Von Paraden und Parties
Hugo X , 04.05.2006 21:40
Kommentar über die neue linke Spaßgeneration. (Tut mir Leid, ich meine es nicht böse).
Es ist der erste Frühlingstag. Die grauen Wolken haben sich verzogen, die eisbespickten Winde aus Skandinavien wichen der warmen mediterranen Luft. Der Himmel: Blau mit Wattewolken. Die Erde: Grün und bunt. Gleich am Hafen, auf der Wiese vor dem Michel, haben sich zur Mittagsstunde hunderte von Menschen gesammelt. Zwischen selbstbemalten Lautsprecherwagen und Ständen, wo der Kaffee aus “fairem Handel” stammt, stehen sie, scherzen, erzählen vom letzten Urlaub oder lotsen Freunde per Handy durch den frisch erwachten Großstadtdschungel. Musik tönt von den Lautsprechern her, einige Grüppchen liegen etwas abseits im warmen Rasen, trinken Bier und rauchen rote Gauloises. Dort drüben im Getümmel spielen Kinder fangen. Dem Touristen, der zur Turmbesteigung aus dem gelben Tourbus ausgestiegen ist, mag die Szenerie einem gewöhnlichen Straßenfest oder Festival gleichen. Doch etwas stimmt nicht. Zwischen Milchcafé und Mate-Tee verteilen langhaarige (Männer) Flugblätter; die karibische Musik wird durch die übersteuerte Stimme, die von Ungerechtigkeit und Schikane des deutschen Sozialstaats predigt, zerschnitten; auf Bettlaken gepinselte Sprüche (“Nieder mit dem Kapitalismus”) verunsichern; und dann wäre da noch die Polizei mit ihren Mannschaftswagen, Gummiknüppeln und Digicams. Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas zerstört den idyllischen Montag.
Es ist der erste Mai, der Kampftag der internationalen Arbeiterbewegung. Doch auch diese Erklärung befriedigt nicht. Irgendetwas stimmt nicht. "Wo sind die Arbeiter?" frage ich verblüfft. "Die haben schon demonstriert. Heute Morgen" gähnt mir ein verschlafener Teenager entgegen. Nein. Ich habe nichts gegen Straßenfeste. Ich habe auch nichts gegen politische Straßenfeste. Und nein. Ich bin auch kein Rechter, der die linke Bewegung (sofern es denn so etwas noch gibt) lächerlich machen will. Aber ich habe etwas gegen jene Erscheinung, die ich Eventgeilheit nennen möchte. Und Euromayday ist ein Event. Das Poster, das zur europaweiten Mobilisierung aufgerufen hatte, ähnelt einem Plakat für die Loveparade. Zwei tanzende Silhouetten, die in ihrer Pose vor dem bunten Hintergrund an einen James Bond-Film erinnern. Auf der Euromayday.org Seite heißt es: 1742 – 2172 Erwachsene und Jugendliche mit mindestens 144 – 164 Kindern feierten am 1. Mai 2006 den zweiten Hamburger Euromayday. Weiter schreibt der Koordinierungskreis Euromayday Hamburg: In etwa 20 europäischen Städten wurden Paraden veranstaltet, um Aspekte der Prekarisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse in die Öffentlichkeit zu bringen. Wie bitte? Seit wann feiert man eine politische Demonstration? Seit wann veranstaltet man am 1. Mai Paraden? Und was für ein Geheimnis verbirgt sich hinter einer Substantivierung von "prekär"?
Wie schwammig ein prekäres Lebensverhältnis zu definieren ist, so schwammig und unklar ist auch die Demonstration – oder lieber Parade – an sich. Demonstrieren, das ist für die junge Generation ein Event und kaum noch von den Cyclassics oder dem jährlichen Marathon zu unterscheiden. Schließlich ist das "Linkssein" heutzutage ziemlich in. Und außerdem: Wer kann schon nach einem Nachmittag voller Entertainment mit ruhigem Gewissen in die bürgerliche Enge mit dem Gefühl zurückkehren, etwas Gutes für die Gesellschaft (Oder eigentlich gegen. Oder was auch immer) getan zu haben? Die neue Generation der jungen Linken hört Manu Chao, Ska-P (ohne dabei viel Spanisch zu verstehen) und wohnt in Eppendorf – alternativ dazu in den Reihenhäusern von Alsterdorf. Demonstrieren muss Spaß machen – wie ein Rockkonzert. Wirklich politisiert und informiert ist die Generation nicht. Aber das ist auch nicht ganz wichtig: Man könnte fast von einer Fehlinterpretation der Camus'schen Revolte ausgehen. Ich empöre mich, also sind wir. Wogegen man ist, ist nicht so wichtig (Was kann man schon falsch machen, wenn man dagegen ist?), wichtig dabei ist das solidarische Ich, das Wir. Wir sind, existieren in der Gegenwart, ohne realistische Gedanken an die Welt von Morgen zu verschwenden, versuchen uns vergeblich an die Gegenwart (die niemals ist) zu krallen, fliehen in Gedankenwelten von schwarz und weiß, Gut und Böse, Kommunisten und Kapitalisten. Politik ist nicht nur Parole, Trommeln und Mitlaufen. (Linke) Politik muss nicht nur aus Soliparties bestehen. Es muss auch nicht zwingend Spaß machen, denn darum geht es nicht.
Der Demonstrationszug hat in Altona ihr Ende erreicht. Zwischendurch gab es ein paar Kundgebungen und Redebeiträge. Gegen Prekarisierung, gegen dies und das, gegen so und so. Ich kenn das. Alle kennen das. Man muss also nicht zuhören. Schon bald dreht ein anderer Lautsprecherwagen voll auf und übertönt die heisere Stimme eines idealistischen Menschen. Noch hält er sein Mikro und fährt unbeirrt fort, aber schon vibriert der Asphalt vom Bass eines Technostückes. Er steht verunsichert da, blickt zum DJ und zuckt mit den Schultern. Was solls.
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Ergaenzungen
Von Demos und Ghettos
06.05.2006 - 11:10
Wie dieser Artikel zeigt, befinden wir uns auf unserer Suche nach neuen Formen des Protests und der Vermittlung von Inhalten noch am Anfang. Ausgangspunkt des Euromayday war u.a. die Analyse, dass sich die Linke mit verbal-radikalen und pseudo-wütenden Traditionsdemos im polizeilichen Wanderkessel nur selbst marginalisiert und ghettoisiert. Wie ein Zoo einiger fast ausgestorbener Arten, aus einer anderen Zeit, der von Hundertschaften der Polizei zum allgemeinen Begucken und Kopfschütteln durch die Straßen geführt wird. Eine selbstverschuldete, selbst-gesuchte Situation der Ohnmacht. Euromayday will dagegen selbst wieder das Heft in die Hand nehmen, dahin gehen wohin wir wollen, irritieren, faszinieren, Anknüpfungspunkte bieten, gerade auch für jene, die die Formen linker Traditionsdemos nicht ansprechen.
Der Vorwurf, Euromayday sei ein inhaltsleeres Event, hält sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit, verliert dadurch aber kaum seine Absurdität. Die Parade am 1. Mai ist in mehr inhaltliche Veranstaltungen und Diskussionen eingebettet als so ziemlich jede Demo. Im vorigen Jahr gab es in Vorbereitung auf den 1. Mai einen Monat lang fast jeden Tag öffentliche Veranstaltungen rund um den Themenbereich Prekarisierung, in diesem Jahr fand noch dazu eine ganze Konferenz statt - "die kosten rebellieren II". Mit dem Maydaymobil fuhren Leute in unterschiedliche (und v.a. 'nicht-aktivistische') Stadtviertel und diskutierten dort mit Menschen in Fußgängerzonen über deren Alltagsprobleme und die Notwendigkeit politischer Veränderung. All dies (und noch viel mehr) rahmte die Mayday Parade ein.
Wenn diese Parade nun als "Event" bezeichnet wird -- sagt das dann vielleicht weniger über den Mayday aus, als über jene (wie z.B. anscheinend den Autoren / die Autorin des obigen Artikels), die als 'Event-Touristen' einfach mal für nen Nachmittag zur Parade (und dann wieder nach Hause) gehen, aber sich an der politschen Arbeit und den inhaltlichen Diskussionen drumrum nicht beteiligen bzw. sie ignorieren? Ist "Eventgeilheit" vielleicht viel eher im konsumorientierten und reduzierten Blick auf 'eine Demo/Parade' zu suchen, als in der Vielfalt des Euromayday?
Partylinker>
Das Leben darf Spass machen
28.06.2006 - 14:02
Also sollte auch Politik Spass machen. Der Vorwurf, Politik nur als Event stattfinden zu lassen, wurde auch schon der autonomen Bewegung gemacht. Zumeist von Leuten, die tatsächlich nach Hause gehen, in "ihre bürgerliche Enge".
Zuhause wartet aber die Herausforderung: Der Umgang mit den prekären Verhältnissen ist tatsächlich nicht immer spassig. Wir experimentieren mit Formen der Selbstversorgung, Guerilla Gardening, temporärer Aneignung von Boden und, so benötigt, auch anderen Gütern.
Euromayday dient der Vernetzung, regt neue Ideen für die eigene Praxis an und schenkt Kraft, den Alltag kreativ und widerständig zu bewältigen.
Es ist alles erst der Anfang. Weltweit.
Oder wie jemand von Movimento dos Trabalhadores sem terra zu uns sagte:
"Europa? Wer oder was ist Europa?"
Dealy Lama>
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