenschancen. Die soziale Produktion und Reproduktion von Hierarchien und Ungleichheiten nimmt in einem Falle die Form einer
Herrschaftsbeziehung zwischen unterschiedlichen Gesellschaften an – das Stichwort lautet hier Kolonialismus. Im anderen Fall gestaltet sie sich binnengesellschaftlich durch die Herausbildung und Behauptung von ungleichen Zugangschancen zu gesellschaftlichen Positionen und Ressourcen. Die dabei negativ Privilegierten bzw. die strukturellen Opfer einer solchen Gesellschaftsdynamik scheinen eine Grunderfahrung zu teilen: Zu ihren mehr oder minder ausgeprägten materiellen Nöten und Sorgen, der Prekarität und Verwundbarkeit ihrer sozialen und beruflichen Existenz gesellen sich Formen symbolischer und moralischer Degradierung, die sich darin äußern, dass die Verfügungsgewalt über das eigene Leben schrumpft.
Im Unterschied zu vielen anderen Intellektuellen und Zeitdiagnostikern kleidete Pierre Bourdieu diese gesellschaftliche Frage nicht in ein existentialistisches Gewand. Vielmehr schärften gerade seine Jahre in Algerien, die eigene Anschauung des antikolonialistischen Krieges, seinen Blick auf die gesellschaftliche Welt. In Algerien erlebte Bourdieu geradezu eine biografische und intellektuelle Konversion, in dieser Zeit vervollständigte er seinen methodischen Handwerkskasten. Im Zentrum seines ethnografischen und soziologischen Interesses stand die Frage nach den Ursachen und Konsequenzen gesellschaftlicher Herrschaftsformen – mit Blick auf die Welt der Arbeit, der Familie, der Wohnformen oder der politischen Organisation. Dieses Interesse verfolgte er hartnäckig weiter, bis hin zu seiner monumentalen Studie „Das Elend der Welt“.
Die Tagung bietet Gelegenheit, Bourdieus wissenschaftliche Arbeit theoretisch und empirisch zu begleiten: von den algerischen „Regruppierungszentren“ bis in die heutigen Banlieues, von den Transformationen einer bäuerlichen Ökonomie bis zu den neuen Prekaritäten des heutigen Arbeitslebens.
Programm
11.00 – 11.15 Robert Fleck (Deichtorhallen), Franz Schultheis
(Universität Genf, Fondation Bourdieu)
Begrüßung und Einführung
11.15 – 13.00 Panel I: Prekarität als Schlüsselbegriff der
Gesellschaftsdiagnose
Franz Schultheis (Universität Genf, Fondation Bourdieu)
Von Algerien in die Banlieue: Bourdieus Fragestellung
Berthold Vogel (Hamburger Institut für Sozialforschung)
Prekarität und Zeitstrukturen
Ulf Wuggenig (Universität Lüneburg)
Die Tradition der Sozialfotografie und die Darstellung der Ökonomie des Elends bei Bourdieu
14.00 – 15.30 Panel II : Empirische Zugänge einer Soziologie der
Prekarität I
Carsten Keller (Centre Marc Bloch, Berlin)
Prekarität der Vorstädte
Alessandro Pelizzari (Universität Fribourg)
Prekarität der Niedriglöhner
Markus Rieger-Ladich (Universität Bonn)
Prekäre Bildungswege
15.45 – 17.15 Panel III: Empirische Zugänge einer Soziologie der
Prekarität II
Fabrice Plomb (Université de Fribourg)
Wandel der Arbeitswelt und Strukturen des Denkens : die
Generationenfrage
Stefan Herold (Université de Geneve)
Prekarität in den neuen Bundesländern
Pascal Jurt (Universität Bern)
Die Ausgegrenzten der Banlieues im Brennpunkt der Analysen von Pierre
Bourdieu und seiner Schule sowie mit Gabi Reich/SWR Baden Baden und Erwin Single / Berlin.
Zu der Veranstaltungsreihe
Die spät entdeckten fotografischen Arbeiten Pierre Bourdieus eröffnen
dem Betrachter, aber auch dem mit seiner Soziologie und Ethnologie
vertrauten Leser unterschiedliche Zugangsweisen. Sie lassen sich als
Forschungsinstrument im Dienste der Feldforschung verstehen, als
wissenschaftliche Spurensicherungen einer vom Kolonialismus zum
Verschwinden gebrachten Welt oder als politische Zeugnisse der Gewalt
der kolonialen Durchdringung und der dadurch entwurzelten Menschen.
Zugleich bietet sich aber auch ein reflexiver Rückgriff auf Pierre
Bourdieus Studien der gesellschaftlichen Gebrauchsweisen der Fotografie selbst an. Angesichts seiner Visualisierungen der gesellschaftlichen Welt erscheint es möglich, vielfältige theoretische und methodologische Aspekte seiner Forschungen neu aufzuwerfen und zu diskutieren.
Thematische Workshops rund um die Ausstellung der bourdieuschen
Fotografien in Hamburg bieten Gelegenheit dazu. Das Rahmenprogramm wird durch eine Reihe zum algerischen Film im Metropolis Kino abgerundet.
Eintritt zu Sonderveranstaltungen: 5,- €, ermäßigt 3,- €
Eintritt zu Sonderveranstaltungen und Ausstellung am gleichen Tag:
10,- €, ermäßigt 7,- €
Anmeldung nicht erforderlich.
Das Rahmenprogramm wird gefördert von dem EU-Forschungsnetzwerk ESSE,
der Fondation Bourdieu, dem Institut français de Hambourg, dem SIREN
(Europäisches Forschungsnetzwerk TSER), dem Evangelischen
Entwicklungsdienst (EED) und der Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V.
Weitere Veranstaltungen in diesem Rahmen:
Filmprogramm im Kino Metropolis
Fr 25.8. 19.00 Uhr / So 27.8. 19.00 Uhr
L´esquive OmU, Frankreich 2003, Abdel Kechiche 117 min.
Do 7. 9. 19.00 Uhr
Wesh Wesh – Was geht denn hier ab? (Wesh wesh, qu’est-ce qui se passe?)
OmU, Frankreich 2001, Rabah Ameur-Zaïmeche 83 min.
Zu Gast: Rabah Ameur-Zaïmeche / In Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Projekt „umdenken“.
e-Mail:: leu-barthel@deichtorhallen.de
Homepage:: http://www.deichtorhallen.de/
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